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Die Kultur der Erneuerung

Nach dem Urteil Luthers sollte die Kirche sich ständig reformieren, das ist in der Geschichte aber leider gründlich schief gegangen, sonst gäbe es heute keine Lutheraner mehr. Luther wollte keine Nachfolger, die sich sogar noch nach ihm nennen, sondern Nachfolger Christi. So ist das mit kirchlichen Heiligenfiguren, es kommt alles anders, als man denkt. In der Katholischen Kirche spielen Traditionen bis heute eine so starke Rolle, dass es vielen schwer fällt, an eine wirkliche Erneuerung zu glauben. Aber auch hier gibt es Ansätze zur Veränderung, besonders unter jungen Leuten. Auch die Laien haben mangels Priestern längst eine entscheidende Rolle in den Gemeinden übernommen.
Die Gemeinden vor Ort bewegen sich schon sehr weit ökumenisch aufeinander zu, mehr als es der Hierarchie lieb ist. Aber sie können noch viel mehr tun, als es auf den ersten Blick erscheint.

In den Freikirchen finden wir im Gegensatz zu den Großkirchen stärker den Mut, sich auf völlig neue Formen des Gottesdienstes einzulassen, aber auch dort gibt es die Angst vor den „neuen Wegen“.

Insgesamt gilt, mit der Zukunft der Kirche haben sich bisher weitgehend nur Spezialisten beschäftigt, nur in wenigen Fällen die Gemeinden selbst. Aber es wächst da was, wie neue Projekte, z.B. „Brannte nicht unser Herz“ zeigen.

Aber trotzdem müssen wir ganz klar konstatieren, bei den meisten Gemeinden läuft es einfach so weiter, wie es immer war, die Verantwortlichen und das Fußvolk haben sich damit abgefunden, dass die Kirche nicht nur ihre Mitglieder, sondern auch die Relevanz in der Gesellschaft verliert. Das Image ist nach den immer weiter bekannt werdenden Mißbrauchsfällen in der Katholischen Kirche und dem Betriebsunfall der Vorzeigebischöfin in der Evangelischen Kirche sehr schlecht. Das nutzen die neuen Atheisten in den Medien weidlich aus. Mit einem Artenschutzprogramm für Christen können wir nicht mehr rechnen, wir müssen uns mit dieser gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinandersetzen, dass ein agressiver Atheismus unter den Meinungsführern weit verbreitet ist. Apologetik ist aber in den theologischen Fachbereichen nicht gerade das stärkste Fach. Unsere Theologiestudenten sollten in dieser Disziplin im Hinblick auf die kommenden Auseinandersetzungen jedoch gut zu Hause sein.

In der Diakonie haben sich die Kirchen noch ein Feld bewahrt, wo sie als kompetenter Partner in der Gesellschaft wahrgenommen werden. In diakonischen Einrichtungen und praktischen Initiativen wie den „Tafeln“ sind engagierte Christen überproportional vertreten.

Im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit werden zunehmend „Kirchenläden“ zur Kontaktaufnahme gegründet. Neben Einkaufsmöglichkeiten für christliche Literatur und Geschenkartikel gibt es Tee oder Kaffee zum Trinken (Zum Einkaufen eher bei GEPAs „Eine-Welt-Läden“, auch sie könnten in ein umfassendes Gottesdienstkonzept besser eingebunden werden.). Außerdem eröffnet sich in den Kirchenläden die Möglichkeit zur Information über Kirche, den Glauben, die Angebote der Diakonie und es wird offen für den Wiedereintritt in die Kirche „geworben“.

Viele Gemeinden (Zahlen liegen nicht vor) haben es zu einem regelmäßigen Gottesdienst für „Kirchendistanzierte“ geschafft oder zu Jugend- und Familiengottesdiensten. Von diesen Projekten können andere Gemeinden lernen. Leider ist aber nur in ganz wenigen Gemeinden daraus eine vorsichte Umgestaltung des sonntäglichen Gottesdienstes geworden.

