Anzeige

"Haut den Lukas"

Nehmen wir uns einmal Lukas vor, den Vielgescholtenen evangelischer Theologie der Moderne. In meiner Studentenzeit, als die Schüler Rudolf Bultmanns und seiner Epigonen noch viele wichtige Universitätslehrstühle besetzt hielten, hatte Lukas keine gute Presse. Man frotzelte unter uns Studenten: „Hier geht es in der theologischen Analyse nach dem Motto: Haut den Lukas!“
Dieser wunderbare Historiker Lukas versucht, soweit er Belege findet, das Geschick Jesu und der ersten Apostel im Rahmen der Zeitgeschichte abzuhandeln. „Kaiser Tiberius herrschte nun schon fünfzehn Jahre, Pontius Pilatus war Statthalter in Judäa, Herodes Antipas regierte über einen Teil Galiläas, sein Bruder Philipp über einen Teil von Ituräa und des Trachoniterlandes und Lysianias über einen Teil von Abilene, in Jerusalem waren Hanans und Kaiphas Hohepriester. Da wurde Johannes, der Sohn des Zacharias, der in der Wüste lebte, von Gott berufen. Er durchzog die ganze Gegend am Jordan und forderte die Menschen auf, zu Gott umzukehren und sich taufen zu lassen, damit ihnen ihre Sünden vergeben würden. So stand es schon im Buch des Propheten Jesaja geschrieben (Jesaja 40,3-5): ‘In der Wüste wird einer auftreten und rufen...’“ (Lukas 3,1-4).

Das hat ihm die Bultmann-Schule sehr übel genommen, denn er tat, was für sie eigentlich falsch war, er forschte nach dem historischen Jesus und wollte sich nicht mit dem Christus des Glaubens begnügen! Für Lukas gab es da keine Trennung! Er forschte historisch und er ging dabei auch kritisch (also unterscheidend) vor. Er wollte keine Fabeln überliefern, sondern dem Theophilus mitteilen, wie es gewesen war. Er war an „Fakten“ interessiert und nicht an charismatischen Predigten von selbsternannten Propheten, die damals schon ihr (un)christliches Unwesen trieben! So entsteht sein Doppelwerk mit dem Anspruch der Historienforschung seiner Zeit durch Quellensichtung und Quellenbewertung, durch Befragung von Augenzeugen und als Zeugnis eines selbst in die Geschichte involvierten Gelehrten. Die Ablehnung seiner hervorragenden Arbeit ist nur auf dem Hintergrund eines systematisch-theologischen Vor-Urteils zu verstehen. Jenes „geschichtslosen Denkens“, das die Existentiale Theologie in der Nachfolge Kierkegaards in die Welt gesetzt hat. Alle von dieser Theologie beeinflussten Forscher haben ein gespaltenes Verhältnis zu Lukas und üben teilweise massive Sachkritik. Schon gar nicht wollen sie Lukas, den Begleiter des Paulus, als Autor gelten lassen.
Michael WOLTER, hält dagegen in seinem jüngst erschienenen Kommentar zum Lukasevangelium wieder diesen Lukas, den Arzt, für den Schreiber dieses einzigartigen Doppelwerks aus Evangelium und Geschichte der Apostel.
(Michael Wolter, Das Lukasevangelium, HNT 5, Tübingen, 2008)

Auch Martin HENGEL argumentiert in diese Richtung: „Aus großer Distanz zu Paulus hätte die Apostelgeschichte nicht mehr geschrieben werden können; dazu enthält sie, das zeigt auch ein Vergleich mit den Paulusbriefen, viel zu viele historisch wertvolle Angaben. Woher sollte ein anonymer Vefasser derartige historische Details noch im 2. Jahrhundert erhalten haben? ... Die ‘Wir-Stücke’ der Apostelgeschichte sind keine fremde Quelle, sondern autobiographische Berichte im gleichen Stil wie das Gesamtwerk, die ihn als Zeitzeugen ausweisen und die die im frühen Christentum einzigartige geographische Reiseerfahrung des Arztes Lukas beweisen, die nur noch durch Paulus selbst übertroffen wird. Sie sind in ihrer Form - soweit ich sehe - ohne wirkliche Parallele in der antiken Literatur. Der Verfasser kennt die Verhältnisse in Judäa vor 66 n.Chr. durch eigene Erfahrung und ist überhaupt über das Judentum vor 70 besser informiert als jeder andere nichtjüdische griechisch-römische Schriftsteller. Auch sein Evangelium ist den ursprünglichen Ereignissen noch relativ nahe. Es ist zusammen mit Markus die wichtigste Quelle für die Jesusüberlieferung.“
(Martin Hengel, Evangelium, S. 323)

