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Die kreative Persönlichkeit

Die Erfahrung, dass kreative Menschen bei den (in den USA beliebten) Intelligenztests durchs Raster fielen, löste schon in den fünfziger Jahren eine Lawine von Kreativitätsforschungen aus. Die kreative Persönlichkeit fragt nach dem, was noch nicht ist, aber sein könnte, sie stellt Fragen und probiert Antworten und fördert bei anderen kreatives Denken. Dazu muss sie unterschiedliche, ja widersprüchliche Zugänge zu Aufgaben akzeptieren und sogar eröffnen. Wer kann das? Wo kann das im Raum von Theologie und Kirche gelernt werden?

Eine kreative Persönlichkeit verfügt über folgende Eigenschaften:

 

A.  Sensitivität (an anderen Stellen auch Sensibilität genannt).

die Fähigkeit der gesteigerten Wahrnehmung (Fehler, Feinheiten, Bedürfnisse, Mängel, Probleme, Wesentliches vom Unwesentlichen unterscheiden, einfühlen können).

B.     Geläufigkeit (fluency),
die Fähigkeit, sich in Worten, Ideen, Assoziationen, Sätzen und Ausdrücken zu erinnern.

C.     Flexibilität,
die Fähigkeit, gespeicherte Informationen neu zu kombinieren, d.h. sich in neuen Situationen schnell zurechtzufinden und zwar einerseits spontan, andererseits auch adaptiv.

D.     Originalität,
die Fähigkeit, Dinge anders zu sehen, sie zu „verfremden” (um Brechts Terminus aufzunehmen), umzugestalten und neu zu definieren.

E.     Elaboration,
die Fähigkeit, auf der Basis bekannter Informationen, eine neue Struktur aufzubauen, neue Vorstellungen und Pläne zu verwirklichen.


F.      Humor,
die Fähigkeit, Aktions- und Denksysteme zu verschmelzen, die vorher für unvereinbar gehalten wurden.

G.      Konflikttoleranz,
die Fähigkeit, den Mechanismus von Konflikten zu durchschauen, zu benennen und zu verarbeiten.

Wenn man diese Soll-Werte so aufgelistet sieht, könnte man in Resignation verfallen. Wer ist schon so, wer kann so sein? Die Kreativitätstheoretiker haben ihre Untersuchungen  im Hinblick auf die Veränderung der Lernkonzepte vorangetrieben. In vielen Schulfächern sind  auch in der praktischen Psychologie diese Forschungen aufgenommen worden, um entsprechende Lernprozesse in Gang zu setzen. In gewisser Weise werden diese Fähigkeiten heute an jeder guten Schule gelehrt und trainiert. Sie sind zumindest in allgemeiner Ausformung gerade unter der jüngeren Lehrergeneration Grundlage der Arbeit. Die Aufgabe des Pfarrers/ der Pfarrerin in der Gemeinde muss also nicht sein, irgendwelche fiktiven „kreativen Persönlichkeiten“ zu entwickeln, sondern mit kreativen Persönlichkeiten (die überall zu finden sind!) kreative Prozesse zu planen. Die Kreativität einer Person kommt im Vollsinn erst in einer Gruppe oder Gemeinschaft zur Entfaltung, sie braucht ein personales Bezugssystem, sie braucht Partner. Wenn wir das bisher Dargestellte auf die Gemeindearbeit beziehen: Jeder Pfarrer sollte sich als „kreative Persönlichkeit“ verstehen und so kreative Prozesse in der Gemeinde ermöglichen.
Es wird zunächst wichtig sein, Flexibilität, Sensitivität und Humor zu gewinnen, andere Fähigkeiten entwickeln sich daran weiter:

A Sensitivität
Sensitivität ist nötig in Bezug auf die Situation der Gemeinde am Ort und in der jeweiligen Welt/Zeit. Nur, wer in der Lage ist, zu erfassen, was die Menschen umtreibt, wer ihre Freuden, Ängste, Sorgen und Probleme kennt und wahrnimmt, kann aktuelle und relevante Gottesdienste gestalten. Im Gottesdienst geht es Gott um den konkreten Menschen. Nur, wer den Menschen in seiner Situation sieht, kann ihn wirklich ansprechen. Es genügt nicht, biblische Texte zu interpretieren und dann mehr oder weniger unkontrolliert und ungezielt auf die Leute loszulassen, sie müssen „vermittelt“ werden.
Unter kommunikationstheoretischen Gesichtspunkten ist ein Verzicht auf die Reflexion der Situation des Menschen in seiner Lebenswelt, seinem Millieu unmöglich. Damit würde die Kommunikation des Evangeliums vom Prediger/von der Predigerin systematisch behindert oder verhindert (Vgl. meine Ausführungen zum „Vermittlungsproblem“).

