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Die Problemlage

Mit diesem Buch werde ich mich weder bei ausgesprochenen Fundamentalisten noch bei Theologen, die die historische Wahrheit der Bibel für irrelevant halten, beliebt machen. Den einen ist historisch oder auch naturwissenschaftlich alles gleich wahr, was in der Bibel steht, die anderen haben die Wahrheitsfrage auf den Glauben reduziert. Ihnen geht es in der Bibel nur um Glaubensgeschichten, sie verbieten sich den Rückbezug auf die historische Wahrheit. Beide Positionen verkennen, dass der Mensch in seiner Wahrheitssuche ernst genommen werden will. Er akzeptiert dabei durchaus eine vorläufige Wahrheit für historische Aussagen, will sich aber nicht auf ein diffuses „Kerygma“ einlassen, das sich von der historischen Wirklichkeit gelöst hat. Denn es ist für den Glauben an Gott relevant, ob Jesus oder Paulus wirklich gelebt haben und nach einem diskutablen Urteil als Autoren ihrer Überlieferungen gelten können. „Denn gäbe es keine Auferstehung von den Toten, dann wäre doch auch Jesus Christus nicht auferweckt worden. Wäre aber Jesus nicht auferweckt worden, dann wäre meine Botschaft sinnlos, und euer Glaube hätte keine Grundlage. Und ich selbst hätte wissentlich etwas Falsches über Gott behauptet.“ (Paulus im 1. Brief an die Korinther 15,43f)

Der Apostel Paulus bringt das Dilemma auf den Punkt und verlangt schon damals einen klaren Umgang mit der historischen Wahrheit. Auch wenn er sich „nur“ auf Augenzeugen berufen kann, wenn es um das Geschehen von Kreuz und Auferstehung geht, so kann er doch selbst eigene Erfahrungen mit dem auferstandenen Christus in die Waagschale werfen! Mehr als eigene Erfahrungen haben wir in den wesentlichen Fragen von Geschichte, Gesellschaft und Zusammenleben auch nicht zu bieten. Ob nun vor Gericht oder im normalen Leben, wir sind selbst die Zeugen unserer eigenen Geschichte, wir selbst müssen dauernd entscheiden, wem wir Vertrauen entgegen bringen und wem nicht.
Selbst mit dem wunderbar dokumentierten und gutachterlich belegten Vertrag über den Kauf eines neuen Hauses, kann man uns über den Tisch gezogen haben. Wie es um Wahrheit und Wahnsinn steht, hat uns 2008/2009 gerade die weltweite Finanzbranche deutlich gemacht. Wem kannst Du noch vertrauen? Wer stellt seine Eigeninteressen zurück und nimmt den Mitmensch als Nächsten an? Schon sind wir mitten drin in der Botschaft Jesu, die aktuell ist wie eh und je.

Ich kann dem mir zugesprochenen Satz „Ich liebe dich“ vertrauend mit einem anderen Menschen leben und die Welt „mit neuen Augen“ sehen. Oder ich kann ewig in der Ungewissheit bleiben, ob ich geliebt werde.

Ich kann der Zusage Gottes im Abendmahl „Dir sind deine Sünden vergeben“ vertrauen und frei werden von Schuld, oder mich weiter mit schlechtem Gewissen oder Überheblichkeit durchs Leben bewegen.

Trotzdem werde ich als „Vertrauender“ weiterhin ein Interesse an der Wahrhaftigkeit der Liebeszusage und der Zusage der Vergebung haben. Mit meinem eigenen Leben werde ich diese Wahrhaftigkeit immer überprüfen und mich vergewissern. In beiden Fällen werde ich respektvoll mit meinem Gegenüber umgehen, wenn ich die Beziehung nicht leichtfertig aufs Spiel setzen will. Beide Zusagen schaffen das Vertrauen, wenn ich sie für mich gelten lasse. Wenn ich mich diesen Zusagen verschließe, haben sie keine Wirkung für mich.

Vielleicht war auch ein mangelnder Respekt vor der biblischen Überlieferung der Grund für den gegenwärtigen Vertrauensverlust in Theologie und Kirche. Wenn es Gott wagt, sich in aller Vorläufigkeit historischer Überlieferung zu offenbaren, dann darf auch ich als Forschender und Glaubender diese Vorläufigkeit erkennen und trotzdem Gott als den Schöpfer und Erlöser auch meines Lebens persönlich erfahren. Ja, gerade im Erforschen von Bibel und Welt wird mir die großartige Wahrheit Gottes deutlicher und klarer. Das bestätigen immerhin auch viele Naturforscher, die die Einzigartigkeit unserer Erde entdeckt haben.

Um es auf den Punkt zu bringen, ich habe als Glaubender und Forschender keine Angst vor der Wahrheit der historischen Entdeckungen in der Bibel und ihrer Umwelt. Auch wenn ich einmal erkennen muss, dass die eine oder andere Geschichte im Überlieferungsprozess gelitten hat, stürzt mich das nicht in Verzweiflung, weil ich die Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferung kenne. Luther verglich einmal die Bibel mit dem Kind in der Krippe, so wie Jesus klein und elend in diesem Futtertrog auf die Welt kam, so steht es auch um die Bibel, sie ist eine Offenbarung in irdischer Gestalt. Anders ist sie nicht zu haben. Wer sich nicht bücken will, kommt nie in die Geburtskirche in Bethlehem, der rennt gegen eine Mauerwand. Auch für die Erforschung der Bibel gilt, wir müssen uns bücken und genau hinsehen, demütig und bescheiden sein, im Urteil vorsichtig. Und wenn Sie sich gebückt haben, können Sie vielleicht noch die Schrift Jesu erkennen...

