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Worum geht's hier eigentlich?

Dieses Buch möchte keine geistliche Theorie christlicher Erneuerung auf den Markt bringen. Es entwickelt vielmehr einen Handlungsrahmen, der allen christlichen Kirchen in unserem deutschen Lebensbereich ein neues Konzept von Gottesdienst und Gemeindeaufbau ermöglicht. Es entwickelt die heutigen Bedingungen von kirchlicher Kommunikation für einen ganzheitlichen (Leib, Geist und Seele umfassenden) Gottesdienst in dieser Welt. Es orientiert sich nicht an den unterschiedlichen theologischen Richtungen, nicht an Konfessionen und auch nicht an geistlichen Besonderheiten. Dieses Konzept der kreativen Erneuerung von Kirche ist für alle Gemeinden anwendbar, weil es offen ist für eigene Ausgestaltungen. Es fordert nur einen gemeinsamen Nenner: Das Herz muss brennen für das Evangelium, es muss sich orientieren am Wärmestrom der Liebe Gottes in Jesus Christus.

Herkömmliche Gemeindeaufbau- oder Erneuerungskonzepte für Kirchen waren immer an bestimmte Erfahrungshorizonte gebunden und  funktionierten nach dem Motto: „Mach es wie wir!“ - Ich sage ausdrücklich: „Macht es, wie es in Eurer Gemeinde am besten geht.“ Aber ich sage auch noch, denkt dabei an folgende Kommunikationsfaktoren, die Euch den Weg wesentlich erleichtern: Partizipation, Visualisierung, Kreativität und vergesst niemals die „passende“ Musik. Vielleicht sind das zunächst unbekannte Fremdworte für Sie, ich werde sie später so entfalten, dass Sie einen Weg für Ihre Gemeinde finden können.

Nach Vorträgen stellte man mir oft die Frage: „Und wo ist der Heilige Geist in Ihrem System?“ Erstens passt der Heilige Geist in kein System, denn er weht wo er will, er ist nicht verfügbar. Zweitens geht es mir nicht um ein System, sondern um ein offenes Konzept der Evangeliumsvermittlung in Wort und Zeichen, Predigt und Diakonie, Verkündigung und Mahlgemeinschaft, Lehre und Leben.

Ich versuche hier einen Weg zu entwickeln, der aus der Theorie und Praxis meiner Verlags- und Gemeindearbeit erwachsen ist. Er lässt sowohl für Menschen aus den Großkirchen als auch den Freikirchen genügend eigenen Spielraum. Wer sich mit mir aber auf diesen Weg begibt, wird bald entdecken, dass es nur noch mit einer radikalen Reformation geht. Ein bisschen schwanger gibt es nicht, ein bisschen was Neues reicht bei den Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr. Unsere Kirchen haben sich in der Regel Jahrzehnte kaum der sich wandelnden Kultur gestellt und verharren wie die von uns belächelten Amish People auf einer ausgestorbenen Kulturstufe. Sie klammern sich an eine längst vergangene Welt der Sprache, Liturgie und Musik und begreifen einfach nicht, dass sie sich damit den Ast absägen, auf dem sie sitzen.

„Was wird denn die Kerngemeinde dazu sagen“, höre ich es rufen! Ich kann Ihre Ängste beruhigen, 90% der Kerngemeinde warten längst darauf, dass sich endlich was tut. Deshalb habe ich mich über das Fazit der Arbeitsgruppe „Brannte nicht unser Herz?“ sehr gefreut: „Wir - die Steuerungsgruppe des Projekts und das Team des Michaelisklosters - haben uns in den letzten zwei Jahren gemeinsam mit den 24 teilnehmenden Gemeinden auf den Weg gemacht - auf den Weg hin zu lebendigen Gottesdiensten. Dabei haben wir viel erlebt und gelernt. Wir haben gesehen, wie viele Herzen der Haupt- und Ehrenamtlichen unserer Landeskirche für den Gottesdienst brennen. Wir wünschen uns, dass der Funke überspringt, dass dieses ‘Herzbrennen’ ausstrahlt, ja einen Flächenbrand bewirkt.“ (Ebd. S. 15) Und sie wünschen sich, was ich mir auch für dieses Buch wünsche: „Vielleicht ist dieses Buch eine Hilfe auf dem Weg zu lebendigen, lebensnahen und lebensdienlichen Gottesdiensten, in denen die Herzen aller brennen.“

