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Fortschreibung der Vergangenheit und Verlust der Zukunft

Zum ersten Mal in ihrer fast 2000-jährigen Geschichte steht die Kirche vor der Aufgabe, sich neu zu definieren. In der postmodernen Gesellschaft Europas gibt es für sie nicht mehr den Weg der Fortschreibung der Vergangenheit. Wenn Kirche in ihren Formen, ihrer Liturgie, ihrer Musik, ihrer Sprache bei dem bleibt, was sich seit Mittelalter, Reformation und Neuzeit entwickelt hat, wird sie zu einer Randexistenz in der Gesellschaft werden. Der Mitgliederschwund in den Großkirchen ist mit den bestehenden Rezepten des Festhaltens an überkommenen Traditionen nicht mehr aufzuhalten. Zu lange haben kirchliche Vordenker der Volkskirchen die Entwicklung verharmlost, die ihnen eine nicht anpassungsfähige Theologie eingebracht hat. Die missionarische Situation Deutschlands wurde zwar von Synoden immer wieder mal hervorgehoben, aber es wurden nur wenige tragfähige Konzepte entwickelt, wie in unserer Zeit das Evangelium den Menschen kulturrelevant vermittelt werden kann. Wir haben heute „Gremienkirchen“ vor uns, die sich in aller Breite mit den Problemen der Zeit und auch der eigenen Kirche befassen, Entschließungen abgeben und Stellungnahmen beschließen, um dann mit neuen Einsparbeschlüssen doch nur finanzpolitisch zu reagieren. Wir sitzen als Kirche zu viel, wir sitzen in Ausschüssen und festen Kirchenbänken, wir sitzen und reden wie die Gänse auf dem Hof. Aber wir fliegen nicht, wie es schon Sören Kierkegaard in seinem Gleichnis über die Kirche im 19. Jahrhundert bedauert. Wenn wir doch wenigstens „gehen“ würden! „Gehet hin in alle Welt“, sagt Jesus. Aber wir diskutieren dann lieber theologisch darüber, ob dieses Jesuswort nun echt sei oder eine Erfindung der matthäischen Gemeinde. Kein Wunder, dass wir in Europa so kraftlos sind, während überall in der Welt die Kirchen wachsen.

Der gegenwärtigen Universitätstheologie fehlt es weitgehend am Bewusstsein für diese Situation der Kirchen. Sie ist zu sehr mit sich selbst und ihren wissenschaftlichen Problemen beschäftigt, als dass sie die Zeit fände, neue Wege für die Praxis aufzuzeigen. Nur wenige sind dazu bereit, sich überhaupt mit den missionarischen Fragen der Kirche zu befassen. Sie gelten dann gemeinhin als Außenseiter unter ihren Kolleginnen und Kollegen. Schade eigentlich, denn wir brauchten die wissenschaftliche Begleitung genauso, wie die Freude an der Auslegung der Bibel. Glücklicherweise habe ich während meines Studiums immer wieder Professoren kennengelernt, die mir die Freude an der Beschäftigung mit dem Wort Gottes beigebracht haben. Ich bin mir sicher, die gibt es auch heute. Danke, dass es Euch gibt, liebe Theologieprofessoren, motiviert junge Menschen, den Weg der Freude am Evangelium zu gehen. Zeigt ihnen auch, dass wir uns nicht aus historischem Interesse mit den biblischen Schriften beschäftigen, sondern macht ihnen bewusst, das es die Glaubensgrundlage von Milliarden von Menschen war und ist.

In der Nachkriegszeit gab es eine kurze Phase der Rückbesinnung. Die Evangelische Kirche hatte durch ihr Engagement in der „Bekennenden Kirche“ (gegen das Naziregime) eine hohe moralische Autorität. In der Praxis knüpfte man einfach wieder an den scheinbar unabänderlichen Formen der Vorkriegszeit an, Jugendarbeit in Verbänden, Männerarbeit, Frauenarbeit, Kinderarbeit... Die Kirchen waren für eine Zeit wieder gut besucht und niemand dachte an Veränderung. Es gab einen gesellschaftlichen Konsens in weiten Teilen der Bevölkerung, dass Kirche irgendwie zum Leben gehöre: Von der Geburt bis an die Bahre wirst du vom Pfarrer begleitet.
Doch in den sechziger Jahren stellte eine weltweite kulturelle und politische Revolution im Zusammenhang der Antikriegsbewegung die bestehenden Strukturen der Gesellschaft in Frage: Die alten Zöpfe müssen ab! Es gab eine Fülle von Befreiungen aus dem Muff, der über Jahrhundert wild gewachsen war, aber auch zahllose Merkwürdigkeiten, wie die folgende: Ich erinnere mich noch gut daran, dass in der theologischen Fachschaft der Studenten in Tübingen (an anderen Universitätsstädten war es ähnlich) Kommunisten verschiedener Nuancen die Macht an sich gerissen hatten. Maoisten, Trotzkisten und Leninisten planten in ihren Hinterzimmern die Weltrevolution, wechselten dann irgendwann das Studienfach und plötzlich war der Rausch vorbei.

