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Setting, Umwelt, Lebenswelt und Millieu

Die Beziehung der Umwelt zu den Vermittlungsprozessen wurde in der Kommunikationsforschung schon sehr früh bedacht. Auch die Kreativitätstheorie hat diese Ergebnisse zu berücksichtigen. Sie interessieren uns zunächst von der formalen Seite. Die physische wie die soziale Umwelt des Menschen kann kreativitätsfördernd und auch kreativitätshindernd sein. Natürlich kann ein Mensch unter allen möglichen Bedingungen kreativ sein, aber wenn er weder Farbe noch Papier hat, wird er kaum anfangen zu malen.

Für die Gemeinde angewandt: Ist das Gemeindehaus für eine kreative Arbeit offen oder beschwert sich jedesmal die Putzfrau über die „Brösel“ auf dem Boden? Kann man in der Kirche die Bänke „verrücken“ oder ist alles festgeschraubt? Wieviel Platz zur freien Bewegung gibt es? Wieviel Raum zur freien Entfaltung lässt uns der Kirchenvorstand?

Aber auch die soziale Umwelt im Gottesdienst-Team selbst ist von großer Bedeutung: Einstellungen, Motivationen, Fähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmale dürfen sie nicht stören oder lahmlegen, sondern sollen ja die Erarbeitung neuer Problem- und Gestaltunglösungen ermöglichen. Dabei ist es wichtig, Anspruchserwartungen immer wieder zu aktualisieren und die Gruppe für neue Mitglieder offen zu halten. Ja, immer wieder neue Leute für die Arbeit zu interessieren und so auch einer gewissen Innovationsfeindlichkeit zu begegnen. Schauen Sie sich einmal an, wie es die Berliner Eben-Ezer-Gemeinde im Internet macht: GottesdienstExperiment.de. Die Arbeit an kreativen Gottesdienstkonzepten muss aus der Mitte der Gemeinde begonnen werden. „Pressure Groups“ bewirken hauptsächlich Antireaktionen und Verfestigungen. Einstellungen und Vorurteile sind nur schwer zu ändern. Wenn ich also Gottesdienste ohne Rücksicht auf die Umwelt (Ortsgemeinde, kulturelle Lokaltraditionen) „durchziehe“, werde ich nur den gegenteiligen Effekt erzielen. Statt Vermittlung Frustration, Ärger. Kreativität bedeutet eben auch, Ideen auf ihre umweltbedingten Möglichkeiten hin zu überprüfen und entsprechend umzusetzen. Bei einer Nachricht müssen Informationen (das eigentlich Neue) und Redundanz im ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Das gilt nicht nur für die Inhaltsebene, sondern erst recht für die Beziehungsebene der Kommunikation. Wenn ein neuer Pfarrer alles ganz anders macht, hat er keine Chance, Vertrauen zu gewinnen. Das ist schlicht Arroganz und hat mit „gesundem Selbstvertrauen“ nichts zu tun. Auch das Gottesdienst-Team darf sich seiner Aufgabe bewusst sein und seiner positiven Bedeutung für die Gemeindearbeit, aber für elitäres christliches Bewusstsein ist hier kein Platz. In der Kirche werden „die Füße gewaschen“, nicht die Köpfe!

Doch das Team darf auch nicht zu ängstlich sein und muss sich andererseits auf langfristige Überzeugungsarbeit einrichten. Wenn eine radikale Erneuerung in der Gemeinde (noch) nicht machbar ist, sollte das Team versuchen, so viele Gottesdienste wie möglich umzustellen oder einen regelmäßigen Abendgottesdienst einmal monatlich einzuführen. Wichtig ist aber, dass Sie dran bleiben und immer mehr Gemeindemitglieder für den Veränderungsprozess gewinnen. Es muss sich in den „Köpfen“ durchsetzen, dass die Zukunft der Kirche an Ihrem Ort davon abhängt, ob Sie die jüngere Generation der 20-40-jährigen gewinnen können. Und wer es nicht begreifen kann, der soll wenigstens ein Herz für die Menschen haben, die auf diese Weise vom Evangelium überzeugt werden können. Lassen Sie auch nicht den Spruch gelten, wir verlieren die Kerngemeinde. Ich habe selbst erlebt, dass das nicht stimmt. Das Gegenteil ist richtig.

copyright Christian Trebing

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