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Die Logienquellen

Ich spreche schon in der Überschrift deutlich von „Quellen“, weil es nach dem Forschungsstand klar ist, dass es uns nicht gelingen kann, eine einzige Quelle „Q“ zu beweisen und schon gar nicht aus diesem Überlieferungsstoff eine „Theologie“ dieser Schrift zu konstruieren. Es gibt aber sehr gute Argumente dafür, „daß umfangreiches Material zu einer größeren Sammlung gehörte....Dabei wird auch erkennbar, daß es sich um eine Spruchsammlung gehandelt haben muß, die kleinere Spruchzyklen zu verschiedenen Themen in sich vereinigte.“
(Polag, Die theologische Mitte der Logienquelle, in: Das Evangelium und die Evangelien, S. 104)

In diese Richtung argumentiert auch Martin Hengel, der in seinen Forschungen bereits die Vermutung zur Sprache bringt, dass in diesem Zusammenhang bereits die ersten „Pergament-Notizbücher“ angefertigt wurden: „Die Sammlung von Logien in der frühen Zeit setzt offene und darum in ihren verschiedenen Ausprägungen unterschiedliche - vermutlich orts- und personenabhängige Formen voraus. Zunächst mag es sich hier um Notizen für den persönlichen und örtlichen Gebrauch urchristlicher Missionare gehandelt haben, zuerst in aramäischer und dann bald auch in griechischer Sprache. Dabei sollte man in der frühesten Phase von einer Mehrzahl solcher Aufzeichnungen ausgehen. Auf diese Weise könnten Pergament-Notizbücher den späteren christlichen Codex vorbereitet haben.“
(HENGEL, Evangelium, S. 284. In der Anmerkungen hält HENGEL auch Wachs- und Holztäfelchen als Notizzettel für möglich).

Das Anliegen dieser Notizen war ein „missionarisch-praktisches. Man wollte den endzeitlichen Jesusboten hilfreiche Gedächtnisstützen an die Hand geben“. (ebd., S.284) Daher ist es geradezu unwahrscheinlich, dass von den Evangelien nur mündliches Gut verarbeitet wurde, alles weist auf eine Mehrzahl schriftlicher Quellen, auf sich überschneidende Logiensammlungen hin. Warum, so könnte man fragen, wurde nicht, wie es die Formgeschichtliche Schule immer vertrat, neu formuliertes Kerygma gebildet, sondern warum wurden präzis formulierte Jesusworte schon früh überliefert? „Liegt der Grund dafür einfach darin, daß es eben vorösterlich im Jüngerkreis Bewahrung geprägter Worte Jesu bereits gab, wie es für die Schüler eines Rabbi selbstverständlich war?“ (POLAG, Die theologische Mitte, S.109)

Viele Wissenschaftler haben zwar inzwischen erkannt, dass die Logienquelle „Q“ ein Dokument ist (ich würde sagen, aus Dokumenten besteht) das schon vor der Abfassung der kanonischen Evangelien schriftlich existierte, aber sie nutzen diese Erkenntnis eher dazu, um die Messiasfrage beim historischen Jesus als erledigt zu betrachten. Man müsse sich auf „Menschensohn“, „Herr“ und „Sohn Gottes“ konzentrieren. In der Tat sind das allerdings die Messiasprädikate, die für Jesus selbst und die Schreiber der anderen Evangelien und Briefe die wesentlichen Begriffe sind. Dass er „Sohn Gottes“, „Menschensohn“, „Herr“ und „Der kommen soll“ (Q 7,19) ist, definiert ihn gleichsam zum Messias. Der Gekommene ist in der eschatologischen Verkündigung Jesu auch bei „Q“ (Q 12,8) der, der wieder kommen wird am Ende der Tage.

Die zentralen Prädikationen Jesu nach „Q“ sind genau die Anstösse für „Pharisäer und Schriftgelehrte“, hier nämlich beansprucht Jesus, wie in seinen Heilungs- und Wundergeschichten (bei Markus), einen göttlichen Anspruch, er beansprucht an Gottes Stellen zu handeln. Das ist für die Vertreter des jüdischen Establisments aber Gotteslästerung. Letzten Endes ist es nicht Jesu Liebesgebot oder seine Toraverschärfung (gegen die pharisäischen „Tricksereien“), auch nicht seine Radikalität gegenüber dem Opferkult (das vertraten auch die Essener), sondern der Anspruch „Kyrios“ und „Sohn Gottes“, also Gott selbst, die personale „Sophia“ Jahwes zu sein. Dieser Anspruch durchzieht alle frühchristlichen Schriften und er wird noch verstärkt durch Tod und Auferweckung Jesu.