Ich bin nach jahrzehntelangen Forschungen in Archäologie und Geschichte sicher, dass in der Bibel die entscheidenden Erfahrungen des Menschen mit Gott aufbewahrt sind, die auch für uns heute von großer Bedeutung sind. Mehr noch, die Bibel ist das Offenbarungsbuch Gottes schlechthin, in ihr zeigt er uns seine Gnade und Wahrheit. Um der Einheit der Kirche willen, beschränken wir uns zu wesentlichen Aussagen der Theologie auf den Kanon des Alten und Neuen Testaments. Natürlich wissen wir, dass Gottes Offenbarung auch in anderen Schriften überliefert sein kann. Wir werden diese Schriften auch zum besseren Verständnis der biblischen Bücher heranziehen. Aber sie haben für uns nicht den gleichen Stellenwert, wie das Zeugnis der Bibel. Unsere Väter im Glauben haben (nach einem zeitbedingten Urteil) den Kanon gebildet, um die Zuverlässigkeit der Bibel zu sichern. Damit haben sie der Kirche die Einheit über 2000 Jahre geschenkt. Denn trotz aller Gegensätze verbindet die Christen weltweit dieses einigende Band des biblischen Kanons.

Die Texte der Bibel sind nicht nur als Glaubensgeschichten für uns wichtig, sondern sie erinnern uns daran, dass Gott sich schon immer Menschen offenbart hat. Auch wenn diese Geschichten jeweils aus der Sicht der damaligen Zeit weitererzählt und aufgeschrieben wurden, so haben sie doch mehr als nur einen historischen Kern. Wir können natürlich auf die Rückfrage nach dem historischen Jesus nicht verzichten, wenn wir ehrlich mit den Menschen umgehen wollen. Früher dachte man, angetrieben vom Wahnsinn des menschlichen Rationalismus, alles auf der Welt wäre zu erklären, irgendwie und irgendwann... Heute sehen wir ein, je mehr wir wissen, desto mehr erkennen wir, dass wir nicht alles erklären können und viele Geheimnisse sich uns verschließen. Wir begreifen auch, dass Wissen allein nichts bringt, weil wir ohne wirkliche Werte das Leben auf dieser Erde nicht bewältigen können. Immer mehr wird uns klar, dass das Machbare uns ins Chaos stürzt, dass wir es begrenzen müssen, um uns nicht selbst umzubringen. Unser wissenschaftliches Können und Wollen hat uns an den Rand des Abgrunds geführt.

So müssen wir auch in der theologischen Forschung lernen, dass viele Fragen offen bleiben werden. Aber wir entdecken vielleicht wieder, dass die wesentlichen Fragen unseres Lebens durch das Kommen des Gottessohnes Jesus gelöst sind. Vertrauen wir dem Heiligen Geist, dass er uns im Lesen und Forschen von der Gegenwart des lebendigen Gottes überzeugt. Das kann ein Forscher nicht? Fehlanzeige, ich kenne viele redliche Theologen und Forscher, die diesen Weg gehen. Liebe macht nicht blind, sondern sehend, auch beim Forscher. Wer liebt, behandelt das Geliebte mit Charme und Behutsamkeit. Gibt es eine bessere Art, mit dem Evangelium umzugehen?

Die Überlieferungen der Bibel sind für uns als Offenbarung Gottes aber nicht alle gleich wichtig, die Bibel ist keine Dogmatik, sie ist ein Buch der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen und wurde auch von keinem Engel übergeben. Die Bibel hat selbst eine Überlieferungsgeschichte, aber durch die Bibel (und dabei für uns als Christen besonders durch das Neue Testament) offenbart sich Gott selbst als unser Herr und Retter. Das hindert uns nicht, nach der Mitte und dem Ziel dieses neutestamentlichen Zeugnisses zu fragen.

Es ist ein Abenteuer sich auf den Umgang mit dieser Überlieferung einzulassen. Das Erforschen der Bibel kann mein Leben nämlich wirklich verändern, ich kann den Glauben an Gott gewinnen oder verlieren. Das Lesen und Erforschen der Bibel ist also ein Risiko für jeden! Aber ich lese und forsche in der Bibel nicht allein und auf mich gestellt, sondern im Dialog und Austausch mit anderen Menschen, die mit mir auf diesem Weg unterwegs sind. Unterwegs heute und verbunden durch die Geschichte. In unserer vorläufigen Erkenntnis der Wahrheit eint uns aber das Vertrauen in die Zusage von Liebe und Vergebung Gottes durch Jesus Christus. An der Erkenntnis seiner Person entscheidet sich alles, was für uns wichtig ist. Doch hätte er nie gelebt und wäre nicht für uns gestorben und auferstanden, wäre unser Glaube nichts wert. „Und wenn wir nur für unser irdisches Leben auf Christus hofften, wären wir unter allen Menschen die Ärmsten, da wir auf einen Toten hofften.“ (s.o. Vers 19). Wir wären Hochstapler und Lügner!

