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Das Vermittlungsproblem als Grundfragestellung in der Gottesdienstpraxis

Als gegenwärtiges Grundproblem kirchlicher Praxis (in Deutschland) verstehe ich das Vermittlungsproblem. Wie vermittelt Kirche die ihr aufgetragene Botschaft unter den Bedingungen einer postmodernen Kultur, deren bleibender Hang zu religiöser Sinnstiftung unverkennbar ist? Welche Vermittlungsstrategien werden angewandt und was leisten sie in Bezug auf das zu Vermittelnde?

Das Vermittlungsproblem stellt sich im Rahmen von Theologie und Kirche auch deshalb so scharf, weil es sich bei der Vermittlung des Evangeliums nicht um eine leicht handhabbare „Wahrheit“ im Sinne wissenschaftlich begrenzter (durch definierbare Systeme) Richtigkeit handelt. Das Evangelium ist keine Konstruktion, die abgesehen von Personen und geschichtlichen Erfahrungen formuliert werden kann. Natürlich ist das Evangelium zunächst einmal auch im kommunikationstheoretischen Sinne eine „Information“, weil es für den Kommunikationspartner neu ist. Information ist von ihrem Begriff her immer der neue Teil einer Nachricht, den Rest nennen die Fachleute Redundanz. Nur reine Informationen können wir schlecht schlucken, wir brauchen etwas Redundanz dazu, etwas Bekanntes, damit wir begreifen.

Die Nachrichten der ersten Missionare hatten viele Neuheiten für die Menschen. Jesus ist am Kreuz gestorben, der auferweckte Jesus wurde von verschiedenen Leuten gesehen, das sind Nachrichten mit echter Information für alle, die noch nichts davon wissen. Aber sie wurden nur verstanden, wenn man sie auf dem Hintergrund des Alten Testaments erzählte. Dieser Jesus war der Messias, den Gott seinem Volk und der ganzen Welt versprochen hat. Denn eine andere Frage ist, ob diese Nachrichten für die Empfänger relevant sind. Das Vermittlungsproblem liegt auf der Hand. Nachrichten benötigen ein Bezugssystem, sonst werden sie nicht „wahrgenommen“. Das Evangelium vom Tode und der Auferweckung Jesu Christi braucht also für die Vermittlung einen menschlichen Bezugsrahmen, damit es verstehbar und erfahrbar wird. Die Mission unter den Juden in den Großstädten Antiochien (500.000 Einwohner, davon ca. 150.000 jüdische Bürger) und Alexandria (600.000 Einwohner, davon ca. 180.000 jüdische Bürger) war deshalb viel einfacher und damit erfolgreicher, als in Athen (hier gab es nur wenige jüdische Bürger).

Vermittlungsprozesse lassen sich nicht ohne die Kenntnis der Kommunikationsfaktoren lösen, die das (rationale und emotionale) Verstehen beeinflussen. Die drei folgenden Faktoren werden oft außer acht gelassen:

1.    Der Code (Zeichensystem, in dem sich Kommunikation vollzieht, also die Sprache, die Bilder, die Musik etc.)

2.    Das Repertoire (Zeichenvorrat der Kommunikationspartner, ob nun sprachlich, bildlich oder musikalisch)

3.    Das Setting (sozio-kultureller Kontext der Kommunikationsspartner, die heute so strapazierten „Milieus“)

Die weiteren wichtigen Kommunikationsfaktoren sind uns allen bekannt: Sender und Empfänger (bei der Rückkoppelung kann auch der Empfänger zum Sender werden), die Nachricht und das Medium (als Vermittlungskanal). Das Kommunikationsmodell lässt sich noch weiter ausdifferenzieren. Wir begnügen uns für die Arbeit mit der Gottesdienstgruppe einmal mit diesem einfachen Modell.

Diese Kommunikationsfaktoren wurden in der Missiologie für die Vermittlung des Evangeliums in andere Kulturen erarbeitet, für die Kommunikation des Evangeliums in unseren kulturellen Kontext liegen jedoch noch keine umfassenden Forschungen vor. Das mag daran liegen, dass missionarische Vermittlung in unserem Land bis vor kurzem als nicht notwendig galt, bzw. kirchlichen Randgruppen überlassen blieb. Natürlich hatten alle Landeskirchen ihre „volksmissionarischen Ämter“ (inzwischen meist einer Strukturreform zum Opfer gefallen oder in andere Amtsbereiche integriert), aber bis es einen Lehrstuhl für „missionarische Verkündigung“ gab, hat es lange gedauert. Das Problem der missionarischen Vermittlung führte in den (deutschen) Kirchen lange ein Schattendasein, die „Ausrufung“ missionarischer Jahre veränderte die Situation noch nicht wesentlich, aber das Problembewusstsein wurde inzwischen stärker. In der Katholischen Kirche spricht man inzwischen von der Notwendigkeit einer „Neuevangeliserung“.

Das Vermittlungsproblem wird für die Kirche überall da virulent, wo es die Kirche mit Menschen zu tun hat, die nicht mehr zur Kerngemeinde gehören und das sind heute etwa 90 % der Mitglieder einer Ortsgemeinde. (Mit der Kerngemeinde gibt es „andere Vermittlungsprobleme“!)

