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Kreative Konzepte

Ich stelle Ihnen hier „kreative Konzepte“ vor. Bewusst habe ich den Konzeptbegriff (und nicht den Modellbegriff) gewählt, weil er sich als gestaltete Einheit von Inhalt und Form, von Bedeutung und Wirkung definiert. Das passt für die Vermittlung des Evangeliums ganz gut.

Der Modellbegriff ist aus den Naturwissenschaften entlehnt und drückt nur unzureichend aus, um was es in der Gottesdienstpraxis geht. Modelle sind gedankliche Idealmuster bzw. Abstraktionen, die zur Vervielfältigung dienen. Man macht ein Modell, um es in Serie zu produzieren. Gottesdienste sind geschichtliche Ereignisse und können nicht in Serie hergestellt werden. Der Modellbegriff ist also für die Gemeindearbeit ungeeignet, er ist zu statisch, er betont zu sehr die Außenseite, wir wollen aber die Innenseite des Problems kennenlernen und es zu einer sich immer wieder wandelnden Lösung führen. Denn das Kirchenjahr ist nicht gleich, es hat viele verschiedene Aspekte und deshalb sind ganz unterschiedliche Konzepte nötig. Sie geben uns aber auch ein Fülle neuer Gestaltungsmöglichkeiten, laut und leise, fröhlich und besinnlich, wir können das Leben in seiner ganzen Breite in den Gottesdienst lassen.

Der Konzeptbegriff reduziert die Gestaltung nicht nur auf die formale Seite und überwindet darin die unselige Trennung von Inhalt und Form. Kreative Konzepte bedeuten für die Gottesdienstpraxis: kreative Vorbereitung und kreative Gestaltung. Dabei führt die Praxis der Vorbereitung zur Praxis des Gottesdienstvollzugs und zur Praxis der Lebenswirklichkeit. Es gibt kein Idealbild des Gottesdienstes, kein Theoriemodell, nach dem sich die Praxis zu richten hat. Wir haben eine unglaubliche Freiheit, unser Mensch- und Christsein in den Gottesdienst einzubringen.

Warum stelle ich das so heraus?, werden Sie sich vielleicht fragen. Es geht hier nicht um bloße Begriffe, sondern um Klärungen, die uns für die Zusammenarbeit in einem Gottesdienst-Team helfen sollen. Was ich in den folgenden Abschnitten entfalten werde, muss nicht jeder im Team lernen, um mitarbeiten zu können, aber ein paar Leute sollten es verstehen, verdauen und dann aus dem Bauch heraus anwenden. Vielleicht konzentrieren sich unterschiedliche Leute auf die verschiedenen Phasen der Gottesdienstvorbereitung.

Es kommt auch nicht darauf an, ein bestimmtes Programm abzuarbeiten. Aber die Qualität ihrer Gottesdienste wird wachsen, wenn Sie etwas von den Kommunikationsbedingungen verstehen. Dieses Wissen wird Ihnen als Lehrer, Jugendleiterin oder Erzieher, als Ausbilder oder Fortbilder weiterhelfen. Natürlich ist es hilfreich, wenn Sie dieses Konzept einmal mit der Gruppe an einem Wochenendseminar durchsprechen und dann für Ihre Gemeinde konkretisieren. Sie vermeiden damit eine Menge Fehler und die Arbeit mit dem Team wird Ihnen mehr Spaß machen. Sie werden merken, unsere Arbeit gelingt besser, wenn wir bestimmte Kommunikationsfaktoren ernst nehmen. Ich habe mich bemüht, so wenig Fachbegriffe zu benutzen wie möglich, aber manchmal musste ich einfach die entscheidenden Stichworte nennen. Sie sind immer so erklärt, dass man/frau sie verstehen kann.

