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Jetzt müssen wir die Grundfragen stellen

Ich habe versucht, die Rahmenbedingungen für den Gottesdienst in unserer postmodernen Gesellschaft auszuloten und Sie zu überzeugen, dass wir nicht ein bisschen Anpassung und Veränderung brauchen, sondern einen radikalen Neuanfang wagen müssen. Ich weiß, das löst bei vielen Mitchristinnen und Mitchristen Angst aus, Liebgewordenes zu verlieren und nicht zu wissen, was kommt. Auf dieser Angst kochen so viele Traditionalisten in den Kirchen ihre Suppe. Sie suggerieren Ihnen, dass dies und jenes nicht geht, dass es gegen das Bekenntnis ist oder kein Niveau hat. (Übrigens eine eigenartige Allianz, die sich da gebildet hat!) Zu viel Gefühl, zu viel Emotion, oberflächliche Texte und dünne Melodien. Sie werden Ihnen alles entgegen halten, was das Repertoire rückwärtsgewandter Ideologie zu bieten hat. Sie werden den Machtverlust fürchten und Verantwortung nicht teilen wollen. Aber all das hat keine Bedeutung für Sie, Sie müssen mit Ihrem Team den Weg gemeinsam gehen und Sie werden eine Begeisterung entfachen, die alle Argumente hinwegspült. Denn es geht den Menschen, die blockieren, gar nicht um ihre Argumente, sondern um ihre eigene Person, die sich vor Veränderung fürchtet. Manchmal ist es die Angst, selbst zu seinem Glauben stehen zu müssen, manchmal die Angst vor anderen Frömmigkeitsstilen, die man dann gern als für unsere Gemeinde unpassend denunziert. Auf dem Markt dieser Angstgefühle gibt es alles zu kaufen. Verlieren Sie keine Zeit mit diesen Nachhutgefechten. Das kostet Sie und Ihr Team zu viel Kraft und diese Kraft brauchen Sie für die Erneuerung Ihrer Gemeinde. Da ist sie besser angelegt und bringt mehr Segen.

Stellen Sie sich also mit Ihrem Team der entscheidenden Frage: Was ist zu tun, damit unsere Kirchengemeinde zukunftsfähig und für die Menschen unseres Ortes kulturrelevant wird? Oder anders gewendet, was müssen wir ändern, damit unser Gottesdienst wirklich die Freude des Evangeliums ausdrückt und die Menschen anzieht, weil sie Gottes Nähe erfahren, von seinem Wort berührt werden?

Es helfen Ihnen dabei auch folgende ganz praktischen Grundfragen, die Ihnen zunächst einmal oberflächlich und unpassend erscheinen können. Das macht nichts, lassen Sie sich mit Ihrer Gottesdienstgruppe auf diesen Weg des Nachdenkens und Sammelns ein:

1.     Welchen Sender hört die Mehrzahl der Menschen bei uns?
    (Solche Umfragen machen die Jugendlichen gern!)

2.     Wieviele Taufen, Trauungen haben wir im Jahr? Wieviele Kinder lassen sich konfirmieren oder gehen zur Erstkommunion?
    (Die Zahlen gibt es im Pfarramt.)

3.     Gibt es Menschen, die Musikinstrumente spielen und ihre Talente bisher nur im Verborgenen oder auch beruflich ausüben? Oder gibt es schon eine Band? Gibt es einen aufgeschlossenen Kirchenmusiker/in, der keine Angst vor Popularmusik hat?

4.     Gibt es (junge) Leute, die sich mit Videoclips, Internet, Beschallung und Beleuchtung auskennen oder bereit sind, etwas aus diesen Gebieten zu lernen?

5.     Kennen Sie Menschen, die gern Theater spielen oder gut sprechen können?

6.     Haben Sie Grafiker, Journalisten, Drucker etc. in der Gemeinde?

7.     Gibt es Menschen, die gut mit Kindern und Jugendlichen umgehen können, die sensibel sind für die zukünftige Generation Ihrer Kirchengemeinde?

8.     Wie sieht die momentane Altersstruktur unserer Gottesdienstbesucherinnen und -besucher aus?

9.     Welche festen Gruppen gibt es in der Gemeinde, wie können sie in ein neues Gottesdienstkonzept integriert werden?

10. Welche diakonischen Einrichtungen und Initiativen gibt es in unserer Gemeinde? Wie können wir sie mit unserem Anliegen vernetzen?

11.     Sie werden weitere Aufgaben finden, die das Bild Ihrer Gemeinde vervollständigen. Machen Sie einfach ein Brainstorming (darüber später mehr), um das Bild Ihrer Kirchengemeinde abzurunden.
Am Ende dieses Prozesses werden Sie viel über Ihre Gemeinde wissen. Das wird Ihnen helfen, Ihr weiteres Vorgehen abzustimmen.

Von der Gesamtanalyse der Kirchengemeinden in Deutschland gebe ich Ihnen nun eine Überlegung mit auf den Weg, die Sie beherzigen sollten. Es ist mein Vorschlag für den zweiten Abschnitt Ihrer Arbeit. Er fokussiert noch einmal unseren Blick auf die wichtigste Zielgruppe für die Zukunft:

Wir sollten die 20-40-jährigen für die Kirche/
den Glauben an Jesus Christus gewinnen

A. Diese Zielgruppe kann, von Ihrer Altersstruktur her, die Zukunft der Kirche gestalten. Sie haben jetzt durch die Kasualien Kontakt zur Kirche: Hochzeit, Taufe, Konfirmation oder Kommunion etc. Andere Veranstaltungen kommen dazu: Jubiläen, Gemeindefeste etc.

