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Anpassung und Vielfalt

Es gab in den letzten Jahrhunderten viele Wege, die Kirchenmauern zu verlassen. Menschen des Glaubens spürten, dass Kirche sich nicht in ihren Gebäuden verstecken darf, sondern in die „Welt“ hinaus muss. Schon im 18. Jahrhundert entdeckte es Zinzendorf, er durchbrach die Standes- und Konfessionsgrenzen, er ließ die Grenzen von Ländern und Erdteilen hinter sich, er führte Gespräche mit Katholiken, Anglikanern, sogenannten Schwärmern und auch mit Atheisten. Er wollte dem Evangelium eine Bahn brechen durch alle sozialen Schranken hindurch. Er wagte Neues und begriff, dass der Missionsauftrag Jesu noch nicht an seinem Ende war. Nach seiner Vertreibung aus Sachsen bot ihm der Büdinger Fürst Unterschlupf und es wuchs an der Hohen Straße, einem alten Reise- und Handelsweg, der „Herrnhaag“, eine christliche Siedlung der Brüdergemeine. Menschen aus ganz Europa kamen hierher, sie wollten Teil dieses Neuaufbruchs sein.

Jeden Morgen sehe ich vom Frühstückstisch die letzten Reste dieser Siedlung mit dem Haupthaus, das den Gottesdienstsaal der Brüdergemeine enthält, die „Lichtenburg“. Ein heller, sonnendurchfluteter Raum, hier gab es keine sozialen Unterschiede in der gemeinsamen Feier, welch revolutionäres Konzept. Es stand ganz im Gegensatz zu den Kirchen seiner Zeit, wo jeder Besitzende noch durch ein Schild in der Kirchenbank seinen Platz markierte!

Die Menschen dieser Siedlung kamen aus ganz unterschiedlichen Milieus, sie sprachen andere Sprachen, hatten andere Sitten, aber sie fanden sich hier zu einem neuen Weg zusammen, der viele rund um den Globus führte. Zinzendorf schickte in der Regel seine Missionare unverheiratet nach Westindien und Nordamerika, sie sollten eine Frau vor Ort finden und damit „einheimisch“ werden. Sie sollten dort Wurzeln bilden, wo sie im Auftrag ihres Herrn hingesandt worden waren. Hier steckt etwas von dem drin, was wir heute brauchen, Grenzüberschreitung und eine neue Heimat finden. Die Vielfalt zusammenführen und sie für den Gemeindeaufbau nutzen.
Wie kann das heute aussehen, wenn die Kirche in die „Welt“ geht? Dieser Begriff ist ja theologisch sehr ambivalent, weil er im Deutschen einerseits den Bereich einer Gottferne und andererseits den Lebensraum von uns Menschen bezeichnen kann.
Verweltlichen, also säkularisieren von kirchlichem Besitz war das Trauma der Kirchen in der Folgezeit Napoleons. Wie alle brutalen Herrschertypen verschenkte er Dinge, die ihm gar nicht gehörten, Klöster und Kirchen und vor allem Landbesitz. Deshalb ist dieser Begriff für uns Theologen sehr negativ besetzt. Er tauchte in der Kirchengeschichte auch immer dann auf, wenn Geistliche, insbesondere Päpste, Kardinäle und Bischöfe sich allzusehr in die Machtspiele ihrer Zeit einmischten und den Auftrag der Verkündigung, der Seelsorge und Diakonie vergaßen. Der Pakt mit den Mächtigen führt immer zu einer Traumatisierung des Kirchenvolkes, denn Jesus ist der Hirte der Ohnmächtigen. Das dürfen wir bei allen Kooperationen mit dem Staat nie vergessen. Auch in der demokratischen Politik geht es immer um Machtkämpfe, das ist aber nicht der Weg der Christen. Auch im politischen Diskurs dürfen wir nie vergessen, wer wir sind und wer unser Handeln bestimmt.

Von Jesus haben wir gelernt, dass es ein „In-der-Welt-sein“ gibt, das bedeutet, nicht von dieser Welt, der Welt des Bösen, der Machtspiele und der Vernichtung von Menschen zu sein. In dieser Welt als Schöpfung Gottes zu Hause zu sein, sie zu bebauen und zu bewahren, das ist ein positiver Ansatz von weltlichem Denken. Denn Gott liebt ja diese Welt, es ist seine Welt, eine Welt die er geschaffen hat und in der wir leben dürfen. Wenn wir also die Kirchenmauern verlassen, dann gehen wir an einen Ort, wo Gott schon längst zu Hause ist!

