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Das Beste kommt noch und das Schönste ist die Praxis

Wenn wir von der Methodik der Teamarbeit in der Gottesdienstgruppe etwas, ich sage mit Absicht „etwas“ verstanden haben, beginnen wir mit der Praxis. Ich habe jugendlichen Mitarbeitern in Seminaren mit großem Erfolg immer „praktisch“ vermittelt, was sie selbst anwenden sollten. Wir machen das in unserem Gottesdienst-Team zunächst einmal selbst, was wir im Gottesdienst vorhaben. Zumindest so lange, bis wir die verschiedenen Visualisierungsformen gelernt haben. Wir malen biblische Geschichten miteinander, wir spielen Szenen miteinander und entwickeln sie dabei, wir tanzen sie vielleicht auch, wir schreiben Gebete und Moderationen, Anspiele und Sketche. Auch hier zeigt sich, dass Partizipation ein wesentliches Schlüsselwort für ein modernes Gottesdienstkonzept ist.

Machen Sie Schreibübungen für Gebete mit Zeitung und Internet, um in den Gottesdienst „hereinzuholen“, was Menschen täglich umtreibt.

Lernen Sie wieder das Erzählen, das ist doch die eigentliche Stärke der Jesusüberlieferung. Jesus erzählte Geschichten, er setzte seine Zuhörer und Zuhörerinnen ins Bild. Er tat es mit einer Vollmacht, die komplizierte Zusammenhänge einfach kommunizierbar machten. Mit bildhaften Geschichten (aber bitte pointiert und knapp erzählt) können Kinder und Erwachsene etwas anfangen.

Filmen Sie Videoclips mit schauspielerisch begabten Jugendlichen, machen Sie Interviews, Straßenbefragungen etc., wenn Sie einen Beamer einsetzen können.

Schreiben Sie auf Ihre säkularen Lieblingsmelodien neue Texte. Ich habe das mit Konfirmanden praktiziert - geht! In Ihrem Team wird es einen begnadeten Dichter geben oder eine Dichterin, sie werden so lange üben, bis sie es können.
Kirchenräume sind „Lichträume“ (wir erinnern uns, Zinzendorf nannte den Gottesdienstraum der Brüdergemeine „Lichtenburg“), sie brauchen auch durch Beleuchtung neue Akzente. Kerzen und Beleuchtung schaffen die Atmosphäre, die ein Gottesdienst braucht, um festlich zu sein.

Arbeiten Sie an der Begrüßung, finden Sie gute Moderationsformen für die Überleitung in die einzelnen Teile des Gottesdienstes, damit die Menschen Ihnen folgen können.

Holen Sie die Leute auch mal kreativ aus den Bänken, noch besser, feiern Sie in einem Gottesdienstraum, wo Sie selbst die Stuhlanordnung bestimmen können, es geht auch mal kreisrund!

Sie werden sich eins nach dem anderen vornehmen, denken Sie daran, Sie können sich steigern, es werden neue Menschen dazu kommen, die weitere Talente einbringen!

Als ich als Vikar meinem Pfarrmentor vorschlug, den nächsten Gottesdienst mit selbst gemalten Bildern zu gestalten, lachte er: „Das werden die nicht machen, Du bist hier auf dem Dorf!“

Sie haben „das“ gemacht, Menschen aller Altersgruppen waren zum „Malabend“ gekommen auf dem wir ein Gleichnis erarbeiteten. Sie standen dann am Sonntag vor dem Altar und erzählten, was sie zum behandelten Gleichnis versucht hatten darzustellen. Sie erzählten aber auch von ihrem Glauben und ihrem Leben mit einer Selbstverständlichkeit, die meinen Mentor überraschte. Für mich war das schon damals nichts Neues, ich hatte es jahrelang mit Jugendlichen auf Freizeiten und in Jugendgottesdiensten praktiziert. Über ihre gemalten Empfindungen und Einsichten können auch ältere Menschen frei sprechen, die sich das sonst nie in der Kirche getrauen würden. Es fällt ihnen leichter zu sprechen, wenn sie sich eine „visuelle Klarheit“ geschaffen haben.

In Jugendgottesdiensten haben wir oft eine Kleingruppen-Malphase während des Gottesdienstes eingelegt. Alles, was hilft, das statisch-formale in der Kirche aufzuheben und den Menschen selbst wieder in den Blick zu nehmen, hilft uns für den „Kreativen Gottesdienst“ weiter. Auf diese Weise reden sonst im Gottesdienst Sprach-lose über ihren Glauben, ihre Zweifel, ihre Hoffnungen und Wünsche an Gott. Geben wir unseren Gemeindegliedern einen Raum, einen Platz für ihre Stimme.