B Geläufigkeit
Hierunter versteht man (zur Erinnerung) die Gesamtzahl der Ideen, die von einer Person (Gruppe) in einem vorgegebenen Zeitraum „flüssig“ (fluency lässt sich auch mit „Flüssigkeit“ übersetzen) gemacht werden können. Gefragt ist ein assoziatives Denken und Erinnern. Was steht uns an Ideen und Einfällen spontan zur Verfügung, wird durch die Arbeit in der Gruppe geweckt? Einfälle zum Text, Parallelen, Verständniszusammenhänge, Auslegungen, Gestaltungsideen, Sprechideen. Hier zeigt sich, was wir wirklich wissen und „abrufbereit“ haben und was theologisch unverarbeitet „abgelegt“ wurde und nicht mehr zum Vorschein kommt. Im Gottesdienst-Team spielt diese Fähigkeit z.B. im Brainstorming eine wesentliche Rolle. Kreativität muss immer in Bezug auf konkrete Aufgaben verstanden werden, deshalb kommt es darauf an, „flüssig“ in Bezug auf Bibeltexte zu sein. Aber eben auch Assoziationen im Bezugsfeld Botschaft und Situation zu haben. Hier helfen gerade die Ideen von Nichttheologen, Blockierungen und Missverständnisse zu erkennen, umgangssprachliche Formulierungen zu finden etc.

C Flexibilität
Flexibilität ist (nach meinen bisherigen Erfahrungen) innerhalb der Kirche eine relativ vernachlässigte Fähigkeit. In einer „verbeamteten“ Kirche kein Wunder. Aber ein Lamento hilft uns nichts, das Beharrungsvermögen muss überwunden werden! Die Kirche, ihre Mitarbeiter und örtlichen Verantwortungsträger müssen in einer Zeit wachsenden Umbruchs auf allen Gebieten der Gesellschaft flexibel sein, immer wieder auf neue Situationen sich einstellen und sich zurechtfinden: An einem Ort entsteht ein Neubaugebiet, gegenwärtig sind durch Strukturkrisen ganze Wirtschaftszweige bedroht, ein Werk wird stillgelegt, eine ganze Gemeinde ist durch Massenarbeitslosigkeit mitbetroffen. Es gibt viele Herausforderungen, die flexible Problemlösungen erfordern. Ein flexibles Gottesdienst-Team stellt sich darauf ein, ja es nimmt solche Prozesse in der Gesellschaft zu allererst wahr und verarbeitet sie in der Gestaltung des Gottesdienstes und der Gemeindearbeit. Flexibilität bedeutet aber auch, Ideen der Bibelauslegung und Verkündigung neu zu kombinieren, Botschaft und Situation auf andere Art und Weise zu verknüpfen.

