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Der kreative Prozess

Wem eine Aufgabe gestellt wird, der kann sie am einfachsten lösen, wenn er den Weg zur Lösung kennt. Auf diese Weise lassen sich nicht alle Aufgaben und Probleme lösen, manche entziehen sich eben diesem Vorgehen. Naturwissenschaftler verfahren deshalb nach der Methode von „trial and error“. Aber wer einen guten Gottesdienst gestalten will, kann sich höchstens auf heuristische Empfehlungen stützen. So aufgefasst ist es also unser Job in der Kreativ-Gruppe eine Lösung von Aufgaben zu bewerkstelligen für deren Lösung es keine Rezepte gibt. Ihr enger Zusammenhang zum Problembereich der Kreativität ist offensichtlich.
Im kreativen Prozess unterscheidet man heute allgemein vier Phasen, die eine problemlösende Funktion haben. Diese Phasen lassen sich nicht exakt voneinander abgrenzen, so dass weitere Differenzierungen in diese Konzeption integriert werden können:

1. Präparation
(Vorbereitung, Sammlung von Informationen, Problem-Wahrnehmung)

2. Inkubation
(fertige Arbeit im Unbewußten, Problem-Formulierung in der Gruppe)

3. Illumination
(Erleuchtung, Auftauchen der Lösung, Ideen-Findung in der Gruppe)

4. Verifikation
(Prüfung und Ausarbeitung der Lösung).

Diese Phasen lassen sich durch verschiedene Methoden mit einer Gruppe durchspielen. In unserem Fall arbeiten wir also mit einem Gottesdienst-Team als einer Kreativ-Gruppe in der Gemeinde. Ich möchte hier eine einfache Methode vorstellen, die vom Begriff her zumindest den meisten bekannt ist: das von Alex F. Osborn entwickelte Brainstorming („Ideensturm“).
Wenn wir in der Kreativ-Gruppe bei der Behandlung des Bibeltextes oder eines Themas für einen Gottesdienst mit dem Brainstorming beginnen, gelten die vier Grundregeln:

1.    Jede Kritik ist verboten!
2.    Jede Idee ist willkommen!
3.    So viele Ideen wie möglich!
4.    Die Weiterentwicklung von Ideen ist gewünscht!

Für einen Theologen, der sich an das Handwerk kritischer Zerlegungsvorgänge gewöhnt hat, mag das zunächst eine „Zumutung“ sein. Die Einführung subjektbezogener Methoden zeigt aber erstaunliche Erfolge im kreativen Vermittlungsprozess. Wer in evangelischer Freiheit dem Laien die Bibel in die Hand gibt, sollte nicht dauernd versuchen, ihn auf einer anderen Ebene wissenschaftlich zu „knebeln”. Wenn also der Bibeltext „Ideen“ ermöglicht, dann geben wir der Gruppe die Möglichkeit, sie frei und ohne Angst vor „falschen Begriffen“ zu äußern. Ideen können in zwei Phasen entwickelt werden (Bitte mit Flipp-Chart oder mit Zetteln, die jeder/jede an eine Memo-Wand hängen kann!):

1. Wahrnehmungsphase
Alle Ideen, die mir bei diesem Text kommen und vielleicht helfen, ihn zu verstehen. Ähnliches gilt, wenn wir thematisch vorgehen.

2. Vermittlungsphase
Alle Ideen, die mir zur Vermittlung dieses Textes im Gottesdienst einfallen. (Wir gehen davon aus, dass der jeweilige Perikopentext nicht nur in der Predigt vorkommt, sondern thematisch den ganzen Gottesdienst mitprägt.)

In einem zweiten Teil des Brainstorming können die vorliegenden Ideen durch eine Check-Liste verbessert werden. Weitere Ideen stellen sich dann von selbst ein.

Mit folgenden Fragekategorien  kann man die bisherigen Ergebnisse „durchchecken“ oder durchspielen:
a)    Anders verwenden?
b)    Adaptieren?
c)    Modifizieren?
d)    Magnifizieren?
e)    Minifizieren?
f)    Substituieren?
g)    Rearrangieren?
h)     Umkehren?
i)     Kombinieren?

Die Effizienz einer Brainstorming-Session ist wesentlich von der gekonnten Handhabung einer solchen (sicher ergänzungswürdigen) Check-Liste abhängig. Dieser Teil der Methode wird in den meisten Fällen jedoch nicht angewendet; vielfach ist er überhaupt nicht bekannt. Wer aber diese Methodik gekonnt anweden kann (und das ist für jeden intelligenten Menschen lernbar), der wird tolle Ergebnisse in seiner Gottesdienstgruppe erzielen! Schön ist einfach, wenn die Gruppe sich im Lauf der Zusammenarbeit verbessert und damit auch wirkungsvollere Gottesdienste gestalten kann. Qualität ist eben auch eine Sache des Trainings, das kennen wir doch von Sportlern!