Auch solche Fensteröffnungen sind in einer zeitgemäßen Liturgie möglich. Ritualisierte Formen müssen einem lebendigen Gottesdienstvollzug weichen, dann werden Menschen durch das Evangelium berührt. Deshalb stimmt es mich zuversichtlich, dass die Zusammenfassung des Projektes der Hannoverschen Kirche „Brannte nicht unser Herz?“ untertitelt ist: Auf dem Weg zu lebendigen Gottesdiensten.

Wir möchten durch das Evangelium Menschen berühren, darauf kommt es doch vor allem an. Jesus hat die Menschen heilend und durch seine wunderschönen Gleichniserzählungen im doppelten Sinne „berührt“. Auch unsere Aufgabe ist, diese liebevolle Berührung, den Menschen unserer Zeit mit unseren Mitteln in einem positiven Sinne nahe zu sein. Sei es durch Lieder und Musik, das Gespräch nach dem Gottesdienst, die Begrüßung vorher etc. Es gibt viele Möglichkeiten, wie Ihr Team dem Gottesdienst ein „göttliches“ Antlitz geben kann. Wollen Sie das? Dann fangen Sie bald damit an, Mut und Zuversicht werden belohnt, das hat eine lange biblische Tradition!

Haben Sie keine Angst vor Emotionen, Sie sollen ja nicht „ausflippen“ und die Menschen verunsichern, aber unsere Gefühle sollten einfach nicht unterdrückt werden. Über Freude können Sie doch nicht im Gottesdienst referieren oder gehen Sie selbst zum Lachen in den Keller, um weiter als cooler Typ zu gelten? Freude will sich ereignen, zeigen, will anstecken.

Es wäre schade, wenn wir fröhlichen Menschen im Gottesdienst vermitteln würden: Jetzt beruhige Dich erst einmal, setz Dich leise in die Kirchenbank und verhalte Dich still. Nein, holt sie heraus aus der Kirchenbank und lasst sie mal laut im Chor mitsingen oder bei den Fürbitten ein Gebet sprechen oder aus ihrem Leben erzählen.
Ich habe sehr gute Erfahrungen mit Gesprächsgottesdiensten gemacht. Das geht sicher nicht überall, aber wenn 30-60 Leute zusammen sind, kann man das wagen. Die Beteiligung wird durch ausgegebene Bilder (Fotos etc) gesteuert. Dazu gibt es offene Fragen. Ich habe in einem Franz von Assisi-Gottesdienst so den Sonnengesang mit der Gemeinde besprochen. Es tauchten dabei unglaublich wertvolle Glaubens- und Lebenserfahrungen auf. Es wurde der aktuelle Bezug zum Klimawandel und der Bedrohung der Schöpfung aufgegriffen. Wenn ich nicht wegen eines zweiten Gottesdienstes hätte abbrechen müssen, wären wir noch lange beisammen geblieben! So muss es sein! Es ist so schön, dass keiner nach Hause gehen will. Nach dem Gottesdienst sprach mich eine ältere Frau an: Schade, dass Sie schon abgebrochen haben, ich hätte gern noch etwas gesagt!

Meine nächste Aufgabe wird sein, für alle Gottesdienst-Teams, die Material für ihre Vorbereitungsarbeit suchen, praktizierte Ideen zusammen zu stellen. Außerdem wird ein zweites Handbuch eine Fülle von Internet-Auftritten vorstellen. Hier werde ich Gemeinden mit neuen Gottesdiensten vorstellen, damit Sie Kontakt aufnehmen können, um voneinander zu lernen. Einige Gemeinden „leihen“ ihre Bands und Chöre auch für wenig Geld aus, um neue Initiativen zu unterstützen.
Man braucht für den Kreativen Gottesdienst immer Herausforderungen, die leicht umzusetzen oder neu zu akzentuieren sind. Wer beginnt, benötigt Ideen, die er schnell und ohne große Vorkenntnisse verwenden kann, wer schon weiter geschult ist, wird aus den eigenen Gemeinde- und Lebenserfahrungen „Stoff“ für die Gottesdienste gewinnen. Aber wir können uns auch gegenseitig helfen voran zu kommen. Deshalb bitte ich alle Gottesdienst-Teams, die schon an der Arbeit sind, ihre Konzepte zur freien Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen. Wir werden daraus Werkbücher konzipieren, die für wenig Geld direkt bei uns bezogen werden können und für den Gottesdienstgebrauch kopiert werden dürfen. Außerdem werden wir eine Internetplattform aufbauen, die Kommunikation und Austausch ermöglichen.
(Mails und Anfragen an: info@WortimBild.de
Was wir praktizieren wollen, ist ein offener Umgang miteinander über die Grenzen von Kirchen und Theologien hinweg. Ziel ist es, alle miteinander zu vernetzen, die sich für eine Erneuerung der Kirchen einsetzen wollen, um sie kulturrelevant und zukunftsfähig zu machen. Das Evangelium in der Sprache der Zeit im Gottesdienst: „Genau meine Musik!“ - Ich bin angekommen.

 

copyright Christian TRebing

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