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Datierungen und andere Verwirrungen

Die Datierung von Schriften gehört wie die Datierung von archäologischen Funden zu den komplexesten Fragen der Forschung. So ist es nicht erstaunlich, dass die Datierung der biblischen Bücher beider Testamente zu den umstrittensten Kapiteln alt- und neutestamentlicher Wissenschaft gehören. Die Funde von Qumran haben uns zwar ein paar interessante Zeitmarker geliefert und wir können eine unglaubliche Texttreue in der Schriftüberlieferung feststellen, aber für die Datierung der neutestamentlichen Schriften helfen sie uns nicht viel weiter.

Bei der Analyse der für neutestamentliche Bücher vorgeschlagenen Datierungen bin ich immer wieder auf zwei markante Daten gestoßen: 70 n. Chr und 135 n. Chr., die beiden jüdischen Kriege gegen die römische Weltmacht. Beide Termine kommen ins Spiel, weil seit Jahrzehnten viele Forscher den formgeschichtlichen Thesen folgen, dass Dokumente immer im Umfeld von Katastrophen aufgeschrieben würden. Das hatte in der alttestamentlichen Forschung zu falschen Datierungen geführt und wird auch im Neuen Testament nicht besser. Erst in der „Krise“ hätten die Gemeinden begonnen, die Worte und Taten Jesu aufzuschreiben. Das Erbe der noch wenigen Augenzeugen sollte zusammengetragen und bewahrt werden. Ähnliche Folgerungen wurden schon im 19. Jahrhundert für den größten Teil des Alten Testaments ins Feld geführt. Wer aber die mehr als dreitausendjährige Schreibkultur des Großraums Syrien-Mesopotamien kennt, weiß, dass diese Hypothese niemals verifiziert werden kann. Eindeutig datierbare Tafeln aus Assyrien und Babylon zeigen, dass in diesen Kulturen literarische und religiöse Werke zu allen Zeiten verfasst wurden, sie wurden in bedeutenden Schreiberschulen immer wieder kopiert und waren vielerorts sogar im Besitz von wohlhabenden Privatleuten. (Vgl. die Funde in Privathäusern in Ugarit)

Für die schriftliche Produktion jedweder Literatur brauchte es keine „Krise“ (das war ein typisch deutsches Vor-Urteil zweier Weltkriegsgenerationen), im Gegenteil, Krisen waren für die schriftliche Produktion gefährlich, weil damit eine Vernichtung von Kulturschätzen drohte. Manchmal war das Feuer auch ein Glücksfall, denn es rettete Tontafeln aus Ugarit, Ebla, Zagros, Hattuscha u.a. durch „Brennen“ vor dem Zerfall! Oder bevorstehende Kriege retteten das Erbe der Essener und anderer Gruppen vor der Vernichtung, weil sie ihre Schriften im trockenen Sand in Höhlen vergruben. Die Krise führte aber auch hier nicht zur Verschriftlichung, sondern die schriftlichen Zeugnisse waren bereits seit Jahrzehnten vorhanden!
Die Krise des ersten jüdischen Aufstandes war nicht der Anlass, die Jesusüberlieferungen zu verschriftlichen. Zu dieser Zeit lagen bereits große Teile der Jesusüberlieferung in schriftlicher Form vor. Außerdem hatten sich damals schon die Zentren der christlichen Gemeinden in den Großstädten des Römischen Reiches gebildet. Sie existierten völlig unabhängig von der Jerusalemer Gemeinde, die allenfalls aufgrund ihrer Verarmung noch für eine Kollekte in den Blick geriet. Nur einmal legte die große Christengemeinde von Antiochien Wert darauf, sich mit Jerusalem abzustimmen, bei der Frage der Geltung der Tora für die Heidenchristen.

