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Methodenfragen und die Verstehbarkeit der Bibel

Wenn ich heute (mit dem Abstand von Jahrzehnten) wieder lese, was die Epigonen der Bultmannschule in der Folge ihres „Meisters“ so alles zu den einzelnen Versen der Evangelien an Urteilen abgegeben haben, kann ich nur noch lachen! Ja, in der Tat, ich kann nur noch lachen, über so viel ernst gemeinte theologische Poesie, deren Sinn den meisten Menschen verschlossen bleibt. Es ist unglaublich, wie deutsche Professoren leichtfertig Urteile über „echt“ und „unecht“ von Jesusworten abgegeben haben. Sie drücken ungefragt ihren Stempel auf alles, was ihnen in die Hände fällt.
Damit decken sie aber nur den ganzen inneren Widerspruch ihrer Epoche auf. Jeder fühlte sich berufen, dem „HERRN“ ins Wort zu fallen und festzulegen, was er gesagt und getan haben könnte und was nicht. Dabei ist ein theologischer Flickenteppich entstanden, der seinesgleichen sucht. Vielleicht hätten die Herren einmal darüber „predigen“ sollen, was sie so in verklausulierter Sprache der Wissenschaft in die Welt gesetzt haben! Ich weiß, der eine oder andere hat es getan und das konnte dann sehr „fromm“ auf eine spezielle Art klingen, weil es im Bewusstsein geschah, das eigentliche Evangelium vor dem Zugriff der Wissenschaft gerettet zu haben, indem es existential interpretiert wurde!

Was Jesus vielleicht gesagt haben könnte oder auch nicht und ob er gegebenenfalls unvorstellbarer Weise nach dem vernichtenden Urteil des 20. Jahrhunderts evtl. einen Blinden geheilt haben sollte, was aber nachgerade nicht entscheidend für den Glauben unserer Zeit sein würde... Eine Realsatire, die man heute als Drehbuch für ein Pfarrerkabarett zusammenschreiben könnte! Der Elfenbeinturm dieser Theologengeneration ist schon so hoch, dass man die Menschen gar nicht mehr erkennen kann, geschweige ihnen das Evangelium ausrichten könnte.

Da fällt mir ein Satz des alten Ernst KÄSEMANN ein, dessen letzte Tübinger Vorlesung ich noch gehört habe: „Auch in der Theologie muss es Vergebung geben.“ (Sinngemäß aus dem Abstand von knapp vierzig Jahren zitiert!)

Der Weg der deutschen Exegese war mühsam und steinig und führte zu einer weithin verunsicherten Kirche, die ihre Gläubigen verloren hat und weiter verliert. Jedes Jahr werden neue Rekordzahlen (jetzt auch in der katholischen Kirche) gemeldet.

