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Mündliche Traditionsvermittlung und die Rolle des Buches

Die Evangelien berichten uns, dass Jesu Worte und Taten zu seiner Lebenszeit noch mündlich weitergeben wurden (Markus 6,14; 7,1; 10,1; Matthäus 28,19.20). Die Augenzeugen des Lebens und Wirkens Jesu, dann die Auferstehungszeugen, insbesondere die Apostel, erzählten weiter, was sie gehört und gesehen hatten, wohin sie auch gingen. Dieser mündliche Tradtionsprozess ist uns belegt bis in die Zeit des Papias, der Augenzeugen für seine eigene Verschriftlichung des Evangeliums bevorzugte, weil er ganz nah an das Jesusgeschehen herankommen wollte.

Petrus betont in seinem ersten Brief ausdrücklich die Augenzeugenschaft: „Was die Ältesten, eure Gemeindeleitung, betrifft: Ich, Petrus, bin unter euch eine Art Mitältester und außerdem Augenzeuge der Leiden des Messias..“ (1. Petrus 5,1)

Im 2. Petrusbrief legt der Apostel ebenfalls Wert darauf, Augen- und Ohrenzeuge zu sein: „Denn ich habe euch das machtvolle Auftreten Jesu Christi als Augenzeuge seiner Herrlichkeit nahebringen wollen und nicht, indem ich euch Märchen erzählt habe. Denn Jesus, der Messias, wurde von Gott dem Vater mit himmlischem Glanz verherrlicht, als er aus der strahlenden Herrlichkeit Gottes den Ruf vernahm: ‘Dies ist mein lieber Sohn, an ihm habe ich meine Freude.’ (vgl. Jesaja 42,1; Psalm 2,7) Wir hörten diese Stimme vom Himmel her, als wir mit ihm auf dem Berg waren. Durch das, was die Stimme sagte, wurde für uns ein prophetisches Wort erfüllt.“ (2. Petrus 1,16f)
Ich möchte hier nicht ausdrücklich auf die Diskussion der Verfasserschaft des 2. Petrusbriefes und der Pastoralbriefe eingehen. Das bleibt einer Studienausgabe dieses Buches vorbehalten. Nehmen wir vorerst einmal an, diese Briefe seien ihrem Selbstzeugnis entsprechend, auch von den Autoren geschrieben, die sich selbst in den Schreiben zu erkennen geben.
Paulus also schreibt im 2. Timotheusbrief: „Was du von mir gehört hast, ist ja durch viele Zeugen verbürgt.“ (2,2) Damit stellt er sich ausdrücklich in die Reihe der apostolischen Zeugen und bezieht sich auf die Jesusüberlieferung im Allgemeinen.

Auch das sorgfältige Überliefern der Jesusworte wird immer wieder thematisiert: „Jeder, der zur Lehre über den Messias noch etwas hinzufügen will und sich nicht auf das Überliefern beschränkt, der weiß nichts von Gott. Wer bei der Lehre bleibt, der hat Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre vertritt, nehmt ihn nicht in euer Haus auf, grüßt ihn nicht einmal.“ (2. Johannesbrief 9-10) Diese klare Abgrenzung findet man in vielen neutestamentlichen Schriften. Sie zeigen, dass es den Verantwortlichen der ersten Stunde um eine zuverlässige Weitergabe des Jesusgutes ging. Überliefern heißt: nichts zu dem hinzufügen, was die Augenzeugen mündlich und schriftlich weitergegeben haben! Vielleicht heißt „Überliefern“ ja auch mehr, vielleicht ist es der terminus technicus für „etwas Schriftliches weitergeben“? Das wäre eine Untersuchung wert!

Im Gegensatz dazu kann man heute noch unter Theologen die völlig unsinnige Behauptung finden: „Wir müssen ehrlicherweise zugeben, keine Textdokumente der Augenzeugen Jesu zu besitzen.“
(Emile Puech, Die unbegründete Hypothese ... der Augenzeugendokumente, in: WundUdB, Nr. 10, 1998, S. 45.)

