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Bevor wir mit dem Lernen beginnen

Nehmen wir einmal an, Sie haben es geschafft, 10-20 Leute Ihrer Gemeinde zu motivieren, eine Gottesdienst-Vorbereitungsgruppe, wir nennen es hier „Gottesdienst-Team“, zu gründen. Dieses Team sollte sich wöchentlich (wenn Sie auf meinen Vorschlag eingehen, jeden Sonntag Gottesdienst nach einem neuen Konzept zu gestalten, sonst eben im angestreben Rhythmus) treffen, um den Gottesdienst des nächsten Sonntags gemeinsam vorzubereiten. Es sollte ein Team sein, dass vom Kirchenvorstand oder Pfarrgemeinderat ausreichend legitimert ist und in der auch ein/eine Pfarrer/Pfarrerin Ihres Ortes mitarbeitet.
Vielleicht sind Sie selbst in der Position des verantwortlichen Pastors oder Vorsitzende des Kirchenvorstandes. Dann werden sich schnell eingestehen müssen, an der Uni wurde ich nicht zum Moderieren ausgebildet. Ich habe gelernt, die Bibel nach allen Regeln der Kunst auseinander zu nehmen und mich von anderen Theologen und anderen Konfessionen abzugrenzen. Aber wie man Menschen mit verschiedenen Talenten zu einer Einheit verschmilzt, um mit ihnen einen ansprechenden Gottesdienst zu gestalten, kam im Lehrplan nicht vor. Vielleicht haben Sie sich im Verlaufe Ihres Dienstes einiges selbst beigebracht, von anderen abgeguckt oder auf Fortbildungen gelernt. Aber es geht hier um etwas mehr. Es geht mir darum, wesentliche Einsichten der Kommunikationsforschung auf die kirchliche Praxis anzuwenden. Diese Erkenntnisse sind zu wertvoll, als dass man sie außer acht lassen sollte. Sie werden später merken, manches davon mache ich mit meinem Team schon unbewusst richtig. Über anderes haben Sie schon nachgedacht. Wenn Ihre Gemeinde bereits jetzt schon alternative Gottesdienste macht, sind Sie im Vorteil. Aber ich gehe hier eben einen Schritt weiter, jeder Gottesdienst soll anders werden!

Diese Erneuerung von Gottesdienst und Gemeindeleben geht nur im Team und nur, wenn die Hauptamtlichen (evtl. Sie) auch bereit sind los zu lassen. Dieser Schritt, einem Team wirkliche Verantwortung über das Herz der Gemeindearbeit, den Gottesdienst zu geben, ist schon der Beginn einer Reise zur Gemeindeerneuerung. Hier geht es nicht um Gruppen wie den Kirchenvorstand oder Pfarrgemeinderäte, die sich mit Finanzen und Formalien der Gemeindeverwaltung befassen, sondern um ein Team, das zusammen arbeitet und auch ein bisschen zusammen lebt: Glauben Sie mir, das aktive Tragen einer gemeinsamen Verantwortung bis in die öffentliche Gestaltung hinein, eben die direkte Beteiligung nicht nur durch Beschlüsse, sondern an der Verwirklichung konkreter Ziele, werden in Ihrer Gemeinde alles verändern. Ob Sie nun in einer kleinen Dorfgemeinde oder in der Großstadt neu anfangen, den Gottesdienst auf die von mir beschriebene Weise umzugestalten, Sie werden sich wundern, was passiert. Die Dynamik des Evangeliums wird sich entfalten, wenn Sie dem Heiligen Geist Platz machen und ihn nicht nur liturgisch anrufen.
Es werden Dinge geschehen, von denen Sie früher nur geträumt haben. Aber ein bisschen Geduld werden Sie brauchen und manchmal auch einen langen Atem. Ich sage auch nicht, dass es leicht ist, aber es wird Ihnen, wenn Sie das Team gebildet haben, leicht von der Hand gehen.

