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Gottesdienst bringt Freude ins Leben

Über dieses Motto habe ich schon in einem früheren Kapitel berichtet. Mein Pfarrkollege traute sich nicht, etwas Neues zu beginnen. Aber müssen wir wirklich alles beim Alten lassen und resignieren? Nach den stürmischen Änderungsversuchen des letzten Jahrhunderts, die dann oft im Sande verliefen, ist es heute an der Zeit, mit allen Haupt- und Ehrenamtlichen guten Willens an einer Veränderung der Gottesdienstpraxis zu arbeiten. Ich schlage in diesem Buch dazu den missionarisch-kreativen Weg vor, der sich an der Situation und Mentalität der heutigen Menschen orientiert. Wohlgemerkt nicht an den jetzigen Gottesdienstbesuchern! Denn sie sind nicht die alleinige Zielgruppe des Evangeliums. Die Kirche muss in ihrer Verkündigung weg von der „Versorgungsstruktur“ zur „missionarischen Struktur“ wie sie im Rahmen der ökumenischen Diskussion schon viele Jahre gefordert wird.

Gottesdienst bringt Freude ins Leben. Das sollte wirklich eingelöst werden. Keiner hat das schöner formuliert, als der unvergessene Pfarrer und Kirchenmusiker Kurt Rommel. Er wollte immer wieder ermutigen, den Gottesdienst als Fest zu begreifen und zu feiern: „Wenn Kinder und alte Leute einem Pfarrer bescheinigen: ‘Das hat uns heute gut gefallen!’, dann war der Gottesdienst ein Fest. Dann gab es etwas zu hören, zu sehen, zu singen, zu tun, zu lachen, zu bedenken, zu beten, vielleicht auch etwas zum Ärgern, Verwundern und Bestaunen, u. U. sogar etwas zu essen. Der Gottesdienst darf dem Pfarrer und der Gemeinde Spaß machen. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich gestehen: Nicht jeder Gottesdienst hat mir in Vorbereitung und Durchführung gleich viel Spaß und Freude gemacht. Aber erstaunlich war, bei den Gottesdiensten, die dann mir und der Gemeinde Spaß gemacht haben, kam die Verkündigung, die Zusage der frohen Botschaft von Jesus Christus nicht zu kurz. Im Gegenteil. Das Evangelium, das Frohe an der Botschaft, kam viel deutlicher und klarer durch. Und es stimmt eben: Wenn ich mir selber nichts gönne, gönne ich in Wahrheit auch anderen nichts. Wenn ich mir die Freude am Gottesdienst nicht gönne, wenn ich ihn nur als Pflichtübung absolviere, dann brauche ich mich nicht zu wundern, dass die Gemeinde ihn auch so aufnimmt.  Also: Wer sich selber keinen Spaß am Gottesdienst gönnt (aus welchen Gründen auch immer!), kann ihn anderen auch nicht gönnen (und wird darum immer Gründe finden, dass Spaß am Gottesdienst falsch sei). Die Tatsache, dass der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, darf und soll sich im Gottesdienst auswirken. Und wenn Menschen miteinander leben, dann soll das nicht nur unter dem Aspekt Liebe und Verantwortung, sondern auch unter dem Aspekt von Freude und Glück gesehen werden. Und das Menschen in Lebensgemeinschaften (in Familien) zusammenleben, könnte ja ein Anlass sein, den Grund aller christlichen Feste, die Liebe Gottes, als Familie, als große Familie, als Familie Gottes, als Gemeinde festlich zu begehen. Wenn ein Gottesdienst von mehreren gut vorbereitet ist, dann ist auch Raum für Improvisation, für Spontaneität, für Einfälle gegeben. Singen und Lieder lernen stört nicht, im Gegenteil es hebt die Kommunikation, das Erfahren von Gemeinschaft.“
(Kurt Rommel, Kontexte, in: ders. Hrsg., Familiengottesdienste, S.43f)

Nicht Resignation ist also am Platz, sondern Aufbruch zu neuen Möglichkeiten. Die Erneuerung beginnt in den einfachen Strukturen: Wer bereitet den Gottesdienst vor? Wer ist beteiligt? Welche kommunikativen Elemente sind vorgesehen?  Wie wird das Wort ins Bild gesetzt und den Menschen vor die Augen gemalt? Wie wird die Freude des Evangeliums konkret, auch durch die Gottesdienst-Strukturen, also liturgische Stücke, vermittelt? Welche Aktionen sind geplant, die beteiligen oder Anstöße für den Alltag vermitteln? Kreative Konzepte beginnen mit der einfachen Kleinarbeit, damit, dass wir lernen ungewöhnliche Fragen zu stellen und in neuen Bahnen zu denken. Wenn unser Gottesdienst keine Freude mehr ins Leben bringt, dann sollten wir ihn besser einstellen. Denn wo nur eine Karikatur des Evangeliums verkündigt wird, lebt vielleicht eine Form von „Christentum“, aber wächst keine Nachfolge Christi. 

