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Gleichnisse und Methaphern als Lehr- und Überlieferungsmehode

„Durch viele solche Gleichnisse verkündete er ihnen das Wort, so wie sie es aufnehmen konnten.“
Markus 4,33

Dieser zusammenfassende Satz zeigt uns, dass die Gleichnisverkündigung Jesu eine Lehrmethode war, die er mit großem Erfolg anwendete. Jesus erzählt seine Geschichten so, dass es seine Zuhörer verstehen können. Das klingt überzeugend, dann aber folgt der petrinisch-markinische Kommentar in Vers 34: „Er redete nur in Gleichnissen zu ihnen; seinen Jüngern aber erklärte er alles, wenn er mit ihnen allein war.“
Hier werden auf einmal die „Bildergeschichten“, die der veranschaulichten Kommunikation dienen, zu „Rätselgeschichten“, die dem Volk nicht bekannt werden sollen. In diesen Gegensatz ist im Laufe der Auslegungsgeschichte schon viel hineingeheimnist worden. Offensichtlich ist der Satz anders zu verstehen. Die Gleichnisse vom Reich Gottes werden im Markusevangelium eingeleitet: „Und er sprach lange zu ihnen und lehrte sie in Form von Gleichnissen.“ (4,2b) Diese Form der Gleichnisreden Jesu nennt Markus an dieser Stelle ausdrücklich „Belehrung“.

Welchen Sinn sollte es dann haben, die Gleichnisse zu einem Geheimnis für den inneren Zirkel zu machen? Schon die Formulierung des Markusevangeliums von denen, die „drinnen“ und denen, die „draußen“ sind, zeigt den redaktionellen Eingriff in die jesuanische Verkündigung. Es ist die Erfahrung, dass die Juden das Evangelium in ihrer Mehrheit nicht annehmen, die sich hier ausspricht. Sie müssen also mit dem Zitat aus Jesaja 6,9f als von Gott „Verstockte“ verstanden werden.

Der direkte Anschluss zu Vers 10 in Vers 13 lautet dann: „Und er sagte zu ihnen: Wenn ihr schon dieses Gleichnis nicht versteht, wie wollt ihr dann all die anderen Gleichnisse verstehen?“
Wer jemals Schüler unterrichtet hat, kann diesen verzeifelten Ausspruch Jesu verstehen. Die nachfolgende allegorische Auslegung wurde in der neueren Theologie gern als typische Gemeindebildung verstanden, weil Jesus angeblich nur „literarisch saubere“ Gleichnisse erzählt habe. Das ist aber für die damalige Zeit völliger Unsinn, man liebte zur Zeit Jesu die Allegorie (vgl. Philo von Alexandrien)! Es ist davon auszugehen, dass das Lehren in Gleichnissen bei Jesus auch Rückfragen aus der Zuhörerschaft und Auslegungen einschloss. Ein Lehrer will, dass er verstanden wird, das gehört auch heute zum Berufsethos. Ein Lehrer, der ohne Rücksicht auf das Verständnis seiner Zuhörer lehrt, hat seinen Beruf verfehlt! Jesus aber versucht sich in die Rolle seiner Zuhörer zu versetzen, wenn er z.B. rethorisch fragt (Markus 4,30): „Womit sollen wir das Reich Gottes vergleichen, mit welchem Gleichnis sollen wir es beschreiben?“

Das wird auch in der Auseinandersetzung mit Schriftgelehrten und Pharisäern in der Frage der kultischen Reinheit deutlich: „Hört mir alle zu und begreift, was ich euch sage...“ (7,14b)

Aber die Jünger finden diese klare Aussage „rätselhaft“ und fragen Jesus dann „im Haus“ nach dem „Sinn“ des Wortes. Und nun kommt enttäuscht: „Begreift auch ihr nicht? Seht ihr nicht ein...“ (18b).
Selbst nach dem Brotwunder haben die Jünger das Schöpferhandeln Gottes durch Jesus immer noch nicht begriffen. Sie machen sich Gedanken darüber, dass sie vergessen haben, Brot für die Überfahrt (See Genezareth) zu besorgen. Als Jesus bemerkt, dass sie deshalb nicht seiner „Belehrung“ folgen, sagt er: „Begreift und versteht ihr immer noch nicht? Ist denn euer Herz verstockt? Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören (Bezug auf Jeremia 5,21)? Erinnert ihr euch nicht:...“ Dann geht er mit ihnen noch einmal das Wunder der Brotvermehrung durch. Das Frage- und Antwortspiel beendet dann sein Satz: „Versteht ihr immer noch nicht?“