Es gab aus parallel verlaufenden, basisdemokratischen Entwicklungen auch Auswirkungen auf die Kirchen, es gab das „Politische Nachtgebet“ und Initiativen auf Kirchentagen. Solche Initiativen kamen auch in den Gemeinden an. Aber es gab keine wirkliche Veränderung des Gottesdienstes, außer dass manche Gemeinden nun die Idee mit gelegentlichen Zielgruppengottesdiensten aufgriffen. Nur in der Katholischen Kirche bildeten sich bei den Gruppen, die das NGL (Neue geistliche Lied) vertraten, Formen einer liturgischen Erneuerung. Doch dem setzte die traditionelle Liturgie enge Grenzen. Immerhin stellen wir dort heute noch ein unverändertes Engagement für neue Gottesdienstformen fest. Sie finden sich in zahlreichen Liederbüchern dokumentiert.
Insgesamt aber zielten die politisch orientierten Gruppen in den Kirchen mehr oder weniger stark auf die Praxis des Handels. Die Ethik wurde zum Sammelpunkt der bunt gemischten Gesellschaft, das Interesse an einer spirituellen Erneuerung des Gottesdienstes kam nur selten aus diesen Reihen. Sie beinflussten dafür die ökologisch und die an einer demokratischen Gesellschaft Interessierten in Ost und West. Das wollen wir nicht gering schätzen. Die damals im Westen an einer Basisdemokratie orientierten Sozialisten und Kommunisten förderten, Ironie der Geschichte, die Ausbildung einer folgenschweren Protestwelle im Osten Europas. Diese Veränderung beendete endlich die Aufteilung der Welt in die Atomblöcke. Hier waren viele Christen engagiert, die in Polen und der DDR in selbstbewussten Gemeinden zu Hause waren. Es waren dies Menschen, die ihren Glauben konkret lebten, keine Funktionäre, die das Evangelium für eine Praxistheorie ohne Gott aufgegeben hatten. Das machte ihren Protest auch so kraft- und wirkungsvoll.

Die Impulse für eine neue Gottesdienstgestaltung kamen einerseits von Taizé, das auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit viele junge Leute in den Bann zog, aber noch bestimmender aus den angelsächsischen Kirchen, die sich schon früher der Gospel- und Popmusik geöffnet hatten. Aus beiden Traditionen schöpfen wir noch heute. Sie forderten auch deutsche Künstler heraus, neue Lieder zu schreiben. Ich habe diese Szene Jahrzehnte als Veranstalter von Konzerten und besonders als Herausgeber der christlichen Musik- und Kulturmagazine „Pack’!“ und „eXact!“ begleitet. Das Potential dieser Musik, die sich an der Kultur der Zeit orientierte, hat mich überzeugt. Durch Freundschaften mit den bekanntesten Musikern, Sängern und Sängerinnen dieser „Szene“ wurde ich schon in den siebziger Jahren mit den unterschiedlichen Stilen der Popular-, Liedermacher- und Sakro-Pop-Musik vertraut. Ich habe mit christlichen Bands Festivals und Gottesdienste gestaltet und von ihren Ideen profitiert. Heute ist diese Szene in eine Jugendchorbewegung eingegangen, aber es gibt auch viele Kirchenbands, die bei alternativen Gottesdiensten mitwirken. Die Jugend- und Gospelchöre haben meist auch eine Band, sie orientieren sich an den Vorbildern der internationalen christlichen Musik aus England, Australien und den USA. Dort nennt man zeitgemäße christliche Musik „Contemprorary Christian Music“, die traditionelle Gospelmusik ist heute eingemündet in den „Contemprorary Gospel“, der Rock- und Popelemente mit neuen Texten verbindet. Sehen Sie sich einmal die YOUTUBE-Aufrufe von christlichen Künstlern aus dieser Gottesdienst-Szene an, sie gehen in die Millionen: Darlene Zschech, Kirk Franklin, Michael W. Smith, Amy Grant etc.