Wenn wir für unseren Gottesdienst nicht mehr mit der Einladung der „frohen“ Botschaft werben können, dann sollte sich schnellstens etwas an unserer Gottesdienstpraxis ändern. Die Blockierungen der kreativen Kommunikation müssen erfragt und überwunden werden. Was ich hier empfehle, sind keine Schreibtischrezepte, sondern reflektierte Erfahrungen, die ich durch Gottesdienste in vielen (verschiedenartigen) Gemeinden gemacht habe.  Der Weg führt über die kleinen Schritte, das Ausloten der Möglichkeiten, er kann nur „evangelisch“ (im biblischen Sinne), nicht „gesetzlich“ beschritten werden. Ich erinnere mich an manchen Gottesdienstversuch Ende der sechziger Jahre. Damals wollten wir provozieren. Die Menschen dieser „abgestumpften Wohlstandsgesellschaft“ (es gab da bei uns eine handfeste Begrifflichkeit) aus der Reserve locken. Nun, es wurde ja auch wirklich Zeit, dass einige alte Zöpfe abgeschnitten wurden. Unser Vorgehen war bestimmt durch diskursive Elemente, endlose Diskussionen waren die Folge. Verhärtung der Fronten, keine wirkliche Kommunikation, eher ein Austausch von Standpunkten. Keiner hörte hin, jeder trug sein „Bekenntnis“ vor sich her. Ob es dabei um politische Fragen oder um formale Fragen (Gestaltung, Gottesdienstformen etc.) ging, war eigentlich egal. Man versteifte sich auf seine Position und tauschte Standpunkte aus. Irgendwann in meinem Studium kam ich an den Punkt, wo mir klar wurde, dass dies nun gerade nicht der „evangelische“ Weg der Kommunikation sein kann. Seitdem habe ich versucht, die kreativen Elemente stärker zu betonen. Den Menschen nicht nur von seinem Kopf, sondern auch aus seinem Herzen heraus zu definieren. Das bedeutet einerseits eine Änderung der Methodik und andererseits die Betonung der Vermittlung im Kommunikationsgeschehen ernster zu nehmen. Und zwar in voller Breite, nicht nur auf den rationalen Pfaden gelehrter Vorträge. Wer auf Vermittlung aus ist, plant Kommunikationsprozesse ganz anders. Wer davon überzeugt ist, dass Gottesdienst Freude ins Leben bringt, der „kümmert“ sich um den Gottesdienst. Der schöpft alle Möglichkeiten aus, die ihm die Agende bietet und schafft sich bei Bedarf neue Agenden, wie es die Ergebnisse der verschiedenen Studien beweisen, die die heutige Praxis von alternativen Gottesdiensten vorstellen. Kreative Konzepte fragen nach dem „Wie“ und auch danach, ob das „Was“ noch stimmt. Kommt das Evangelium den Menschen mit allen fünf Sinnen entgegen oder bleibt es ein theologisch-abstraktes Konstrukt?

Ich will in einem Kreativitätskonzept aufzeigen, wie Personen zu kreativen Persönlichkeiten werden können, wie sich kreative Prozesse fördern lassen und Blockierungen abbauen, wie der Gottesdienst die Kreativität des Evangeliums zur Darstellung bringen und wie die Bedingungen unserer Umwelt in den Gesamtprozess eingehen. Diese Untersuchung stelle ich in den Horizont der Vermittlungsproblematik. Denn es ist keineswegs selbstverständlich, dass wir uns verstehen, sonst müsste nicht in Gesprächen selbst unter Freunden und Freundinnen die Sätze fallen: „Verstehst Du mich?“ - „Hast Du verstanden, was ich gemeint habe?“ - „Ja, gehört habe ich es schon, aber, was meinst Du eigentlich?“ Und auch dies: „Meinst Du, was Deine Körperhaltung mir sagt oder was Deine Worte formulieren?“

Das Vermittlungsproblem ist nicht nur ein Verstehensproblem, das wäre einfach, aber auch langweilig. Wir sind doch mehr als unser Verstand, viel mehr, das wissen nicht nur Verliebte und junge Eltern...

copyright Christian Trebing 2010

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