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Visualisierung durch darstellendes Spiel

„Die Subjekthaftigkeit der Lernenden hat das gleiche Gewicht wie der Anspruch der Sachen; und wenn dies nicht nur pädagogisches Postulat sein soll, dann müssen alle Methoden der Bildanalyse (scil. der Bibelanalyse) daraufhin kritisch geprüft werden, inwieweit sie sichern, daß die subjektive Reaktion auf die Sache tatsächlich im Lernprozeß nicht nur vorkommen darf, sondern fruchtbar wird.  Natürlich muß auch kritisch beachtet werden, wenn das lernende Subjekt sich nur noch selbst thematisiert und sich dem Anspruch der Sache nicht mehr stellt“. (Gunter Otto, Bildanalyse, über Bilder sprechen lernen, in: Kunst + Unterricht 77, Februar 1983, S. 19)

Diese Aussage halte ich gerade für den Umgang mit Bibeltexten für eminent wichtig. Durch die theologische Diskussion der letzten Jahrzehnte wurde dem Laien die Bibel quasi wieder aus der Hand genommen: „Du verstehst das doch nicht richtig“. Dahinter stand unausgesprochen die These, studiere erst mal Theologie, dann können wir wieder miteinander reden, aber auf dieser Ebene nicht!  Wenn wir Jugendliche und Erwachsene naiv an die Bibel heranlassen, werden wir sicher unsere Überraschungen erleben!  Aber vielleicht wird uns diese Erfahrung auch etwas von unserer in vielen Jahren angelernten „theologischen Rechthaberei“ heilen.
Die Auslegungsmöglichkeiten der Texte sind nicht beliebig, extreme „Fantasiepositionen“ werden sich in der Arbeit des Gottesdienst-Teams gegenseitig in Frage stellen. Sache und Subjekt müssen immer wieder neu aufeinander bezogen werden. Vom Text zur Aneigung im Spiel, vom Spieler zum Text. Visualisierungsstrategien werden vom Evangelium her entwickelt und durch konkrete Bibeltexte in darstellendes Spiel umgesetzt. Der Bibeltext wird durch die Kreativ-Gruppe angeeignet und in geplante Spielhandlungen umgesetzt. Dabei wird deutlich, dass ursprünglich visuelle Kommunikation (die versprachlicht wurde) mit dem größten Erfolg (in der Praktikabilität der Methode) in visuelle Konzepte gebracht werden kann.
Als Beispiele für die Arbeit der Visualisierung hier einige einfache Methoden darstellenden Spiels, mit denen ich selbst in der Praxis über mehrere Jahre gearbeitet habe:

a)    szenisches Rollenspiel
b)    stummes Rollenspiel
c)     Pantomime
d)     Tanz- und Bewegungsspiele
e)    Puppenspiel mit Bibelhandpuppen oder Großpuppen wie den Johannes, das Schaf oder den Esel von Wort im Bild.

Für die „normale“ Gottesdienstvorbereitung können wir nur einfache Formen dieser fünf Spielmöglichkeiten einplanen. Wir haben meist keine Leute mit schauspielerischer Ausbildung und zudem wenig Zeit. Aber in der Kreativ-Gruppe gibt es dafür viele Talente und Ideen!

Ich stelle im Folgenden einige Punkte zusammen, die für alle fünf Spielformen wichtig sind. Zunächst gilt, in der Vorbereitung einer Aufgabe sind die Spannungsbögen der Gesamthandlung und der Einzelszenen zu berücksichtigen. Man geht am besten vom „dialektischen“ Spielschema aus:

1.    Szene: Situationsschilderung,
2.    Szene: Problemdarstellung,
3.    Szene: Lösung, Veränderung, Vertiefung.

Dieses Grundschema lässt sich je nach Bibeltext oder Thema erweitern oder verändern. Personen und Handlungsabläufe müssen lebendig vermittelt werden, Beziehungen werden geknüpft, Spannung wird aufgebaut aber der Bezug zur Realität der ZieIgruppe (Gottesdienstteilnehmer) darf nicht aus den Augen verloren werden. Die Entwicklung eines biblischen Rollenspiels ist zugleich ein „Übersetzungsprozess“, ein Auslegungsvorgang. Hier vollziehen sich Applikation und Explikation als gegenläufiges Geschehen. Ich ermuntere Kreativ-Gruppen deshalb immer dazu, z.B. Gleichnisse nicht einfach nachzuspielen, sondern wie ein Prediger den Übersetzungsprozess zu leisten, also sie als „Kreativ-Produkt“ zu erarbeiten.