Auch in Palästina war es seit über tausend Jahren (wie im ganzen nordsyrischen Raum) üblich, wichtige Aussagen von bedeutenden Persönlichkeiten zu verschriftlichen. Es besteht deshalb kein Grund, z.Zt. Jesu in Palästina eine andere Praxis zu vermuten, im Gegenteil, die Funde von Qumran legen davon ein beredtes Zeugnis ab. „Für den naheliegendsten Fall - den mehrere Jahre dauernden ersten jüdischen Aufstand - gibt es keine Hinweise, dass jüdische Schreiber fieberhaft versucht hätten, ihre Überlieferungen aufzuzeichnen, bevor sie getötet werden sollten. Erst nach Beendigung des Aufstandes versuchten sie, ihr Wissen auf der Synode von Jamnia zusammenzutragen. Auch in der Geschichte der griechischen und römischen Literatur oder in den literarischen Texten unter den Papyri aus Ägypten spricht nichts für eine solche Hypothese. Wenn jemand schreiben wollte, dann schrieb er, wann immer es ihm passte.“ (MILLARD, Pergament, S. 205)

Ein Ende dieser folgenschweren Krisentheorie ist auch trotz der eindeutigen Befunde von Qumran nicht in Sicht. So werden zu biblischen Büchern viele leichtfertige Datierungen abgegeben, die ohne jeden Beweis sind. Der konkrete Anlass für Verschriftlichung bisher mündlicher Tradition liegt nicht in geschichtlichen Katastrophen, sondern hat viele andere Gründe und kann deshalb auch nicht so einfach systematisiert werden. Auf jeden Fall müssen wir nach den Forschungsergebnissen der letzten Jahrzehnte sagen, jeder schreibt wann und wo er will, es braucht dazu keinen schwerwiegenden Anlass und schon gar keine Katastrophen.

Wenn aber diese Hauptvoraussetzung der Formgeschichtlichen Schule obsolet ist, dann fallen die Gründe für eine Spätdatierung vieler neutestamentlicher Schriften in sich zusammen. Wer zieht die Konsequenzen?

Auch die wortstatistische Methode hilft uns bei den Gelegenheitsschriften des Neuen Testaments (besonders der Briefe) zur Autorenbestimmung mit nachfolgender Datierung der Schrift wenig weiter. Schon Karl Barth frotzelte vor Kollegen, wenn man seine Bücher mit dieser Methode untersuchungen würde, könnten seine Spätschriften gar nicht von ihm stammen. Nun, man hat es versucht, das Ergebnis war eindeutig...

Die Datierungsversuche, die sich im Rahmen der Evangelienforschung auf die Zerstörung des Jerusalemer Tempels fixieren, halte ich für pure Kaffeesatzleserei. Von entscheidender Bedeutung für die Datierung der synoptischen Evangelien ist aber das Verständnis von Markus 13. Bei der Interpretation dieses Kapitels müssen wir festhalten, dass in den Worten Jesu apokalyptische Argumentationen des Spätjudentums verarbeitet sind. Sie wurden von ihm verdichtet auf den Tempel von Jerusalem und die Parusie bezogen. Sie sind nicht als nachträgliche Gemeindebildung zu verstehen, die die Zerstörung des Tempels kommentiert. In den Wirren des jüdischen Bürgerkrieges, der sich vor 70 n. Chr. über Jahre hinzog, war die christliche Gemeinde ohnehin schon aus Jerusalem geflohen und hatte sich im heutigen Jordanien niedergelassen. Auch viele der Rollen von Qumran sind in dieser Zeit durch das Vergraben in den Höhlen „gerettet“ worden. Welche jüdischen Gruppen bei dieser Aktion aktiv waren, ist heute nicht mehr auszumachen, aber es wurden mit Sicherheit nicht nur Rollen aus dem Besitz der essenischen Gemeinschaft „begraben“. Einige wurden zudem auf Regalen gelagert, man hoffte sie offensichtlich später wieder abholen zu können. Die „apokalyptische Bedrohung“ ging über Jahre, es gab kein einzelnes Datum, was einen Beginn der christlichen Evangelienüberlieferung provoziert haben könnte. Außerdem haben die wichtigsten Personen der frühen Kirche bis dahin schon ihre Briefe und Lehrschreiben verfasst, Sammlungen von Jesuslogien waren schon seit Jahrzehnten im Umlauf und die Passionsgeschichte war längst aufgeschrieben.

