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Ist der alte Agende-1-Gottesdienst noch zu retten?

Gute Frage, Herr Pfarrer, was meinen Sie selbst? - Die verschiedenen alternativen Gottesdienst-Initiativen im Bereich der evangelischen Landeskirchen zeigen, dass er als Vorlage nur noch selten genutzt wird. In Freikirchen geht man ohnehin von einer abgespeckten reformierten Fassung aus, die eine lange Predigt im Mittelpunkt hatte und weitgehend auf die mehr sinnlichen Erfahrungen einer Liturgie verzichtete.

Der Verzicht auf die Struktur von Agende 1 hängt sicher auch damit zusammen, dass die alternativen Gottesdienstformen als einmalige Aktion (monatlich, vierteljährlich etc) betrachtet werden. Manche Gemeinden haben zudem noch Hoffnung, dass die neuen Liturgien auf den alten Gottesdienst „abfärben“. Das ist im Alltag aber schwer, wenn man nicht das passende Gottesdienst-Team hat. Ich sage trotzdem, ja, er ist noch zu retten, wenn wir ihn gründlich renovieren, aber wirklich gründlich, er muss ins „neue Format“ passen. In einen A4-Rahmen passt kein A3-Foto, manche machen dann einen Ausschnitt, doch es geht in den meisten Fällen nicht. Manchmal hilft beschneiden und kombinieren, doch das ist nach meinen Erfahrungen auf ein paar Festtage wie Heilig Abend beschränkt. Ansonsten geht es nur mit einem radikalen (Sie merken schon, ich liebe dieses Wort!) Aufräumen in der musikalischen Mottenkiste früherer Generationen. Es ist leichter die Älteren für einen lebendigen, jungen Gottesdienst zu gewinnen, als umgekehrt. Meine Erfahrungen in den letzten Jahrzehnten sind, wenn du ein paar Dinge beachtest, sind auch die 70-80-jährigen voll auf deiner Seite!

Es gibt eigentlich einen wesentlichen Knackpunkt, das ist die Lautstärke. Denn wenn die Hörgeräte piepsen, kann kein Wohlgefühl mehr aufkommen... Wer den Pegel im Griff hat, kann eine unglaubliche Zustimmung für neue Musik im Gottesdienst erfahren.

Ich hatte schon seit den sechziger Jahren ehrenamtlich mit Jugendlichen alternative Gottesdienste mit Popularmusik und kleinen Theaterstücken gemacht. In meiner Zeit als Gemeindepfarrer erlebte ich Ende der achtziger Jahre eine Überraschung. Meine damals sechzehnjährige Tochter stand mit ein paar anderen ehemaligen Konfirmanden und dem Zivi vor mir und erklärte zu meiner Freude: „Papa, wir haben eine Band gegründet und wollen an Ostern im Gottesdienst spielen!“

Von da an spielte alle 14 Tage die Band. Doch schon damals gab es in unseren Gottesdiensten allenfalls einen Choral, wenn beim Geburtstaglied (kennen Sie nicht? Ist aber Klasse!) ein typischer Evergreen wie „Lobet den Herrn“ gewünscht wurde. Sonst wurde neueres Liedgut in der damals bekannten Breite von Siebald bis Janssens gesungen. Mit unserer grundlegend renovierten Agende 1 hatten wir schon vor dem Erscheinen des neuen Gesangbuches für eine erfrischende Klangfarbe im Gottesdienst gesorgt (Vgl. Abb. der kompletten Liturgie in unserem Liederbuch „Ich freue mich“ auf der nächsten Seite). So haben wir damals den Agende 1-Gottesdienst gerettet und ihn zu einer sonntäglichen Erfrischung für Leib und Seele gemacht. Es gab auf diese Weise jeden Sonntag einen Gottesdienst, der von der Kreativität seiner mitwirkenden Gemeindeglieder lebte.

Einmal im Monat gab es zusätzliche Höhepunkte mit etwas mehr Vorbereitung: Bibelsonntag (mit Bibelquiz) im Januar, Krabbelgottesdienst für junge Eltern, Tauferinnerungsgottesdoenst, Ökumenischer Gottesdienst mit kleinem Fest, Osternachtgottesdienst mit Osterfeuer, Vorstellungsgottesdienst nur von Konfis gestaltet, Gemeindefest im Grünen mit Familiengottesdienst und Spiel ohne Grenzen, Erntedankfest mit Verkauf der gespendeten Gaben etc. Wie arm wäre das alles ohne unsere Kirchenband KOINONIA gewesen?

Jede Gemeinde hat drei oder vier junge oder jung gebliebene Musiker, die bereit sind, mit Rock-Pop, Liedermachermusik oder Lobpreisliedern den Gottesdienst zu bereichern, man muss ihnen nur das Vertrauen schenken, dass sie wichtig für die Zukunft der Kirche sind. Wer etwas wagt, gewinnt Erstaunliches. Es muss auch nicht jeden Sonntag der Superevent stattfinden, aber Freude muss rüberkommen, und ich muss am Ende sagen können: „Genau meine Musik!“

Die Rettung von Agende 1 ist ihre Transformation in eine neue Qualität, die sich laufend verbessern oder verändern kann. Kultur ist immer im Fluss und wir sind mit dem, was wir sprachlich, musikalisch und darstellerisch im Gottesdienst tun ein Teil dieser Kultur. Sind wir dran an den Menschen der Zeit oder bewegen wir uns wie Schlafwandler in der Vergangenheit?