Als einer der wenigen evangelischen Theologen der Gegenwart hat sich Peter Stuhlmacher ausführlich mit der Krise der Schriftauslegung beschäftigt. Er macht ein „schleichendes kirchliches Existenzproblem“ aus. (Peter Stuhlmacher, Der Kanon und seine Auslegung, in: ders., Biblische Theologie und Evangelium, S.168) „Man kann“, so schreibt er, „dies an drei Befunden erkennen. Erstens klaffen in den evangelischen Großkirchen mittlerweile Lehre, Leben und biblische Vorgaben extrem weit auseinander, zweitens herrschen in der Auslegung der BIbel Chaos und Anarchie, und drittens hat Ulrich Luz im Herausgeberkreis der bekannten Zeitschrift „Evangelische Theologie“ aus trifftigem Anlass die Frage aufgeworfen, ob die protestantischen Kirchen nicht längst an und mit dem Schriftprinzip gescheitert seien.“ Weiter schreibt Stuhlmacher: „Die Frage nach der Wertschätzung der Heiligen Schrift und der ihr angemessenen Schriftauslegung ist zur Überlebensfrage des Protestantismus geworden.“ (ebd.) Stuhlmacher gibt die Schuld am Niedergang einer der Bibel angemessenen Schriftauslegung „vor allem“ der „kritischen Fachexegese“ und ihrem „historisch-kritischen Methodenmonismus“. Sie sei auch gegenwärtig nicht bereit, auf den Anspruch zu verzichten, „die biblischen Texte“ allein „den Maßstäben der autonomen historischen Vernunft“ zu unterwerfen. (ebd., S. 169)
Der hermeneutische Leitsatz (des bekannten Tübinger Alttestamentlers) Hartmut Geses: „Ein Text ist so zu verstehen, wie er verstanden werden will, d.h. wie er sich selbst versteht“, fände bei den Fachexegeten wenig oder keine Anerkennung. Die „akademisch ausgebildete Pfarrerschaft“ gerate „durch die Schulung in solcher Bibelexegese in eine extrem schwierige Situation.“ Sie verlasse die Universitäten „nicht nur mit einem erschütterten Vertrauen in die Autorität und Klarheit der Schrift, sondern auch unter dem Eindruck, daß man... mit kritischer Exegese ‘alles machen kann’“ (ebd.) Was bleibe sei ein kritisch gebrochens Verhältnis zur Bibel mit selektivem Gebrauch einzelner Texte.“ (ebd.) Für die Zukunft konstatiert er: „DIe Evangelische Kirche gerät unwiderruflich in eine Minderheitensituation, in der sie viel stärker als früher auf ihre Identität achten muß.“ (ebd., S.170)
Deshalb fordert Stuhlmacher weiter, dass dringend „neu erörtert“ werden müsse, „welche Bedeutung die Bibel für die Kirche“ habe und „wie sie so ausgelegt werden“ könne, daß ihrem hermeneutischen Eigenanspruch genügt“ werde (ebd.).

Die von den Kirchen weitgehend losgelöste und ihnen auch nicht mehr verantwortliche Universitätstheologie säte vielfach Verunsicherung und Zweifel unter den Studierenden und Pfarrerinnen und Pfarrern (und das gilt inzwischen für beide Großkirchen) und trieb ihnen den Glauben an die Zuverlässigkeit des Evangeliums mit fatalen Folgen aus. So sehen es auch bekannte Kritiker der Kirchen, die sich in ihren Artikeln einen Spaß daraus machen, die Gegenwartstheologie gegeneinander auszuspielen und vorzuführen, wie es Werner Harenberg in der Nachfolge Rudolf Augsteins tut: „Gewiß, die Bibelkritiker sind auch Theologen, und deshalb mischen viele (allzu viele) ihren ernüchternden Erkenntnissen fromme Zutaten bei, die den Rest-Christen helfen sollen, ihre harte Kost zu verdauen. Aber das ändert nichts daran, daß ihr Jesus ein Mensch war und kein Übermensch und schon gar nicht ein halber Gott. Manche, die hierzulande in den oberen Etagen der Kirchen sitzen, meinen, einen Ausweg gefunden zu haben, wie ihren Gläubigen eine Entscheidung für den einen oder den anderen Jesus erspart werden kann: Es komme, zum Beispiel, gar nicht darauf an, ob ein Wort von Jesus stamme oder ob die Gemeinde es ihm zugesprochen habe, sie habe damit doch in seinem Geiste gehandelt. Wer so alles für gleich gültig erklärt, der erklärt für gleichgültig, was Jesus einst wirklich gesagt und gewollt hat. Er nimmt Abschied von Jesus.“
(Werner Harenberg, Jesus-Forschung, S.66)