D Originalität
Der Fantasie sind in der Gottesdienstvorbereitungsarbeit (fast) keine Grenzen gesetzt! Die Einzigartigkeit von Assoziationen und Ideen hält den Gottesdienst lebendig. Das Evangelium will ja immer wieder neu gehört werden, neue Einsichten vermitteln und nicht alte Hüte. Ein origineller Mensch sieht Dinge anders, als andere Menschen es tun. Er ist deshalb auch bereit, Dinge - herausgenommen aus ihrem gewöhnlichen Zusammenhang - an- und aufzunehmen.
Das betrifft Formen und Inhalte, nicht jedes Thema kommt zu jeder Zeit an und ist, immer angebracht. Originell bedeutet, zur richtigen Zeit das Passende zu bringen, damit sich ein „Aha-Effekt einstellt. Das Passende kann aber eben auch eine Verfremdung sein, die hergebrachte Seh- oder Hörgewohnheiten auflöst und die Chance einer Neubesinnung in sich birgt. Das Kirchenjahr bietet jede Menge Gelegenheit für originelle Ideen, viele Bibeltexte fordern sie geradezu heraus.
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Die Geschichte vom verlorenen Sohn kennt jedes Kind. Aber sie wird meist verkürzt erzählt, schließlich geht es um zwei verlorene Söhne. Deshalb wähle ich als Texteinstieg für ein Rollenspiel Vers 25 f (Lukas 15) und lasse die Gruppe spielen, d.h. hier, tanzen und singen.
„Aber der ältere Sohn war auf dem Feld. Und als er nahe zum Hause kam, hörte er das Singen und sah den Tanz. Da rief er einen Knecht und fragte, was da los wäre.“
Einige tanzen einen Reigen und singen dabei das (passende) Lied.(Die Auswahl ist groß!) Dann treten die beiden Personen auf, Knecht und älterer Sohn und erzählen das Gleichnis „von hinten”. Das geht mit umgangssprachlicher Färbung und „Luthers Deutsch“ ist dabei schnell vergessen.
Originalität bedeutet aber nicht, irgendwelchen „Schwachsinn” zu produzieren, nur damit Aktionen im Gottesdienst ablaufen. Originell ist letztlich nur, was in Beziehung zum bezogenen Gegenstand einen wirklichen Vermittlungsprozess leistet.  Es kommt auf die Fähigkeit der Umgestaltung und Neudefinition an, also auf die Einleitung von Transformationsprozessen. Dazu verwenden wir dann wiederum kreative Methoden der Visualisierung. Originalität kann sich natürlich nur dann entwickeln, wenn entsprechende Kenntnisse über Transformationsprozesse z.B. in darstellendem Spiel etc. vorhanden sind. Suchen Sie also die Talente in Ihrer Gemeinde. Meine Erfahrung ist, es gibt sehr viele Talente bei Menschen, denen man das gar nicht zugetraut hätte! Ja, ich wiederhole mich!

E Elaboration
Kreativität kann nur auf der Basis vorhandener Informationen zum „Blühen“ kommen. Kinder gestalten ihre Wahrnehmungen durch Malen und Spielen. Sie beobachten genau und gestalten ihre Erfahrungen, aber sie bleiben meist im Rahmen dessen, was sie gesehen und gehört haben.
Die Eigenschaft der Elaboration bedeutet nun, die Fähigkeit zur Gestaltung neuer Strukturen zu entwickeln. In unserem Fall, mit den vorhandenen Möglichkeiten der Agenden, neue Gottesdienstpläne zu formulieren. Die Freiräume zur Partizipation der Gemeinde und zur Visualisierung des Evangeliums werden ausgenutzt. Es werden für Familien- und Jugendgottesdienste neue Gottesdienststrukturen geschaffen. Gottesdienst wird nicht „erlitten“, sondern konkret geplant, der Gottesdienst wird als gemeindliche Gestaltungsaufgabe, nicht als „Widerfahrnis“ verstanden. Es wird ein neues, sich immer wieder erneuerndes Sonntags-Gottesdienst-Konzept entwickelt, das sich leicht umsetzen lässt. Im Zeitalter der E-Mails ist der Austausch von Texten und Informationen, von Gottesdienstplänen etc. kein Problem mehr.
Kreativität bedeutet eben nicht, Strukturen abschaffen, sondern neue Strukturen, die dem Evangelium und seiner Vermittlung adäquat sind, zu schaffen (creare!). Die Kraft zur Veränderung auf der Basis des Vertrauten, darin verbirgt sich die Dynamik kreativer Konzepte.
F Humor
Mit dem Humor ist es in der Kirche eine ”traurige Sache“.  Vor einigen Jahren entwickelte ich ein Plakat mit dem Text: „Sind Christen humorlos?“ Die Reaktion bei vielen Gruppen war eindeutig: Sie ging von „es scheint so“ bis „ja, leider“. Aber Humorlosigkeit ist eine lieb-lose und unchristliche Tugend. Doch vielleicht gilt bei uns immer noch für den Gottesdienst, dass Humor und Lachen ungeziemend, unstatthaft und geschmacklos seien. Ein Gottesdienst sei eine viel zu ernste Sache, als dass sie zu solchen Mitteln greifen könne.
Es geht in diesem Zusammenhang nicht um Spott, böse Ironie, vordergründige Lustigkeit o.ä., sondern um die Fähigkeit des Menschen, Heiterkeit und Freude bei anderen Menschen auszulösen. „Der Humor Iäßt sich, wie die Kreativität auch, nicht herbeizwingen oder herbeibefehlen, er ist keine jederzeit verfügbare Größe, sondern die Frucht eines glücklichen Augenblicks, die Kristallisation einer guten Atmosphäre, das Geschenk schöpferischer Freiheit; er ist Ausdruck und zugleich Wirkung: Er vermag Spannungen abzubauen, Konflikte zu lösen und Disharmonien aus dem Weg zu räumen. Der grundsätzlich humorlose Mensch ist auch der Kreativität nicht fähig.“ (Heinelt, Kreative Lehrer, S.153)
Humor macht den Gottesdienst menschlich und das Evangelium kommunikativ. Freude kann auch in Trauer durchgehalten werden, aber sie entsteht nicht in Traurigkeit oder Verzweiflung. Nicht die Negation führt zur Erkenntnis der Position. Die „Position“ des Evangeliums wird vielmehr nur an der Freude des Evangelium vermittelt.