Wesentlich für viele Datierungsfragen ist auch, ob Markus als Mitarbeiter des Petrus, dessen Predigten und Vorträge im Hinblick auf die Jesusgeschichte gesammelt und im Laufe der Jahre zu einem „Evangelium“ zusammengefügt hat. In diesem Fall hätten wir einen Bericht über das Geschick Jesu aus dem Blickwinkel des Petrus, immerhin eines bedeutenden Augenzeugen. Das würde auch zu unserem Wissen über den Jerusalemer Markus passen, der nie in Galiläa gewesen ist und deshalb mit den Orten und auch den Familienverhältnissen des Herodes Antipas seine Probleme hatte. An seine Unkenntnis von Galiläa haben sich viele Theorien geknüpft, die einfach nicht berücksichtigen, dass ein Autor über ein Land, das er nicht kennt, keine genauen Angaben machen kann. Die redaktionellen Angaben des Markus sind deshalb immer sehr lapidar, kurz und allgemein, weil sie meist in der Darbietung des Petrus nur eine untergeordnete Rolle spielten.

Die Erstfassung des Markusevangeliums muss schon sehr früh entstanden sein, vermutlich bei den ersten Missionsversuchen des Apostels Petrus, also vor dem Zusammentreffen des Paulus mit Markus. Das würde der PAPIAS-Notiz über das Entstehen des Markusevangeliums auch Sinn geben. Sein „Evangelium“ war genau das, was in der missionarischen Verkündigung die Hauptrolle spielte, das Wirken, Reden, Leiden, Sterben und Auferstehen des Messias Jesus.

Eine frühe Datierung der Passionsgeschichte hat Rudolf PESCH in zahllosen Artikeln nachgewiesen, er vertritt die interessante These, dass die Passionsgeschichte vor 37 n. Chr. entstanden sei. In Einzeluntersuchungen konnte er glaubhaft darlegen, dass Markus 8,27 - 16,8 ursprünglich voneinander abhängige Erzähleinheiten darstellen. Er sieht sie als in vielfältiger Weise aufeinander bezogen, versteht sie deshalb als sinnvoll geplanten „Erzählzusammenhang“.
Als einer der wenigen hat E. RUCKSTUHL (Schweizerische Kirchenzeitung 47, 1979, 725-730) darauf positiv reagiert. Die damals herrschenden „Schüler“ und „Enkel“ der formgeschichtlichen Methode setzten sich nicht einmal sachgerecht mit den Forschungen Peschs auseinander. In seinem Beitrag für den Sammelband „Das Evangelium und die Evangelien“ referiert PESCH selbst die typischen Reaktionen auf seine detaillierten Darlegungen. Die Abwertung seiner vielen Beiträge mit völlig unwissenschaftlichen Argumenten legt er über viele Seiten dar. Man kann heute nur noch schockiert den Umgang mit Theologenkollegen registrieren. Aber das spricht für den wissenschaftlichen Hochmut gerade der Formgeschichtlichen Schule.

Für unser Buch bleibt festzuhalten, was RUCKSTUHL damals so formulierte: „Dieser Zusammenhang (scil. von Markus 8,27 - 16,8) wird in dem Sinn ursprünglich sein, als es nirgends Einzelstücke, die nur durch einen Rahmen oder ein redaktionelles Gerüst zusammengehalten werden, erkennen läßt.“ Das heißt nach RUCKSTUHL keineswegs, „daß hier nicht verschiedene Erinnerungen und Überlieferungen vom Leiden Jesu und seiner Vorgeschichte zusammengeflossen seien“, sie seien aber „sehr früh so zu einem Ganzen verarbeitet, daß eine ursprüngliche Verschiedenheit nicht nachweisbar“ sei. Das großräumige Erzählgefüge, das nach Pesch die zweite Hälfte des Markusevangeliums zusammenhalte und gliedere, „stelle einen literarischen Zusammenhang dar, der in die „Zeit vor 37 n. Chr.“ zurückreiche und in der Urgemeinde von Jerusalem entstanden sein müsse. (ebd., S.726)