Wie wichtig Jesus selbst schon die Augenzeugenschaft war, wird in einer Überlieferung des Lukas klar: „Als sie unter sich waren, wandte sich Jesus den Jüngern zu und sagte: ‘Selig seid ihr als Zeugen dessen, was vor euren Augen geschieht! Denn manch ein Prophet oder König hätte das gerne erlebt, was ihr sehen und hören dürft.“ (Lukas 10, 23b-24)

Auch der 1.Johannesbrief betont die umfassende Augenzeugenschaft der Apostel und Jünger: „Wir haben es gehört und mit eigenen Augen gesehen, wir haben es betrachtet und mit unseren Händen betastet.“ (1,19) Der Verfasser spricht als Augenzeuge, er gibt eine Botschaft in seinem Brief weiter, die er selbst von Jesus bekam. Er schreibt aber in der Wir-Form und schließt andere Augenzeugen mit ein: „Die Botschaft, die wir an euch weitergeben, haben wir von Jesus Christus gehört: Gott ist Licht, keinerlei Finsternis ist in ihm.“ (1,5)

Die ersten Sammler und Evangelisten hatten noch Kontakt zu den Augen- und Ohrenzeugen, sie konnten unmittelbare „lebendige Erinnerung“ aufnehmen. In einer gepflegten Tradition wie der Evangelienüberlieferung sind die Tradenten von entscheidender Bedeutung: „Mit großer Wahrscheinlichkeit entstand die Urgemeinde um den Kreis der engsten Jünger Jesu herum, und mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit hatten diese schon von Anfang an Logien und Gleichnisse als Texte eingeprägt im Gedächtnis. Außerdem hatten sie Jesu Wirken und Geschick noch frisch in Erinnerung.“
(Birger Gerhardson, Der Weg der Evangelientradition, in: Evangelium, Hrsg. Peter Stuhlmacher, S.99)

Aus dieser Traditionslinie schöpft auch Polycarp, Bischof von Smyrna, der noch im 1. Jahrhundert geboren wurde und bei seinem Martyrium in Smyrna (ca. 155 n.Chr.) fast 100 Jahre alt war. Irenäus von Lyon kennt ihn noch aus gemeinsamer Zeit in Kleinasien: „Ich kann den Ort angeben, wo der selige Polykarp saß, wenn er sprach, die Plätze, wo er aus- und einging, seine Lebensweise, seine Erzählung über seine Bekanntschaft mit Johannes und mit den übrigen, die den Herrn gesehen haben, seinen Bericht über ihre Lehren, ferner das, was er von diesen über den Herrn, über seine Machttaten und seine Lehre gehört hatte. Wie er es von Augenzeugen des Lebens des Logos übernommen hatte, erzählte Polycarp alles im Einklang mit den Schriften.“
(Irenäus von Lyon an den römischen Presbyter Florinus, erhalten bei Eusebius, Kirchengeschichte V, 20,6 - Zitiert nach Berger, Das Neue Testament..., S. 914)

Selbst wenn man einer frühen Verschriftlichung nicht trauen würde, bliebe dennoch die Tatsache einer zuverlässigen Überlieferung bestehen. „dadurch, daß Markus auf der Autorität des Petrus und - das heißt doch wohl auch - auf Petrustradition gründet und Lukas als der erste christliche Historiker eine größere Anzahl offenbar verschiedener Quellen verwendet hat und bei der Wortüberlieferung Jesu Sorgfalt walten läßt, ist eine relative historische Annäherung an die Person Jesu von Nazareth, ihr Wirken und ihre Passion, bei allen damit verbundenen Unwägbarkeiten und Schwierigkeiten gleichwohl sinnvoll und möglich. Die Gestalt Jesu gewinnt dabei immer noch sehr deutliche, überraschende, ja einzigartige Konturen.“ (Martin HENGEL, Evangelium, S.352f)

Markus ist der wichtigste Autor unter den „vielen“ (Lukas 1,1), „denn er gab als erster seinem Werk die historische Anordnung einer Geschichtserzählung von Johannes dem Täufer bis zur Passion und schuf damit die eigentliche Evangelienform.“ (Hengel, Die vier Evangelien, S. 145)