Die „Verweltlichung“ des Evangeliums kann nur heißen, es in die Sprachen dieser Welt zu übersetzen, es kann nicht bedeuten, seine Kraft zu schwächen, indem man es auf eine ethische Handlungsmaxime reduziert. Wir können es nicht zu einer praktischen Ware machen, die uns am Ende jeder für ein paar Cents abkauft, weil sie so schön unverbindlich ist. Das gerade nicht! Das haben wir alles schon hinter uns! Den Versuch, Menschen darüber aufzuklären, was in einer Welt ohne Gott für ihn noch bleibt. Diese Säkularisierung oder Verweltlichung der Theologie hat die Kirche an den Abgrund geführt. Keinen Schritt weiter in diese Richtung, dann ist es um dich geschehen, liebe Kirche!

Es geht also für die Kirche nicht um eine Verweltlichung des Evangeliums in gut verdauliche Portionen einer modernen Beliebigkeit, auch wenn diese Donuts noch so süß schmecken. Es ist Fastfood und führt zu einem ethisch-moralischen Übergewicht. Es führt in eine linke oder rechte politische Theologie und auf jeden Fall ganz weit weg vom Anliegen des Evangeliums. Es geht vielmehr darum, das Evangelium wieder in der Welt zur Sprache zu bringen. Und zwar überall in Politik und Gesellschaft, als befreiende und verändernde Nachricht angesichts festgefahrener Strukturen, als Heimat für unbehauste und perspektivlose Menschen. Es ist falsch, die Arbeitslosen mit Almosen ruhig zu stellen. Wir begreifen nun, was eine Nothilfe war, wird bei vielen Ausgegrenzten zur Lebenseinstellung in der zweiten und dritten Generation. Das verletzt die Würde des Menschen, selbst wenn dieser Mensch es gar nicht begreift und sich in diesem Klima des „Der-Staat-soll-mich-versorgen“ anpasst. Es gibt so viel wichtige Sozialarbeit in unserem Land, die Betroffene nicht mehr bezahlen können, wir müssen nur kreativ erkennen, wie sie von am Rande der Gesellschaft Lebenden getan werden kann. Schon die lokale Organisation dieses Arbeitsmarktes würde viele Stellen schaffen. Das könnte Menschen eine Aufgabe mitten in der Gesellschaft geben. Wenn ich also davon spreche, dass das Evangelium wieder in die Welt kommen muss, dann meine ich auch, dass die Themen dieser Welt in unseren Gottesdienst kommen müssen. Dass die Fragen unserer Zeit nicht in der Predigt rhetorisch gestellt werden, sondern, dass wir Menschen in unsere Gottesdienste hineinziehen, die selbst ihre Fragen stellen können. Indem wir uns nicht nur mit diesen Fragen auf einer akademischen Ebene theoretisch beschäftigen, vielleicht noch dazu ein Gebet sprechen, sondern mit den Menschen! Wenn es gelingt, Menschen aus diesem „Milieu“ angstfrei in unsere Gottesdienst-Gruppe zu integrieren, werden wir beginnen, ihre Nöte von innen zu sehen. Wir werden gemeinsam nach Lösungen suchen, die den Gottes-Dienst (nach Römer 12,1f) in die Welt führen. Wir werden Mut zu neuen Lösungen haben und die Betroffenen als Subjekte wahrnehmen. Wie wäre es, wenn eine Tafelarbeit nicht nur als isolierte diakonische Aktion verstanden würde, sondern in unsere Gottesdienstarbeit integriert wäre? Die Vernetzung von Diakonie und Verkündigung ist ein entscheidender Punkt in meinem Gottesdienstkonzept. Worte und Zeichen waren im Leben Jesu immer aufeinander bezogen, Glaube und Liebe gehen ein tiefes Bündnis ein. Das muss in unseren gemeindlichen Struktur fassbar werden.