„Kreative Konzepte“, dahinter verbergen sich Erfahrungen und Reflexionen meiner jahrzehntelangen Gottesdienstpraxis. Die beiden Begriffe sind bewusst so zusammengestellt, um den Ansatz dieses Konzepts deutlich zu machen. Kreativität hat als Begriff (wie alle neudeutschen Wörter) zunächst einmal den Hang zum Schlagwort zu geraten. Wenn ich dieses Fremdwort trotzdem gebrauche, so deshalb, weil das Wortpaar „schöpferische Gestaltung“ zu sehr an die künstlerischen Tätigkeiten erinnert. Kreativität gibt es aber in jeder Lebenssituation. Manche denken, Kreativität sei nur Wenigen gegeben. Doch dahinter verbirgt sich nach Meinung der Forscher  nur ein Hang zur Bequemlichkeit, der bei vielen das Kreative verdrängt. Kreativität bedeutet natürlich ein Wagnis: alles Neue ist ungewiss, ist nicht konform. „Es bedarf der inneren Freiheit des Individuums und der Geborgenheit in seiner Umgebung, um aus dem sicheren, vertrauten Kreis in Unbekanntes vorzustoßen. Wenn wir also nicht kreativ sein können, fehlt es uns entweder an Wissen, an innerer Freiheit oder an der Sicherheit der äußeren Verhältnisse.“ (Landau, Psychologie, S.6)
Kreativität ist aber auch eine „missionarische Tugend“ und insofern steht sie Theologen gut zu Gesicht. Vielseitiger Denken - einfallsreicher predigen - dieses Ziel ist nicht nur den außerordentlich Begabten in der Kirche vorbehalten. Das haben die Ergebnisse der Kreativitätspsychologie erwiesen: Jeder besitzt schöpferische Gaben, die in begrenztem Rahmen sehr wohl trainierbar sind. Es kann deshalb nie zu spät sein, ein kreativer Mensch zu werden!

Das macht auch die Reaktion auf Projekte deutlich, die im Rahmen der Auswertung der Sinus-Milieu-Studie U 27 durchgeführt wurden. „Ich habe Kirche auf eine Art und Weise kennengelernt, wie ich es nicht erwartet hätte: kreativ, offen, lebendig. Davon wünsche ich mir mehr!“ So lautet eine der Rückmeldungen auf ein saarländisches Projekt von 2007 in dessen Rahmen zwei Jugendgottesdienste gestaltet wurden. „Zwei Erkenntnisse folgen aus dieser Äußerung: Kreativität, Offenheit und Lebendigkeit werden heutzutage nicht von der Kirche erwartet. Sie spiegeln aber die Erwartungen der Jugend wider. Was spricht eigentlich dagegen, dass der christliche Glaube sich darin verkörpert? Ist das nicht eine Rückmeldung, die die Organisation Kirche konstruktiv beunruhigen müsste?“ (Bernhard Fresacher, Wie lässt sich die Jugend verstehen?, in: Christel Quiring/ Christian Heckmann, Hrsg., Graffiti, Rap und Kirchenchor, Jugendpastorale Herausforderungen der Sinus-Milieu-Studie U 27, S. 63.)

Kreativität wird allgemein verstanden als die Fähigkeit des Menschen, Denkergebnisse beliebiger Art hervorzubringen, die im wesentlichen neu sind und demjenigen, der sie hervorgebracht hat, vorher unbekannt waren. Eine kreative Tätigkeit muss absichtlich und zielgerichtet sein, darf nicht nutzlos und phantastisch sein. Ich selbst gehe in diesem Buch noch weit über diesen Ansatz hinaus und beziehe in mein Konzept nicht nur die gedanklichen, sondern alle leibhaftigen Fähigkeiten ein. Es gibt auch eine emotionale, eine spirituelle, eine spielerische, eine musikalische und eine malerische Kreativität, die nicht erst durch den Filter der Rationalität existiert. Und ich muss sagen, diese letzteren Fähigkeiten halte ich für den Gottesdienst für noch wichtiger.

Kreative Konzepte sind also durch kreativitätsfördernde Prozesse entwickelte Konzepte, die Form und Inhalt (hier des Evangeliums) möglichst in neuen Kontexten und auf neue Art vermitteln. Das Evangelium muss meines Erachtens immer wieder als das Überraschende, das Neue zu den Menschen kommen. Wo es zur abgegriffenen Münze, zum sterilen Ritual wird, bringt es keine Veränderung. Weder beim Menschen noch in seinen Verhältnissen.

Kreative Konzepte in der Gottesdienstpraxis
• zeigen neue Zusammenhänge in der Gestaltung auf,
• verändern bestehende Normen sinnvoll,
• setzen schöpferische Planungs- und Gestaltungsprozesse in Gang.