Das Resümee eines meiner theologischen Lehrer in Tübingen, Peter STUHLMACHER, über all die Jahre seiner Lehrtätigkeit, hat mich in meiner Absicht bestärkt, dieses Buchprojekt weiter zu verfolgen: „Die Wissenschaft vom Neuen Testament gerät immer wieder in Sackgassen, und die Fehler, die sie macht, haben akademisch und kirchlich gleich schlimme Folgen. Aber das Wahrheitszeugnis der Bibel weist über diese Fehlleistungen hinaus. Es war und ist immer wieder beglückend, bei der Arbeit mit alt- und neutestamentlichen Texten erleben zu dürfen, daß die Schrift tatsächlich zu uns spricht und daß das Evangelium Gottes von Jesus Christus keineswegs überholt ist. Seine Wahrheit gilt auch in und gegenüber unserer Zeit, und die erschließt sich all denen, die ihr in Gottesfurcht und mit dem Auge des Herzens begegnen (vgl. Sir 17,8; Eph 1,18).“ (Peter Stuhlmacher, Evangelium, S.4)

So möchte ich Ihnen mit diesem Buch zeigen, dass die Bibel und ihre Überlieferungen zuverlässiger sind, als viele angenommen haben. Auch wird deutlich werden, dass wir uns als Bibelleser nicht vor der historischen Wahrheit fürchten müssen. Es gibt keine schriftliche Überlieferung weltweit, die ehrlicher mit den handelnden Personen umgegangen ist, als die Bibel. Das gilt für das Alte Testament und noch stärker für das Neue.

Ich spüre für mich auch, dass ich an einem Wendepunkt meiner theologischen und historischen Arbeit angekommen bin. Zu lange bin auch ich der Idee des modernen Subjekts als Maßstab für den Erkenntnisgewinn verhaftet gewesen. Dieser Denkansatz geht davon aus, dass wir erst in der Aufklärung begonnen haben, „wissenschaftlich“ zu denken. Dass wir außerdem erst in der Neuzeit das Individuum entdeckt und vorher in einer Art von kollektivem Bewusstsein gelebt haben, dass wir erst in unserer Selbstverwirklichung zu uns finden. Wenn der Mensch also nur im Denken zu sich selbst fände und nicht in der Begegnung mit Gott, dann mag das einleuchtend klingen. Wenn aber der Gegensatz von Denken und Begegnung mit Gott gar nicht wesentlich für die Individualität des Menschen ist, sondern nur ein neuzeitliches Konstrukt, dann werden viele Fragen neu gestellt. Neben der Frage nach der Begegnung mit Gott sicher auch die Frage nach dem Respekt vor der kulturellen Leistung früherer Generationen.

Zu lange war insbesondere unsere deutsche wissenschaftliche Sicht von dem Vorurteil geprägt, die Neuzeit überhole bei klarem Verstand „tumbes Mittelalter voller Aberglaube“. Nach all den archäologischen Funden aus der Frühzeit des Menschen bis hin zu den gewaltigen Steintempeln in Göbekli Tepe (ca. 9.000 v. Chr.) müssen wir einfach akzeptieren, dass es Jahrtausende vor uns Leistungen in allen Bereichen von Kultur, Religion, Handel und Architektur gegeben hat, die wirklich erstaunlich sind. Auch ohne meine christliche Überzeugung muss mir klar sein, dass die Sehnsucht des Menschen nach Gott sehr alt ist und nicht vergeht. Denn biblisch ist sie begründet in der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott, in seiner Bezogenheit auf den Schöpfer. Der Mensch brauchte nicht die Neuzeit, um sich als Subjekt vor seinem Gott zu verstehen. Damals wusste er auch noch, dass die Welt mit Achtsamkeit verwaltet und bewahrt werden muss. In dieser neuen Welt hat er nicht den Menschen, sondern sich selbst und zwar jeder für sich zum Maßstab gemacht. Und erzähle mir niemand, das sei die von Luther in Gang gesetzte Befreiung des Menschen oder eine christliche Entzauberung der Welt, es war eine Ablösung des Menschen von Gott. Nichts anderes! Sie brachte auch jene atheistisch formulierte historische Forschung hervor, die sich mit dem Prädikat kritisch schmückte, um ihre Urteile mit wissenschaftlichem Pathos zu fällen. Scheinbar endgültig und für immer, ein für alle Mal und grundsätzlich, weil unwiderlegbar. Was kam am Ende dabei heraus? Der Tod Gottes wurde nach der Philosophie auch noch in der Theologie (welch wundersamer Widerspruch) festgestellt. Wer mit Gott nicht mehr rechnet, kann ihn auch nicht finden. Was bleibt nach seinem Tod, die Ethik, denn es gibt immer was zu tun auf dieser Welt...

So muss man heute feststellen, alles fauler Zauber, zu dick aufgetragen, wir sollten bescheidener werden, was unsere Erkenntnismöglichkeiten betrifft, aber auch offener für andere Lösungen. Die historisch-kritische Forschung an der Bibel muss zwar Methoden aus anderen Wissenschaften zum Erkenntnisgewinn heranziehen, aber sie muss auch die Begrenzungen sehen. Das wirkliche Leben und damit das Entstehen von Geschichte in der Zeit ist viel komplexer als naturwissenschaftliche Modelle! Es lässt sich weder auf wahr oder falsch eingrenzen noch damit relativieren, dass nichts sicher zu erkennen sei. Historisches Erkennen ist immer mehrdimensional, es gibt wesentliche Wahrheit und unwesentliche Aussagen oder Ergebnisse. Dass Jesus in Palästina gewirkt hat ist historisch für uns Christen sehr wesentlich, ob er ein Jahr oder drei Jahre gewirkt hat ist zwar interessant aber wiederum unwesentlich. Dass sein Leben, Sterben und Auferstehen von vielen Augenzeugen geschildert wird, ist wirklich sehr wesentlich für die Kirche, aber auch für meinen eigenen Glauben, ob es im Jahr 30 oder 33 n.Chr. geschehen ist, hängt davon ab, wann wir das Jahr 0 festsetzen können.