Dieser Abschnitt ist ein lebendiges Beispiel einer Lehrer-Schüler-Beziehung, wie sie wunderbar in das Leben Jesu passt. Sie ist auch so markant, dass dieser Erkenntnisfortschritt bei den Jüngern einen nachhaltigen „Merker“ gesetzt hat!
Als Jesus in Jerusalem im Tempel lehrt, wird er wiederholt von Priestern, Schriftgelehrten und Ältesten zur Rede gestellt. In diesem Zusammenhang heißt es im Markusevangelium: „Jesus begann zu ihnen (wieder) in Form von Gleichnissen zu reden.“ (12,1)

Nach der Erzählung des Gleichnisses von den bösen Winzern kommt der Kommentar von Markus/Petrus: „Denn sie hatten gemerkt, daß er mit diesem Gleichnis sie meinte.“ (12,12 b)

Ich glaube nicht, dass man von der ursprünglichen Verkündigung Jesu sagen kann, dass seine Gleichnisse dazu dienten, dass die Zuhörer (von „draußen“) nichts verstünden. Im Gegenteil: „Die Gleichnisse gehören zur ‘Didaktik’ Jesu. Aber die Lehre Jesu würde unterschätzt, wenn man sie auf die Übermittlung einiger Lebensweisheiten oder die Erklärung einzelner Offenbarungssätze reduzieren würde. Die Lehre Jesu ist eine Einladung in seine Nachfolge, eine Einweisung in das Leben der Gottesherrschaft, eine Anteilgabe an seinen eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen. Dazu passen die Gleichnisse bestens. Sie knüpfen Verbindungen: Sie holen die Menschen, denen Jesus sie erzählt, bei ihren eigenen Erfahrungen ab und bringen sie in Kontakt mit der Vision Jesu von der Herrschaft Gottes und dem ewigen Leben. Sie stellen eine erzählte Welt vor Augen, in denen Menschen wie Du und Ich leben, und rücken ihre Geschichten in den größeren Horizont des Reiches Gottes.“
Thomas Söding, Gottes Geheimnis sichtbar machen, Jesu Gleichnisse in Wort und Tat, in: Bibel und Kirche, Die Gleichnisse Jesu, 2/2008, S. 59)

So sind die Gleichnisse, nach Thomas Söding, von ihrem Erzähler nicht zu trennen: „Er sucht und findet die Situation, ein Gleichnis zu erzählen; er faßt sein Publikum ins Auge und redet es an. Jesus bestimmt nicht nur das Thema der Gleichnisse. Er tritt auch mit seiner Person, mit seiner Erzählkunst, mit seinem Verhalten, schließlich mit seinem Leiden und Sterben für deren Wahrheit ein. Die Rethorik weiß, daß ein Redner nur überzeugen kann, wenn er glaubwürdig ist. Sie weiß auch, daß ein Redner seine Glaubwürdigkeit steigert, wenn er gute Geschichten erzählen kann. A fortiori gilt dies für Jesus. Er verkündet das Evangelium. Er fordert im Namen Gottes Umkehr und Glaube, denn es geht um Leben und Tod. Daß seine Geschichten vom Alltag und Festtag der kleinen und großen Leute in Israel Reich-Gottes-Geschichten sind, muß man ihm glauben; und Jesus fordert und fördert diesen Glauben, indem er so gute Geschichten erzählt. Schon dass er sie erzählt, ist eine implizite Christologie - nicht anders, als die Prophetien, die Nachfolgerufe und Gesetzesworte Jesu implizit christologisch sind.“
(Söder, Gleichnisse, S.117)

Diese guten Geschichten sind für die Menschen beeindruckend, sie lassen sich leicht weitererzählen und sie haben den Vorteil, dass sie jeder verstehen kann ohne eine theologische Ausbildung zu haben. „Wer sagt, dass Jesus ein gutes Gleichnis nur einmal erzählt hat?“ (Thomas Söding, Gottes Geheimnis sichtbar machen, S. 61)

Wir müssen damit rechnen, dass die Aussendung der 12 und der 72 Jünger auf dem Hintergrund der Gleichnislehre Jesu neu überdacht werden muss. Bisher ist man einfach davon ausgegangen, dass die Jünger so mit ein paar auswendig gelernten Sprüchen losmarschiert wären. Völlig unglaublich, auch versierte Redner machen sich heute ein Konzept, eine Gliederung, wenn sie sich nicht den kompletten Text einer Ansprache aufschreiben. Ich gehe davon aus, dass die Jünger einen Grundbestand an Texten bei sich hatten, sofern sie lesen und schreiben konnten. Vielleicht wurden sie deshalb auch immer zu zweit losgeschickt?

Die Basileia-Verkündigung durch die Gleichnisse war die Hauptbotschaft Jesu, um diese Botschaft ging es auch bei der Verkündigung der Jünger. Sollten sie wirklich nicht zwei oder drei Gleichnisse Jesu im Handgepäck gehabt haben? Wie, wenn nicht schriftlich, konnten diese eindrücklichen Erzählungen Jesu so gut bewahrt werden?

copyright Christian Trebing

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