So verlassen wir aktiv unsere Kirchenmauern, nicht um uns dieser Welt mit ihrer Lieblosigkeit, ihrem Machtstreben und ihrem Profitkapitalismus anzupassen, sondern um den Menschen das Evangelium zu vermitteln, die unter diesen Bedingungen leben und leiden. Diese Form der Kommunikation des Evangeliums ist der entscheidende Weg für eine zukunftsfähige Kirche. Mission ist Grenzüberschreitung, ist Abschied von einer zufälligen kirchlichen Binnenstruktur, wie sie sich in den letzten hundertfünfzig Jahren verfestigt hat. Mission ist nötig, um des Evangeliums willen.
Sie müssen auch kein schlechtes Gewissen haben, wenn sie „Missionar“ sind. Denn Sie missionieren nicht für Ihre Gruppe, Ihre Kirche oder eine Spendenorganisation, sie missionieren für den Herrn der Welt, den Sohn Gottes, der sich in Liebe den Menschen zuwendet. Jesus will sie nicht unter ein neues Joch ziehen, er will Sie nicht bevormunden, sondern in die Freiheit der Kinder Gottes entlassen. Und das will er auch für jeden tun, der Ihnen nahe steht. Mission ist nicht zwanghaft, sondern sie spielt das Signal der Freiheit. Wer aus schlimmen Verhältnissen befreit wurde, sei es körperlich oder seelisch, der erzählt davon. Der spricht über den, der den Menschen das geben will, was sie wirklich brauchen, Freiheit vom Zwang religiöser Rituale und von dem Wahnsinn eines weltlichen Treibens, das in jeder Form über Leichen geht. Auch in den Menschen unserer Zeit lebt die Sehnsucht nach Heilung und gelingenden Beziehungen. Warum sollten wir ihnen verschweigen, wo die Quelle frischen Wassers ist, wenn sie am Verdursten sind? Es geht dabei auch nicht darum, dass Sie verpflichtet sind, aus Dankbarkeit von Jesus zu reden. Dann lassen Sie es lieber bleiben! Ihr Glück im Glauben kann so groß sein, dass es mit Herz und Hand zum Tragen kommt. Wie Sie das in der Praxis gestalten, müssen Sie selbst lernen. Es bedeutet auf jeden Fall nicht, andere mit dem Evangelium zuzutexten. Reden Sie nicht so viel von Ihren eigenen guten Erfahrungen, sondern hören Sie erst einmal auf die Fragen Ihres Gegenübers. Das ist zwar ein alter missionarischer Grundsatz, aber er wird immer wieder vergessen.

Von sogenannten „modernen“ Christen höre ich öfter den Satz: „Wir wollen Sie ja nicht bekehren!“ - Welch ein Unsinn, das Evangelium gibt es nicht ohne die Veränderungskraft des Heiligen Geistes. Wir können ohnehin niemanden zum Glauben an Jesus Christus „überreden“ oder „bekehren“. Hinter dem Argument steht aber ein ganz anderes Denken: Jeder soll bleiben, was er ist, ich mische mich nicht in sein Leben ein. Jeder hat seine Religion, die soll er behalten. Mit diesem zutiefst unchristlichen Standpunkt hätte Paulus aber nicht sein Leben für Jesus riskiert und wir hingen wahrscheinlich noch germanischen Götzen an.

Die Veränderung zum Glauben an Jesus Christus ist aber gefährliche Krankheit, sondern führt zu einer ansteckenden Gesundheit. Sie erneuert nämlich Menschen in ihren Beziehungen, Sehnsüchten und Träumen, sie bringt den Menschen wieder zurück zu seiner göttlichen Würde, zur Freude und zur Dankbarkeit. Und bekehren kann eh nur einer, nämlich der Heilige Geist. Der benutzt keine Zwangsinstrumente, sondern verleiht göttliche Einsicht. Wo Menschen mit Druck und Drohungen das Evangelium zur Sprache bringen, werden sie sowieso scheitern. Denn das hat noch nie funktioniert, das entspricht auch nicht der Botschaft Jesu. So bleibt für mich dieser Satz nur ein offensichtlicher Abgrenzungsversuch gegen andere kirchliche Traditionen. Wir brauchen auch keine Negativfolien, um dem Evangelium heute eine Chance zu geben. Das Evangelium will jedoch unseren alten Adam liebevoll überwinden, ihn für die Beziehung zu Gott gewinnen. So hat Jesus gearbeitet, so tun wir es auch, wenn unser Herz für die Gute Nachricht brennt.

