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Was hilft uns weiter

Anfang der siebziger Jahre konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich die Soziologie zum Anwortgeber der Praktischen Theologie auf den Universitäten entwickelt habe. Die Folge davon war eine „Verweltlichung“ der Theologie, auch eine Politisierung der Theologie, eine Abkehr von missionarischer Verkündigung zur Orthopraxie ohne göttlichen Beistand. Diese Entwicklung haben wir schon beschrieben, sie machte sich besonders in der evangelischen Jugendarbeit breit. Die Folge, heute gibt es in der Fläche nahezu keine kirchliche Jugendarbeit mehr in den Landeskirchen, weil es zuletzt eine Arbeit ohne Bindung an die Gemeinde und an den persönlichen Glauben an Gott war. Nur die Verbandsjugendarbeit (CVJM, EC, VCF etc.) hat durch ihren meist evangelikalen Hintergrund überlebt. Jugendarbeit findet sich jedoch wieder in Gemeinden, die sich mit Chören und Bands um eine Neugestaltung des Gottesdienstes mühen oder jugendnahe diakonische Projekte starten. Aber insgesamt muss man dem Fazit der neuesten Jugendstudie zustimmen: „Vielen Jugendlichen heute ist die Institution Kirche von vorneherein fremd geblieben und deshalb gleichgültig - sie wollen sie nicht einmal mehr verändern.... Gleichwohl ist der allgemeine Trend einer zunehmenden Distanz zur verfassten Kirche nicht zu verkennen.“ (Kirche und Jugend, S.15)


In der Katholischen Kirche gibt es noch viele Verbände, von den Pfadfindern bis zum BDKJ, der Rest sind Ministranten.... Insgesamt ging aber die Jugend den Kirchen wegen ihrer mangelnden Anpassung an deren Lebensstil verloren. Das bedeutet nicht, dass Jugendliche nicht an den Lebens- und Glaubensfragen interessiert wären. Aber sie wollen sich, das bestätigen viele Untersuchungen, nicht mehr so lange binden oder sind skeptisch gegenüber Großorganisationen, die sich nicht in ihren Lebensstil integrieren lassen. Wenn Sie aber einmal von einer Sache überzeugt sind, dann bringen Sie sich machtvoll ein. Und dann spielt diese Bindungsarmut keine Rolle mehr. Sie bleiben bei der Sache, wie es ihre Vorfahren auch getan haben, ob in der Kirche oder bei Umweltorganisationen.

Die Ergebnisse der jüngsten Sinus-Milieu-Studie U 27 für katholische Jugendliche gelten mit Abstrichen auch für die evangelischen Jugendlichen und ihre Erwartungen an die Kirche. Gerade von Jugendlichen, die noch einen Bezug zur Kirche haben, wird eine deutliche „Kichenkritik“ geübt: „Jugendliche der bürgerlichen Lebenswelt beschreiben den Sonntagsgottesdienst als veraltet, steif, düster, kalt. In Jugendgottesdiensten schätzen sie, dass sie als Personen vorkommen (sich persönlich angesprochen fühlen, aktiv teilnehmen und Gemeinschaft erleben) und dass sie mit ihrer Ästhetik vorkommen (gute Athosphäre, moderne Lieder, Symbole, die man versteht). Ähnlich äußern sich die Postmateriellen. Der Gemeindegottesdienst wird mit steif und altmodisch assoziiert. Positiver erleben sie Jugendgottesdienste. Sie schätzen Kirchenbands und den intensiven Erfahrungsaustausch. Sie sind sensibel für die Architektur, Gestaltung und Nutzung des Kirchenraumes (Betreten des Altarraumes, kreisförmige Sitzordnung, Kritik an starren Kirchenbänken). Ihre Positivfolie ist Taizé.“ (Hans Hobelsberger, Auf der Suche nach biografischer und sozialer Nützlichkeit, Lebenswelten der 14- bis 19-Jährigen in der Sinus-Milieu-Studie U 27, in: Graffiti, Rap & Kirchenchor, S. 36)