Das „Neue Lied“, wie wir es heute für den Gottesdienst und die Gemeindearbeit benötigen, kommt aus dem Bereich der Popularmusik. So schätzen übrigens die meisten christlichen Künstler und Komponisten der Gegenwart ihre Musik und ihre Texte ein. Es ist mehr oder weniger ein Mix aus Spiritual/Gospel, Folk, Jazz, Beat und Rock. In der säkularen Moderne hat sich vor allem der Beat in all seinen Formen zum Mainstream entwickelt. Songs aus dieser Kategorie werden in den meisten Radiosendern rauf- und runtergespielt. Diese Form der Popularmusik ist für uns die wichtigste Ebene, sie müssen wir für die Gottesdienstmusik einholen. Sie existiert aber bereits in vielen Formen und Musikfarben. Auch christliche Künstler aus dem angelsächsischen Bereich haben Welthits geschrieben. Wir müssen quasi nur zugreifen und sie nach ihrer Singbarkeit und Gemeindetauglichkeit auswählen. Unsingbar sind dagegen weitgehend die Nachkriegslieder mit ihrem Versuch, die damals zeitgenössische E-Musik (Das Evangelium ist eine „ernste“ Angelegenheit!) nachzuahmen. Diese, meist von Kirchenmusikern geschriebenen Melodien, mag einfach keiner singen, zu schwer, zu träge und von einer trüben Grundstimmung getragen. Liturgische Kommissionen haben dafür gesorgt, dass sie in den offiziellen Gesangbüchern gelandet sind, damit wurden aber den beliebten und gut singbaren „Neuen Liedern“ der Platz weg genommen.

Gefragt ist heute eine interessante Mischung aus melodiösem Gesang und dem Rhythmus des Beat. Das wird der Mainstream im Gottesdienst sein müssen, wenn wir die Generation der 20-40jährigen erreichen wollen. Daneben gibt es noch viele weitere Formen, die ich gern für mein Konzept der Vielfalt der Formen zusammen bringen möchte. Denn leider wird auch die gegenwärtige Diskussion unter den Protagonisten der christlichen Musikszene weiterhin von gegenseitigem Misstrauen und einer Abgrenzung gegeneinander bestimmt, die wir sonst nur aus der Theologie kennen. Es macht auch nicht vor Fachleuten wie Peter Hahnen halt, der seine Resentiments gegen die evangelikale pop- und rockorientierte Gottesdienstmusik immer wieder vorträgt (Vgl. Liederzünden! in vielen der abgedruckten Interviews treibt er durch Suggestivfragen Künstler zu solchen ablehnenden Aussagen).
Auch die Versuche, Lieder wie „Danke“ einfach als „Schlager“ im negativen Sinne abzutun und damit zu erledigen, wie es einst Piet Janssens tat, sind für die Gemeindearbeit unproduktiv. Das „Dankelied“ ist sicher nicht mehr die Lieblingsmusik heutiger Jugendlicher, aber es verbindet über viele Generationen. Letztlich hat es sich auch gegen viele stark politisierenden Lieder aus der NGL-Szene durchgesetzt. Sie werden heute nur noch selten gesungen.

Wir müssen lernen, die vielen Stile zusammen zu bringen, wenn sie denn gottesdiensttauglich sind. Vielfalt ist doch auch eine Form von Schönheit. Gegenseitige Vorwürfe an die muikalische oder theologische Qualität helfen da nicht weiter. Die Menschen sollen berührt werden von Musik und Text. Darauf kommt es an. Ich finde es in diesem Zusammenhang auch merkwürdig, wenn ein Musiker dem anderen vorwirft, seine Musik sei zu emotional für den Gottesdienst. Oder - deine Texte sind zu einfach, zu wenig poetisch etc. Das einzige Kriterium, das für mich für den Gottesdienst gilt, ist - vermitteln sie das Evangelium so, dass Menschen von dieser Freudenbotschaft berührt, motiviert, getröstet und zum Nachdenken über ihr Leben geführt werden. Es geht im Evangelium nicht um ein Heile-Welt-Märchen, sondern um Leben und Tod, um Befreiung und Erlösung, um Freude und Hoffnung. Aber vor allem darum, dass Gottes barmherzige Liebe in unserem Leben Glauben findet.

