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Träger der Verändrung

Ich werde den Verantwortlichen jetzt ein paar unbequeme Dinge sagen müssen. Viele werden sie nicht gern hören, viele werden das ablehnen und sich damit begnügen, so weiter zu machen wie bisher. Doch wem „das Herz für das Evangelium brennt“, der sollte aufmerksam weiterlesen. Es ist zunächst ein Wort an die Vorsitzenden dieser Gremien, das sind zumeist die Pfarrerinnen oder Pfarrer, oft auch (besonders in der Katholischen Kirche und den Freikirchen) engagierte Laien.
In jeder Kirchengemeinde sollten die Mitglieder von Kirchenvorständen, Pfarrgemeinderäten oder anderen gewählten Gremien die ersten Träger der Veränderung sein. Ihre Verantwortung für die jeweilige Gemeinde steht fest, was aber ganz und gar nicht „fest“ steht, ist ein Festhalten an überholten Formen des Gottesdienstes! Auch die jetzigen Agenden im Evangelischen Bereich lassen den Kirchenvorständen eine Menge Spielraum zur Gestaltung. Auch Katholische Christen können mehr verändern, als es scheint, das zeigen die Bemühungen der Vertreter des NGL aber auch Initiativen aus Vorarlberg in Österreich. Dort haben junge Leute mit „ChurchSound.at“ eine völlig neue Pop- und Rockliturgie geschaffen. Das Konzept ist für einen symbolischen Preis zu haben (in Deutschland bei wortimbild.de) und so umfassend angelegt, dass jede Gemeinde mit ein paar Musikern sofort loslegen kann! Auch für Evangelische gibt es da genügend Ideen!

Freikirchen haben traditionell keine festgelegte Liturgie und können sich aus der Vielfalt der liturgischen Angebote „frei“ bedienen!

Wenn nicht die Verantwortlichen einer Kirchengemeinde bereit sind, ihre Gemeinde zukunftsfähig zu machen, wird alle Mühe vergebens sein. Deshalb sage ich zugespitzt an diese Verantwortlichen: Wer nicht bereit ist, für die eigene Gemeinde Zeit, Kraft, Ideen und Geld einzubringen, um dem Evangelium eine neue Basis vor Ort zu geben, hat in diesem Gremium nichts verloren. Er sollte sich in einem Verein engagieren, wenn er Geselligkeit braucht und nicht den Platz an einer Schlüsselstelle kirchlicher Erneuerung belegen.
Deshalb ist der erste Schritt kirchlicher Veränderung, die Frage an die Mitglieder des entscheidenden Gremiums einer Ortsgemeinde: „Wollt ihr in der verbleibenden Wahlperiode Zeit, Kraft, Ideen und Geld in den Dienst unserer Gemeinde stellen?“ - Ich sage auch Geld, denn ohne Opfer wird es auch trotz Kirchensteuer nicht gehen. Ich weiß aber auch aus eigener Erfahrung in der Gemeinde, die Menschen sind bereit, viel zu geben, wenn sie erkennen, dass ihr Geld in der Arbeit vor Ort „gut“ angelegt ist.

Wer sich nur aus Mitleid mit dem Pfarrer oder durch die Überredung einer Pfarrerin (Ist ja nur eine Sitzung im Monat!) in den Dienst seiner Kirchengemeinde gestellt hat, sollte zurücktreten und den Menschen Platz machen, die bereit sind, den Weg der Erneuerung mitzugehen.

Wenn Sie als Kirchengemeinde diesen radikalen Schritt nicht gehen, kommen Sie keinen Schritt weiter, bzw. Sie verlieren das Ziel aus den Augen und werden sich mit Grabenkämpfen beschäftigen. Sie diskutieren dann über Formalien, die nur vom Weg der Erneuerung ablenken. Nur wer das Ziel, die Erneuerung der Kirche an meinem Heimatort, vor Augen hat, taugt zur Mitarbeit in einem so wichtigen Gremium wie dem Kirchenvorstand oder dem Pfarrgemeinderat. Es nützen uns jetzt keine Verlautbarungen, was man „eigentlich“ machen sollte, was nötig wäre und dann doch nicht getan wird. Zeitmangel, Geldmangel, keine Mitarbeiter etc. alles Ausreden. Es ist eine Frage der Entschlussfreudigkeit, auch eine Frage, ob Sie wirklich etwas erreichen oder sich dem allgemeinen Lamento widmen wollen. Machen Sie eine saubere Analyse Ihrer Situation vor Ort und beginnen Sie mit dem Aufbau eines Gottesdienst-Teams.