Lukas überliefert uns außerdem sehr schöne Summarien der petrinischen und paulinischen Predigten, die nur von einem Autor stammen können, der die handelnden Personen gekannt hat und nachfragen konnte. Diese Predigten sind Beispiele für die Zusammenfassungen des Evangeliums, die uns auch einen kurzen Abriss des Lebens Jesu vermitteln:

„Ihr wißt, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit der Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm. Und wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat.“ (Apostelgeschichte 10,37f)

Dieser erste Teil einer Zusammenfassung der petrinischen Missionspredigt durch Lukas zeigt deutlich, dass von Anfang an das „Evangelium“ auch aus den Berichten von Jesu Leben und seinen Worten und Wundern und Heilungen bestand. Offensichtlich erzählte Petrus als Vorgeschichte zu Kreuz und Auferweckung immer wieder andere Geschichten aus dem Leben Jesu, die seine Vollmacht (exousia) herausstellten. Es gibt auch heute keinen des Schreibens mächtigen, der sich für diese Predigten nicht Notizen machen würde oder auf Geschriebenes zurückgriffe. Zu groß ist die Gefahr des Vergessens wichtiger Einzelheiten. Ich nehme deshalb an, dass schon in dieser Phase der Mission, die von der Jerusalemer Gemeinde ausging, die Boten mit schriftlichen Zeugnissen aus dem Leben Jesu ausgerüstet waren. Auch für die Taufunterweisung, den Gottesdienst und das Abendmahl gab es offensichtlich schriftlich formulierte Texte, denn wir erkennen Ausschnitte daraus in der Briefliteratur.

Lukas zeigt (wie es übrigens auch Josephus tut), dass die Geschichte der neutestamentlichen Personen, insbesondere das Geschick des Täufers, des Gottessohnes und der Apostel eng mit der palästinensich-syrischen und der römischen Zeitgeschichte verzahnt sind. Das fällt jedem aufmerksamen Leser, jeder Leserin selbst auf. Geschichtliche Einzelheiten sind ihm deshalb wichtig. Und dieser, nach allem, was wir von ihm wissen, gebildete Arzt Lukas, sollte ein so einschneidendes Ereignis wie die Zerstörung Jerusalems einfach übergangen haben? Sollte dieser penible Historiker so tun, als sei in Jerusalem alles noch in bester Ordnung? Der Tempel steht noch an seinem Platz, die Stadt ist mit hunderttausenden von Festpilgern noch immer quirlig wie eh und je? Ein völlig absurder Gedanke!

Lukas muss sein Doppelwerk vor der Zerstörung der Stadt geschrieben haben - ein markanter Punkt ist der Tod des Paulus in Rom etwa 64 n. Chr. Er hat sicher als guter Wissenschaftler seiner Zeit über Jahre an diesem Werk gearbeitet, d.h. er hat bei den Reisen mit Paulus an die wichtigsten Stätten der frühen Christenheit schriftliches Material gesammelt, um es dann zu seinem Doppelwerk zusammenzufügen. Da der Abschluss der Apostelgeschichte vor dem Tod des Paulus erfolgte, muss es etwa 62 n. Chr. gewesen sein, denn 60 n. Chr. war Paulus auf dem Weg nach Rom und Lukas erzählt zur Zeit seiner Aufzeichnungen davon, dass Paulus in seiner Mietwohnung (wo er unter Hausarrest auf seinen Prozess wartete) zwei Jahre das „Reich Gottes“ verkündigen und „ungehindert und mit allem Freimut die Lehre über Jesus Christus, den Herrn“ (Apostelgeschichte 28,31) vortragen konnte. Ich gehe davon aus, dass der Großteil des Doppelwerks Anfang der 60er Jahre in Cäsarea von Lukas geleistet wurde, denn weder die Ermordung des Jakobus, noch der Tod von Paulus und Petrus im Rahmen der neronischen Christenverfolgung werden berichtet.
Aus dieser Datierung des Lukasevangeliums und der Apostelgeschichte heraus wird deutlich, dass die Evangelien in ihren ersten Fassungen viel älter sind, als meist vertreten. Wenn wir aber eine frühere Verschriftlichung der Evangelien und anderer Werke der Judenmission in Palästina-Syrien (Barnabasbrief etc.) anerkennen, gibt es ein ganz neues Datierungsraster.
 