Paulus bildet eine Ausnahme, er hat in seiner Berufungsvision zunächst nichts „gehört“, sondern den Auferstandenen „gesehen“ (Galater 1,12): „Er hat mir in einer Vision seinen Sohn geoffenbart, damit ich ihn unter den Heidenvölkern als das leibhaftige Evangelium verkündigen sollte.“ (Galater 1,16) An anderen Stellen sagt Paulus öfter, dass er das Evangelium „empfangen“ habe. Dazu gehören seine wichtigsten Traditionsstücke, das Abendmahl (1. Korinther 11, 23) und die Bezeugung der Auferweckung Jesu (1. Korinther 15,3-5), die Paulus wohl nicht als erster schriftlich weitergibt. Paulus erwähnt auch (2. Thessalonischer 2,2), dass er den Christen in Thessaloniki seine Lehre mündlich und schriftlich weitergegeben habe.
Ich erinnere mich noch heute an ein Seminar mit Prof. Martin Günther über 1. Korinther 15,3-5. Wir arbeiteten dieses zentrale Stück christlicher Überlieferung Wort für Wort aus dem Zusammenhang heraus und konnten den im Griechischen gegliederten Aufbau des Textes erfassen. Das ist fast vierzig Jahre her .... In jedem Fall wurde dieses Auferstehungszeugnis in geprägter Bekenntnisform Paulus schon bei seiner Taufe in Damaskus weitergegeben, gehört also zu den ältesten uns überlieferten Texten der Urgemeinde.

Hermann GUNKEL entwickelte die Formgeschichtliche Methode, die unsere deutsche orale Kultur der mittelalterlichen Sagen- und Märchenüberlieferung auf die Bibel übertrug. Wir haben schon gezeigt, dass diese Annahme für Syrien-Palästina falsch ist. Auch die Grundthese von der Überlieferung sehr kurzer mündlicher Aussprüche als Form der Tradierung, die auf das Jesusgut Anwendung fand, wird neuerdings von MILLARD in Frage gestellt. Er sagt, sie stehe „nicht in Einklang mit den Zeugnissen einer mündlichen Tradition in lese- und schreibunkundigen Kulturkreisen. Es wurden nämlich auch extrem lange Geschichten überliefert, Geschichten, die einer bestimmten Vorlage folgten, aber gelegentlich davon abweichen konnten, und in denen verschiedene Formen der Erzählung mit unterschiedlichen Inhalten miteinander verflochten werden konnten (Beispiele hierfür sind Homers Epen). Zu keiner Zeit während des 1. Jahrhunderts ist die mündliche Tradierung außerstande gewesen, mit längeren als nur ein- oder zweizeiligen Aussprüchen umzugehen oder nur sehr kurze Geschichten aufzubewahren. Und niemals hat ein Lehrer eine seiner typischen Lektionen nur bei einer einzigen Gelegenheit gehalten.“ (MILLARD, Pergament, S. 203)

Die an GUNKEL anschließende formgeschichtliche Betrachtungsweise der Bultmannschule und anderer Exegeten führt nach Martin HENGEL (Zur urchristlichen Geschichtsschreibung, Stuttgart, 1979, S.28) zu vielen Fehlurteilen. Die völlige Verständnislosigkeit für andere Forschungsergebnisse in der neutestamentlichen Exegese hängt nach HENGEL mit der nachhaltigen Wirkung „von der formgeschichtlichen Betrachtungsweise jahrzehntelang gepflegten Vorstellung von der in den Gemeinden ‘frei umlaufenden’, völlig in isolierte Teilchen aufgelösten Einzeltraditionen zusammen. „So hat nichts die Evangelienforschung so sehr in die Irre geführt wie der romantische Aberglaube an die anonymen, theologisch kreativen Gemeindekollektive, die ganze Schriften entworfen haben sollen. Darüber hat man dann die ‘apostolische’ Autorität der - im vollen Sinne des Wortes - führenden Missionare und Lehrer allzusehr verdrängt. Man hätte hier schon durch die Berufung des Paulus auf seine einzigartige apostolische Autorität oder die drei ‘Säulen’ in Jerusalem (Gal 2,6-9) eines Besseren belehrt werden können.“
(Martin Hengel, ebd.)