Zeitgemäße Verkündigung kann nicht bedeuten, dem Evangelium durch Interpretation die Wirkung zu nehmen, es abzuspecken bis zur Unkenntlichkeit, bis zu einem säkularen Einheitsbrei von allgemeiner Menschlichkeit, zu einer synkretistischen Welteinheitsreligion, wie es die Hippies taten und die heutigen Esoteriker pflegen. Auf diesem Pfad hat die Kirche nichts verloren. Schlimm ist dann noch, wenn dieser theologische Verzicht auf „Bekehrung“ mit dem Toleranzthema vermischt wird. Toleranz kann doch nicht bedeuten, dass ich darauf verzichte, andere Menschen von einem besseren Weg zu überzeugen! Aber diese Veränderung geschieht in Liebe und Freiheit, im offenen Werben Gottes um unsere Existenz. Das Alte Testament spricht immer wieder in wunderschönen Bildern von dieser werbenden Liebe Gottes um die Menschen des Volkes Israel. Gott kümmert sich um uns, das drückt sich in einer missionarischen Kirche aus. Wir werben nicht um neue Mitglieder, weil uns die Kirchensteuereinnahmen ausgehen. Ein völlig falsches Denken, es kommt aus der Angst! Wir lassen Gott selbst durch das Evangelium werben, um Menschen Liebe und Hoffnung zu geben. In welcher Kirche sie ein Zuhause finden ist Gott völlig egal. Das Evangelium gilt allen, aber unsere Ortsgemeinde kann doch kein Zuhause für alle sein, die hier leben. Schon dieses parochiale Gebietsdenken aus dem Mittelalter ist Gott völlig fremd! Auch das ist zu bedenken, wenn wir „neue“ Gottesdienste planen. Wir müssen den Menschen, die uns begegnen die Freiheit geben, auch in anderen Gemeinden eine Heimat zu finden. Im Gegenteil, wir sollten, wie es die jungen Kirchen in Asien und Afrika schon vor einem Jahrhundert entdeckt haben, mit den anderen Gemeinden vor Ort intensiv zusammen arbeiten.

Die Veränderung der Menschen durch das Evangelium geht nicht ohne „Umkehr“ zum Leben in der „Gerechtigkeit Gottes“, wie sie Jesus gepredigt und gelebt hat.
Die Umkehr der Kirche in die Kultur der Zeit ist andererseits die notwendige missionarische Bewegung, ein Weg, der immer wieder neu gegangen werden muss. So wie die Übersetzung der Bibel weltweit in die jeweils andere Sprache und Kultur geleistet werden muss, müssen wir auch als Bodenpersonal Gottes das Evangelium immer wieder neu in die Kultur der Lebenswelten unseres deutschen Mikrokosmos vornehmen. Dieser Vermittlungsprozess ist die entscheidende Arbeit jeder neuen Generation. Nicht die Klage über die Verweltlichung und Interesselosigkeit des „modernen“ Menschen (wie lange ist der eigentlich schon „modern“?) ist unsere Lebensaufgabe, sondern das Lob Gottes in neuen Formen: Singt dem Herrn ein neues Lied, jubelt der Psalmist schon vor 2500 Jahren und Paulus nennt uns Christen eine „neue Schöpfung“. Lasst uns aufbrechen zur Erneuerung unserer Gemeinden. Finden Sie zehn, zwanzig Leute vor Ort, die sich vom Evangelium begeistern lassen, dann wird sich auch bei Ihnen viel ändern. Dazu möchte ich Sie ermutigen.

Meine Erfahrung ist, dass nur eine stabile Gottesdienstgruppe, die sich bei größeren Gemeinden in weitere Untergruppen für die verschiedenen Dienste gliedern kann, die Kraft für eine kontinuierliche Arbeit hat. So können Sie in Ihrer Gemeinde erreichen, dass aus einem „Solokonzert“ ein „Chorkonzert“ wird und sich damit das Priestertum aller Gläubigen wenigstens ansatzweise verwirklicht. Gute Erfahrungen haben Gemeinden auch damit gemacht, dass im Gottesdienst-Team alle wichtigen Positionen doppelt besetzt sind.


copyright Christian Trebing

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