Das lukanische Doppelwerk wurde also nicht in einem Zug geschrieben, sondern lässt vom Ende des Evangeliums zum Anfang der Apostelgeschichte nur einen Schluss zu, es muss eine gewisse Zeit dazwischen liegen. Ich vermute für das Evangelium einen Abschluss in Palästina-Syrien (naheliegend wegen seines ausgewählt guten griechischen Sprachstils:  Antiochien) unter Kenntnis der ersten Fassung des Markusevangeliums, Teilen des noch aramäischen Matthäusevangeliums und vieler kleinerer Überlieferungen aus Jüngerkreisen und von Jesus selbst (den Q-Quellen), verschollener Evangelienberichte und aus Überlieferungen, die Paulus besaß. Vielleicht können wir die lange Zeit annehmen, als Paulus vor seiner Romreise im Gefängnis saß. In dieser Zeit war Lukas bei ihm und hatte sicher genug Muße und auch den Zugriff auf die urchristlichen Quellen. So konnte er noch unter Befragung vieler Augenzeugen sein Evangelium vollenden.
Das zweite Werk des Lukas konzentriert sich sehr stark auf die petrinische und noch stärker auf die paulinische Mission. Trotzdem erfahren wir auch eine Menge über die Leute, die Jesus während seiner Lebenszeit begleitet haben und die zu den Augenzeugen seiner Worte, Taten, seiner Kreuzigung und Auferstehung wurden.
Wir wissen inzwischen, dass die Apostel stärker in die Mission eingebunden waren, als zunächst vermutet wurde. Sie waren offensichtlich „unterwegs“, als zum Beispiel Paulus seinen ersten Besuch in der Jerusalemer Urgemeinde machte. Er traf dort nur Petrus und den Herrenbruder Jakobus an. Letzterer gehörte nicht zu den Aposteln, hatte aber inzwischen die Fäden der Urgemeinde in der Hand.

Auch die Vorstellung, die Apostel hätten in Jerusalem gesessen und auf die Parusie des Herrn gewartet, statt die Mission voranzutreiben, kann man getrost als Falschmeldung einstufen. Die Pfingstpredigt des Petrus, die uns vorzüglich von Lukas zusammengefasst überliefert ist, hatte große Wirkungen. Die genannten Zahlen für Neubekehrte sind sicher nicht aus der Luft gegriffen, denn während des Festes waren Hunderttausende in Jerusalem. Tausende Juden und Proselyten waren vom Evangelium überzeugt worden. Diese Menschen kamen für ihre Pilgerreise aus weiten Teilen des Römischen Reiches. Sie nahmen die Botschaft mit nach Pella, Damaskus, Antiochien, Alexandrien, vielleicht sogar Rom.
Wir sehen von der Wirkungsmächtigkeit seiner Schriften oft nur Paulus als Missionar und Völkerapostel, aber es waren Hunderte, die dem Evangelium schon in den ersten Jahren eine Stimme gaben, auch sie wurden in einem erweiterten Sinne als Apostel bezeichnet. Als sie in ihre Heimat zurückkehrten, warteten auch dort Tausende auf die neue Botschaft, denn die jüdische Bevölkerung in der Diaspora war weitaus größer als in Judäa. Man schätzt sie auf ein Siebtel der damaligen Bevölkerung im Osten des Römischen Reiches (In Alexandria waren drei von sieben Stadtvierteln rein jüdisch!).

Die Apostel und mit ihnen Paulus mussten den neuen Christengemeinden bei ihren Besuchen eine Struktur geben. Die Gemeinden waren ja nicht mehr in die Synagoge integriert, sondern bildeten wie in Jerusalem von Anfang an eine neue Gemeinschaft um Taufe und Abendmahl. Diese zwei konstitutiven Elemente gab es so im traditionellen Judentum nicht. Auch wenn sie noch die „Schrift“ als Band zum Judentum hatten, waren sie doch eine völlig neue religiöse Gruppe, die eine eigene Binnenstruktur brauchte. Von der Leitung bis zur Finanzverwaltung musste alles selbst organisiert werden. Die Synagoge war kein Ort mehr, wo man sich treffen konnte, im Gegenteil, die Synagogenvorsteher sahen die Jesusnachfolger nun als Konkurrenz an. Sie fühlten sich bedroht und setzten sich auf allen Ebenen gegen diese „Jesussekte“ zur Wehr. Die Judenchristen gingen zwar nach alter Tradition noch in den Tempel zum Gebet oder legten auch noch Gelübde ab, aber sie nahmen nicht mehr am Opferkult teil. Sie trafen sich regelmäßig in kleinen Hausgemeinden in der ganzen Stadt. Aber es muss auch schon regelrechte Orga-Strukturen gegeben haben, dazu zähle ich auch Schreiber für die in den Hauskirchen benötigten Texte.

