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Markus, der Hermeneutes

Markus, der Hermeneutes

Die Traditionsstoffe Jesu sind bei Markus durch einen einfachen Erzählrahmen verbunden. Schon vor Markus müssen sie zu speziellen Einheiten (Gleichnisse in Markus 4, Streitgespräche in Markus 2 und 3 etc) zusammengefasst sein. Aus der Masse der Spekulationen, wie es zu diesem „Stoffverteilungsplan“ kam, möchte ich eine historisch überlieferte Tradition herausheben, eine Notiz von PAPIAS, der berichtet, dass Markus die thematisch orientierte Evangeliumsverkündigung des Petrus so zusammengefasst hat. Wir haben hier das Ergebnis einer ganz alten Verschriftlichung vor Augen, die in der jüngeren Theologie kaum noch Beachtung gefunden hat.
Im Gegenteil, man hat wie SCHLOSSER versucht, Markus nicht als treuen Überlieferer, sondern als willkürlichen Redaktor darzustellen, bei dem jeder historisch interessierte Leser „eine Enttäuschung“ (Jacque Schlosser, Die Überlieferung..., S.40) erleben müsse. „Wollte er auf einer Karte des Heiligen Landes im 1. Jahrhundert die Wanderungen Jesu verfolgen, würde er wegen ungenauer geographischer Angaben bald in die Irre gehen. Auch die vielen Zeitangaben wie ‘danach’, ‘in jener Zeit’, ‘ein andermal’ wären ihm bei der Aufstellung einer Chronologie wenig hilfreich. Mehr noch die Angaben scheinen ohne jeden realen Bezug zu der Erzählung zu sein, die sie einleiten oder erweisen sich als künstliche Zutat.“ (ebd.) Der Eindruck, so Schlosser, dränge sich auf, „daß Markus recht willkürlich einen geographischen und chronologischen Rahmen abgesteckt“ habe. (ebd.) Mal abgesehen von der suggestiven Wortwahl, tut Schlosser so, als ob wir aus den Überlieferungen bei Papias nichts über die Vorgehensweise des Markus wüssten! Schon in der frühen Kirche war den in Palästina beheimateten Theologen aufgefallen, dass es ein paar Verwechslungen in der Ortsangabe gibt, wie wir es heute auch kennen. Interessanterweise fand ich bei Martin HENGEL eine ähnliche Erfahrung zitiert. Im Rahmen der Betrachtung des Markusevangeliums schreibt er: „Ein bekannter Tübinger Theologe verwechselte in meiner Gegenwart vor den Toren Tübingens Pfondorf und Wankheim und das Goldersbachtal mit dem Ammertal. Soll Markus da wegen der unkorrekten Reihenfolge ‘Bethphage und Bethanien’ (11,1) kein Jerusalemer gewesen sein - ganz abgesehen davon, daß wir die damalige Straßenführung nicht mehr kennen?“
(Martin Hengel,