Wesentlich für das Gelingen kreativer Konzepte sind folgende Bedingungen:
Kreative Persönlichkeiten arbeiten in einer Kreativ-Gruppe (im Unterschied zu autoritären oder destruktiven Gruppen), die sich durch ein hohes Maß an Integration definiert. Der kreative Prozess läuft offen und frei. Konflikte, Egoismen, Stress und Über-Information dürfen den Prozess nicht behindern, werden bei einigen Phasen des Prozesses sogar methodisch ausgeklammert. Nur wenn es wirklich Freiheit für neue Vorschläge und Beiträge gibt, kann sich Spontaneität entwickeln. Wichtig ist dabei immer, dass nach dem Prinzip der verzögerten Bewertung gearbeitet wird. Natürlich müssen irgendwann die Ideen bewertet werden, sonst kommt man auch in der Gottesdienstvorbereitung nicht zu Ergebnissen. Das sollte aber auf keinen Fall in der Ideen-Findungs-Phase geschehen. Während dieser Phase ist es völlig egal, ob die Ideen praktikabel oder utopisch sind, selbst kuriose Vorschläge können später so modifiziert werden, dass sie wertvoll und einsetzbar sind. Ein Flippchart hat sich für diesen Teil des Prozesses sehr bewährt.

Kreative Konzepte begreife ich also als Planungs- und Handlungsstrategien für Gestaltungsgruppen innerhalb der Gemeindearbeit. Zentrale Bedeutung hat dabei die Gottesdienstgruppe (als Kreativ-Gruppe), in der die Mitarbeiter der Ortsgemeinde und Mitglieder aus den Gemeindekreisen engagiert sind.

Ich glaube, dass ein solches Gottesdienst-Team die „Basisarbeit“ einer Kirchengemeinde darstellen kann. Hier sollten sich alte und junge Menschen aus verschiedenen Schichten und Milieus mit unterschiedlichen Voraussetzungen zusammenfinden, um zu entdecken, zu formulieren, zu spielen und darzustellen. Wichtig erscheint mir dabei die kreative Kombination von Verstehens- und Transfer-Prozessen, von geistlicher Sammlung im gemeinsamen Beten und Singen und von erlebter Sendung zu den Menschen. In diesem Kommunikationsprozess gibt es eine enge Beziehung zwischen Lern- und Aktionsfeld. Verschiedene Fähigkeiten werden durch die Kreativ-Methoden entdeckt, erschlossen und entwickelt.

Bei den Erwachsenen ist es zunächst schwerer, sie zur Mitarbeit am Gottesdienst zu bewegen. Nachdem ich gute Ergebnisse auf einer Gemeindefreizeit erzielt hatte, stellte ich zu Hause wieder eine gewisse Zurückhaltung fest.  Auf der Freizeit ließ sich jeder beteiligen, Omas und Opas spielten locker mit, lagen auf dem Boden, ließen sich als „Gelähmte“ durch den Raum tragen usw. In der eigenen Gemeinde („vor allen Leuten“) war die Bereitschaft nicht so groß, bei manchen sogar völlig verschwunden. Diesen Unterschied zwischen „Freizeit“ und „Alltag“ habe ich in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen und jungen Envachsenen so in den letzten Jahren nicht mehr festgestellt. Ältere Menschen reagieren zurückhaltender aus Angst, einen Fehler zu machen oder sich zu blamieren. Ein kreatives Gottesdienst-Team baut diese Ängste aber ab und gibt den Mitarbeitern „Sicherheit im Auftritt“, eine positive Form der Routine, die notwendig ist, damit der neue Gottesdienst gelingt. Je mehr Verabredungen getroffen werden müssen, desto komplizierter wird die Gottesdienststruktur, je besser muss aber auch die Vorbereitung sein.  Ein Gottesdienst-Team kann dem Sonntagsgottesdienst neue Impulse geben und ihn so wirklich wieder in das Zentrum der Gemeindearbeit zurückholen.

In der Gottesdienstvorbereitung sollte also nach Kreativ-Konzepten gearbeitet werden, wie sie in diesem Buch entwickelt werden. Es gibt noch mehr Möglichkeiten, die „Früchte des Glaubens“ und schöpferischen Fähigkeiten des Menschen in die Gottesdienstpraxis umzusetzen, aber man muss ja irgendwo anfangen. Ich lege das Gewicht auf kreativitätsfördernde Konzepte, die die Freude des Evangeliums spielerisch vermitteln. Der Christ kann spielend bei der Sache sein, wenn Spiel und Sache des Evangeliums sachgerecht vermittelt sind.