Ich pflichte Martin HENGEL bei, wenn er sagt: „In diesen ganzen Fragen helfen uns jedoch nicht bloße literarkritische Hypothesen und zeitlose, rein formale ‘sozio-rhetorisch-linguistische’ Überlegungen oder gar theologische Wünsche weiter (von alledem haben wir mehr als genug), sondern nur überzeugende historisch-philologische Argumente, die auch der Frage nach den Autoren der Evangelientexte in Raum und Zeit nicht ausweichen.“ (Martin Hengel, Evangelien, S. 353)

Von den historischen Überlieferungen muss in der Begegnung mit Jesus der Weg zum Erkennen des Gottessohnes führen, sonst kann man weder Jesus noch seine Botschaft begreifen. Dabei ist der Glaube an den Christus Gottes kein Vor-Urteil, das den Wissenschaftler daran hindert mit klarem Verstand und kritischer Würdigung Urteile zu fällen. Im Gegenteil, die entdeckte Gottesliebe macht ihn viel vorsichtiger im Umgang mit den Überlieferungen! Denn Geschichte und Texte der Geschichte sind kein „Material“, das man einfach bearbeiten kann. Hier geht es um Geschichte und Geschichten, die sich nicht in allem methodisch erfassen lassen.
Es bleiben immer Fragen offen. Da sind wir wieder bei den Naturwissenschaften, die letzten Fragen müssen auch hier offen bleiben und je nachdem, wie man die Dinge sieht, bekommt man verschiedene Antworten.

Es geht mir in diesem Buch auch darum, Impulse für eine neue Fragerichtung in der Forschung zu geben. Bisher galt leider weitgehend, je radikaler die Ergebnisse, desto wissenschaftlicher ist die Analyse. Als ob ein theologischer Minimalismus das höchste Ziel der Forschung sei! Ich weiß, dass viele Theologen andere und eigene Wege gegangen sind, weil sie gegen den Zeittrend geschwommen sind. Das ermutigt mich auch, in Richtung einer „Biblischen Theologie“ weiter zu denken. Ich bin den Tübinger Theologen dankbar, die sich gemeinsam in diese Richtung bewegt haben. Sie haben sehr viel für ein Umdenken in der Theologie der letzten Jahrzehnte getan. Ich kenne viele Kollegen, die sich daran orientiert haben.

In diesem Buch geht es um die Frage, ob wir davon ausgehen können, dass Jesus einen Teil seiner Überlieferung selbst schriftlich formuliert hat. Ich meine, wer dem Gegenstand angemessen, diese Möglichkeit des Schriftgebrauchs durch Jesus in Betracht zieht, ist viel näher an der Wahrheit, als einer, der das bestreitet. Der Gedanke war jedem meiner theologischen Freunde bisher neu, aber sie kamen alle ins Nachdenken. Bei der Frage der frühen Verschriftlichung durch Jesus selbst, seine Jünger und Freunde etc. hilft aber keine sanfte Korrektur, sondern wirklich ein Umdenken in entscheidenden Positionen. Dazu werde ich mehrere Vorschläge machen.
 
Wer die Bibel atheistisch betrachtet, wird ihr keine Geheimnisse entlocken können. Denn diese Blickrichtung ist keineswegs vorurteilsfrei, im Gegenteil, dieser Standpunkt prägt die Ergebnisse entscheidend! Wer den Menschen oder die gesamte Schöpfung wissenschaftlich unter der Absehung des Schöpfers betrachten will, wie soll der je wieder erkennen, dass es Gott gibt? Es klingt so modern, die Dinge aus sich selbst erklären zu wollen, es suggeriert eine tolle Wissenschaftlichkeit, doch dieser Ansatz führt in einen seelenlosen Materialismus, der die Welt zerstört.
Gerade die Rückbindung an Gott als den Schöpfer und die Erkenntnis, dass Schöpfung nicht einfach Materie ist, mit der ich machen kann, was ich will, hat die Menschen wieder zur Besinnung gebracht. Schöpfung ist nicht einfach Natur, die man ohne Ehrfurcht zerlegen und bearbeiten kann, ohne sie als Geschenk und Aufgabe Gottes zu betrachten.

Der Rationalismus hat die Welt nicht nur entzaubert, sondern sie als Objekt menschlicher Begierde zur Strecke gebracht. Die Rücksichtslosigkeit dieser rein wertfreien und rationalen Weltgestaltung wurde besonders unter Christen erkannt und wird heute weltweit diskutiert. Erstaunlicherweise benutzen dabei Politiker neuerdings den theologischen Begriff von der „Schöpfung“, die es zu bewahren gilt!