In der Vergangenheit hatte sich die Forschung vor allem darauf konzentriert, was Menschen von der Kirche erwarten. Mit diesen Ergebnissen, die von der breiten Masse der „Kasualchristen“ geprägt waren, beruhigten sich Kirchenleitungen lange. Seht doch, die Leute wollen einfach nur an den Schnittpunkten des Lebens von der Kirche begleitet werden. Sie wollen ihre Übergangsrituale, das liefern wir. Die sind zufrieden mit dem Status Quo, es muss sich nichts ändern, das Zeitalter der Mission ist ohnehin vorbei, jeder darf heute nach seiner Facon selig werden. Wir verlangen nichts von Euch, zahlt einfach nur die Kirchensteuer und ihr dürft Euch weiter Christen nennen. Beide Seiten sind zufrieden, ein bisschen bürgerliche Religion, ein bisschen Schulterklopfen und wir machen weiter wie bisher.

So geht es heute aber nicht mehr weiter. Ich denke, wir sollten wieder stärker fragen, welche Ziele hat die Kirche in der postmodernen Gesellschaft? Welche Ziele hat unsere Gemeinde vor Ort, in unserem Dorf, in unserer Stadt? Vertraut sie noch der verändernden Kraft des Evangeliums und geht sie mit ihrer spirituellen Botschaft in die säkulare Gesellschaft? Sieht sie noch ihren göttlichen Auftrag oder führt sie nur einen Kampf um die Mitglieder mit Mitteln des Marketing wie eine Partei oder Gewerkschaft? Wobei ich gar nichts gegen Marketing habe, im Gegenteil.

Die Sehnsucht des Menschen nach Gott ist offensichtlich größer als eine nur auf die politische Praxis fokussierte Theologie geglaubt hat. Persönlicher Glaube und gelebte Nächstenliebe sind unabdingbar in der postmodernen Gesellschaft. Sie sind kein Privileg frommer Kreise, sondern gehören in die Mitte kirchlicher Arbeit.

Wie kann das Evangelium zu den Menschen in den unterschiedlichen Milieus kommen? Kann es nicht vielleicht milieuspezifisch gelebt werden, ohne sein Anliegen aufzugeben? Das Evangelium wird weltweit in einer unglaublichen Vielfalt gelebt, warum sollte es uns nicht in Deutschland gelingen, die Menschen in den verschiedenen Parallelgesellschaften zu erreichen?

Die Milieuforschung hat uns viele interessante Ergebnisse vorgelegt. Aus ihnen kann auch für die Kirche eine Menge gelernt werden, aber wir dürfen nicht vergessen, es sind alles nur Abstraktionen. Wir können nicht für jedes Milieu den richtigen Gottesdienst machen, das ist auch gar nicht nötig, weil das Evangelium die Kraft hat, ganz unterschiedliche Menschentypen in einer einfältigen Vielfalt in den Gottesdienstraum zu bringen. Ja, sie können sich bei diesem Event sogar gegenseitig mit ihren Erfahrungen bereichern, weil hier die Menschen im Gegensatz zu politischen Diskussionen eher bereit sind einander ernst zu nehmen und sich zuzuhören. Milieustudien können uns weiterhelfen, aber sie sind nicht das neue Evangelium für eine moderne Kirche. Wir sollten diese Ansätze nutzen, aber sie nicht überbewerten.

Wichtig ist, dass wir den Mut haben, missionarisch Grenzen zu überschreiten und uns für die zu verändern, die Jesus gewinnen will. Heute kann in der Kirche kein Platz mehr sein für theologisch oder gar kulturell motivierte Grabenkämpfe. Wer nur seine eigenen Retrovorlieben in der Musik pflegen will, sollte besser in den Konzertsaal gehen, er behindert die Entwicklung neuer Perspektiven und damit das Wachstum der Gemeinden. Wachsen ist dabei kein Selbstzweck, sondern die konkrete Aufgabe jeder lebendigen Gemeinde. Jesus hat seine Nachfolger ausgesandt, auch wir sind das Bodenpersonal Gottes und sollten nicht zögern zu fragen: Herr, was kann ich für Dich tun? - Ach so, Sie haben das schon getan und wurden dann ausgebremst. Kenne ich nur allzugut. Wir wollen hier davon reden, was Sie dann machen. Das kommt auch noch dran!

copyright Christian Trebing

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