Ich sehe schon viele Gemeinden auf dem Weg in diese Richtung, manche sehr vorsichtig, manche konsequent, manche zu einseitig in ihrer (charismatischen) Orientierung. Aber mir kommt es hier gar nicht auf Bewertungen an, ich sehe alle diese Versuche, dem Evangelium einen Platz in unserer Gesellschaft zu geben, zunächst einmal positiv an. Wir leben in unterschiedlichen Millieus, wir kommen aus unterschiedlich akzentuierten Kirchen und Gemeinschaften. Aber wir vertreten ein ökumenisches Anliegen, Jesus soll mit seinem einmaligen Da-Sein für uns Menschen wieder auf die Tagesordnung dieser Welt. Das verändert Menschen und Verhältnisse. In der Missionsarbeit unserer Vorfahren der unterschiedlichsten theologischen Ausrichtungen wurden zusammen mit der Verkündigung des Evangeliums Krankenstationen und Schulen gebaut. Leib und Seele gehen für die Jesusnachfolger immer Hand in Hand. Das Evangelium hat die Tendenz, die schlechten und ungerechten Verhältnisse zu verändern. Dieser Weg von Heil und Heilung war schon für Jesus grundlegend. Das wissen wir alle, aber wir gehen ihn nicht konsequent. Manchmal diskutieren wir auch einfach zu viel über das „Wie“ und „Was“. Ähnlich ist es bei den Gottesdienstprojekten, nicht zu viel diskutieren, sondern andere Vorgehensweisen stehen lassen. Wer etwas Neues wagt, macht auch Fehler. Das darf er auch, besser Fehler riskieren, als sich mit dem Stillstand zufrieden geben.


Paulus hat als Missionar in einer weitgehend heidnischen Umwelt oft sein Leben riskiert. Er hat auch nicht immer alles richtig gemacht und mit seinem Verhalten manche Chance vertan. Aber er ist los gegangen mit dem Evangelium, mit einem brennenden Herzen für die Verkündigung der Guten Nachricht. Er hat widerstanden, wenn sich ihm ein agrressiver Götzenkult verbunden mit wirtschaftlichen Machtansprüchen entgegen stellte. Er wollte den Griechen ein Grieche und den Juden ein Jude sein, d.h. er hat sich der missionarischen Herausforderung gestellt. Darum geht es heute auch. Wie können wir das Evangelium unter Bedingungen einer postmodernen Gesellschaft am besten vermitteln? Was können wir als verantwortliches Gottesdienst-Team dazu beitragen, dass sich die Worte und das Geschick Jesu als „frohe“ Botschaft für unsere Zeitgenossen herausstellen? Wie können wir Lieder und Liturgie so zusammenbringen, dass die Liebe Gottes zum Ausdruck kommt?

Dazu später mehr. Ich habe im Internet einige Beispiele für ein mutiges Vorgehen gefunden, die ich im Anhang dokumentiere. Die Arbeitsgemeinschaft missionarische Dienste spielt mit ihrem „Förderpreis für missionarische Projekte“ unter dem Slogan „Fantasie des Glaubens“ eine hervorragende Rolle. Immerhin 117 Bewerbungen gab es allein für den Hauptpreis von 5000,- € im Jahr 2009. Die Laudatio auf den Sieger (e/motion e.V.) hielt mit Axel Noack immerhin ein Bischof! Im Internet wird eine „Galerie guter Praxis“ geführt, die andere Gemeinden ermutigen soll, „Träume von der Kirche“ zu haben. Schon die Wortwahl zeigt, dass hier kreative Menschen den Kirchen neue Chancen eröffnen wollen.



copyright Christian Trebing

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