Die entscheidenden Berührungspunkte mit diesen oft als „Namens- oder Kartei-Christen“ apostrophierten Menschen sind:

a)    Kasualien,
b)    Hausbesuche zur Seelsorge, bei Kranken, zu Geburtstagen
    und Jubiläen,
c)    Gottesdienste an Festtagen,
d)    Konfirmanden- und Kommunionunterricht (und Elternarbeit),
e)    Gemeindefeste,
f)    Kindergarten, Schulen (Bildungsbereich)
g)    Diakonie (Tafeln, Krankenhäuser, Sozialstationen etc.),
h)    Beerdigungen (im Hinblick auf die Angehörigen).

Alle diese Berührungspunkte sind Gelegenheiten zur missionarischen Vermittlung. Vielleicht liegt vielen dieser Gedanke zunächst fern oder er ist ihnen unangenehm, weil ihre Vorstellungen von missionarischer Vermittlung durch ein Zerrbild von Mission geprägt sind. Mission ist kein „Bekehrungstrommelfeuer“, Mission heißt schlicht „Sendung“. In der Mission des Evangeliums will das Evangelium in Wort und Zeichen zu den Menschen kommen. Das bedeutet, das Evangelium von der Barmherzigkeit Gottes kommt als Zuspruch und nicht als Forderung zu den Menschen. Bei Seminaren mit Mitarbeitern aus der missionarischen Jugendarbeit habe ich deshalb zunächst einmal die Fußwaschungsgeschichte (Johannes 13) „gespielt“. Für die Vermittlung des Evangeliums ist die Liebe zu den Partnern des Kommunikationsgeschehens unabdingbare Voraussetzung. Es gibt keine missionarische Vermittlung im personalen Bereich ohne die hingebungsbereite Liebe zum Gegenüber. Im Horizont dieser Liebe werden kreative Möglichkeiten des Handelns in all den geschilderten „Berührungspunkten“ erarbeitet.

Es geht mir um das Grundkonzept, das eine solche Arbeit trägt: Vermittelt es aufs Ganze gesehen das Evangelium als frohmachende und erneuernde Botschaft oder lässt es alles beim Alten? Wer das Vermittlungsproblem erkannt hat, will aus der „Versorgungs- und Betreuungsmentalität“ heraus. Er kämpft gegen die beiden gefährlichen Formen resignativen Rückzugs der Kirche:

1. „Das sind doch sowieso alles Christen“,
2. „Die Kirche wird immer eine kleine Herde bleiben“.

Beide Positionen führen das Evangelium ad absurdum und liefern die Kirche dem langsamen, aber sicheren Tod aus. Die EKD ist in den letzten zehn Jahren um über 1,2 Millionen Menschen „geschrumpft“.  Die zuletzt gemeldeten Zahlen von 2008 liegen gerade vor: 168.901 Evangelische und 121.155 Katholiken haben ihre Kirchen verlassen, bei den Evangelischen eine Steigerung von fast 30% gegenüber 2007, bei den Katholiken wird 2010 ein völlig schwarzes Jahr, wenn der gegenwärtige Trend anhält. Atheistische Initiativen pflegen den schleichenden Abfall von Glauben und Kirche genüsslich auf ihren Websites wie „kirchenaustritt.de“ mit Austrittsformularen und ausführlicher Beratung. Natürlich, in den neunziger Jahren hatten wir einen Höhepunkt von über 350.000 Austritten allein in der Evangelischen Kirche. Aber können uns dann „nur“ 168.901 wirklich beruhigen?

Das Evangelium ist auf dem Weg zu den Menschen. Die Suche nach neuen Möglichkeiten der Vermittlung ist ein kreativer Prozess, der alle erfasst, die sich ihm stellen: Pfarrer und Pfarrerinnen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Ehrenamtliche und Gemeindeglieder. Wer allerdings Angst vor der eigenen Veränderung hat, sollte mit dem Evangelium nicht „hantieren“, es ist gefährlich für den „alten Adam“!
Ziel dieses Buches ist, die Relevanz kreativer Konzepte im Bereich der gottesdienstlichen Vermittlung des Evangeliums aufzuzeigen. Dabei sind zwei Phasen zu unterscheiden:

1. die Vorbereitung des Gottesdienstes in einer Kreativ-Gruppe,
2. der Kreativität und Partizipation freisetzende Gottesdienst
    selbst.

In beiden Phasen geht es um eine Verbesserung der Kommunikation in der Gemeinde und eine dem Evangelium adäquatere Form der Vermittlung. Dieses Konzept soll die ganze Gemeindearbeit ergreifen und den Mut für neue Ziele eröffnen. Es ist also keinesfalls auf den Gottesdienst begrenzt, der „neue“ Gottesdienst wird zum Kulminationspunkt für Gemeindewachstum, Neu-Evangelisierung und insgesamt für ein ganzheitliches Gemeindekonzept in der Vielfalt der Gaben, aber auch der Frömmigkeitsstile.

copyright Christian Trebing 2010

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