Papias war ein Theologe der zweiten Generation (noch im ersten Jahrhundert geboren und 110 n. Chr. Bischof in Hierapolis), der auch genau darüber Rechenschaft ablegte, wie er die mündlichen und schriftlichen Überlieferungen beurteilte. Die Priorität hatte für ihn nicht einfach die mündliche Überlieferung, wie es oft falsch dargestellt wird, sondern die Befragung der „Augenzeugen“: „Denn ich nahm an, daß mir Informationen aus Büchern nicht viel bringen würden wie mündliche Berichte von lebenden Zeitzeugen.“ (Zitiert nach Berger, Das Neue Testament und frühchristliche Schriften, S.1069) Diese Vorgehensweise ist auch für uns sehr interessant, weil sie heute noch unserem Vorgehen bei der Wahrheitsfindung vor Gericht entspricht. Papias versteht seine Arbeit als „Wahrheitssucher“, er will der Wahrheit auf den Grund gehen, also überliefern, was geschehen ist. Denn nicht erst unsere Generation hat Probleme, der Überlieferung zu vertrauen. Schon im ersten Jahrhundert wird das Evangelium von vielen Seiten verfälscht und im Horizont anderer Weltanschauungen verstanden. Die alten Bischöfe wie Papias fühlten sich daher wie Paulus herausgefordert, das Erbe Jesu zu bewahren. Papias gibt uns Rechenschaft, wie er zu seinen Informationen gekommen ist: „Ich zögere nicht, für dich das zu meinen Erklärungen hinzuzusetzen, was ich damals von den Älteren genau erfahren habe und woran ich mich gut erinnern kann. Ich verbürge mich dafür, daß es wahr ist. Denn anders, als sonst üblich, freute ich mich nicht über die Leute, die viel reden, sondern über die, welche die Wahrheit lehren. Ich freue mich auch nicht, wenn jemand fremdartige Gebote in Erinnerung ruft, sondern wenn er an die Gebote erinnert, die der Herr dem Glauben gegeben hat und die von der Wahrheit selbst herkommen. Wenn mir aber einer begegnete, der den Alten nachgefolgt war, dann wollte ich von ihm wissen, was die noch Älteren gesagt haben, also zum Beispiel Andreas oder Petrus, Philippus oder Thomas, Jakobus oder Johannes oder Matthäus oder ein anderer der Apostel des Herrn, oder auch Aristion und der Presbyter Johannes, Jünger des Herrn.“ (ebd., S. 1069)
Das Verfahren des Papias, soweit zurückzugehen, wie es ihm noch möglich war, müssen wir als wissenschaftlich korrekt bezeichnen. In der Auswahl der erhaltenen Nachrichten war er im Urteil des Eusebius aber nicht „besonders helle“ (ebd., S.1070), weil er auch andere „merkwürdige Dinge“ (ebd.), die ihm zugetragen wurden nicht aussortierte, also nicht kritisch genug mit Legenden umging.