Für das Fachpublikum: Diesen Versuch, auf dem Wege der Negation zur Position zu kommen und zwar in einem unendlichen Prozeß der Reflexion, verstehe ich als „negative Dialektik“. Indem Probleme ausgesprochen werden, wird ihre Lösung eingeleitet.  Dieser dialektische Versuch der Problemlösung im Anschluß an Hegels Terminologie blendet aus, dass gerade das Evangelium als „äußeres“, „zusagendes“ Wort, als Sprachhandlung der Befreiung durch „Position“ den Menschen verändert. Im unendlichen Rückzug auf seine Probleme bleibt der Mensch immer bei sich selbst.

Pfarrer und Mitarbeiter dürfen auch im Gottesdienst ihren Humor in Worten und Gesten ausdrücken. Das nimmt dem Gottesdienst die distanzierte „Feierlichkeit“ und gibt ihm eine spontane „Festlichkeit“.
G Konflikttoleranz
Diese Eigenschaft ist für eine „kreative Persönlichkeit“ wesentlich wenn man den individual-psychologischen Ansatz der Kreativitätsforschungen verlässt und die Gruppe einbezieht. Gerade Gruppen haben sich als äußerst „kreativ“ erwiesen“. Die Gruppe verfügt nicht per se über einen Leistungsvorteil. Anzustreben sind Gruppen, die über theoretische und methodische Kenntnisse aus dem Bereich der Kreativität verfügen und dadurch eine erhöhte Konflikttoleranz entwickeln. Sie ist nötig in der Arbeit einer Gruppe, aber auch in der Arbeit des Pfarrers/der Pfarrerin mit verschiedenen Kreisen in der Gemeinde, die vielleicht eigenständige Beiträge für die Gottesdienstgestaltung liefern. Auf dieser Ebene der Zusammenarbeit werden in den Kirchengemeinden (oft aus Unachtsamkeit oder auch theologischer Arroganz) viele Fehler gemacht, Konflikte nicht, „gelöst“, sondern durch Verdrängung „beseitigt“. Kreativität bedeutet hier, Konflikte aushalten und verarbeiten, ohne die Persönlichkeit der Betroffenen zu verletzten.

Es gilt nun, diese Fähigkeit bei sich selbst zu entdecken, zu entwickeln, neu zu lernen und in den kreativen Prozess einzubringen. Die „kreative Persönlichkeit“ soll nicht zum „Genie“ alten Stils gestempelt werden. Es geht um ein Beschreibungsmodell, das uns hilft, neue Konzepte zu erarbeiten. Sonst bleibt Kreativität ein Schlagwort, eingehülIt von der Aura des Besonderen. Je präziser wir die Bedingungsfaktoren der Kreativität benennen können, je einfacher ist der Einstieg in kreative Prozesse zu finden. Sie können sich die Teilaspekte z.B. in Ihren Treffen nacheinander vornehmen und sich dafür eine halbe Stunde Zeit nehmen, um sie zu erarbeiten. Das hilft enorm weiter!



copyright Christian Trebing

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