Eine der christlichen Gruppen hatte mit „Kiss me“ sogar einen säkularen Welthit, der noch heute gespielt wird! In Europa hörte ich diese Combo mit dem merkwürdigen Namen übrigens zum ersten Mal auf dem Greenbelt-Festival: „Sixpence none the richer“. Das „Greenbelt-Festival“ war über 25 Jahre hinweg der Trendsetter für christliche Kultur und Musik in England. Seine Ausstrahlung ging aber weit darüber hinaus. Mit jährlich fast 30.000 Besuchern setzte es Akzente in den christlichen Musik- und Kunststilen, in politischen und diakonischen Fragen. Bekannte Künstler wie Cliff Richard gehörten zu den Unterstützern. Mit dem Flevo-Festival und dem Christian-Art-Festival gibt es in Holland noch zwei Ableger, dieser Musik- und Kulturbewegung.

Während zunächst viele christliche Künstler ihren Weg in einer textlichen wie musikalischen Auseinandersetzung mit der aktuellen Kultur suchten und bereit waren auch Lieder zu singen, die nicht „mit der Tür ins Haus fielen“, sondern Menschen zum Nachdenken über ihr Leben zu motivierten, kam als Gegenbewegung bald die Lobpreismusik mit ihren weithin „kanaanäischen“ Texten. Sie wurde zunächst von den Arrivierten belächelt, später aber auch adaptiert und den eigenen Musikstilen angepasst.
Wahrscheinlich wird Lobpreismusik bei uns meist in Englisch gesungen, weil sonst die sehr „inklusive“ Wortwahl auffallen würde! Es handelt sich um ein Feuerwerk von dogmatischen „Substantiven“.

Doch die Impulse dieser weltweiten christlichen Szene können auch unsere heutige Arbeit bereichern, wenn wir uns ohne Vorurteile mit diesen Songs und Liedern beschäftigen, sie kritisch für unsere Gottesdienste sichten und uns herauspicken, was „schön und gut“ ist. Ich kenne das von unserer Kirchenband KOINONIA, sie schleppten immer wieder neue Songs an und übten sie mit der Gemeinde ein. Das ist wichtig!

Junge Christen finden in dieser Szene Vorbilder, die eine zeitgemäße Musikkultur mit einem engagierten Glauben an Jesus Christus verbinden. Landeskirchler und Katholiken sollten diese Szene nicht verachten, weil sie sich auch aus freikirchlichen Quellen speist. Das halte ich für sehr kurzsichtig. Da leben sich Vorurteile aus, die wir uns über hundert Jahre nach dem Beginn einer weltweiten ökumenischen Zusammenarbeit einfach nicht mehr leisten können und auch sollten.

Die evangelische Kirchenmusik stand und steht diesen Ideen meist hilflos-ablehnend gegenüber. Sie hatte sich in ihrer bürgerlichen Musiktradition fest eingerichtet und saß zudem an den Schalthebeln der Macht und der Geldvergabe. Immerhin, einige Landeskirchen beriefen „Popularmusiker“ in ihre Reihen. Dort tut sich dann auch was! Diese Projekte müssen noch stärker miteinander vernetzt werden, um sich gegenseitig zu stützen. Doch oft werden diese Popularmusiker leider nur als Feigenblatt gebraucht. Hauptsache es bleibt sonst alles beim Alten!
Nun müssen immer mehr Kirchenchöre ihre Pforten schließen, weil sie den Absprung in die junge Generation musikalisch nicht geschafft haben. Ich sage es deutlich, wer die Pflege alter Musik der Gegenwartsmusik vorzieht, wird zum Totengräber unserer Kirchen. Auch wenn Ihnen das zu hart erscheinen mag, der Graben zwischen den musikalischen Stilen der vergangenen Jahrhunderte und der Gegenwartsmusik ist zu groß. Es sind nicht nur die Melodien, es ist vor allem der neue Sound, der Rhythmus, der dies vorgibt. Es wird nur wenig überleben, aber das ist völlig normal, denn jede Zeit muss ihre eigenen Lieder singen, jede Zeit muss ihre Erfahrungen aus dem Evangelium auch in ihrer musikalischen Sprache auf das Notenblatt bringen. Wir sollten dem nicht nachtrauern, sondern uns ganz bewusst den neuen musikalischen Formaten öffnen. Die Kirche eignet sich weder als Verteidigerin des Kulturprostestantismusses noch als Bewahrerin synkretistischer Volkssitten im katholischen Bereich. Ihr Blick sollte nach vorne gehen, wenn sie eine Zukunft haben will. Der Versuch innerhalb der Evangelischen Kirchen so etwas wie „Kernlieder“ festzulegen, die auf keinen Fall dem „Zeitgeist“ geopfert werden dürfen, zeigt noch einmal diesen falschen Denkansatz. Die Suche nach Vereinheitlichung nimmt die Breite und die Vielfalt nicht ernst. Die Liedkultur (auch die christliche) ist ein dynamischer Prozess, das können auch kirchliche Arbeitsgruppen nicht mehr aufhalten. Wichtiger wäre es, sich an die Spitze der Bewegzung zu setzen und mit poetischer Kraft das Evangelium mit den kulturellen Elementen der Zeit immer wieder neu zu verschmelzen.