Bei Ihrem Vorgehen sind die vielen theologischen Schattierungen, die Vielfalt der Frömmigkeitsstile etc. weniger wichtig, zentral ist einfach das Ziel: Das Evangelium der Liebe und Barmherzigkeit Gottes den Menschen unserer Zeit zu vermitteln. Dazu brauchen wir engagierte Menschen in den Leitungsgremien. Glauben Sie mir, ich spreche aus langer Erfahrung in Kollegial- und Leitungsgremien, es gibt diese Menschen, die bereit sind, Zeit, Geld, Kraft und Ideen für eine überzeugende Sache zur Verfügung zu stellen. Auch wenn der Glaube eines Einzelnen nach Ihren persönlichen Einschätzungen nicht ganz theologisch korrekt ist, binden Sie ihn oder sie in Ihr Team ein. Sie werden sich wundern, wie die Begeisterung für das Ziel mitträgt und neues Fragen nach Gott ermöglicht. Wir sind in der Kirche in diesen Fragen oft zu ängstlich und auch an der falschen Stelle apologetisch.

Vermitteln Sie dem Gremium und später Ihrem Gottesdienst-Team nicht, dass es wenig zu tun gäbe, sondern, dass es Zeit kosten wird, aber dafür eine neue Lebensqualität bringt.

Wenn sich das Leitungsgremium einer Gemeinde gemeinsam auf den Weg macht, dann kann etwas draus werden! Wenn dieses Gremium nicht zur Veränderung bereit ist, dann wird es für Sie als Pfarrerin oder Pfarrer schwer, für die Laien im Gremium fast unmöglich, den Weg in die Zukunft zu gehen. Dann bleibt quasi nur der außerparlamentarische Weg, die Gemeindeglieder selbst in diesen Neuanfang einzubinden. Ich musste vor über zwanzig Jahren diesen Weg gehen und weiß, dass er schwierig, aber nicht unmöglich ist. Dieser Weg ist aber notwendig, wenn der Kirchenvorstand oder Pfarrgemeinderat von vorneherein alle Erneuerungswünsche der Gemeindeglieder (und das sind auch die Jugendlichen!) abblockt. Da hilft nur noch der Druck der Basis in Krichengemeinde - ist er groß genug, dann wird sich etwas ändern. Von der Reformation her stehen wir in einer Tradition mündigen Christseins. „Die Vorstellungen des Mittelalters hinter sich lassend ging es Luther in der Wahrnehmung der ‘Freiheit eines Christenmenschen’ darum, dass jede Frau und jeder Mann eigenständig den Glauben an den dreieinigen Gott bekennen kann und verstehend das Bekenntnis zu Jesus Christus bejaht. Die Vorausetzung für einen mündigen Glauben war für Luther, dass Jede und Jeder selbst die Bibel lesen konnte und so gebildet war, dass er den Kleinen Katechismus, das Bekenntnis für den alltäglichen Gebrauch, nicht nur auswendig kannte, sondern auch weitergeben konnte und damit sprachfähig im Glauben war. Grundlage dafür war eine Bildung für alle und nicht nur für wenige, die es sich leisten konnten...Glaube war für ihn gebildeter Glaube, also ein Glaube nicht aus Konvention und nicht aus spiritueller Erfahrung allein, sondern durch die Bejahung der befreienden Botschaft des Evangeliums.“ (Margot Käßmann, Manuskript eines Vortrags über Philipp Melanchthon, S.12f)
Mit solchen mündigen Christen sollten wir die Basis für die Erneuerung unserer Kirchen aus dem Gottesdienst heraus anpacken, wenn es sie noch in einer Kirchengemeinde gibt, besteht Hoffnung.
Wenn aber gar nichts zu machen ist, dann würde ich dem theologischen Personal raten, bewirb Dich in einer offenen Gemeinde, die Deine Energie schätzt. Den Laien empfehle ich, such Dir eine Gemeinde, die schon neue Wege geht und Dein Engagement gern annimmt. Heute sind die Menschen mobil und müssen nicht mehr an ihrer Ortsgemeinde kleben. Das ist vielleicht nicht kirchenpolitisch korrekt, aber anders geht es nicht. In meiner Gemeinde arbeiteten nicht nur viele Katholiken, sondern auch Menschen aus anderen Orten mit, die Ihre Talente gern einbrachten. Ein  wichtiges Kennzeichen gerade kreativer Menschen ist ihre Flexibilität.