In der Geschichte der Erforschung der Bibel, insbesondere der Evangelien, sehe ich ein Spiegelbild dieser Entwicklung. Methodischer Atheismus ist kein guter Ansatz zur Erforschung theologischer Texte. Die Offenheit für kontingentes (einmaliges) Handeln Gottes sollte beim Exegeten und Historiker da sein, sonst wird er nie zur Innenseite der Wahrheit vorstoßen. Für mich heißt das, neue Möglichkeiten in Betracht ziehen! Auch das bisher Undenkbare, dass Jesus als gebildeter Mensch seiner Zeit aufgeschrieben hat, was er von seiner Lehre bewahren wollte, denken lernen. Zu fragen, welche Konsequenzen hätte es für die Überlieferung, wenn nicht eine angenommene Gemeinde (denn auch diese formgeschichtliche Festlegung ist rein fiktiv) einen Text verfasst hätte, sondern Jesus selbst?

Jesus hatte ein großes Interesse daran, dass seine Worte weitergegeben wurden. Ein Interesse, das auch klassischen Autoren nicht fremd war. Er sprach oft von der Erinnerung an seine Worte. Sein „Ich aber sage euch“ war ihm so wichtig, dass er es mehr als einmal stark betonte. Es kommt so gezielt, dass man sich denken kann: Jetzt Leute, schreibt es euch endlich hinter die Ohren oder besser, schreibt es euch mal auf, dass ihr es nicht mehr vergesst!
Wenn Jesus die eigenen Geschichten und Gleichnisse, seine Auslegung der Tora etc. also wichtig waren, wird er dafür gesorgt haben, dass sie möglichst präzis weitergegeben wurden. Das ist das selbstverständliche Ziel jedes Lehrenden. Wie das geschehen konnte, werde ich an einigen Beispielen aufzeigen.
Wenn wir außerdem verstehen, dass z.B. der Dialog eine wesentliche Lehrform des „Rabbi Jesus“ war, können wir diese Überlieferungen in den Evangelien nicht mehr einfach als Endprodukte einer Gemeindebildung verstehen.

Lange vor Jesus hatten die Studenten des Platon dessen Vorlesungen mitgeschrieben, um sie dann im reichen Syrakus (sehr zum Unmut des Lehrers!) für viel Geld zu verkaufen. Die Menschen dieser Zeit wollten gern die Worte des berühmten Philosophen besitzen. Ich glaube, dass die unmittelbaren Hörerinnen und Hörer des „Weisheitslehrers Jesus“ auch dessen Worte besitzen wollten. Sie versprachen sich davon als Juden oder Gottesfürchtige einen geistigen aber auch geistlichen Gewinn. Schon vor Jesus versuchten jüdische Autoren den Gottesglauben des Alten Testaments als die beste Philosophie aller Zeiten darzustellen, die beim denkenden Menschen den „primitiven“ Polytheismus ablösen sollte. Es war im Hellenismus zur Zeitenwende eine gewisse Mode, den Glauben an den einzigen Gott als etwas Erstrebenswertes zu verstehen. Ein Lehrer, Wundertäter und Heiland wie Jesus war für Menschen dieser Zeit eine Herausforderung, selbst ein guter Mensch zu werden. Die Frage nach dem richtigen und angemessenen Handeln war gerade für die Gottesfürchtigen im Umfeld des Judentums ein wichtiger Lebensaspekt. Wer Wert darauf legte, für den war es wichtig, die Worte und Lebensanweisungen zu einem solchen Leben zu besitzen. Wer den richtigen Weg gehen wollte, brauchte dazu die Weg-Worte! Darum schrieb man in Qumran z.B. alles dazu deutlich auf....

Die Ergebisse dieses alten Schreibprozesses der Jesuszeit haben wir in den Evangelien vor uns. Es begann mit Jesus von Nazareth heißt für mich deshalb auch, die Verschriftlichung begann mit dem, der diese neue Botschaft lehrte. Denn er lehrte wie jeder Rabbi aus einer schriftlichen Vorlage, Texten, die er selbst geschrieben hatte, Auslegungen der Tora und der Propheten, die er selbst verfasst hatte. Die Notizen dieser Texte gingen in die Überlieferung des vorösterlichen Evangeliums ein. Sie tauchen auch bei Paulus und anderen Briefschreibern in Formulierungen wie das „Gesetz Jesu“, die „Weisung Jesu“ etc. auf.

Doch zunächst müssen wir eine weite Reise in die Vergangenheit machen. Wir werden noch einmal 3000 Jahre zurückgehen, um zu verstehen, dass die Situation im syrisch-palästinischen Raum zur Zeit Jesu anders war, als im Deutschland des Mittelalters. Dort waren andere Rahmenbedingungen in der Schreib- und Lesekultur entstanden, als sie bei uns herrschten. Die orale Tradition der deutschen Märchen und Sagen lässt sich in der Verschriftlichung nicht auf die Botschaft Jesu übertragen. Aus diesen soziologischen Vergleichen speiste sich aber eine Forschungsrichtung, die lange Zeit insbesondere die wissenschaftliche Theologie in Deutschland beherrschte, die Formgeschichte. Für sie war der „Sitz im Leben“ der Gemeinde der Anlass, die meisten Berichte und Texte als „Gemeindebildung“ zu entlarven. Abgesehen davon, dass wir nach allen Berichten nur individuelle Schreiber kennen (abgesehen vom Beschluss des Apostelkonzils, der aufgeschrieben wurde, um ihn in den Gemeinden zu verbreiten), wird damit den Überliefernden die Zuverlässigkeit abgesprochen und eine unglaubliche Kreativität zugeschrieben. Das widerspricht aber jeglichem Selbstverständnis für den Umgang mit biblischen Texten im jüdisch-christlichen Kulturkreis.

