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Visuelle Vermittlungskonzepte

„Ich gehe zu einem Gottesdienst. Ich wundere mich schon: Alles drängt nach vom  ganz anders als sonst.  Hinten sind sogar noch Plätze frei ... Offensichtlich will der Gottesdienstbesucher etwas sehen. Ob das zu einem Fest gehört: Etwas sehen können?“ (Rommel, Kontexte in: ders.. Hersg.  Familiengottesdienste, S.39)


In der Medienpädagogik versteht man schon lange das Sehen keineswegs als eine niedrigere, minderwertige oder oberflächlichere Tätigkeit als Lesen. 80% unserer menschlichen Informationsaufnahme geschieht ohnehin durch die Augen.
„Aber die Sinne sind nicht nur Diener des Intellekts, d.h. nicht nur Lieferant von Rohmaterial. Visuelles Denken ist Denken durch ein Beispiel aus der künstlerischen Praxis. Unter jenen, die zugeben, dass Künstler denken, kann man auf die Meinung treffen, dass Denken, da es zwangsläufig nicht wahrnehmend ist, dem Schaffen eines Bildes vorausgehen muss, so dass Rembrandt etwa über die Misere des menschlichen Daseins grübelte und erst dann die Ergebnisse seines Denkens in seine Bilder legte. Angenommen, Maler würden nicht nur denken, wenn sie malen, muss man doch anerkennen, daß der wichtigste Weg des Künstlers, mit den Problemen des Lebens fertigzuwerden, über die Bilder führt, die er erfindet, beurteilt und handhabt. Erreicht ein solches Bild sein endgültiges Stadium, wird er in ihm das Ergebnis seines visuellen Denkens erkennen. Nun weiß er, um welche Klärung er rang. Ein Werk bildender Kunst ist, anders formuliert, nicht die Illustration der Gedanken seines Schöpfers, sondern vielmehr das Endergebnis des Denkens selbst.“(Rudolf Arnheim, Visuelles Denken, in: Gyorgy Kepes, Visuelle Erziehung, Brüssel, Reihe: Sehen + Werten Bd. 1,1 1967, S.3f)

Nach den Konzepten der Kreativität und der Partizipation möchte ich nun das der Visualisierung entfalten. Ich kann in dieser Arbeit nicht die Diskussion um den Bedingungszusammenhang von Wort und Bild darstellen. Die Vorurteile der Theologie gegen das Bild haben eine über Jahrhunderte wirksame Tradition. Worte und Begriffe galten als eindeutig, Bilder und Zeichen als zweideutig, mehrdeutig. Theologiegeschichtlich wirksam war diese Abwertung bis in unsere Zeit, die die Wunder und Zeichen Jesu als bloße Mirakel abqualifizierte. Semiotik und Sprachphilosophie haben uns deutlich gemacht, dass die Bedeutung der Wörter auf Konventionen beruht und durch ihren Gebrauch im Satz bestimmt wird. Als bloße Worte sind sie leer, Worthülsen, unter denen sich verschiedene Menschen ganz verschiedene Sachen vorstellen. Der Sinn einer Aussage liegt nicht in den einzelnen Wörtern, sondern entschlüsselt sich nur in der Zuordnung der Wörter und Begriffe, in der Grammatik. Jedes Zeichensystem braucht ein Lexikon, und eine Grammatik. So können wir Wortzeichen auch nur erkennen (bzw. Worte verstehen), wenn wir sie wiedererkennen. Kommunikation kann nur stattfinden, wenn sich in unserem Falle der Pfarrer bzw. die Mitarbeiter des Gottesdienst-Teams eines Systems konventionell durch die Gesellschaft festgelegter (auch unbewusster) Regeln (Codes) bedienen. Einerseits werden von uns Worte und Sätze verstanden, weil bestimmte Bedeutungen (sprachlich und kulturell) festliegen, andererseits, weil wir gelernt haben, bestimmte Verknüpfungsregeln von Zeichen zu verstehen und zu benutzen. Gleiches gilt für die Bildzeichen. Wir können z.B. eine Pantomime wahrnehmend verstehen (visuelles Denken), weil wir bestimmte Gebärden, Gesten, Mimiken sehen und erfassen können.

Ohne unser durch Sehen, Hören, Tasten, Riechen und Schmecken ausgebildetes Wahrnehmungsvermögen und unser Erinnerungsvermögen, hätten wir nur einen begrenzten Verstehens-Horizont. Wir können erkennen, was wir kennen, das Neue, die eigentliche Information einer Nachricht, verstehen wir nur auf dem Hintergrund von bereits Bekanntem. Um Bilder zu „verstehen“, müssen wir etwas von der Struktur, von den Formen von Bildern, Anspielen, Rollenspielen und Pantomimen wissen. Je mehr unser visuelles Denken ausgebildet ist, je intensiver werden wir begreifen.