Das Gerüst von Agende 1 durchzieht den Gottesdienst seit 2000 Jahren, es gibt Elemente, die sich einfach nicht ersetzen lassen, wenn Gottesdienst Gottesdienst bleiben soll.
In meiner Jugend (das waren die wilden Sechziger) dachte ich immer, im Abschaffen und Streichen von alten Zöpfen läge das Heil eines neuen Weges. Später entdeckte ich, dass man dem vergehenden Alten, etwas erfrischend Neues entgegensetzen muss. Meine Senioren in der Gemeinde lernten mit mir die neuen Lieder mit Gitarrenbegleitung und hatten plötzlich ihre Angst vor dem „neumodischen Kram“ verloren. Im Gegenteil, sie fanden die Lieder schön, so erlebe ich es auch heute bei Gottesdienstvertretungen: „Ach, Sie mit den schönen Liedern sind wieder da.“

Was ich sagen will, sind wir doch einfach mutiger mit den Veränderungen, wir rennen auch in der sogenannten Kerngemeinde offene Türen ein. Die heute 60-jährigen (zu denen ich schließlich auch gehöre) sind mit den Beatles, den Stones, mit Soul und Reggae aufgewachsen. Warum also die Angst vor einer kulturrelevanten Mainstreammusik? Einer Musik mit christlichen Texten, die Menschen von heute geschrieben haben und die unsere Gottesdienstbesucher auch verstehen können, ohne im Lexikon nachzuschlagen. Natürlich weiß ich, dass Paul Gerhardt einer der größten Dichter deutscher Sprache ist. Seine durch den Dreißigjährigen Krieg geprägten tiefgründigen Lieder haben viele Menschen getröstet. Was wir heute brauchen ist aber keine Paul-Gerhardt-Renaisance, sondern Menschen, die in zeitgerechter Sprache die Gute Nachricht in Worte fassen. Lasst uns neue Lieder schreiben, statt über schlechte Texte zu jammern. Jede Zeit hat kreative Christen, die uns bereichern können mit ihrem Können. Heute gibt es in der weltweiten Christenheit gutes Liedgut im Überfluss! Deshalb plädiere ich für eine radikale Lösung von den überholten Musikformaten. Agende 1 wird nicht durch etwas Rumbasteln überleben, sondern nur mit einer Radikalkur. Dabei ist es eigentlich egal, welche lokalen Vorlieben für ein modernes Musikformat zielführend sind, ob Gospel, Pop, Liedermacher, Balladen oder ...entscheidend ist, was kann zu einer gemeinsamen Mitte der 20-40jährigen werden, die Jüngeren und die Älteren sind dann auch dabei. Das macht echte Zielgruppengottesdienste mit stärker eingegrenzter Musik und einem eigenen Sprachstil für Jugendliche, Kinder und Senioren usw. nicht überflüssig. Hier sollten die „Zielgruppen“ stärker selbst zu handelnden Personen im Gottesdienst werden. Nicht für die Zielgruppe, sondern mit der Zielgruppe sollten wir Gottesdienste vorbereiten und feiern. In einem Jahrgang von Silbernen Konfirmandenjubilaren hatte ich Mitglieder einer Dorfband, die bei Festen aufspielten. Ich habe sie damals beim Vorbereitungstreffen ermutigt, mit unserem Organisten und mir eine Spontanband zu bilden. Es war ein super Konfirmationsjubiläumsgottesdienst. Nicht nur den Musikern machte es Freude, sondern der ganzen Gruppe bis hin zu den Diamantenen Konfirmanden. Und aus dieser Aktion wurde schließlich bei den gerade Konfirmierten die Idee geboren, selbst eine Band zu gründen.
Diese Form der Partizipation (ich komme gern auf die entscheidenden Stichworte zurück) war ein authentisches Priestertum aller Gläubigen und auch solcher, die noch auf dem Weg sind! Liebe öffnet die Arme für die Noch-nicht-Kinder des Vaters.

Als junger Pfarrer hatte ich einen guten Kontakt zu einer ehemaligen Kirchenvorsteherin, die zudem eine regelmäßige Gottesdienstbesucherin war. In meinem zweiten Jahr in der Gemeinde sagte sie zu mir: „Herr Pfarrer, Sie sind für die zu schnell, die kommen nicht mit.“ - „OK“, sagte ich, „ab jetzt geht es langsamer, aber es geht nicht mehr zurück.“

Nun, es kam ganz anders, nachdem sich immer mehr Menschen für den neuen Weg der Gottesdienstgestaltung begeisterten, ging alles noch viel schneller. Welche Konzepte auf diesem Weg helfen, werde ich nun weiter entfalten. Bringen Sie etwas Geduld mit, es geht eins nach dem anderen. Bevor Sie anfangen, möchte ich Ihnen etwas Know-how auf den Weg geben. Wenn Sie nicht gerade Spezialisten für Kommunikation in der Gemeinde haben, wird das für Sie sehr hilfreich sein. Es sind die gesammelten und gebündelten Erfahrungen einer vierzigjährigen Arbeit an neuen Gottesdienstkonzepten.

copyright Christian Trebing

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