Auch wenn die gewählten Gremien die verantwortlichen Träger der Veränderung sind, sollten sie sich nicht gegen die Gemeindeglieder und ehrenamtlichen Mitarbeiter abgrenzen, sondern sich für die Mitarbeit aller öffnen. Das Geheimnis erfolgreicher Gemeindearbeit heißt „Partizipation“, die Beteiligung möglichst vieler Menschen. Hier schlummert ein riesiges Potential in den meisten Gemeinden, aber wenige nur heben es! Manchmal aus „Postenangst“ - bloß keine Macht abgeben - manchmal aus mangelnder Perspektive für das wirklich Notwendige oder aus purer Gleichgültigkeit. Die gewählten Gremien sollten sich unbedingt für die Beteiligung der ganzen Gemeinde öffnen, also Arbeits- und Projektgruppen bilden in denen jedes Gemeindeglied, das möchte, „verantwortlich“ mitarbeiten kann. Ich rede hier nicht von einem Aufruf zum Kuchenbacken oder Gemeindehaus putzen! Ich spreche nicht von Diensten, die sonst keiner mehr machen will, sondern von echter Teilhabe, vom Mitreden, Mitgestalten und Mitentscheiden. Denn gewählte Gremien können nach den kirchlichen Grundordnungen durchaus Entscheidungsverantwortung delegieren. Letzten Endes geht es um das Vertrauen der Gewählten in die Kompetenz der Mitarbeitenden. Die Teilgabe von Verantwortung setzt unglaublich kreative Kräfte für Ihre Kirchengemeinde frei. Wenn Sie in leitender Position einer Gemeinde sind, dann setzen Sie sich unbedingt für diese Öffnung zur Gemeinde hin ein. Wer mitarbeitet, soll auch mitreden und mitentscheiden dürfen. Wir dürfen die „mündigen Christen“ für diesen Prozess gewinnen, die „Ehrenamtlichen“, die ihre Qualitäten gern in die Arbeit miteinbringen.

Kommen wir nach diesen praktischen Klärungen der Situation in Ihrer Gemeinde zurück zu unserer Gottesdiensterneuerung. Wenn Sie so ein Kreativ-Team aus Menschen Ihrer Gemeinde, aus Jugendlichen und Senioren und der sogenannten mittleren Generation zusammen haben, sollten Sie sich zunächst mit den Fragen des folgenden Kapitels beschäftigen. Daraus ergeben sich alle Konsequenzen für Ihre Arbeit vor Ort. Aber seien Sie nicht ängstlich, versuchen Sie nicht Ihre eigenen rückwärtsgewandten Vorlieben zu retten, überlegen Sie, was die Menschen Ihres Ortes im Gottesdienst brauchen, um den funkelnden Edelstein des Evangeliums leuchten zu sehen. Das ist wichtig, nicht Ihre Kindheitserinnerungen an die wunderschöne Zeit mit der Blockflöte. Flötentöne klingen heute anders und auch dafür gibt es Bedarf. Ich habe in der Zeit ohne Band in der Gemeinde Familiengottesdienste mit dem Querflötenspiel einer ehemaligen Konfirmandin und Kindermitarbeiterin bestritten. Aber die „passenden“ Melodien müssen es einfach sein, der Rhythmus sollte stimmen, es ist einfach ein neuer Sound, der gebraucht wird!

Vor 25 Jahren habe ich auch versucht, verschiedene Choräle für den Sonntagsgottesdienst „mitzunehmen“. Es hat sich nicht bewährt. Das funktioniert nur noch bei Festen wie Ostern und Weihnachten, weil hier das neue Liedgut knapp ist. Ansonsten halte ich nicht mehr viel von Theorien wie dem „sanften Übergang“. In der Medizin helfen weder sanfte Massagen oder sanfte Operationen weiter. Es geht hier nicht um Wellness-Projekte, sondern um eine klare Neuausrichtung. Das muss man sehen, hören und riechen können. Sonst geht der sanfte Kirchenschlaf weiter....

copyright Christian Trebing

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