Die formgeschichtliche Schule vertritt konsequent die völlig unbewiesene These, dass auch die Evangelien und die dahinter stehenden Traditionen „im Prinzip als nachösterliche kirchliche Verkündigung von Christus betrachtet werden.“
(Birger Gerhardson, Kritik an der Formgeschichte, in: Das Evangelium und die Evangelien, S. 101)
Hiermit sind nach Gerhardson auch die „Vorzeichen in der Historizitätsfrage vertauscht: Die Beweislast trägt nicht mehr derjenige, der eine Jesustradition für unecht hält, sondern der, welcher die Echtheit behauptet.“ (ebd.) Er moniert dagegen weiter, dass es „nicht richtig sein“ kann, „daß wir als Historiker diese Betrachtungsweise akzeptieren“. Der Ausgangspunkt für die Forschung muss nach ihm „die Behauptung der Quellenschriften sein, daß Jesus gesagt und getan hat, was sie behaupten, er habe es gesagt und getan.“ (Ebd., S.101)
Dann sollte eine historisch-kritische Untersuchung folgen, aber: „Die Beweisbürde muß also bei uns liegen, wenn wir die Angaben der Quellen anzweifeln und sekundäres Material aussondern.“ (ebd.) Und weiter sagt er zu Recht: „Der Forscher muß bei seiner Analyse scharf, genau und sachlich sein; auf der Suche nach der Wahrheit ist schonungslose Kritik unentbehrlich. Man muß aber einen gesunden Ausgangspunkt haben.“ (ebd., S.102)

Mündliche Traditionen, die auf einem schriftlichen Original beruhten, wie im Judentum, die gelernt und eingeprägt wurden, stellten hohe Anforderungen an die Genauigkeit. Der geschriebene Text war bei allem, ob in der Verlesung des Synagogengottesdienstes oder beim Unterricht der Schüler, die maßgebliche Autorität. Gelernt wurde der Text der Tora immer dadurch, dass ihn der Lehrer aus der Rolle vortrug. Obwohl er ihn selbst auswendig kannte, hatte die Treue zum Text den Vorrang, er las ihn zur Wiederholung der Schüler vor. „Für das religiöse Leben des synagogalen Judentums war gerade der greifbare und vorlesbare Text der Tora und der Propheten der entscheidende Vorteil. Deshalb kann diese Zeit nicht als eine vorwiegend orale Kultur verstanden werden.“ (MILLARD, Pergament, S. 211). Persönliche Notizen der Schüler sind die Regel, sie machen sich Merkbücher für das ständige Memorieren.

Die Essener hielten sich übrigens nicht an die rabbinischen Schreibverbote (die wir ja nur aus späterer Zeit kennen und die auch ein Angriff auf die christliche Praxis sein können, die Septuaginta zu kopieren und öffentlich zu verlesen). Die Essener sind im Besitz von schriftlichen Targumen, die biblische Bücher erweitern und erläutern, sie besitzen Paraphrasen und Neufassungen von Bibeltexten, sie schreiben neue Psalmen etc. Die frühchristliche Gemeinde kann man eher mit ihnen, als mit dem pharisäischen Judentum in Verbindung bringen. Diese Erkenntnis ist von der Forschung noch nicht für die Entstehung der Evangelien gewürdigt worden. Sie widerlegt die Grundannahme vom allgemein befolgten Schreibverbot für die Rabbinen für die Zeit Jesu!

Auch andere Kreise des Judentums bringen Lieder hervor (Psalmen Salomos). Das Überraschende an den Schriftrollen vom Toten Meer liegt in der Art, wie sie biblische Psalmen in ein und derselben  Rolle mit anderen Psalmen kombinieren, von denen mindestens einer David zugeschrieben wird und die nicht alle Schöpfungen der Religionspartei der Essener sind.“ (MILLARD, S.213)

Doch es gibt noch mehr Material, das zeigt, es existierten auch in jüdischen Gemeinschaften eine Art Gesangbücher, es existierte Gebetsliteratur und es gab Liturgien, die „entgegen rabbinischer Vorschriften für Gottesdienste geschrieben wurden“ (ebd., S. 213).
Von schwerwiegenderer Bedeutung ist allerdings noch der Fund der Tempelrolle, die zeigt, dass es in einer jüdischen Gemeinschaft aus der Zeit Jesu eine ‘toraähnliche’ Schrift gab, die es nach rabbinischen Grundsätzen hätte gar nicht geben dürfen. Es gibt also keinen Grund mehr, dem Christentum zu unterstellen, eine Verschriftlichung eines ‘toraähnlichen’ Werkes mit den Aussagen Jesu sei aus theologischen Gründen vermieden worden.