Wenn wir nun eine Transformation der Gottesdienstarbeit in eine neue und für unsere Kultur relevante Gestalt erarbeiten wollen, dürfen wir aber nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen. Nicht die Ethisierung des Evangeliums ist das Ziel, nicht der Austausch von Formen unter Beibehaltung der alten Gottesdienstsprache, sondern die Übersetzung der Guten Nachricht in neue Formen und Farben. Das Evangelium muss sich in veränderten Strukturen wieder als Evangelium bewähren, als Freudenbotschaft und nicht als Belehrung darüber, was ein moderner Christ alles machen muss, um vor seinen Mitmenschen gerecht zu sein. Ein neuer fehlerfreier Rechthaber auf der Bühne des Lebens, immer perfekt im politischen Urteil, moralisch unangreifbar bei dem, was in unserer Zeit als Moral gilt. Nein, so nicht, der Mensch darf auch heute Sünder und Gerechter zugleich bleiben, angreifbar und verletzlich, einer, der gerne die Vergebung im Abendmahl empfängt und sich wieder seines Lebens freut.
Es geht nicht um eine Liste neuer Forderungen, die nun in einer Welt ohne Gott zu erfüllen wären, sondern darum, die Freiheit des Evangeliums zu atmen, zu feiern, sie mit in den Alltag zu nehmen. Es geht darum, diesen neuen Gottesdienst als Getrösteter zu verlassen. Als einer, der ein Stück vom Himmel kennengelernt hat: „Genau meine Musik!“ - Das Evangelium hat meine Sprache auch musikalisch erreicht, ich kann es begreifen!

„Ich halte immer gerne fest“, sagte Thomas Laubach (Texter vieler neuer Lieder und Mitglied der durch Kirchentage bekannt gewordenen Band Ruhana) in einem Interview, „dass schon das Alte Testament neue Lieder fordert. Gerade in den Psalmen kommt das mehrfach vor: ‘Singt ihm ein neues Lied’. Und jedes Lied, auch jedes Lied aus dem Gotteslob (kath. Gesangbuch) etwa, war einmal ein neues geistliches Lied. Das klingt banal, aber manche scheinen zu vergessen, dass auch die traditionellen Kirchenlieder aus einer bestimmten Zeit stammen, genau wie die neuen Lieder heute.“ (Liederzünden!, S.157) Mit Recht definiert Thomas Laubach in diesem Interview jede Art von Musik mit religiösen (ich würde genauer sagen, christlichen) Texten, die die Musiksprache ihrer Zeit aufgreift, als Neues Geistliches Lied. In diesem erweiterten Sinne sollten wir all das zusammenfassen, was heute für den Gottesdienst und die persönliche Spiritualität geschrieben und komponiert wird. Das hilft uns auch, die verschiedenen Musikstile zusammen zu binden, ohne sie gleich durch vordergründige Wertungen zu disqualifizieren. Wer in dieser weiten Form nach Liedern für das Gottesdienst-Team sucht, der muss sich fragen: „Wie kann ich eine Musiksprache finden, die Menschen erreicht, und wie finde ich eben auch eine Sprache, eine Textsprache, in der sich die Menschen wiederfinden? Was können wir heute singen und sagen?“ (Liederzünden!, ebd.)