Das stellt aber keineswegs die wichtigen Überlieferungen in Frage, die uns auch heute helfen, die Entstehung der Evangelien nachzuvollziehen: „Und dies sagte Johannes der Alte: ‘Markus war Hermeneutes (Berger übersetzt Dolmetscher) des Petrus und schrieb alles genau auf, woran er sich erinnerte. Doch nicht in der Reihenfolge, in welcher der Herr gesprochen oder gehandelt hatte. Denn er hatte den Herrn nicht selbst gehört und war ihm auch nicht nachgefolgt, sondern war Schüler des Petrus und hatte diesen gehört. Petrus gestaltete seine Lehrvorträge je nach Gelegenheit, aber nicht um eine (chronologische) Zusammenstellung der Worte des Herrn zu geben. Daher hat Markus nicht direkt falsch gehandelt, als er einiges aus der Erinnerung aufschrieb. Denn er hatte nur eine Sorge: Nichts von dem, was er gehört hatte, auszulassen und nichts Falsches zu berichten.’“ (ebd.)
War Markus als der Hermeneutes des Petrus sein Dolmetscher, wie es meist übersetzt wird? Petrus sprach aber selbst Griechisch, wie wir bereits gezeigt haben, wozu brauchte er einen Übersetzer? Wir könnten zwar vermuten, dass er nicht in der Lage war, komplexere Vorgänge im Vortrag darzustellen, aber das führt uns auf eine falsche Spur. Petrus hat sicher zweisprachig gepredigt, so wie es der Ort erforderte. Seine Notizen hatte er in seiner Muttersprache Aramäisch gemacht. Wenn Petrus also in Samarien, Judäa und Syrien missionierte, dann gab es für diese Ansprachen Notizen, Aufzeichnungen und Sammlungen, die nach thematischen oder liturgischen Kriterien angelegt waren. Das Erinnerungsverfahren damaliger Lehrer (wie es Jesus mit Sicherheit auch gepflegt hat) ging nach bewährten Gesetzmäßigkeiten vor. Dafür gab es im Bereich der Schriftgelehrten, der Priester und Propheten des Alten Testaments jahrhundertealte Kriterien, die wir bereits beschrieben haben.
Markus war also Hermeneutes, der Schreiber der Petrustraditionen!  Dies ist gemeint, wenn man ihm den Titel „Hermeneutes“ gibt. Von Markus weiß Papias, dass er seine Aufgabe, das Evangelium aufzuschreiben mit größtmöglicher historischer Zuverlässigkeit angepackt hat. Sehr wohl wussten auch die frühchristlichen Schreiber zwischen Bericht und eigenem Kommentar zu unterscheiden. Was sie auf keinen Fall wollten war, irgendetwas hinzuzufügen, was nicht der Wahrheit entsprach. Auch wenn sie damals nicht die Möglichkeiten hatten über die wir heute verfügen, müssen wir aber anerkennen, dass ihr wissenschaftliches Verfahren von einem hohen ethischen Anspruch getragen war.
„Daß, wie man im ganzen 2. Jahrhundert noch sehr genau wußte, Simon Petrus hinter dem Markusevangelium steht, ergibt sich aber auch deutlich aus diesem selbst, denn er erhält darin eine einzigartige Bedeutung, die man nicht durch den völlig unscharfen und daher unzureichenden Begriff ‘Gemeindetradition’ erklären kann - ein Wort, das in besonderer Weise geeignet ist, Nebel zu verbreiten....Der allzu beliebte Begriff ‘Gemeindetradition’ kann so die konkreten textgeschichtlichen und historischen Phänomene gerade nicht erklären. Er hat eher den Charakter einer Ausflucht.“ (Hengel, Die vier Evangelien, S. 146 f)
Markus erwähnt zwar 43 mal allgemein die Jünger, aber 25 mal nennt er Simon Petrus! „Diese auffallende Häufung der Nennung von Petrus im kürzesten Evangelium erfordert eine sinnvolle historische Erklärung...Diese Frage kann man nicht einfach ignorieren oder mit billigen Ausreden abtun...“ (ebd., S. 148f)

Wir stoßen bei diesen Zusammenstellungen des Markus ganz offensichtlich auf die Träger der Tradition, die er aus seiner eigenen Biografie kannte, Petrus, Barnabas und andere Apostel.
Markus hat über einige Jahrzehnte immer wieder mit Petrus (aber auch mit Paulus und Barnabas) zusammengearbeitet. Er hat sich nicht nur einmal Notizen gemacht, sondern oft gesammelt und notiert.
Die Entstehung des Markusevangeliums sehe ich im Zusammenhang der Predigt des Petrus im Umfeld der Geschichte von Simon, dem Magier. Eusebius schildert den Vorgang in seiner Kirchengeschichte: „In den Herzen derer, die Petrus zuhörten, hinterließ das Licht der wahren Religion einen großen Eindruck. Daher wollten sie sich nicht damit begnügen, daß sie ihn nur einmal mit der ungeschriebenen Lehre der heiligen Verkündigung gehört hatten. Sie baten deshalb den Begleiter des Petrus, Markus - sein Evangelium genießt jetzt große Verbreitung -, sehr nachdrücklich, ihnen eine schriftliche Fassung der mündlichen Rede des Petrus zu hinterlassen. Sie ließen nicht locker, bis Markus eingewilligt hatte, und so wurden sie Auslöser für die Entstehung des Evangeliums, das nach Markus benannt ist“ (Zitiert nach Berger, Das Neue Testament..., S.1068). Petrus, der sich über den „Eifer der Leute“ freut, „autorisiert die Schrift für die Predigt in den Gemeinden.“ (ebd.)