Werfen wir nun einen kurzen Blick in die Anfangsgeschichte der schriftlichen Überlieferung aus dem Blickwinkel Mesopotamiens. Denn von hier kamen die wichtigsten Impulse für die Schrifttradition in die abendländische Kultur. Dieser kleine Umweg ist für Sie auch deshalb interessant, weil Sie damit einen Einblick in die Entstehung der Alphabete erhalten. Auch wenn Sie schon einiges über diese Entwicklung der Schriften wissen, entdecken Sie trotzdem vielleicht noch etwas Neues am Weg.

 

Ich spüre für mich auch, dass ich an einem Wendepunkt meiner theologischen und historischen Arbeit angekommen bin. Zu lange bin auch ich der Idee des modernen Subjekts als Maßstab für den Erkenntnisgewinn verhaftet gewesen. Dieser Denkansatz geht davon aus, dass wir erst in der Aufklärung begonnen haben, „wissenschaftlich“ zu denken. Dass wir außerdem erst in der Neuzeit das Individuum entdeckt und vorher in einer Art von kollektivem Bewusstsein gelebt haben, dass wir erst in unserer Selbstverwirklichung zu uns finden. Wenn der Mensch also nur im Denken zu sich selbst fände und nicht in der Begegnung mit Gott, dann mag das einleuchtend klingen. Wenn aber der Gegensatz von Denken und Begegnung mit Gott gar nicht wesentlich für die Individualität des Menschen ist, sondern nur ein neuzeitliches Konstrukt, dann werden viele Fragen neu gestellt. Neben der Frage nach der Begegnung mit Gott sicher auch die Frage nach dem Respekt vor der kulturellen Leistung früherer Generationen.

Zu lange war insbesondere unsere deutsche wissenschaftliche Sicht von dem Vorurteil geprägt, die Neuzeit überhole bei klarem Verstand „tumbes Mittelalter voller Aberglaube“. Nach all den archäologischen Funden aus der Frühzeit des Menschen bis hin zu den gewaltigen Steintempeln in Göbekli Tepe (ca. 9.000 v. Chr.) müssen wir einfach akzeptieren, dass es Jahrtausende vor uns Leistungen in allen Bereichen von Kultur, Religion, Handel und Architektur gegeben hat, die wirklich erstaunlich sind. Auch ohne meine christliche Überzeugung muss mir klar sein, dass die Sehnsucht des Menschen nach Gott sehr alt ist und nicht vergeht. Denn biblisch ist sie begründet in der Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott, in seiner Bezogenheit auf den Schöpfer. Der Mensch brauchte nicht die Neuzeit, um sich als Subjekt vor seinem Gott zu verstehen. Damals wusste er auch noch, dass die Welt mit Achtsamkeit verwaltet und bewahrt werden muss. In dieser neuen Welt hat er nicht den Menschen, sondern sich selbst und zwar jeder für sich zum Maßstab gemacht. Und erzähle mir niemand, das sei die von Luther in Gang gesetzte Befreiung des Menschen oder eine christliche Entzauberung der Welt, es war eine Ablösung des Menschen von Gott. Nichts anderes! Sie brachte auch jene atheistisch formulierte historische Forschung hervor, die sich mit dem Prädikat kritisch schmückte, um ihre Urteile mit wissenschaftlichem Pathos zu fällen. Scheinbar endgültig und für immer, ein für alle Mal und grundsätzlich, weil unwiderlegbar. Was kam am Ende dabei heraus? Der Tod Gottes wurde nach der Philosophie auch noch in der Theologie (welch wundersamer Widerspruch) festgestellt. Wer mit Gott nicht mehr rechnet, kann ihn auch nicht finden. Was bleibt nach seinem Tod, die Ethik, denn es gibt immer was zu tun auf dieser Welt...

So muss man heute feststellen, alles fauler Zauber, zu dick aufgetragen, wir sollten bescheidener werden, was unsere Erkenntnismöglichkeiten betrifft, aber auch offener für andere Lösungen. Die historisch-kritische Forschung an der Bibel muss zwar Methoden aus anderen Wissenschaften zum Erkenntnisgewinn heranziehen, aber sie muss auch die Begrenzungen sehen. Das wirkliche Leben und damit das Entstehen von Geschichte in der Zeit ist viel komplexer als naturwissenschaftliche Modelle! Es lässt sich weder auf wahr oder falsch eingrenzen noch damit relativieren, dass nichts sicher zu erkennen sei. Historisches Erkennen ist immer mehrdimensional, es gibt wesentliche Wahrheit und unwesentliche Aussagen oder Ergebnisse. Dass Jesus in Palästina gewirkt hat ist historisch für uns Christen sehr wesentlich, ob er ein Jahr oder drei Jahre gewirkt hat ist zwar interessant aber wiederum unwesentlich. Dass sein Leben, Sterben und Auferstehen von vielen Augenzeugen geschildert wird, ist wirklich sehr wesentlich für die Kirche, aber auch für meinen eigenen Glauben, ob es im Jahr 30 oder 33 n.Chr. geschehen ist, hängt davon ab, wann wir das Jahr 0 festsetzen können.