Mit diesen vielfältigen Methoden lassen sich spielend immer wieder neue Ideen produzieren. Die Spontaneität der Kreativ-Gruppe wird die Gottesdienstgestaltung so beeinflussen, dass Langeweile zum Fremdwort, Freude im Gottesdienst nicht nur verbal verordnet wird, sondern sich durch entsprechende Strukturen und Konzepte aus der Sache heraus ergibt. Was vermittelt werden soll, das Evangelium, muss sich auch „erfahrbar“ vermitteln. Freude stellt sich nur ein, wo jemandem eine Freude gemacht wird, Liebe ist nur da, wo auch geliebt wird. Über Freude und Liebe zu sprechen ist leicht, aber für das Evangelium kommt es auf die Vermittlung von Freude und Liebe an. Das erfordert kreative Vorbereitung, kognitives und emotionales Engagement, sonst findet keine Kommunikation statt.

Der Heilige Geist hat gegen eine gute Vorbereitung des Gottesdienstes nichts einzuwenden. Und wenn sogar noch Spontaneität im Spiel ist, hat er vielleicht eine Chance!  Diese Konzepte wenden sich also nicht gegen das „Wehen des Geistes“ und sie wollen die Vermittlung des Glaubens auch nicht aus der Unverfügbarkeit Gottes holen. Im Gegenteil, sie rechnen mit Gottes Liebe und investieren deshalb so viel Fantasie in das Gelingen eines Gottesdienstes.


IDEEN-BEWERTUNG

Kreativität ist kein Selbstzweck, sie ist immer eingebettet in konkrete Prozesse, deshalb ist es wichtig, einen Rahmen vorzugeben oder ein Thema, einen Bibeltext, damit der kreative Prozeß gesteuert werden kann. Kreativität bedeutet nicht Strukturlosigkeit und Chaos, Kreativität ordnet Bekanntes neu, bringt einem einen anderen Blickwinkel zur Geltung. Irgendwann (man kann das natürlich in der Gruppe auch zeitlich fixieren) kommt dann aber der Prozess der Evaluation. Der Wert einer Idee wird im Hinblick auf die Problem oder Aufgabenstellung untersucht. In diesem Prozess soll möglichst wenig dem Zufall überlassen bleiben, deshalb muss das Bewerten mit System geschehen. Dies bedingt zunächst die Erarbeitung von Bewertungskriterien. Es wird also ein Maßstab gebraucht, der die Ideen herausfiltert, die zur Problemlösung am Geeignetsten erscheinen. In unserem Fall muss z.B. entschieden werden, wie sich ein Bibeltext visualisieren lässt. Welche Methode ist hier unter Berücksichtigung der Gruppenmöglichkeiten und des Raums zu wählen. Es gibt hier keine richtigen und falschen, sondern nur gute oder schlechte Entscheidungen. Wird der Bibeltext durch die Visualisierung wirklich vermittelt oder nur illustriert?  Ist der Text den Menschen im Gottesdienst so bekannt, dass er verfremdet werden muss, um einen neuen Zugang zu gewinnen?

Die Sichtung der Ideen verlangt die größte denkerische Leistung von der Kreativ-Gruppe. Hier geschieht der Transfer. Wenn er nicht wirklich geleistet wurde, wird man nachher sagen: Was sollte das eigentlich? Warum haben die bloß dies oder jenes gemacht?


IDEEN-REALISIERUNG

Nur wenige Ideen sind als solche unmittelbar praktikabel. Es gehört zur aktiven Imagination, die Anwendungsmöglichkeiten mit zu bedenken, die eine Idee erst zum eigentlichen Erfolg führen... Zu den Lösungsmöglichkeiten gehören wiederum Realisierungsideen.

In dieser Prozess-Phase werden die Realisierungsmöglichkeiten erörtert und geplant: Welche Medien oder Gestaltungsmittel werden eingesetzt, um die Idee umzusetzen? Pantomime, Rollenspiel, Malen, Collage, Bilder vom Laptop etc.

Nochmals in Stichworten:

Der kreative Prozess im Brainstorming des Gottesdienst-Teams:

1.    Ideen zum Text/Thema sammeln
2.    Ideen zur Vermittlung des Textes/Themas
3.    Verbesserung der Ideen durch eine „Check-Liste“
4.    Ideenbewertung im Hinblick auf eine Visualisierung
5.    Ideen-Realisierung - Wie können wir die Vorschläge umsetzen?






copyright Christian Trebing

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