Die Sammlung von Jesusworten, Gleichnissen und Diskussionen mit Gegnern muss bereits zu Lebzeiten Jesu eingesetzt haben, denn für Jünger, Nachfolger und Gegner bestand immer ein großes Interesse, das Gesagte schriftlich zu besitzen. Entweder um es zu lernen und zu behalten oder um den „Rabbi“ zu widerlegen.
Aus diesen Haltungen heraus wurden Reden- und Spruchsammlungen schon zu Lebzeiten Jesu angelegt, abgeschrieben und weitergegeben. Diese Sammlungen (ohne Passionsgeschichte) entwickelten ein Eigenleben und führten dazu, dass uns heute in vielen auch „wunderlichen“, außerbiblischen Zusammenhängen Jesusworte überliefert sind. Einige gerieten später in gnostisierende Kreise und wurden mit diesem Gedankengut verfremdet. Da uns das gnostische Gedankengut aus anderen Quellen sehr gut bekannt ist, lässt sich relativ einfach die alte Schicht noch herausfinden, die zu einer frühen Überlieferung führte.

Eine einzige Logienquelle „Q“ ist für mich ein Phantom, das insbesondere durch die jüngere Forschungsgeschichte geistert. Eine Quelle „Q“ gab es so nie! Alle Versuche, sie durch Abhängigkeiten zu erschließen, enden in Sackgassen. HENGEL stellt die Frage, ob wir nicht der Q-Hypothese bei der Frage nach den Quellen von Lukas und Matthäus nur deshalb mehr zumuten, als sie tragen können, „weil diese Hypothese in der heute üblicherweise vertretenen Form so bequem ist?“ Für ihn gilt das um so mehr, weil „mit dieser allzu einfachen Hypothese wie einst bei Harnack und jetzt wieder in Claremont und der Q-Forschung in den USA klare theologisch-weltanschauliche Vorgaben verbunden sind, die diese ‘Q’-Faszination erklären können.“ (ebd., S. 300) Dazu sagt HENGEL von sich selbst weiter: „Auch ich selbst habe sie (scil. die Zwei-Quellen-Theorie) lange Zeit als die einfachste fast selbstverständlich vorausgesetzt und mit ihr gearbeitet. Bei der konkreten Untersuchung der Evangelienprobleme kamen mir jedoch mehr und mehr Zweifel. Die Frage nach den ‘Quellen’ der drei Synoptiker ist eben nicht einlinig zu beantworten; sie scheint - von der eindeutigen Markus-Priorität abgesehen - letztlich unlösbar zu sein.“ (ebd.) Und HENGEL gesteht ein: „Wir bewegen uns ... mehr oder weniger ständig im hypothetischen Raum.“ (ebd.)
„Das heißt, ich bestreite nicht grundsätzlich die Existenz von ‘Q’, sondern nur die Möglichkeit eines einigermaßen zuverlässigen Nachweises ihrer Einheit und Rekonstruierbarkeit, da eine ganze Reihe von Indizien dafür spricht, daß der spätere Matthäus auch den früheren Lukas verwendet. Dabei werden eine (oder eher mehrere ‘Logienquellen’) gewiß auch Matthäus vorgelegen haben.“ (HENGEL, Evangelium, S. 281) Weiter HENGEL: „...und man kann mit gleichem Recht verschiedene ‘Quellen’ annehmen.“ (ebd., S. 281)
Immer neue Theorien und Gegenentwürfe aus den Gemeinsamkeiten von Matthäus und Lukas eine gemeinsame Quelle zu erschließen sind vergebene Liebesmühe und werden auch durch die Abstimmungen von Forschergruppen nicht erreicht. Es gab m. E. verschiedene Spruch- und Erzählquellen, die von Jüngern Jesu (im weitesten Sinne) gepflegt und weitergegeben wurden. Bei einer Gemeindegründung wurden Spruch- und Erzähltexte für die Taufparänese und den Gottesdienst den eingesetzten Gemeindeältesten überlassen.
 