Insgesamt muss man heute feststellen, dass die formgeschichtliche Methode mit ihren systematischen Voraussetzungen nicht in der Lage war, das neutestamentliche Traditionsgut sachgerecht zu interpretieren. Der „Sitz im Leben“ war eben doch meist gut konstruiert und die „Gemeinde“ als Überlieferungsträger eine zu stark soziologische Größe, die an der Wirklichkeit einer weitgehend personal bestimmten Mission und Aufbauarbeit der frühen Kirchen vorbei ging. Die These, dass jede Gruppe oder Gemeinde ein bestimmtes Schrifttum generiert habe und so, seien wir ehrlich, die Worte Jesu eigentlich in unzuverlässiger Weise weitergab, lässt sich auf dem Hintergrund der jüdischen Traditionsweitergabe einfach nicht denken. Diese Beliebigkeit in der Weitergabe ist so weit von dem entfernt, was zur Zeit des ersten Jahrhunderts und noch darüber hinaus im Judentum galt, dass sie keine Basis für die Beliebigkeit wissenschaftliche Aussagen sein kann. Verfälschungen des Evangeliums finden wir schon zur Pauluszeit. Der Apostel kommt darauf im 2. Thessalonicherbrief zu sprechen: „Es soll da angeblich ein Wort des Heiligen Geistes, eine Bemerkung von uns oder sogar einen Brief geben, aus denen man entnehmen kann, daß der Tag des Herrn schon vor der Tür steht.“ (2b) Deshalb schreibt Paulus eigenhändig einen Gruß unter den Brief, der dann schließt: „Herzliche Grüße, euer Paulus. Diesen Gruß habe ich eigenhändig geschrieben. An dieser Handschrift erkennt ihr die Echtheit meiner Briefe.“ (3,17b-18). Aber erst im Rahmen der gnostischen Bewegung im 2. Jahrhundert wird bewusst und gezielt unter dem Deckmantel des Evangeliums eine neue esoterische Lehre verbreitet, die für uns heute aber leicht zu identifizieren ist.

Die Kodexform unterschied nach den Forschungen von Martin Hengel (Evangelien, S.91f) die gottesdienstlichen Bücher der neuen Gemeinde von den für sie schwer zugänglichen, wertvollen Schriftrollen des synagogalen Gottesdienstes. „Daher wurden selbst die alttestamentlichen Rollen im christlichen Gebrauch relativ rasch auf die praktischeren Codices umgeschrieben. Man kann darum die wenigen jüdischen und die viel zahlreicheren christlichen Septuaginta-Handschriften auf Papyrus seit dem Anfang des 2. Jahrhunderts ohne Mühe voneinander unterscheiden, denn erstere sind stets Rolle, letztere immer Codices.“ (ebd., S. 91f) Die Evangelien wurden nach Hengels Forschungen von Anfang an als Kodizes verbreitet.

Die Verschränkung von mündlicher und schriftlicher Überlieferung begann schon zu Lebzeiten Jesu und hielt offensichtlich bis in die Zeit des Papias an. Dann gewannen zu den Briefen die Evangelien immer mehr an Bedeutung. Die Bibliotheken der christlichen Gemeinden waren voll von den Schriften, die später den Kanon bildeten und weiteren Briefen, die im 1. Jahrhundert zirkulierten. Immer mehr wurde nach der Verbindlichkeit der Schriften für die Liturgie und die Lehre der frühen Kirche gefragt. Damit waren schon damals Fragen an die Echtheit und die Zuverlässigkeit der Jesustradition verbunden.
Nachdem wir die Bedeutung der oralen Traditionsweitergabe (in einer Abgrenzung zur Formgeschichtlichen Schule) für die Entstehung der frühchristlichen Schriften beleuchtet haben, gehen wir noch einmal zurück zur Jesuszeit. Ich möchte Jesus als Schreiber seiner eigenen Worte und Geschichten klarer in den Blick nehmen und untersuchen, was dafür spricht, dass er selbst Texte aufgeschrieben hat.
























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