Im Blickpunkt aller Bemühungen steht der Gottesdienst als zentrales, öffentliches Forum der Gemeinde und ihres missionarischen Auftrages. Der Gottesdienst in der postmodernen Gesellschaft soll auch in seinem Konzept dem entsprechen, was zu verkündigen ist, dem Evangelium. Die verwendete Liturgie muss immer wieder überprüft werden, ob dem Evangelium Rang und Raum eingeräumt werden, wie es ihm zukommt.

Das Evangelium bestimmt:

1. die Gottesdienststruktur,
2. die Verwendung der Zeichen (Bilder, Sprache, Gesten, Musik etc.)
3. die beteiligten Personen in ihrer Beziehung und
4. die Gestaltung des Raumes.

Das Evangelium löst einen Prozess laufender Erneuerung unseres missionarischen Handelns aus. Das Evangelium drängt nicht zuletzt auch den Prediger zur Flexibilität und Vermittlung in konkrete menschliche Situationen. „Im Familiengottesdienst werden wir Prediger genötigt, einfach zu reden.  Einfach ist nicht gleichbedeutend mit vereinfachen. Einfach reden ist das Endergebnis einer intensiven Besinnung über biblische Texte und menschliche Situationen unter Gottes Augen.  Außerdem erinnert der Familiengottesdienst uns Prediger immer wieder daran, daß wir anschaulich reden müssen. Unsere Gemeindeglieder - die Erwachsenen wie die Jugendlichen - vermögen unserer oft stark begrifflichen Sprache nur schwer zu folgen. Deshalb müssen Begriffe ersetzt werden durch Lebensvorgänge.
Im Familiengottesdienst können Erkenntnisse und Erfahrungen aus einem Leben mit Gott, die in der Gemeinde zwar vorhanden, aber meist verborgen sind, entdeckt und zur Sprache gebracht werden. Ohne Zweifel ist die Gemeinde reicher an geistlichen Einsichten und Gaben als das oft den Anschein hat.“ (Helmut Claß im Vorwort zu: Kurt Rommel, Hrsg.. Familiengottesdienste im Kirchenjahr, Band III, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Stuttgart 1983, S. 7).

Das schrieb also 1983 (!) Bischof Claß ins Vorwort eines Buches von Kurt Rommel, der sich um die Entwicklung von Familiengottesdiensten verdient gemacht hat. Lang ist’s her, aber wie wenig wurde es beherzigt! Was Bischof Claß damals für die Familiengottesdienste schrieb, gilt auch für das Konzept, was ich für den „normalen“ Sonntagsgottesdienst vertrete.

Kreative Konzepte berücksichtigen vor allem auch die emotionale Dimension der Gottesdienstgemeinschaft und eröffnen Möglichkeiten der sozialen Verhaltensänderung durch antizipatorische Spielprozesse. Gefühlsmäßige Impulse werden nach den Erkenntnissen der Forschung besser behalten, als kognitive Impulse. Anscheinend ist beim Menschen das Gedächtnis der Gefühle besser ausgeprägt als das für Gedanken.
Das Ziel kreativer Konzepte im Gottesdienst ist das Evangelium als frohmachende Botschaft den Menschen vor die Augen zu malen: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!“ Dieser Kommunikationsprozess ist von der Sache des Evangeliums her nur adäquat möglich durch Partizipation und Visualisierung.

Wir haben heute eine Vielzahl von Medien zur Verfügung, die sich im Gottesdienst einsetzen lassen. Manche Gemeinden haben schon fest installierte Beamer und eine leicht einsetzbare Projektionswand. Der Verantwortliche muss nur noch seinen Laptop anschließen oder einen Stick mit den vorbereiteten Daten mitbringen. Neben dieser medialen Kommunikation durch Videoclips oder stehende Bilder mit Musik (früher Diaprojektoren) ist aber die Visualisierung durch „lebende Personen“ ganz wichtig. Direkte Kommunikation ist immer stärker, sie gibt die Möglichkeit zur Interaktion, zum Eingehen auf die Zuhörer, sogar zur Beteiligung am Gottesdienst, die über das Mitsingen hinaus geht! Man kann das durch Theaterszenen, Anspielen oder mit Bibel-Puppen machen. Ihrer Kreativität sind nur wenige Grenzen gesetzt! Das Wort ward Fleisch und wir sahen seine Herrlichkeit (nach Johannes 1, 14).



copyright Christian Trebing

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