Daraus aber die Konstruktion einer „galiläischen Gemeinde“, die ein anderes Kerygma wie die Urgemeinde besessen hätte (uneschatologisch, unapokalyptisch, unmessianisch, dafür weisheitlich moralisch!), zu machen, ist einfach nur lächerlich und durchschaubar. „Auf dieser Basis lässt sich dann wiederum ein ganz neues, zeitgemäßes, modernen politisch-religiösen und theologischen Wunschvorstellungen entsprechendes Jesusbild errichten. An einem derartigen undogmatischen, vornehmlich ethischen Jesusbild war schon der Hauptvorkämpfer für ‘Q’, Adolf von Harnack, interessiert.“ (Martin HENGEL, Evangelium, S. 280)

Solche theologischen Positionen finden wir in der jüngeren Forschungsgeschichte überall. Beispielhaft zitiere ich Thomas Schneller, der „Gemeinden“ für „Q“ rekonstruieren will: „Viel wissen wir nicht über die Gemeinden, die hinter der Logienquelle Q standen. Schon der Text von Q lässt sich aus den Redeüberlieferungen, die Mt und Lk ohne eine Mk-Parallele gemeinsam haben, nur ungefähr rekonstruieren. Immerhin herrscht doch weitgehend Einigkeit darin, dass es eine solche Sammlung von Jesusworten gegeben haben muss, dass diese Sammlung deutlich früher entstanden ist als das älteste Evangelium und dass sie auf die Interaktion einer Gruppe von Wandermissionaren mit Ortsgemeinden in ländlichen Gebieten Palästinas (und Syriens) zurückgeht.“
(Thomas Schneller, Urchristliche Gemeindebildung in ihrem sozialen Kontext, in: Bibel und Kirche, Gemeindestrukturen im Neuen Testament, 56. Jahrgang, 4/2001)

Wichtig ist für diese Untersuchung, dass es inzwischen eine Akzeptanz für eine frühe Verschriftlichung von Jesusworten gibt, Theorien von Wandermissionaren außerhalb der apostolischen Gruppen halte ich für diese frühe Zeit für unbegründet. Probleme mit Wandermissionaren gab es erst in der Zeit der apostolischen Epigonen, sie sind in der frühchristlichen Literatur ausführlich kommentiert.
HENGEL sagt zusammenfassend zu „Q“ sehr schön: „Die Literatur zu ‘Q’ ist Legion und wächst, gefüttert mit immer neuen Dissertationen und Hypothesen, ständig weiter.“ (Martin HENGEL, Evangelium, S. 278) Außerdem fand ich den Satz: „Ich möchte mich hier nicht in den Abgründen einer sich allenthalben ausbreitenden, immer tiefer ins Ungewisse hineingrabenden ‘Q’-Forschung verlieren, und in diesem unübersichtlich gewordenen Gelände erst recht keine definitiven Antworten geben...“ (ebd., S. 281)

Sehen wir uns einmal ein markantes Beispiel  typischer Q-Überlieferung an: Feldrede und Bergpredigt. Sie sind in ihrer Diktion so unterschiedlich, dass sie aus verschiedenen Überlieferungstraditionen herkommen, sie müssen sich nicht auf den gleichen Anlass beziehen. Bei 30% Wortübereinstimmungen und 70% Differenzen ist dies ein deutliches Beispiel für die Vielfalt der jesuanischen Predigt! Gerade der Eindruck der Einmaligkeit einer Lehrrede Jesu bei Matthäus ist ja deutlich als Redaktion des Evangelisten erkennbar. Vielmehr gilt als Geheimnis eines erfolgreichen Unterrichts damals wie heute die Wiederholung! Man muss also davon ausgehen, dass Jesus seine wichtigsten Lehrinhalte mehrfach dargelegt hat. Daraus ergeben sich Unterschiede in der Wortgestalt. Immer wieder ist in den Evangelien zu lesen, „er lehrte sie“, „er lehrte das Volk“, „er lehrte täglich im Tempel“ etc. Wir haben es hier mit einem kontinuierlichen Verhalten Jesu gegenüber seinen Jüngern (die ihm nachfolgten oder zu bestimmten Zeiten dazu kamen) und „dem Volk“, also den mehr oder weniger zufällig an diesem Tag Anwesenden zu tun.