B. Wie begleiten wir diese Zielgruppe (die aus vielen verschiedenen Milieus kommt) durch diese Zeit der Nähe zur Kirche. Welche Möglichkeiten der aktiven Mitarbeit eröffnen sich für diese Menschen, die noch etwas von ihrer Kirche erwarten?

C. Gehen wir noch einen Schritt weiter: Welche kreativen Fähigkeiten, welche Talente vom Fundraising bis zum Bass spielen würden Sie bei Nachfrage in die Gemeinde einbringen können, wenn man Sie nur ließe?

D. Wenn wir die Lebenswirklichkeit dieser Zielgruppe ernst nehmen, wie muss dann der Gottesdienst als Zentrum unserer gemeindlichen Arbeit verändert werden? Welche Kulturrelevanz haben wir als Kirche, um dieser Generation eine Heimat zu geben? Welche Musik hören sie? Wie kommunizieren sie in ihren Netzwerken? Wie informieren wir sie über unsere Veranstaltungen?

Jetzt denken Sie noch einmal darüber nach, warum ich aus gutem Grund behaupte, dass die Musik der Schlüssel für die Veränderung zu einer kulturrelevanten Kirche ist.
Natürlich spielen auch die Sprache der Verkündigung, der Kirchenraum, die Möglichkeiten gemeinsamen Essens, die gute Begrüßung, das lebendige Gestalten des Ablaufs, die Art wie wir beten und vor allem, ob wir damit rechnen, dass der Heilige Geist Neues bewirken kann, eine Rolle. Aber die „passende“ Musik ist der entscheidende Schlüssel zum Herzen der Menschen. Nichts spricht so stark die Beziehungsebene an, wie die Musik. Wenn sie stimmt, haben Sie schon viele Hindernisse aus dem Weg geräumt. Deshalb müssen Sie sich radikal fragen, wollen wir den Menschen einen Zugang zu alten Kirchenliedern geben und vergangene liturgische Stücke einfach wiederholen oder wollen wir dem Evangelium die Chance geben, Menschen glücklich zu machen. Auch wenn Sie bisher dachten, dass man das irgendwie schaffen könne, beides miteinander zu verbinden, glauben Sie mir, das endet in einer musealen Betreuungskirche, die keinen Zugang mehr zur Gegenwart hat. Je früher Sie von diesem Weg umkehren zu einer auf Zukunft angelegten Gemeindearbeit, je besser für Ihre Ortsgemeinde. Wir sind hier am Knackpunkt, faule Kompromisse haben keinen Bestand, wenn Sie wirkliche Veränderung wollen. Aber natürlich können Sie sich auch außerhalb der normalen Gottesdienststruktur ein „Gärtchen“ anlegen, das ein zartes Pflänzchen der Erneuerung blühen lässt. Das kann ein erster Schritt sein, aber machen Sie schnell die nächsten Schritte, sonst bleibt alles beim Alten. Die neuen Lieder, die neue Liturgie, sie muss in den Gottesdienstalltag, das neue Denken der Beteiligung, das geistliche und leibliche sich Sorgen um die Menschen Ihrer Gemeinde muss in einer aktiven Gottesdienstgruppe zum Ausdruck kommen. Das ist der Weg in die Zukunft.

Fragen wir noch einmal ganz praktisch: Wie sollten „Neue Lieder“ aussehen? Ich denke, man sollte sie relativ schnell lernen können, d.h. sie dürfen nicht zu kompliziert in Text und Komposition sein „Etwas salopp: dass man das Lied also einfach benutzen kann. Dass es gemeindetauglich ist, was immer das im Einzelfall heißt; aber dass Lieder von Menschen gemeinsam gesungen werden können.“ So noch einmal Thomas Laubach und er fährt fort: „Ganz knapp: Ich habe versucht, Lieder zu schreiben, die fürs Gesangbuch taugen. Und da sehe ich das NGL ganz klar in der Tradition Martin Luthers und vieler anderer Gesangbuchautoren.“ (Liederzünden!, S. 158)
Bei meinen Vertretungsgottesdiensten in anderen Kirchengemeinden (mit der Kirchenband KOINONIA) habe ich am Ausgang von alten Menschen oft einen Satz mit Ausrufezeichen und eine Frage gehört: „Das war der schönste Gottesdienst in meinem Leben!“ und „Wann kommt ihr wieder?“ - Ich sage deutlich, wir haben da nichts Besonderes gemacht, keinen Event veranstaltet, es waren alles Elemente, die man leicht vorbereiten kann und die Kirchenband hat es auch zu keinem Plattenvertrag geschafft. Es waren einfach junge Menschen, die dem Gottesdienst in ihrer Sprache und Musik ein anderes Gesicht gaben. Das führt uns zur nächsten Frage, die besonders uns evangelisch-landeskirchlichen Epigonen am Herzen liegt:

(weiter im nächsten Kapitel)

copyright Christian Trebing

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