Damals waren die Funde von Vindolanda und ihre Folgerungen für das Verständnis der Verschriftlichung jedweder Form von Texten in der hellenistisch-römischen Alltagswelt noch nicht bekannt. Wenn wir die Forschungen PESCHs mit einer Gewichtung der Schreibtafelkultur zusammen bringen, ergeben sich ganz neue Perspektiven für die Entstehung des Markusevangeliums als der Grundschrift der Evangelienliteratur.

Markus Johannes war in einem Jerusalemer Haus aufgewachsen, in dem sich eine christliche „Hauskirche“ traf. Der junge Mann hatte also von Anbeginn Zugriff auf wesentliche Inhalte der vorösterlichen und nachösterlichen Evangeliumstradition. Er kannte die Jesusjünger wahrscheinlich alle persönlich, er war Teilnehmer an Gottesdiensten und Abendmahlsfeiern. In diesem Haus befanden sich sicher nicht nur Septuaginta-Abschriften, sondern auch Abschriften der Jesustradition für Lesungen und Taufunterricht. Diese Situation des Gemeindegottesdienstes finden wir sehr klar in DIDACHE 8,2 beschrieben. Dort heißt es: „Betet auch nicht wie die Scheinheiligen, sondern wie es der Herr in seinem Evangelium befohlen hat, nämlich: ‘Vater unser im Himmel..’“. Dann wird das Vaterunser komplett zitiert und im folgenden Vers heißt es: „Dreimal am Tag sollt ihr so beten.“

Das bedeutet, es gab schon sehr bald eine feste christliche Gebetssitte! „Wie der Herr es in seinem Evangelium befohlen hat“ kann kein Bezug auf die damals ohnehin nicht vorhandenen kanonischen Evangelien sein. Ich vertrete u.a. auch deshalb eine frühe Datierung der DIDACHE. Hat Jesus doch eine Art schriftliches Evangelium, eine Zusammenfassung seiner vorösterlichen Verkündigung hinterlassen? Viele Formulierungen in der gesamten Briefliteratur legen das nahe.

Die Worte Jesu wurden immer wieder erinnert, also vorgelesen, damit sie beherzigt werden konnten. Das Bewahren der Jesusüberlieferung in dieser sprachlichen Vollendung wäre ohne das Aufschreiben nicht möglich gewesen. Ein Gottesdienst ohne schriftlich fixierte Texte ist auf dem Hintergrund der synagogalen Tradition mit ihrer Verehrung des schriftlichen Gotteswortes (bis hin zu einer „Beerdigung“ unbrauchbarer Schriftrollen) nicht denkbar.

Das Judentum hatte die am weitesten in der Bevölkerung verankerte Schriftkultur. Das haben die Jünger Jesu doch nicht einfach abgelegt! Sie hatten eine Botschaft, die gradezu öffentlich gemacht werden musste, um zu ihrem Ziel zu kommen („verkündet es von den Dächern“). Die Heilsbotschaft hatte Bekanntmachungscharakter und war keine Geheimtradition. Sie wollte öffentlich verlesen und gehört werden, sonst war sie sinnlos. Die Botschaft Jesu brauchte aus sich heraus ihre Boten. Und sie hatte diese Boten in den Jüngern und einer großen weiteren Schar an Sympathisanten von Anfang an. Erst recht nach der Auferstehung des gekreuzigten Messias Jesus. Dass diese ersten schriftlichen Zeugnisse verschollen und vergangen sind, hindert uns nicht daran, ihre Existenz glaubhaft anzunehmen.