Die christlichen Missionare begannen ihre Verkündigung in neuen Orten zwar immer in der Synagoge, denn zunächst sollte das Volk Gottes mit dem Evangelium bekannt gemacht werden, weil es nach dem Verständnis der „Schrift“ der Träger der Sendung zu den Heidenvölkern ist. Das eigene Volk in die Gemeinschaft des Messias zu rufen, war für die Apostel immer die erste Option. Denn wenn der Messias kommt, dann wird er Israel zum Missionar der Heidenvölker machen, das war eine alte eschatologische Anschauung. Israel musste also zur Umkehr geführt werden, damit der Messias zum Licht für die Heiden wird und seine endzeitlichen Weisungen geben kann. Das Evangelium wird deshalb in den frühen Missionspredigten immer als Erfüllung der „Schrift“ interpretiert und so auch verkündigt. Deshalb spielten die alttestamentlichen Schriftrollen und Kodices der Septuaginta in den jungen Kirchen eine überragende Rolle, sie enthielten für die Judenchristen schon die komplette Botschaft vom Kommen des Messias und seinem Geschick. Alles fanden die Ausleger dort vorhergesagt und legten es so ihren nichtchristlichen jüdischen Glaubensgeschwistern und Judenfreunden aus. Sie nutzten dabei die Allegorie, die typologische Schriftauslegung und andere Verfahren, um Jesus, den Sohn Gottes und Messias, überall in der „Schrift“ zu finden. Es war ein argumentatives Feuerwerk an Entdeckungen, das über die Hörer des Evangeliums hereinbrach. Die heilsgeschichtliche Kontinuität stand für die ersten Apostel im Vordergrund. Was mit und durch Jesus geschehen war, wurde mit Zitaten und Auslegungen des Alten Testaments erzählt, um überzeugend zu wirken.
Die ersten Gemeinden in Judäa, Galiläa und Samaria wurden von den Aposteln weiterbetreut. Petrus besucht als eine Art „Inspektor“ diese Gemeinden. So heißt es in der Apostelgeschichte: „Auf einer Reise zu den einzelnen Gemeinden kam Petrus auch zu den Heiligen in Lydda.“ (9,32). Was hat er neben den dort berichteten Wundertaten noch zur „Festigung“ der Gemeinden getan? Er hat ihren Glauben durch Lehrunterweisung vertieft, das konnte er nur mit der „Lehre seines Herrn“, er muss schriftliche Aufzeichnungen bei sich gehabt haben, um dieses „Neue“ des Evangeliums zu erläutern.

Schon in der jungen christlichen Gemeinde gab es aber bald weiteren Klärungsbedarf, als die ersten „Messiasnachfolger“ wurden, die weder Juden noch Proselyten waren. Der Knackpunkt war, wie kann ein Heide, quasi ein Götzendiener, Messiasnachfolger werden? Muss er erst Jude werden und ist er damit der kompletten Tora mit allen Folgen bis zur Beschneidung unterstellt?

Diese Frage drängte zur Klärung zwischen der aufstrebenden Weltstadtgemeinde Antiochien, die stark von den aus Jerusalem geflohenen „Hellenisten“ (Stephanus war bis zu seiner Steinigung offensichtlich der Wortführer) geprägt war und eine systematische Missionsarbeit auch zu den Heiden in Angriff genommen hatte und den „Säulen“ in Jerusalem. Die Gruppe um den Herrenbruder Jakobus hatte inzwischen die Machtbasis in Jerusalem vergrößert, weil die Zwölf den Missionsauftrag ernst genommen hatten und „unterwegs“ waren. Antiochien suchte das Einverständnis mit Jerusalem und entsandte Paulus und Barnabas zu Verhandlungen. Die entscheidende Frage für die Zukunft der jungen Christenheit stand zur Debatte und wurde auf diesem ersten und einzigen (sogenannten) Apostelkonzil mit einem Kompromiss gelöst. Das ist natürlich jedem Theologen bekannt und muss hier nicht ausführlich verhandelt werden. Für unsere Untersuchung ist ein anderer Punkt entscheidend: Die Grundsätze wurden schriftlich fixiert, kopiert und den Gemeinden durch Boten überbracht! Die Kurzform dieses Textes haben wir in der Apostelgeschichte von Lukas überliefert. Hier haben wir zweifellos ein frühes Schriftstück aus der Apostelzeit vor uns, eine mehrheitlich geschlossene Entscheidung soll verbindlich für alle sein. Es ist auch eine Art Friedensvertrag zwischen Judaisten und Hellenisten, der aber nicht lange hielt! Die Art und Weise, wie diese schriftliche Vereinbarung zu Stande kam und kommuniziert wurde, legt nahe, dass es weder das einzige noch das erste Mal war, dass solche Vereinbarungen per Text festgelegt wurden. Zu selbstverständlich läuft dieses Verfahren bis in alle Einzelheiten ab.