Nun sitzen wir in dünn besetzten Kirchen, pflegen weiter die historisch-theologische Rechthaberei und ruhen auf den letzten Inseln der Volkskirchen aus. Und Jahr für Jahr werden es weniger..., aber die Schuld trägt der materialistische Zeitgeist.
Doch das „Umdenken“ (eine biblische Kategorie!) setzt nicht ein. Da gibt es nur wenige, die Schlüsse aus der Situation ziehen. Schon haben viele evangelische und katholische Synoden die missionarische Situation in Deutschland erkannt und eine Veränderung postuliert. Doch nur da und dort werden wirklich neue Wege beschritten. Bei vielen ist die Angst vor den Methoden der Freikirchen groß. Man wurstelt sich mit traditioneller Kirchenmusik und schwerfälligen Liturgien weiter durch. Da wünschte ich mir, dass das Wort des Paulus an Timotheus ernster genommen würde: „Bemühe dich um eine gute Darbietung der Lehre.“ Wir könnten aus den weltweiten Strategien missionarisch orientierter Kirchen lernen, aber wie die Gänse in der Fabel von Kierkegaard: Wir tun es nicht! Durch Fachmessen komme ich oft in Kontakt mit Christen aus afrikanischen und asiatischen Ländern. In vielen Gesprächen ließ man mich zwischen den Zeilen wissen, dass man dort nicht mehr an überzeugtes Christ-sein in Europa glaubt. In zwanzig Jahren werden sie uns vielleicht Missionare schicken... Nein, es ist bereits soweit. Im Gemeindebrief einer katholischen Nachbargemeinde las ich gerade das Interview mit einem indischen Pfarrer, der mit zwei anderen indischen Kollegen eine Kommunität bildet und den Pfarrdienst dieses Ortes übernommen hat. Ausdrücklich beruft er sich auf den Apostel Thomas, so wie der einst zur Missionsarbeit nach Indien gekommen sei, seien sie nun zur missionarischen Arbeit in Deutschland!

Für mich gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen einer weltfremden Theologie, die im Studium wenig oder keinen Praxisbezug vermittelt und den Folgen für die Gemeindearbeit. Eins wurde mir besonders in den Jahren im Pfarramts klar: Die theologische Ausbildung erzieht uns Pfarrer immer nur zur Abgrenzung von anderen. Wir müssen uns üben, bei allem unser theologisches Pfündlein im Urteil gegenüber anderen zu finden. Jeder lernt, seine eigene Erkenntnis zu betonen und damit im Recht zu sein. So kommt es, unabhängig von der theologischen Richtung übrigens, zu einer Ansammlung von Menschen, die schwer mit anderen oder gar einer Gemeinde zusammenarbeiten können. Weil sie immer nur die eigene Erkenntnis betonen müssen, ist es ihnen nicht möglich selbst in praktischen Fragen Kompromisse zu schließen. Sie tun sich schwer, denn sie müssen sich nach allen Seiten und jeden Tag aufs Neue abgrenzen, gegen Pietisten, Modernisten und andere Richtungen, die sich oft nur in Nuancen voneinander unterscheiden. Das haben wir gelernt, nichts stehen lassen können, sondern auch im Kleinsten noch den Unterschied betonen. Dabei käme es doch darauf an, mal von den Worten Jesu etwas stehen zu lassen, sie wirken zu lassen, weil sie mehr sind als wissenschaftliches Material, das, zerlegt bis in den letzten Halbsatz und den allerletzten Begriff, vor Angst nicht mehr zu uns sprechen kann, geistlos geworden und nur noch Buchstabensalat, unglaubliches Zeugs und irrelevant für unser Leben.

Deshalb ist es heute auch nicht mit ein bisschen Korrektur getan, wir müssen an die Wurzeln von Ausbildung und Theologie gehen, wenn unsere Kirchen weiter vom Evangelium bestimmt existieren wollen. Sicher, wir können uns als Kirche auch auf die Ethik zurückziehen und unsere Kirchengebäude zu Museen und Konzerthäusern umwidmen oder Cafés, wie ich es in Irland und Holland erlebt habe. Aber damit verraten wir unseren Auftrag, das Evangelium als Gute Nachricht und Frohe Botschaft zu leben und weiterzugeben. Die Freude an der Begegnung mit Jesus und die Osterfreude sind das Pfund, mit dem wir heute in neuen Formen zu wuchern haben! Aus der Rückschau muss dann der Blick nach vorne gehen. Unsere Gottesdienstformen müssen sich mit unserer Kultur versöhnen, wird dürfen nicht weiter Mittelalter und Barock reproduzieren, sondern müssen sprachlich und musikalisch endlich in unserer Zeit ankommen. Nicht anbiedernd, sondern imdem wir selbst neue Trends setzen. Die Kraft des Evangeliums könnte uns eine Hilfe sein auf dieser Reise zu den Menschen unserer Zeit. Mit einem Evangelium, das sich als zuverlässig in seiner überzeugenden Sprache erweist, wäre etwas zu bewegen. Dazu wurde dieses Buch geschrieben!