Wenn diese Zeitangabe stimmt, dann ist das Markusevangelium sehr früh in seiner ersten Fassung entstanden. Es weist zurück in die Zeit der palästinischen Missionsarbeit des Petrus. Eusebius beruft sich in seinen Angaben auf Clemens von Alexandrien und Papias. Außerdem kann er zitieren, dass Markus von Petrus selbst in seinem ersten Brief aus Rom erwähnt wird: „Es grüßt euch die Gemeinde der Auserwählten in Babylon (gemeint ist Rom) und ferner mein Schüler Markus.“ (1. Petrusbrief 5,13)
Daraus aber (wie es heute meist geschieht) eine späte Abfassung des Evangeliums in Rom zu konstruieren, halte ich für falsch. Wenn wir festhalten, was die ersten Historiker der Kirche überliefert haben, dann kommen wir zu einer frühen Abfassungszeit. Wenn wir außerdem den Hinweis von Markus 13,14 einbeziehen, dann ist eine Abfassung vor oder um 40 n. Chr. wahrscheinlich. Der Vers spielt auf die Caligula-Krise an. Kaiser Caligula wollte im Jahr 40 n. Chr. sein Standbild im Tempel aufstellen! Der Vers zeigt in jedem Fall deutlich, dass der Tempel noch nicht zerstört war:
„Wenn ihr aber im Tempel, an einer Stelle, wo dies nicht sein darf, einen entsetzlichen Frevel seht, dann denkt daran, daß ihr das schon hier gelesen habt.“ Der Satz ist deutlich als redaktionelle Formulierung erkennbar, er wurde offensichtlich von Markus bei der Überarbeitung eingefügt. Er steht jetzt im Zusammenhang der Aussagen über künftige Schrecken in Judäa, die einen Wegzug der Urgemeinde aus Jerusalem nötig machen werden.
Den ältesten Hinweis aus einer Verbindung des Markusevangeliums mit dem ersten Aufenthalt des Petrus in Rom verdanken wir Irenäus (Adversus Haereses 3,1,1). Außerdem ist der zweite Aufenthalt durch die bereits genannte Abschiedsformel aus dem ersten Petrusbrief bezeugt: „Das richtige Verständnis der Irenäus-Stelle wurde lange Zeit dadurch erschwert, dass man seine Aussage falsch verstanden hatte, Markus habe sein Evangelium nach dem ‘éxodos’, dem ‘Tod’ des Petrus (und Paulus) verfasst. Das würde zwar immer noch ein Datum kurz nach 67 n. Chr. ermöglichen, ist aber nicht, was Irenäus sagt.“ (Carsten Peter Thiede, Petrus, S. 316)
Irenäus schrieb aber in seinen Texten, wenn er „Tod“ meinte, immer „thánatos“ und nicht „éxodos“, was ja in erster Linie auch Auszug, Weggang, Abschied meint.