Bis 1948 blieben uns die Anschauungen der Essener weitgehend verborgen, heute sind nun alle von ihnen gefundenen Schriften editiert und zeigen ein erstaunliches Bild dieser Gemeinschaft, die sich total gegen die Jerusalemer Priesteraristokratie gestellt hatte.

Johannes Markus, der als „Hermeutes“ des Petrus in die Überlieferung der Kirchenväter einging, hat auf jeden Fall persönlichen Zugang zu ganz frühen Texten und zur Verkündigung von Petrus, Paulus und Barnabas gehabt. Sein Verwandter Barnabas gehörte zum erweiterten Jüngerkreis Jesu. Er muss eine große Persönlichkeit gewesen sein, denn es gelang ihm, Paulus aus Tarsus in die aufstrebende Missionsgemeinde von Antiochien zu holen.

Mit Barnabas war auch Johannes Markus auf einer Missionsreise nach Zypern unterwegs. Der Evangelist war offensichtlich schon früh als Sammler von Evangelienstoffen bekannt. Er konnte sich alles aus erster Hand notieren, er war ein Interpret der Augenzeugen. Was er in all den Jahren gesammelt hat, ließ er sich später von Petrus autorisieren und wurde damit zum Begründer einer Gattung, die wir Evangelien nennen.

Für die frühen Gemeinden war die Zuverlässigkeit der Jesusüberlieferung schon deshalb wichtig, weil nur so neue Jesusnachfolger gefunden werden konnten. Es war nicht einfach, die eigenen Landsleute von der Heilsbotschaft zu überzeugen, denn die Polemik von Seiten des jüdischen Establishments (besonders vom von Sadduzäern dominierten Hohen Rat) war stark.
So musste vertrauenswürdig und wahrheitsgemäß erzählt werden, was die Augenzeugen erlebt hatten. Legendenbildungen und Übertreibungen waren hinderlich, das neue Handeln Gottes im Messias Jesus war ohnehin „unglaublich“ genug.
Ich möchte an einem Beispiel das hohe Alter der markinischen Überlieferung darstellen. Nehmen wir für den Nachweis alter Tradition ein Geschehen heraus, das Markus berichtet hat. Maria, die Mutter Jesu, muss zu dieser Zeit noch keine besondere Verehrung in der Urgemeinde genossen haben, denn sie kommt bei dieser Geschichte nicht gerade gut weg, Jakobus, der Jesusbruder und spätere Leiter der Urgemeinde, auch nicht, auch wenn er hier nicht namentlich genannt wird, sondern sich unter den „Brüdern“ Jesu verbirgt.
Nach der Berufung der Zwölf zu einem engeren Jüngerkreis geht Jesus „in ein Haus“, wie es Markus verkürzt schildert. Es kamen wieder so viele Menschen zusammen, dass er und die Jünger nicht einmal essen konnten. In diesem Haus kommt es zu einer eigenartigen Begegnung Jesu mit seiner Mutter Maria und seinen Brüdern. Zunächst berichtet Markus: „Als seine Angehörigen davon hörten, machten sie sich auf den Weg, um ihn mit Gewalt zurückzuholen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen.“ (Markus 3,21)

Markus kommentiert diesen Vorwurf mit den Worten einer Anschuldigung von Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren: „Er ist von Beelzebub besessen; mit Hilfe des Anführers der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“ (Ebd., 22b)

Beide Gruppen, weder die Schriftgelehrten noch die Familie Jesu, können die Sendung Jesu begreifen. Es kommt nun zu dieser merk-würdigen Nicht-Begegnung Jesu mit seiner Mutter und seinen Brüdern: „Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben vor dem Haus stehen und ließen ihn herausrufen. Es saßen viele Leute um ihn herum, und man sagte zu ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und fragen nach dir. Er erwiderte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ (Ebd., 31f)
Und dann erklärt Jesus die um ihn Sitzenden zu seiner Mutter und seinen Brüdern und schließt: „Wer den Willen Gottes erfüllt, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ (V. 35)