Ich plädiere deshalb für eine Kultur der Erneuerung vor Ort. Nicht warten, bis andere („von oben“) sich etwas ausgedacht haben, sondern einfach anfangen. „Ich fang einfach mal an“ nennt deshalb auch Markus Roll sein Buch über eine Gemeindegründung in Bonn. Wenn es mit den etablierten Kirchen nicht mehr geht, starten aktive junge Leute mit Visionen eine neue Gemeinde. Sie fragen auch nicht, ob sie das dürfen, sondern beginnen. Diese Kraft zur Erneuerung wünschte ich mir für unsere etablierten Kirchen und Gemeinden. Wir sollten das Evangelium neu ernst nehmen und es vor allem auch gemeinsam lesen und darüber reden. Als ich in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Kirchenvorsteher für das Lesen des Evangeliums im Gottesdienst gewonnen hatte, kamen zwei mit der Bibel vorher zu mir ins Dienstzimmer. Sie waren ganz aufgeregt. Ich solle ihnen die Bibel aufschlagen, wo der Text zu finden sei. Es ist auch 500 Jahre nach der Reformation immer noch nicht selbstverständlich, dass evangelische Christen ihre Bibel kennen! Aber ich habe auch andere Erfahrungen gemacht, Menschen aus säkularen Familien stürzten sich mit einem unglaublichen Wissensdurst auf die Bibel, um nachzuholen, was sie in einer völlig unchristlichen Kindererziehung versäumt hatten.

Die Kultur der Erneuerung braucht keine großen Konzepte, es kommt erst einmal darauf an, dass wir in der Ortsgemeinde die Mitte des Evangeliums, die Botschaft von der vergebenden Macht der Liebe Gottes entdecken und leben. Dann beginnen wir auch zu fragen, wie kann diese Kraft andere Menschen glücklich machen. Ich will doch nicht für mich behalten, wenn es ein Kind in der Familie gegeben hat, wenn ich mich verliebt habe, ich muss es doch jedem erzählen, der mein Vertrauen hat, ob er es wissen will oder nicht. Die wieder entdeckte Liebe Gottes kann kein vernünftiger Mensch für sich behalten, er muss sie einfach weiter erzählen. Das Internet ist der lebende Beweis für diese Freude, sich zu offenbaren, das letzte Geheimnis preiszugeben und da sollten wir unser größtes Lebensglück, die Rettung vor dem ewigen Tod für uns behalten?

Bibellesen hilft, kann ich nur sagen. Vor allem sollten theologische „Laien“ Übersetzungen lesen, die sie auch verstehen können. Die Kultur der Erneuerung beginnt für alle Christen immer an der Quelle - in der Neuentdeckung des Evangeliums für das eigene Leben, die Familie, die Gesellschaft. Daraus erwächst die Kultur der Veränderung und der Wille, diese Gute Nachricht weiter zu erzählen. Ohne das Wagnis, selbst ein Missionar zu sein, kann ich nichts für meine Kirche tun. Nicht in Wort und Tat. Die Angst vor dem Bekenntnis des eigenen Glaubens kann nur durch die Freude am eigenen Glauben überwunden werden. In unserer offenen Gesellschaft ist es jedem möglich, zu seinem christlichen Glauben zu stehen. Nur den brasilianischen Fußballern verbot der DFB ziemlich schnell, die T-Shirts mit einem Bekenntnis zu Jesus unter der offiziellen Dienstkleidung ihres Vereins. Ein unglaublicher Vorgang, wenn man bedenkt, dass sich die Werbeanbringung von Logos schon bis zu den Hemdkragen hochgearbeitet hat. So bleiben diesen Fußballern heute nur noch Gesten, um auf den Herrn hinzuweisen, sie strecken nach einem Torerfolg beide Zeigefinger zum Himmel, um zu sagen, Danke, Jesus. Brasilianische Fußballer müssen uns im Mutterland der Reformation den Weg weisen. Auch ein Stück Ökumene!

Es gilt, nur Menschen, die öffentlich zu ihrer christlichen Überzeugung stehen, können die Erneuerung der Kirche voran treiben. Sie werden schnell merken, dass ihre Begeisterung auch andere mitreißt. Nämlich jene die resigniert haben und andere, denen nur noch ein bescheidener Rest vom Kinderglauben geblieben ist. Sogar Menschen, die mit dem lieben Gott durch eine atheistische Erziehung gar nichts am Hut hatten. Aber die Formen der Begegnung mit unseren postmodernen und kirchenkritisch geprägten Freunden und Nachbarn müssen sich verändern. In den passenden Formen leuchtet der Inhalt, das Evangelium, dann auch schöner, so schön wie der Edelstein in einem modernen Ring: „Genau mein Geschmack!“

Wäre das nicht großartig, wenn wir in unserer Gemeinde das Evangelium wieder wie einen kostbaren Edelstein zum Leuchten brächten? Wir wollen diese froh machende Nachricht doch nicht wie Sauerbier anbieten oder wie ein Geschenk vom Flohmarkt, für das wir uns eigentlich schämen. Wir wollen zeigen, Du kannst Dich daran erfreuen, wie an einem funkelnden Edelstein. Ein Geschenk von leuchtender Wahrheit, ein Licht im Dunkel einer hellen, aber kalten Postmoderne.


copyright Christian Trebing

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