Da Markus sein endgültiges Evangelium von Petrus beglaubigt haben wollte, hätte er es gar nicht gewagt, eigene Auslegungen hinzuzufügen. Ja, er wollte wirklich darstellen, wie es gewesen ist und das ist keine „historistische“ Interpretationsweise. Markus will auch keine dramatische Erzählung zum Besten geben, er will einfach nur für die Hörer der petrinischen Missionspredigt festhalten, was damals geschah und welche Bedeutung es für diese Hörer hat. Erzähler des Geschehens und Deuter des Evangeliums ist aber Petrus selbst. Markus bringt offensichtlich einen Ausschnitt von dem, was er über Jahre notiert hat in einem Buch zusammen. Der Platz in diesen frühen Kodizes war beschränkt!
Die Petrusdarstellung der Jesusgeschichte trägt dabei sicher den Schwerpunkt. Eigene Einsichten dienen ihm dazu, das Überlieferungsgut zu sichten und zu ordnen, so gut er konnte. Die anschaulichen Episoden und Wundergeschichten gehen wohl direkt auf die Schilderungen des Petrus zurück. Markus hat sie sicher nicht nur einmal gehört, denn er ist ja bis zum Tode des Apostels in Rom mit ihm zusammen gewesen. Wir sind mit Markus und seiner Petrusrezeption ganz nah an der der durch diesen Augenzeugen vermittelten Jesusüberlieferung. Aus dieser Sicht ist auch klar, warum die protestantische Theologie nach der Aufklärung sich so vehement gegen die Kirchenvätertraditionen stemmte, die eine enge Markus-Petrus-Verbindung berichtet haben, Markus erzählt „völlig schamlos“ (Wellhausen) die jesuanischen Wundergeschichten nach! Diese moderne Aversion zieht sich durch viele „Einleitungen zum NT“. Hier meldet sich aber nur ein „aufgeklärter“ Mangel für elementare religiöse Erfahrung. „Wunder“ hat es zu jeder Zeit gegeben, und nicht nur solche, die aus einer anderen Perspektive einem Skeptiker gar nicht als Wunder erscheinen, sondern wundersame Heilungen, Errettungen etc., die sich einfach nicht erklären lassen. Recherchieren wir in Zeitungen und im Internet, wir könnten Bücher über Wunder füllen. Und auch diese wunderbaren Ereignisse können nicht zwingend mit unserer gesamten Methodik erklärt werden. Wer keine kontigenten (einmaligen) Vorgänge in unserer Welt zulassen will, kann das Leben nicht mehr verstehen!
Da fällt ein Kind aus dem dritten Stock eines Hauses (wir denken parallel dazu an einen eingeschlafenen jungen Mann bei einer Pauluspredigt!) und überlebt, nicht nur das, es ist völlig unverletzt! Das ist theoretisch aber gar nicht möglich - praktisch aber schon! Allein in meiner Lebenszeit habe ich dutzende solcher Geschichten in der Zeitung gelesen...
Natürlich müssen wir solche Meldungen kritisch prüfen, aber wenn es viele Augenzeugen gab, müssen wir es wohl auch „glauben“. Es gäbe in unserem eigenen Leben sicher auch viele Wunder zu begreifen, aber wir sehen sie oft nicht... Wer nicht mit Wundern rechnet, erlebt keine, möchte ich provozierend sagen. Das ist nur halb richtig, drückt aber eine wichtige Erfahrung aus. Das größte Wunder Jesu ist nicht damals in Palästina geschehen, das größte Wunder tut er heute durch seinen Heiligen Geist in unseren Kirchen: Trotz aller Ablehnung seiner Botschaft findet er Glauben bei Menschen im 21. Jahrhundert, weltweit, in allen Kulturen. Das verdanken wir auch der soliden Arbeit von Markus, der die Berichte des Apostels Petrus so zuverlässig aufgezeichnet hat, dass sie heute noch Skeptiker überzeugen können und in die Nachfolge Jesu führen.
 
Nach der Analyse der Markusdarstellung in seinem „Evangelium“ kann man davon ausgehen, dass Petrus seine Vorträge mit den Texten aus der Jesusüberlieferung in themenartigen Zusammenhängen dargeboten hat, um seinen Zuhörern das Verständnis zu erleichtern. Wir können auch davon ausgehen, dass schon den Theologen des 2. Jahrhunderts n. Chr. aufgefallen ist, dass Markus keine reine Biografie des Lebens Jesu vorgelegt hat. Markus hat, wie man an den redaktionellen Texten immer wieder erkennen kann, nur vorsichtig redigiert, nicht aber die eigentlichen Texte geglättet. Sein Verfahren spricht gerade für eine Vertrauenswürdigkeit in der Überlieferung. Wenn Petrus selbst der Überlieferer der Vorlagen für das Markusevangelium war, haben wir die Erinnerungen oder besser Notizen eines Augenzeugen vor uns. Er wird die zur Lebenszeit Jesu oder kurz danach gemachten Notizen des Wirkens Jesu zu Vorträgen verarbeitet haben, Vorträgen, die wir Evangeliumspredigten oder Weglehre nennen können. Vermutlich hat er auch Teile der bei Jesus durch den Unterricht gelernten Merksätze auf Holztafeln zusammengestellt. Vergessen wir nicht, dass der Lehrer im Unterricht immer eine schriftliche Vorlage benutzte, um die Schüler die Texte wortgetreu wiederholen zu lassen!