Da Jesus wie ein Rabbi lehrte, konnte es zur Entstehung einer mündlichen und schriftlichen Lehrtradition kommen. Denn die Jünger lernten viele Sprüche Jesu auswendig, sie wurden geschult, da Jesus sie ja aussenden wollte. Das Mitschreiben von Texten beim Unterricht von Rabbinen ist vielfach für die Zeit Jesu belegt und daher nicht außergewöhnlich, im Gegenteil, es wäre höchst außergewöhnlich, wenn die Schüler die Worte ihres Meisters nicht mitgeschrieben hätten.
Folgen wir einmal, was die Lehrtätigkeit Jesu angeht, dem Zeugnis des Johannesevangeliums, weil es in Datierungsfragen meist die präziseren Angaben hat, dann müssen wir von einer dreijährigen öffentlichen Wirkungszeit ausgehen. Jesus verstand seine Sendung zunächst als ein Kommen zu den „verlorenen Schafen“ Israels, die keinen Hirten mehr haben, aus dem Volk wollte er die gewinnen, die als Träger seiner Mission den Schritt über die Grenzen Israels hinaus gehen. Das lag ganz in der Vorstellungswelt des Alten Testaments, dass Israel als Volk zum Licht der Heiden werden soll und von Jerusalem ausgehend die Völker unterwiesen werden. Um diese Basis zu schaffen sandte er schon zu Lebzeiten die Zwölf und die 72 Jünger aus. Aber vorher mussten sie lernen, was sie sagen sollten, sie mussten das „Evangelium“ von der Barmherzigkeit Gottes nicht nur kennen, sie mussten davon ergriffen sein, um die Zeichen des Messias auch zu wirken.

Es gibt niemanden aus der Zeit Jesu, der mit einem messianischen Anspruch auftrat und solche auch literarisch anspruchsvollen Texte hinterlassen hat. Wenn immer mal wieder behauptet wird, Jesus sei nur einer von vielen, die als Wanderprediger durchs Land gezogen seien, dann ist dahinter nur heiße Luft. Es gab Johannes den Täufer und innerhalb von 150 Jahren verschiedene politisch ausgerichtete Führer, die dann das jüdische Volk in einen Bürgerkrieg und einen Kampf gegen Rom stürzten, aber es gab niemanden wie Jesus. Es gab auch niemanden, der in prophetischer Verkündigung und Zeichenhandlung den Anbruch der Gottesherrschaft und das Evangelium für die Armen, ja sogar für die Heiden im Blick hatte.

Selbst in der jüdischen Führungsschicht seiner Zeit gab es Menschen wie den Pharisäer Nikodemus, die bekennen: „Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, der von Gott kommt. Denn wer solche Wunder wirkt wie du, der muss schon mit Gott zu tun haben.“ (Johannes 3,2)

Vielleicht haben wir gerade in den sehr stark geprägten Worten aus den Q-Überlieferungen schriftlich fixierte Jesuslehre vor uns, die zu den wertvollsten Texten gehörten, die in der frühen Kirche zur Verfügung standen. In der Briefliteratur kanonischen und außerkanonischen Schriften gibt es Hinweise auf Schriftstücke wie das „Gesetz Christi“, die „Weisungen des Herrn“ etc. Diese Verweise können nicht alle allgemeiner Natur ohne Bezug auf eine schriftlich fixierte Tradition gewesen sein. Dafür kommen sie zu oft vor und deuten auf einen eingegrenzten Text hin. Es muss also schriftlich fixierte Überlieferung gegeben haben, die auf Jesus selbst zurückging. Da lege ich mich fest. Auch wenn wir diese Überlieferung im Einzelnen nicht rekonstruieren können, ist diese Begründung für mich sinnvoller, als die Theorie von kreativen Wandermissionaren, die Jesusworte weiterentwickelt haben könnten.

Und solange es mir niemand nachweisen kann, bleibe ich aufgrund der gefundenen Rahmenbedingungen der Verschriftlichung zur Zeit Jesu dabei, in den Q-Quellen stecken von Jesus selbst aufgezeichnete Texte! Wir werden das heute nicht mehr im Einzelnen nachweisen können, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir in weiten Teilen der Q-Überlieferung von Jesus selbst oder seinen Jüngern geschriebene Texte vor uns haben, ist aufgrund der hervorragenden Überlieferung höher, als jede andere Vermutung.

copyright Christian Trebing

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