Das gilt zunächst einmal für die Mitglieder der Kreativ-Gruppe, die die Gottesdienstprozesse planen und gestalten. Die Arbeit mit visuellen oder audiovisuellen Medien und Methoden muss gelernt werden, wie das Übersetzen von Texten. In der Arbeit mit Bildzeichen wird die ganzheitliche Erkenntnis ermöglicht, also die Vermittlung des Evangeliums nicht nur auf die kognitive Ebene reduziert.

Gottesdienste sollten nicht zu bloßen intellektuellen Begriffserklärungsveranstaltungen oder theologischen Vorlesungen gemacht werden. Wichtiger ist die Einholung der Lebenswirklichkeit der Menschen, die am Gottesdienst teilnehmen (bzw. zum Gottesdienst eingeladen sind) - Im Gottesdienst muss „leibhaftig“ erzählt werden. Nicht nur für die Ohren, sondern auch und besonders für die Augen!
 
„Schließlich ist noch daraufhinzuweisen, dass die Ausdrucks- und Darstellungsformen christlichen Denkens und Handelns in unseren Gottesdiensten völlig unterentwickelt sind. In Vergessenheit geraten sind die phantasievollen mittelalterlichen Versuche einer Visualisierung und dramatischen Inszenierung biblischer Geschichten. Da stellte man nach, was geschrieben steht: wusch Füße, zerriß Tücher, verhüllte und enthüllte, da wurde gewogen, Geschrei angestimmt, Licht und Finsternis gemacht, Wasser und brennende Flöckchen fielen aus dem Gebälk in die Kirche herunter und vieles andere mehr....Zum Drama gesellt sich das Bild: „Ja wollt Gott, ich kund die herrn und die reychen da hyn bereden, das sie die gantze Bibel ynnwendig und auswendig an den heusern für yderman augen malen liessen, das were eyn Christlich werck. Das Wort soll man sehen können. So kennen wir den großen Reformator (scil. Luther!) nicht.
Neue Medien und Aktionsformen sind auszuprobieren, die den Gottesdienst als vielfältig gestaltbares, dynamisches Geschehen erfahrbar werden lassen, in dem der Mensch Erkenntnis mit allen Sinnen gewinnt und einbringt. In dem Musik und Kunst, Ästhetik und Rhetorik, Gesellschaft und Politik ihren Platz haben..,... Die Situation der Gemeinde Jesu Christi, repräsentiert in den Erwartungen und Erfahrungen der Anwesenden, bildet nicht allein den Kontext, sondern auch den Text des Gottesdienstes, der im Zusammentreffen mit den Überlieferungen des Glaubens vielfältige Möglichkeiten des gemeinsamen Gestaltens, Erlebens, Betens und Begegnens in Gang, setzen kann, die alle offen stehen für die Begegnung mit Gott.“ (Fleischer, Zeichen, S. 191f)

Der Gottesdienst verkümmert bei uns oft zum verbalen Predigtereignis. Die ärgerliche Monologstruktur dieses herkömmlichen Gottesdienstes wird auch nicht dadurch beendet, dass wir einen „Dialog-Gottesdienst“ entwickeln. Wenn hier ein Gemeindeglied dem Pfarrer mit rethorischen Fragen „ein paar Bälle zuwirft“, entsteht noch kein kreativer Gottesdienst. Es bleibt alles noch auf der sprachlichen Ebene, Musik dient z.B. nur der „Umrahmung“, Medien der „Illustration“, nicht der gezielten Vermittlung. Wir müssen weitergehen zur kreativen, missionarischen Gottesdienstgestaltung, in der Sehen und Hören, Reden und schöpferisches Handeln sich entfalten können. Worte und Bildzeichen gewinnen dann in ihrer richtigen Zuordnung und Gewichtung eine neue Aussagekraft.

Ein Künstler, der Bilder malt, Plastiken gestaltet etc. , benutzt die adäquate Weise, um darzustellen, was er darstellen will. Er formuliert „metaphorisch“, durch Übertragung und gelangt so zur Klärung seiner selbst bzw. jener Auffassung, die er im Werk zu vollenden sich bemüht. Was der Künstler so zur Darstellung bringt, kann eben nicht begrifflich besser und genauer formuliert werden, es lässt sich nur so ausdrücken.

In diesem Horizont heißt Visualisierung nicht, einen Begriff ins Bild setzen, Realität abbilden oder illustrieren, sondern eine neue Wirklichkeit schaffen. Für den Sonntagsgottesdienst ist besonders die direkte (face-to-face) Kommunikation interessant. Deshalb hat Visualisierung hier eine andere Dimension: die Faszination der Partizipation und des kreativen Umgangs mit Formen der Bildkultur. Das Gottesdienst-Team schafft in der Elementarisierung des Evangeliums im Medium der Bilder etwas Neues, es erzählt neue Gleichnisse, neue Geschichten, die nicht nur biblische Texte abbilden, sondern selbst eigenständige Bildereignisse sind, eben aktuelle Verkündigung des Evangeliums. Die Offenheit der Bibel für diesen kreativen Umgang mit den Texten setzt die Fantasie der Bildersprache frei. Informationen werden aus verschiedenen Bibeltexten herausgelöst und dann mit situationsbezogenen Informationen in Beziehung gesetzt und vermittelt. Dieser „Transfer“ öffnet neue Erkenntnisse. Für die Entfaltung bibelorientierter Visualisierungen gilt, wir arbeiten mit elementaren Darstellungsformen, die durch ihre einfache Struktur kommunikabel sind, d.h. sie funktionieren durch bekannte Codes.