Wir müssen heute feststellen, dass aus dem riesigen Stoff von Texten Jesu uns nur ein kleiner Teil erhalten geblieben ist. Geblieben ist, was von Jesus selbst sehr häufig wiederholt wurde, was Jünger auswendig lernten oder aufschrieben, was behördliche Schreiber aufgeschrieben haben, was sich hellenistische „Judenfreunde“, die von Jesu Weisheitslehre angesprochen waren, notiert hatten und was besonders in der frühen Kirche in Predigt, Liturgie und Taufunterweisung unmittelbar verwendet wurde.

Während zu Lebzeiten Jesu das Evangelium die Kunde vom Anbruch des Gottesreiches im vollmächtigen Vergebungs- und Heilungshandeln und Überwinden des Bösen (Dämonischen) durch Jesus war, erweitern Kreuzestod und Auferweckung diese „Gute Nachricht“. Nun ist Jesus nicht nur durch sein Verkündigen und Handeln das Evangelium Gottes für die Armen, sondern durch sein ganzes Geschick. Was er tat und was ihm widerfuhr wird zu einer neuen Einheit, wird Ausdruck des eschatologischen Handelns Gottes im Messias Jesus. Dieses komplette „Evangelium“ wird von den ersten judenchristlichen Missionaren immer auf dem Hintergrund von Verheißung und Erfüllung erzählt. Was bei den Propheten (und da wird auch Mose herangezogen!) verheißen ist, hat sich im Messias Jesus erfüllt. Das Evangelium ist bei allen frühchristlichen Schreibern am „Kommen des Gottessohnes“ (Psalm 2 ist meistzitierter Beleg!) festgemacht. Die „Schrift“ selbst trägt das Evangelium in sich, es muss den Zuhörern nur aufgezeigt werden. Die Augenzeugen verbinden das Geschick Jesu mit den Überlieferungen ihres Volkes, so wie es Jesus schon zu seinen Lebzeiten gefordert hat. Er wollte erkannt werden als der „Sohn“ des „Vaters“ - folglich war auch das „Vaterunser“ sein zentrales Gebet, das es weiterzugeben galt.

Die verschiedenen Formen der Verkündigung werden sehr früh unter dem einen Begriff „Evangelium“ zusammengefasst. „Offenbar sah Markus zwischen der verkündigten Heilsbotschaft, der erzählten Geschichte und dem Buch für die gottesdienstliche Lesung keinen Gegensatz.“ (Hengel, Evangelium, S.2)

Auch heute müssen wir bei einer Betrachtung und Analyse aller vier Evangelien feststellen, dass sich dabei nicht „ständige Widersprüche“ auftun, „sondern häufige Vervollständigungen“. Denn jeder der vier Evangelisten schreibt aus seiner Perspektive, „ordnet und wählt seine Informationen, auch das selbst Erlebte, ganz so, wie es seinem Darstellungsziel entspricht. Geschichte wurde schon immer so geschrieben, auch die vorchristliche griechische und römische Geschichte. Das heißt natürlich nicht, dass sich alles im harmonisierten Wohlgefallen klärt - dafür sind uns zu viele Details nicht erhalten geblieben. Auch die Erkenntnis, dass wir immer wieder an Grenzen stoßen, darf nicht mit der Erkenntnis verwechselt werden, dass Quellen sich ergänzen können, statt sich zu widersprechen. Jeder Einzelfall verlangt nach Prüfung. Um es auf den Punkt zu bringen: Wenn uns ein Mosaikstein fehlt, dann heißt das nicht, dass er immer gefehlt hat.“ (Thiede, Petrus, S.30)

copyright Christian Trebing

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