Ihr Gottesidenst-Team mit Musikern, Leuten, die Spielen und Erzählen können etc., wird dem Gottesdienst und dann der ganzen Gemeinde ein freundliches Antlitz geben. Es werden sich Menschen kennenlernen, die sich nicht kannten, es werden Jugendliche mit Alten reden und Pläne schmieden. Es werden Menschen dazu kommen, die mit Kirche gar nichts mehr am Hut hatten. Ich würde dies nicht schreiben, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte.
Aber Sie müssen dieses Team bilden, das zusammen gestaltet, lernt und auch zusammen kocht und sich gegenseitig besucht. Sie müssen nicht nur durch gemeinsames Beten und Singen, sondern auch durch eine offene Freundschaft miteinander verbunden sein. Ohne dieses Team geht es nicht. Damit lösen Sie aber auch das Priestertum aller Gläubigen auf eine symbolische Art und Weise ein. Dieses Team sollten Sie mit den Techniken des „Kreativen Konzepts“ schulen, die ich in den nächsten Kapitel vorstelle. Vieles davon lernt man nur durch „Learning-by-doing“. Das ist wie bei den alten Baumeistern von Kathedralen, Handwerk kann in erster Linie handwerklich vermittelt werden. Praxis lernt man am besten durch Praxis. Ich würde Ihnen also lieber selbst zeigen, wie es geht. Der Weg über das Buch ist etwas beschwerlicher, aber wenn Sie ihn verstehen und „praktikabel“ finden, können Sie selbst „face-to-face“ den Weg mit Ihrem Team beschreiten. Nehmen Sie sich jede Woche eine bis zwei Stunden für die Arbeit mit dem Gottesdienst-Team. Lassen Sie lieber andere Dinge sausen. Überdenken Sie Ihre Ziele für die Gemeinde und setzen Sie notfalls neue Prioritäten. Überlegen Sie vor allem, welche Veranstaltungen nicht mehr von der Gemeinde angenommen werden, verzichten Sie darauf, sich auf diesen Gebieten weiter zu plagen. Es lohnt sich den neuen Weg zu gehen, weil es Ihre Kirchengemeinde Schritt für Schritt in die Zukunft führen wird. Sie werden Frust und Freude erleben, aber das Glück wird überwiegen. Es geht mir darum, Ihnen zu zeigen, dass die Kommunikation des Evangeliums in unserer Zeit eine große Chance hat. Denn es gibt ja nichts Schöneres für Menschen, als die „Freiheit eines Christenmenschen“ zu erleben und mit anderen diesen Geruch der Freiheit zu teilen. Es ist so wie im Frühling, wenn wir wieder die Blumen riechen können und den Gesang der Vögel hören. Es ist eine elementare Erfahrung die da auf Sie wartet.

Bevor wir ins Detail gehen, möchte ich noch auf diesen Punkt hinweisen. Das Bemühen, aus der Frustration über den „Agende-1-Gottesdienst“, etwas „ganz anderes“ zu machen, führt bei zahlreichen Projekten zu Fehlentwicklungen, die selten durchschaut werden. Zuviel englischsprachige Musik (außerhalb von reinen Jugendgottesdiensten) fördert eine neue Entfremdung. Die Emotion muss an die Muttersprache gebunden werden, die ich wirklich einwandfrei verstehen kann, sonst wird nur ein allgemeines religiöses Gefühl erzeugt. Das wäre schade. Auch Übersetzungen oder Einblendungen durch den Beamer helfen da nicht weiter. Die Muttersprache ist für die Evangeliumsverkündigung unerlässlich. Sonst haben weder die Kraft der Poesie noch der Heilige Geist eine Chance, etwas zu bewirken. Längere „Lobpreisblocks“ (nur Musik) und damit später im Gottesdienst langatmige Text- und Gebetsteile (nur Sprache) nehmen dem Gottesdienst einen guten „Rhythmus“. Dagegen setze ich in meinem Konzept auf viel gemeinsames Singen, einen permanenten Wechsel der Kreativformen, laute und ruhige Phasen, eben die bewährten lturgischen Formen in einem neuen musikalischen und sprachlichen Gewand. Dazu auch mehr Redundanz, d.h. liturgische Stücke werden über einen längeren Zeitraum „gepflegt“, weil sie echte „Hits“ sind. Das Konzept der wirklich erfolgreichen Musiksender heißt, jeder 2. Song im Programm muss ein Hit sein! Achten Sie einmal darauf beim Radiohören.
Der Mensch braucht in einem „Kreativen Gottesdienst“ Bekanntes, um sich gut aufgehoben zu fühlen. Durch Einüben vor oder während des Gottesdienstes mache ich aus „Neuem“ immer wieder „Bekanntes, Vertrautes“. Meine Erfahrung über Jahrzehnte ist, das gibt auch den älteren Menschen eine Chance sich in den neuen Gottesdienst zu integrieren. Bei meinen Gottesdiensten habe ich bemerkt, dass Ältere das „Schwere“ in der Melodie und das „Unverständliche“ der alten Texte schnell abgestreift haben. Es gibt so viele melodische Lieder, geben Sie dieser Generation der 70-80jährigen die Chance, an der Erneuerung mitzuwirken.

Wichtig ist, die neue Agende (Wir haben bei Wort im Bild ein preiswertes Agendenblatt für den Sonntagsgottesdienst im Angebot, das zumindest im evangelischen Bereich überall einsetzbar ist.) muss abwechslungsreich sein. Alle Beiträge im Gottesdienst haben „dienende“, keine „konzertante“ Funktion, auch nicht die Vortragsstücke von Solisten. Es geht zwar auch hier um eine respektvolle Anerkennung der Leistung (von Kindern bis zu Senioren), aber nicht um Bewunderung. Jeder geht wieder zurück in die Reihe, das gemeinsame Lob für den Herrn steht im Vordergrund. Ich halte nicht die Reduktion der liturgischen Formen (Gebete, Fürbitten, Vaterunser, Glaubensbekenntnis, Halleluja etc.) für notwendig, ihre kreative Ausgestaltung jedoch für qualitativ ausschlaggebend. Vielfältige musikalische Angebote (die von der Musikfarbe zueinander passen oder angepasst werden!), sind besser als ein neuer Einheitsbrei!

Wir wollen uns jetzt das Handwerkszeug anschauen mit dem wir den „Neubau“ beginnen...

 

copyright Christian Trebing

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