Das biblische Wort will heute, in diesem konkreten Gottesdienst „Fleisch werden“. Der Leiter eines Gottesdienst-Teams sollte deshalb die Strukturmerkmale eines szenischen Spiels verarbeitet haben, um mit einer Gruppe spielen zu können. Ich unterscheide dabei folgende „Komponenten“:

1.    Spielabsicht
    z.B. ein biblisches Gleichnis zu einem szenischen Rollenspiel umzugestalten.

2.    Spielmotiv
    Leitidee und Interpretation des Textes bestimmen Inhalt und Form der Handlung.

3.    Spieltätigkeit, Spielgeschehen, Spielhandlung, Spielsituation Umsetzung von Gedanken und Gefühlen zu einer handlungsorientierten Kette von ineinandergreifenden Bildern.

4.    Zeit, Ort und Raum
    Verschiedene Zeit- und Ortsumstände müssen im Spiel berücksichtigt werden, Raum muss dargestellt werden.

5.    Rolle, Partner, Spielpartitur und Spielrequisit
    Rollen müssen erfasst werden, Textvorlagen zur Spielpartitur werden. Durch die kreative Vorstellungskraft (visuelles Denken!) werden Bewegungsvorgänge unter Einbeziehung des Partners und der Umwelt entwickelt.

Außerdem gibt es ein „Bezugssystem“, das sich teilweise aus anderen oder weiteren Komponenten zusammensetzt und für alle Formen szenischen Spiels charakteristisch ist. (Dazu Krause, Darstellendes Spiel, S. 30f) Die Hauptrelationen ergeben in einer Stichwortzusammenfassung folgende Übersicht:

1                 2                       3                    4                 5
Absicht    Motiv             Tätigkeit        Geschehen   Handlung

6              7                     8                    9            10
Zeit        Ort        Raumaufteilung    Situation    Rolle

11               12              13
Partner    Medien        Text

Ein szenisches Rollenspiel lebt von den verabredeten Verknüpfungen, die sich zu einer Handlungsstruktur gestalten lassen. Einfache Spiele brauchen wenige festgelegte Beziehungen, komplexere Spiele umfassen mehr Relationen dieses Bezugssystems. Diese allgemeinen Verknüpfungsregeln gelten für alle szenischen Spielformen. Dazu kommen bei jedem Spiel medienbezogene Formen, die beachtet werden müssen, damit z.B. eine Pantomime eben auch pantomimisch gespielt wird.

Durch das vorgegebene Raster kann in der Bewertungsphase des Kreativprozesses ein Spielrahmen entwickelt werden. Das Raster ist nur eine Hilfskonstruktion für Anfänger. Es verhindert, dass wesentliche Faktoren in der Spielgestaltung vergessen werden.

Eine der größten Anforderungen des szenischen Rollenspiels stellt der Aufbau einer organischen Struktur dar. Zunächst wirkt jedes Spiel, das von einer (noch unerfahrenen) Gruppe zur Darstellung im Gottesdienst entwickelt wird, chaotisch. Die Bewegungen gehen hektisch durcheinander, die Bezüge der Spieler stimmen meist nur nach dem eigenen Gefühl, sie sind nicht visuell durchdacht. So besteht die Hauptaufgabe des Spielleiters darin, eine „Grammatik“ aufzubauen, damit der visuelle Code dieses Spiels verstanden wird.  Spiele im Gottesdienst sind auf Kommunikation angelegt, sie sind keine isolierten Aktionen. Die Spieler müssen lernen, ihre „Rolle“ so darzustellen, dass die Bewegung wahrgenommen und erkannt wird.  Der Aufbau einer kommunikativen Struktur ist deshalb die eigentlich kreative Leistung im Arbeitsprozeß des Gottesdienst-Teams. Verschiedene Elemente werden in neue Zusammenhänge (Übersetzung des Textes) gebracht und zu einer neuen Gestalt zusammengefügt.