Visualisierung ist eine poetische Erzählweise, eine „visuelle Alphabetisierung“. Geschichten, die versprachlicht wurden (um mündlich bzw. schriftlich überliefert zu werden), werden wieder in ihrer narrativen Struktur enthüllt, weitererzählt. Bilder, Metaphern vermitteln „Einsicht“, deshalb sind sie in der Verkündigung wichtiger, als die „diskursive Sprache“ akademischer Theologie. Visualisierung im biblischen Kontext bedeutet also, die vorhandenen Bilder ans Licht zu lassen, sie nicht zu erklären, sondern zu spielen, sie bildbezogen zu vermitteln. Das darstellende Spiel, oft als „Bibliodrama“ praktiziert, ist eine adäquate Form der Vermittlung. Die Sprache der Begriffe muss ersetzt werden durch den Code der biblischen Bilder, die sich mit den eigenen Erfahrungen brechen, vermischen und zu neuen Einsichten führen.

In der Verkündigung durch Bilder kommt das Evangelium selbst zur Vermittlung. Das Evangelium wird nicht durch Bildzeichen „abgebildet“, die auf Sprache verweisen, weil sie selbst nicht in der Lage sind, das „Eigentliche“ zu vermitteln. Das Evangelium vermittelt sich selbst konkret durch Bild- und Sprachzeichen. Es gibt hier einen Korrelationsprozess in der Dimension der Gleichzeitigkeit. Im darstellenden Spiel werden die Bilder der Bibel entfaltet und ausgelegt. Mit viel Fantasie wird nach „ansprechenden“ Konzepten gesucht. Die meisten Texte der Evangelien sind handlungsorientiert, sie schildern konkrete Erfahrungen oder verweisen auf Erfahrungen. Erfahrungen werden aber am besten auf der Erfahrungsebene vermittelt, nicht auf der Wortebene. Eine interessante Erfahrung beschreibt Fritz Rohrer (Ausschnittberichte aus einem Bibliodrama, in: Biblische Erfahrung im Spiel, S. 144f). Er erzählt, wie er zunächst biblische Texte spielte, Sprechmotetten aufsagte usw.. „Und dann war das alles auf einmal vorbei. Ich spielte keine biblischen Texte mehr, mein Interesse galt den politischen Ereignissen, der Frage, wie mit Theater aufgeklärt und verändert werden kann.“(95) Dann lernt er die Arbeit des „Bread and Puppet Theatre“ kennen: „Den biblischen Text nahmen sie ganz naiv. Das waren Geschichten, die erzählt wurden und keine Reflexionen der Hintergründe ... Zunächst versucht er nicht wieder biblische Geschichten zu spielen, aber irgendwann kommt der Punkt, wo es für Fritz Rohrer neu beginnt: „Und nun spiele ich ... wieder biblische Geschichten nachdem ich mich langsam an sie herangepirscht habe. Mein Spiel mit biblischen Geschichten heute sieht anders aus. Alles, was wir Spielpädagogen in den letzten Jahren gelernt haben, wird mit eingebracht. Bewegung, emotionelle Betroffenheit, Töne, Tücher, Masken, naives Umgehen mit Einfällen. Das Sonderbare ist, daß ich dabei entdecke, diese Geschichten haben etwas mit mir zu tun. Ihre Bilder sitzen fest und begleiten mich. Wir arbeiten in einer Gruppe am Stichwort Angst. Jemand fragt mich, warum mir all das, was heute so geschieht, scheinbar viel weniger Angst macht als ihm. Ich überlege einen Augenblick, will anfangen, irgend etwas zu stottern, da fällt mir ein Bild ein ...“ (ebd.)

Visuelle Kommunikation, darum geht es mir zugespitzt, muss auch im Bereich des Gottesdienstes als wesentlicher Faktor der Vermittlung des Evangeliums begriffen und eingeplant werden. Wem es zudem um die missionarische Dimension im Gottesdienst geht, wer also Menschen das Evangelium als frohmachende Nachricht bringen will, kann schon gar nicht auf diesen grundlegenden Kommunikationsprozess verzichten. Das Evangelium spricht sich in Wort- und Bildzeichen aus. Wer eine Ebene unterschlägt, „behindert den Heiligen Geist.“



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