Interessant ist in diesem Zusammenhang das Duo Paulus und Barnabas, die mit den schriftlichen Beschlüssen im Gepäck losziehen. Auch hier wird deutlich, dass sich die frühe Kirche der bestehenden Kommunikationsmöglichkeiten durch Verschriftlichung bediente und ein Schreibverbot wie bei den Rabbinen nicht bestand.

Schriftliche Fixierung war wichtig, um die Authenzität der Nachricht zu gewährleisten und ein Einverständnis zwischen den Partnergemeinden zu erreichen. Auch später wird Paulus die schriftliche Mitteilung, die Ermahnung und theologische Beratung mit einer Vielzahl von gezielten Vorlese-Briefen verwenden. Paulus möchte wie die Verhandlungsführer des Apostelkonzils sicher sein, dass genau das „ankommt“, was losgeschickt wurde, das braucht man eben einfach schriftlich. Der Zeuge überbringt auch seine schriftliche Beglaubigung und dabei zählt der genaue Wortlaut! Vertrauen und Kontrolle sind die Pole der Wahrheit...

Paulus war einige Male im Gefängnis, die letzten Jahre seiner Lebenszeit verbrachte er quasi als „Gefangener Roms“. Meist hatte er eine Form von Hafterleichterung, er konnte besucht und verpflegt werden. In diesem Zusammenhang müssen wir die Verschriftlichung seiner Worte in der Apostelgeschichte betrachten. Was macht ein Angeklagter, um sich auf seinen Prozess vorzubereiten? Er bespricht die Verteidigung mit einem Anwalt, Freund oder Mitarbeiter, im Fall seiner letzten Verhandlungen in Palästina tut dies Paulus mit Lukas. Er schreibt diese Strategie auf und macht sich einen Stichwortzettel oder eine Stichworttafel. Deshalb haben wir aus dieser Zeit im Gefängnis so gute Aufzeichnungen. Ja, sogar komplette Briefe diktierte Paulus im Gefängnis.
So hat er auch wesentliche Teile seiner Argumentation Lukas diktiert, er hat die Reaktion von Felix anschließend aufgeschrieben, weil er darauf sein weiteres Vorgehen abstimmen wollte. Etwas anderes anzunehmen, wäre kurzsichtig. Man muss Paulus ein ganz normales Verhalten für eine solche Situation zugestehen. Kein gebildeter Mensch mit einer klaren Vision, mit Zielen, die er verfolgte, hätte anders gehandelt.

Das Verständnis dieser in der Apostelgeschichte überlieferten Redenkomplexe erschließt sich nicht mit der banalen Frage: Wie kann Lukas das gewusst haben? Man muss die Situation analysieren und daraus zu verstehen versuchen, wie es zu einer Verschriftlichung der Paulustexte kommen konnte.

Das römische Rechtssystem war zwar im Kaiserreich immer wieder politischen Repressionen und teilweise der kaiserlichen Willkür ausgesetzt, aber als Rechtssystem im täglichen Leben funktionierte es durchaus gut und die Römer waren stolz darauf. Es hatte eine lange Tradition und wurde durch unterschiedliche Institutionen gepflegt. Noch unser Recht basiert auf diesem alten römischen Recht!

Im ganzen Umfeld der paulinischen Gerichtsverfahren ist immer mit einem hohen Grad von Verschriftlichung zu rechnen, da die Kommunikation mit den Gemeinden und auch mit den Mitarbeitern sonst nicht funktioniert hätte. Es wird geschrieben und kopiert, es werden Notizen und Entwürfe gemacht, es wird Überlieferungsgut gesammelt und redigiert.

Das führt uns nun zu Paulus selbst, den wir als „Zeitreisende“ als einen unermüdlich Reisenden kennenlernen. Kein Apostel Jesu hat in seinem Leben solche Schwierigkeiten bewältigt, wie der Mann aus Tarsus in Kilikien.

 

copyright Christian Trebing

Abdruck nur nach schriftlicher Genehmigung

 

Wollen Sie dieses Buch selbst studieren?

www.wortimbild.de/cshop/index.php?Content=produktdetail&ID=5938

Druckversion Druckversion | Sitemap
© 2017 Wort im Bild Verlags- und Vertriebsgesellschaft mbH