Es geht nämlich auch darum, dass die Menschen sagen können: „Genau meine Sprache!“, ich habe es verstanden, so spreche ich. Meine Hauptkritik z.B. an den meisten Lobpreissongs ist ihre dogmatische Insidersprache, die sich gar nicht erst bemüht, das Evangelium missionarisch zu vermitteln, sondern es einfach in vielen Substantiven proklamiert. Sie bewegt sich in einer Zeit, die 200 Jahre hinter uns liegt und ist nur eine aktuelle Version barocker Gesangbuchlieder mit ihren schwülstigen Bildern. So geht es nicht, Mainstreammusik alleine reicht noch nicht, um in dieser Zeit anzukommen. Wir müssen auch an der Sprache arbeiten, das haben uns Liedermacher wie Manfred Siebald, Siegfried Fietz und Clemens Bittlinger deutlich gemacht. Auch viele Vertreter des NGL haben auf die Kraft christlicher Poesie gesetzt, auf schöne Metaphern und Bilder, auf interessante Sprachspiele und die Übersetzung des Evangeliums in eine Gegenwartssprache voller überraschender Wendungen. Hinter dem „neu“ bei den „neuen“ Liedern, kann nicht nur eine neue Melodie stehen, denn die ist in wenigen Jahren schon wieder alt, sondern auch ein theologisches Konzept. Es müssen Lieder sein, die das Evangelium „neu“ und „überraschend“ mit der Lebenswelt unserer Zeit vermitteln. Einer, der das thematisiert hat, ist Fritz Baltruweit, der sich mit seiner kirchenmusikalischen Arbeit an Martin Luther orientiert:

„Man muss sich klarmachen, was Luther gemacht hat. Luther hat seine Theologie in Lieder verpackt, und das war kontextuelle Theologie: Er setzte sich ständig mit einer konkreten Situation, nämlich mit der Lage der Kirche und Gemeinde, auseinander und suchte Antworten auf das, mit dem er nicht zurechtkam. Das Entscheidende dieser Antworten hat er dann in Lieder gebracht, die die deutsche Sprache benutzten, nicht die lateinische! Dabei lasse ich jetzt einmal außer Acht, dass seine Formulierungen von einer Qualität waren, dass sie diese Sprache auch voranbrachten. Und Luther hat Melodien ‘von der Straße’ genommen, die zeitgemäß waren, die einfach ‘dran’ waren.
In so einer Tradition sehe ich mich eigentlich ganz gerne. Ein Gottesdienst, der die Botschaft der Guten Nachricht ernst nimmt, nimmt die Menschen ernst, die etwas vom Gottesdienst erwarten.“ (Liederzünden!, S.74)

Meinen Konfirmanden gab ich statt der Lutherbibel immer die „Gute Nachricht Bibel“. Einer sagte mal, nachdem wir einen Abschnitt gelesen hatten: „Herr Trebing, das kann nicht die Bibel sein, das kann man ja verstehen!“ - Vom Image der unverständlichen und nicht mehr nachvollziehbaren liturgischen Rituale müssen wir dringend weg. Nicht indem wir sie wie ein Museumsführer erklären und deuten, sondern indem wir sie umsetzen in unsere Sprache, Melodie und Emotion. Dann muss man nichts mehr erklären, die Menschen verstehen das schon. Und sie singen laut mit und ihre Gesichter strahlen vor Begeisterung. Das glauben Sie nicht? Doch, doch, ich erlebe es dauernd wieder, egal wo ich einen Vertretungsgottesdienst mache. Ich bin als Pfarrer kein Museumswärter, der alte Münzen rumreicht! Wir leben mit einem modernen Zahlungsmittel, das man in halb Europa akzeptiert und sortieren in der Kirche immer noch die alten Münzen. Nur bei der Kollekte und den Kirchensteuern wissen wir sehr genau, welche Münzen gelten! Die Fortschreibung der Vergangenheit führt uns nicht weiter, wir müssen zusammen mit den Spezialisten vieler Sparten lernen, was die Menschen unserer Zeit umtreibt. Glücklicherweise haben wir solche Leute überall in unseren Gemeinden. Wir müssen sie nur kennenlernen und ihnen zuhören. In der Seelsorge, bei Hausbesuchen, bei Kasualien, im Unterricht. Wir müssen sie um ihre Mitarbeit bitten und ihnen Verantwortung geben, das nenne ich in meinem Konzept „Partizipation“. So kann es gehen, es ist viel einfacher, als sie denken, ich habe es in einer kleinen (aber völlig säkularen) Dorfgemeinde angepackt, größere Gemeinden haben da einen ganz anderen Pool von Spezialisten auf allen Gebieten. Wer sie entdeckt und durch seine Gemeindearbeit in die Gottesdienstverantwortung integriert, wird überraschende Ergebnisse vor Augen haben. Das wollen wir im nächsten Abschnitt einmal genauer beleuchten.


copyright Christian Trebing

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