So wie der Text gespielt wird, hat ihn vorher noch, niemand gesehen. Jedes gute szenische Spiel erfordert ebenso Fantasie und Gestaltungskraft wie eine neue Predigt.  Das darstellende Spiel leistet den „Vermittlungsprozess“, es ist nicht nur „Anspiel“. Das bedeutet nicht, dass jedes Spiel eine Lösung formuliert. Wichtiger ist manchmal, dass eine Frage (als Anfrage an uns) präzise herausgearbeitet wird. Spiele können eine Predigt eröffnen oder fortführen, sogar ersetzen. Ich habe mit allen drei Formen gearbeitet. Die Folgerungen des Zachäus (vgl. Lukas 19,8) kann man z.B. sehr aktuell spielen (stummes Episodenspiel), in der Predigt wirken diese „Konsequenzen“ ausgesprochen moralisierend. Das Gleichnis vom großen Abendmahl spielte ich mit einer Gottesdienstgruppe nach der Predigt. In der Endphase dieses szenischen Rollenspiels holen die „Spielteilnehmer“, die vorher als „Krüppel, Blinde und Lahme“ zum Fest eingeladen wurden, alle Gottesdienstbesucher und versammeln sie um den Altar. Wir haben schmackhafte Brötchen (die zu einem großen Kreis zusammengebacken sind und nun geteilt werden) besorgt und jeder bekommt etwas zu essen. „Gemeinschaft erwächst aus der Speise, die wir geschenkt bekommen“.

Ein solches Spiel sagt mehr als tausend Worte. In der Arbeit der Kreativ-Gruppe bedürfen die Spielüberlegungen der praktischen, wiederholten Erprobung. Spielerisch wird ausgearbeitet und fixiert, Einzelszenen werden verbessert und durch weitere Textinformationen vertieft. Die Spieler verwachsen mit ihrer „Rolle“, lernen die „Innenseite“ der Person kennen, die sie darstellen. Und vor allem, die Mitglieder dieser Spielgruppe lernen sich im Laufe der Arbeit zu steigern und zu verbessern. In der Gemeinde von Miriam und Markus Roll in Bonn (Freiraum-Bonn.de) hat sich eine Gruppe gebildet, die geradezu professionell für jeden Gottesdienst kurze Videoclips erarbeitet und spielt. Aus zwei Personen erwuchsen im Laufe der Zeit immer mehr „Typen“, die sich zum Gottesdienstthema äußern. Es wird fast schon fernsehreif gespielt. Man sieht auch hier, Talente gilt es zu entdecken und zu fördern, dann entstehen für die Gemeindearbeit unglaubliche Perspektiven.

Diese Formen des darstellenden Spiels benutzen Codes des Theaters, aber sie sind eine eigene Vermittlungsform, ein eigenständiges Medium, das seine Stärke aus der engen Verknüpfung von Subjekt und Sache, Zeuge und Evangelium bezieht. Die Spieler sind Zeugen der Sache, sie heben durch ihr Engagement die Distanz auf, die z.B. dem Theater eigen ist, wenn es biblische Stoffe als kulturelles Erbe „vorspielt“. Hier werden nicht „Ansichten“ vorgebracht, sondern durch die Bildzeichen des Spiels vermittelt sich das Evangelium selbst. Visualisierung biblischer Texte bedeutet also, das Evangelium vermittelt sich mit den Faktoren der visuellen Kommunikation. Es vermittelt sich in zwei Ebenen, indem es seine Beziehung entdeckt und aufdeckt und in diesem Code kommuniziert. Darin vollzieht sich die Mission Gottes, in der wir als seine Zeugen Partner und Teilhaber sind. Denn auch dann, wenn wir nicht im Sonntagsgottesdienst sprechen, sondern den Gottesdienst des Alltags (nach Römer 12, lff) leben, geht das Spiel Gottes weiter. Unser Leben ist auch für andere Menschen voller Bilder, die unser Subjekt und die Sache des EvangeIiums vermitteln. Auch hier in doppelter Hinsicht. Doch unvermittelt tritt das Un-vermittelte an den Tag und zeigt die Spannung zwischen Subjekt und Sache auf: Auch der Zeuge wird schuldig und lebt in der Solidarität der begnadigten Sünder. Beim szenischen Rollenspiel in der Kirche dürfen auch Sünder auftreten.  Für das Evangelium ist niemand ein „unwürdiger Zeuge“. Es ist deshalb in der Praxis wichtig, den Gemeindegliedern Mut zum Mitspielen zu machen, die sich für „ungeeignet“ halten. Meist steckt dahinter (bei Erwachsenen) die Angst, selbst kein „heiliges“ Leben zu führen und daher kein Recht zu besitzen, sich im Gottesdienst vor die anderen zu stellen. Spiel und Realität gehen kreative Beziehungen ein, es gibt für alle Beteiligten eines Gottesdienst-Teams durch das Evangelium Rückkopplungsprozesse, die nicht geplant werden können. Das Evangelium „verändert“ die Menschen, fast hätten wir Theologen es vergessen...

copyright Christian Trebing

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