Ich pflichte Martin HENGEL bei, wenn er sagt: „In diesen ganzen Fragen helfen uns jedoch nicht bloße literarkritische Hypothesen und zeitlose, rein formale ‘sozio-rhetorisch-linguistische’ Überlegungen oder gar theologische Wünsche weiter (von alledem haben wir mehr als genug), sondern nur überzeugende historisch-philologische Argumente, die auch der Frage nach den Autoren der Evangelientexte in Raum und Zeit nicht ausweichen.“ (Martin Hengel, Evangelien, S. 353)

Von den historischen Überlieferungen muss in der Begegnung mit Jesus der Weg zum Erkennen des Gottessohnes führen, sonst kann man weder Jesus noch seine Botschaft begreifen. Dabei ist der Glaube an den Christus Gottes kein Vor-Urteil, das den Wissenschaftler daran hindert mit klarem Verstand und kritischer Würdigung Urteile zu fällen. Im Gegenteil, die entdeckte Gottesliebe macht ihn viel vorsichtiger im Umgang mit den Überlieferungen! Denn Geschichte und Texte der Geschichte sind kein „Material“, das man einfach bearbeiten kann. Hier geht es um Geschichte und Geschichten, die sich nicht in allem methodisch erfassen lassen.
Es bleiben immer Fragen offen. Da sind wir wieder bei den Naturwissenschaften, die letzten Fragen müssen auch hier offen bleiben und je nachdem, wie man die Dinge sieht, bekommt man verschiedene Antworten.

Es geht mir in diesem Buch auch darum, Impulse für eine neue Fragerichtung in der Forschung zu geben. Bisher galt leider weitgehend, je radikaler die Ergebnisse, desto wissenschaftlicher ist die Analyse. Als ob ein theologischer Minimalismus das höchste Ziel der Forschung sei! Ich weiß, dass viele Theologen andere und eigene Wege gegangen sind, weil sie gegen den Zeittrend geschwommen sind. Das ermutigt mich auch, in Richtung einer „Biblischen Theologie“ weiter zu denken. Ich bin den Tübinger Theologen dankbar, die sich gemeinsam in diese Richtung bewegt haben. Sie haben sehr viel für ein Umdenken in der Theologie der letzten Jahrzehnte getan. Ich kenne viele Kollegen, die sich daran orientiert haben.

In diesem Buch geht es um die Frage, ob wir davon ausgehen können, dass Jesus einen Teil seiner Überlieferung selbst schriftlich formuliert hat. Ich meine, wer dem Gegenstand angemessen, diese Möglichkeit des Schriftgebrauchs durch Jesus in Betracht zieht, ist viel näher an der Wahrheit, als einer, der das bestreitet. Der Gedanke war jedem meiner theologischen Freunde bisher neu, aber sie kamen alle ins Nachdenken. Bei der Frage der frühen Verschriftlichung durch Jesus selbst, seine Jünger und Freunde etc. hilft aber keine sanfte Korrektur, sondern wirklich ein Umdenken in entscheidenden Positionen. Dazu werde ich mehrere Vorschläge machen.
 
Wer die Bibel atheistisch betrachtet, wird ihr keine Geheimnisse entlocken können. Denn diese Blickrichtung ist keineswegs vorurteilsfrei, im Gegenteil, dieser Standpunkt prägt die Ergebnisse entscheidend! Wer den Menschen oder die gesamte Schöpfung wissenschaftlich unter der Absehung des Schöpfers betrachten will, wie soll der je wieder erkennen, dass es Gott gibt? Es klingt so modern, die Dinge aus sich selbst erklären zu wollen, es suggeriert eine tolle Wissenschaftlichkeit, doch dieser Ansatz führt in einen seelenlosen Materialismus, der die Welt zerstört.
Gerade die Rückbindung an Gott als den Schöpfer und die Erkenntnis, dass Schöpfung nicht einfach Materie ist, mit der ich machen kann, was ich will, hat die Menschen wieder zur Besinnung gebracht. Schöpfung ist nicht einfach Natur, die man ohne Ehrfurcht zerlegen und bearbeiten kann, ohne sie als Geschenk und Aufgabe Gottes zu betrachten.

Der Rationalismus hat die Welt nicht nur entzaubert, sondern sie als Objekt menschlicher Begierde zur Strecke gebracht. Die Rücksichtslosigkeit dieser rein wertfreien und rationalen Weltgestaltung wurde besonders unter Christen erkannt und wird heute weltweit diskutiert. Erstaunlicherweise benutzen dabei Politiker neuerdings den theologischen Begriff von der „Schöpfung“, die es zu bewahren gilt!

In der Geschichte der Erforschung der Bibel, insbesondere der Evangelien, sehe ich ein Spiegelbild dieser Entwicklung. Methodischer Atheismus ist kein guter Ansatz zur Erforschung theologischer Texte. Die Offenheit für kontingentes (einmaliges) Handeln Gottes sollte beim Exegeten und Historiker da sein, sonst wird er nie zur Innenseite der Wahrheit vorstoßen. Für mich heißt das, neue Möglichkeiten in Betracht ziehen! Auch das bisher Undenkbare, dass Jesus als gebildeter Mensch seiner Zeit aufgeschrieben hat, was er von seiner Lehre bewahren wollte, denken lernen. Zu fragen, welche Konsequenzen hätte es für die Überlieferung, wenn nicht eine angenommene Gemeinde (denn auch diese formgeschichtliche Festlegung ist rein fiktiv) einen Text verfasst hätte, sondern Jesus selbst?