Die Szene ist etwas skuril und doch eine eindeutige biografische Notiz, die uns Jesus sehr nahe bringt. Die Familie möchte Jesus für besessen erklären lassen, um Konflikten mit dem jüdischen Establisment aus dem Weg zu gehen. Diese Geschichte dürfte den frühen Christen eher unangenehm gewesen sein, trotzdem wird sie überliefert. Sie muss also in der Missionspredigt des Petrus eine Rolle gespielt haben.
Wenn wir der Traditionslinie Petrus - Markus mehr Vertrauen schenken, dann ist ein anderes Umgehen mit den jesuanischen Aussagen geboten. Die Interpretationen von Markus 13 zum Beispiel beruhen in der Regel auf der systematischen Voraussetzung, Jesus habe keine prophetischen Aussagen über die Zerstörung des Tempels gemacht, um dann aus Halbsätzen ein „Vor“ oder „Nach“ der Tempelzerstörung zu konstruieren. Meist wird das Urteil mit einem vorsichtigen „wohl“ versehen, um sich nicht so weit aus dem Fenster zu lehnen. Doch das Trauma der Tempelzerstörung und damit das Ende des Opferkultes begleitet das Judentum schon seit dem Exil.

Das Konstrukt eines langen mündlichen Überlieferungsprozesses hat (neben der Krisentheorie) dazu geführt, viele Schriften „spät“ zu datieren oder deren Entstehung sogar auf die Zeit um 130 n. Chr.  zu verlegen. Auch aus dieser Zeit gibt es interessante frühchristliche Schriften, aber sie gehörten und gehören nicht zum Kanon!
Zuletzt hat Klaus BERGER wieder etwas Bewegung in die Datierungsfragen gebracht und gezeigt, dass es Querdenker braucht, die nicht nur einfach ihre Schultradition fortschreiben.

Ich denke, prinzipiell sollten wir den Quellen selbst und ihren ersten Interpreten mehr Gewicht geben, bevor wir urteilen. Wir sollten auch Bedenken, dass „der Evangelientext ... der am besten überlieferte Text aus der Antike überhaupt“ ist. (Martin Hengel, Evangelium, S. 43)

Ich möchte Sie nun auf eine kleine Reise zu den ersten Evangelisten mitnehmen. Sie sind für uns ganz wichtige Zeugen für die Kontinuität von vorösterlicher und nachösterlicher Überlieferung. „In den drei synoptischen Evangelien wird die den Glauben an Jesus Christus konstituierende Geschichte Jesu erzählt, und zwar aufgrund der von den Aposteln bewahrten (und für die Bekehrung der Gemeinden aktualsierten) Jesustradition. Die drei Evangelien sind biographisch-kerygmatische Geschichtserzählungen. Sie berichten, daß Gott seinen eingeborenen Sohn aus Liebe in die Welt gesandt und für Juden und Heiden in den Tod gegeben hat.“
(Peter Stuhlmacher, Erfahrungen mit der Biblischen Theologie, in: ders., Biblische Theologie und Evangelium, S.9)

Und weiter urteilt Stuhlmacher: „So richtig und reizvoll es ist, die Synoptiker miteinander zu vergleichen und redaktionsgeschichtlich zu untersuchen, so wenig verdienen sie pauschalen historischen Zweifel. Sie verdienen ihn nicht, weil sich das ... Kontinuum der Jesustradition in die Evangelien hinein verlängern läßt.“ (ebd. S.10)
Außerdem kann man sagen, dass im „Verlaufe des Überlieferungsprozesses“  die Jesustradition „weder historisch verbogen noch inhaltlich schwerwiegend abgeändert“ wurde. (ebd.) „Solange die Urgemeinde bestand und die großen Apostel lebten, haben sie in gegenseitigem Kontakt und Einverständnis gelehrt, wer Jesus war und ist... Die Darstellungen des Matthäus, Markus und Lukas verdienen darum auch historischen Respekt.“ (ebd.)

Mit diesem Respekt machen wir uns nun auf die Reise zu Markus, dem frühesten Evangelisten.


copyright Christian Trebing

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