Jesus hatte ein großes Interesse daran, dass seine Worte weitergegeben wurden. Ein Interesse, das auch klassischen Autoren nicht fremd war. Er sprach oft von der Erinnerung an seine Worte. Sein „Ich aber sage euch“ war ihm so wichtig, dass er es mehr als einmal stark betonte. Es kommt so gezielt, dass man sich denken kann: Jetzt Leute, schreibt es euch endlich hinter die Ohren oder besser, schreibt es euch mal auf, dass ihr es nicht mehr vergesst!
Wenn Jesus die eigenen Geschichten und Gleichnisse, seine Auslegung der Tora etc. also wichtig waren, wird er dafür gesorgt haben, dass sie möglichst präzis weitergegeben wurden. Das ist das selbstverständliche Ziel jedes Lehrenden. Wie das geschehen konnte, werde ich an einigen Beispielen aufzeigen.
Wenn wir außerdem verstehen, dass z.B. der Dialog eine wesentliche Lehrform des „Rabbi Jesus“ war, können wir diese Überlieferungen in den Evangelien nicht mehr einfach als Endprodukte einer Gemeindebildung verstehen.

Lange vor Jesus hatten die Studenten des Platon dessen Vorlesungen mitgeschrieben, um sie dann im reichen Syrakus (sehr zum Unmut des Lehrers!) für viel Geld zu verkaufen. Die Menschen dieser Zeit wollten gern die Worte des berühmten Philosophen besitzen. Ich glaube, dass die unmittelbaren Hörerinnen und Hörer des „Weisheitslehrers Jesus“ auch dessen Worte besitzen wollten. Sie versprachen sich davon als Juden oder Gottesfürchtige einen geistigen aber auch geistlichen Gewinn. Schon vor Jesus versuchten jüdische Autoren den Gottesglauben des Alten Testaments als die beste Philosophie aller Zeiten darzustellen, die beim denkenden Menschen den „primitiven“ Polytheismus ablösen sollte. Es war im Hellenismus zur Zeitenwende eine gewisse Mode, den Glauben an den einzigen Gott als etwas Erstrebenswertes zu verstehen. Ein Lehrer, Wundertäter und Heiland wie Jesus war für Menschen dieser Zeit eine Herausforderung, selbst ein guter Mensch zu werden. Die Frage nach dem richtigen und angemessenen Handeln war gerade für die Gottesfürchtigen im Umfeld des Judentums ein wichtiger Lebensaspekt. Wer Wert darauf legte, für den war es wichtig, die Worte und Lebensanweisungen zu einem solchen Leben zu besitzen. Wer den richtigen Weg gehen wollte, brauchte dazu die Weg-Worte! Darum schrieb man in Qumran z.B. alles dazu deutlich auf....

Die Ergebisse dieses alten Schreibprozesses der Jesuszeit haben wir in den Evangelien vor uns. Es begann mit Jesus von Nazareth heißt für mich deshalb auch, die Verschriftlichung begann mit dem, der diese neue Botschaft lehrte. Denn er lehrte wie jeder Rabbi aus einer schriftlichen Vorlage, Texten, die er selbst geschrieben hatte, Auslegungen der Tora und der Propheten, die er selbst verfasst hatte. Die Notizen dieser Texte gingen in die Überlieferung des vorösterlichen Evangeliums ein. Sie tauchen auch bei Paulus und anderen Briefschreibern in Formulierungen wie das „Gesetz Jesu“, die „Weisung Jesu“ etc. auf.

Doch zunächst müssen wir eine weite Reise in die Vergangenheit machen. Wir werden noch einmal 3000 Jahre zurückgehen, um zu verstehen, dass die Situation im syrisch-palästinischen Raum zur Zeit Jesu anders war, als im Deutschland des Mittelalters. Dort waren andere Rahmenbedingungen in der Schreib- und Lesekultur entstanden, als sie bei uns herrschten. Die orale Tradition der deutschen Märchen und Sagen lässt sich in der Verschriftlichung nicht auf die Botschaft Jesu übertragen. Aus diesen soziologischen Vergleichen speiste sich aber eine Forschungsrichtung, die lange Zeit insbesondere die wissenschaftliche Theologie in Deutschland beherrschte, die Formgeschichte. Für sie war der „Sitz im Leben“ der Gemeinde der Anlass, die meisten Berichte und Texte als „Gemeindebildung“ zu entlarven. Abgesehen davon, dass wir nach allen Berichten nur individuelle Schreiber kennen (abgesehen vom Beschluss des Apostelkonzils, der aufgeschrieben wurde, um ihn in den Gemeinden zu verbreiten), wird damit den Überliefernden die Zuverlässigkeit abgesprochen und eine unglaubliche Kreativität zugeschrieben. Das widerspricht aber jeglichem Selbstverständnis für den Umgang mit biblischen Texten im jüdisch-christlichen Kulturkreis.

Werfen wir nun einen kurzen Blick in die Anfangsgeschichte der schriftlichen Überlieferung aus dem Blickwinkel Mesopotamiens. Denn von hier kamen die wichtigsten Impulse für die Schrifttradition in die abendländische Kultur. Dieser kleine Umweg ist für Sie auch deshalb interessant, weil Sie damit einen Einblick in die Entstehung der Alphabete erhalten. Auch wenn Sie schon einiges über diese Entwicklung der Schriften wissen, entdecken Sie trotzdem vielleicht noch etwas Neues am Weg.

 

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