Denn die Art der Exegese, wie sie in den letzten 150 Jahren vielfach gelehrt wurde, hat die Bibel nicht verdient, davor zieht sie sich schweigend zurück und mit ihr der Heilige Geist! Hier fehlt der Respekt vor Gottes Wort in einem Maße, dass auch nicht nur ein bisschen Umdenken hilft, hier muss sicher grundlegend neu gedacht werden. Wer es von den Kolleginnen und Kollegen getan hat und dann auch noch entdeckte, dass die Fußwaschung (War sie denn echt? Äh, ich glaube nicht, steht bei Johannes...) das Vorbild für die Jünger Jesu ist und nicht die Perikope mit dem Gerangel um die Plätze neben dem Gottessohn, der hat sicher viel Freude bei der Arbeit im Weinberg.

Ich bin weit davon entfernt, einem Fundamentalismus das Wort zu reden, der führt uns überhaupt nicht weiter. Er ist nur die fromme Kehrseite sezierender Beliebigkeit, gewürzt mit einer dogmatischen Rechthaberei. Das ist ganz und gar inakzeptabel für jeden denkenden Menschen. Ich halte es aber für völlig überzogen, den christlichen Fundamentalismus mit dem militanten Fundamentalismus im Islam zu vergleichen. Im Islam sind so gut wie alle Menschen „fundamentalistisch“, weil sie glauben, der Koran sei quasi „vom Himmel gefallen“. Für Forscher ist aber die Entstehungsgeschichte des Koran aus jüdischen und christlichen Quellen nachvollziehbar. Im syrischen Bosra konnte ich noch die Ruinen des Klosters besichtigen, dessen Abt Mohammed einen Teil dieser Quellen übergeben hat, als er als Händler dort kurz vor Damaskus Station machte!

Ich bin der Überzeugung, dass wir als Ausleger wieder lernen müssen, mit mehr Vorsicht und Umsicht in der „Schrift“ zu forschen. Unsere „Echtheitszertifikate“ für die gängigen Jesusworte sind nicht gefragt, insbesondere wenn sie Folgen eines „wissenschaftlichen“ Vor-Urteils sind, das dann in Sachkritik an den Texten umschlägt. Nicht wir entscheiden, was echt oder falsch ist, am Ende sind wir es selbst, die sich als „echt“ oder „falsch“ erweisen!
Lassen wir also die Kirche im Dorf und üben uns stattdessen in umsichtiger Erkenntnis, die dem Text eine Chance gibt, auch zu uns zu reden. Offenheit für das Hören ist angesagt und die Neugier, den Text in seinen Feinheiten und Vorläufigkeiten zu entdecken. Wir haben keine Dogmatik vor uns, in der alles schön geordnet ist, irgendwie stimmig. Nein, es werden Fragen offen bleiben, viele Fragen. Haben wir dann den Mut, sie einfach offen zu lassen. Die Bibel ist über eine lange Zeit entstanden, aber sie ist die einzige Offenbarung Gottes, der wir wirklich Vertrauen schenken können. Sie ist eine Liebeserklärung an uns Menschen, aber sie hat „Erdgeruch“ (wie mein alter Lehrer Otto MICHEL uns Studenten immer wieder sagte), sie berichtet von bestimmten Personen in einer konkreten Zeit in einem von Gott erwählten Landstrich. So wie sich die Archäologen durch die Erdschichten wühlen, um ihre Entdeckungen zu machen, so müssen wir Exegeten auch den Mut haben uns „durchzuwühlen“ und manchmal auch erfahren, dass Topf und Henkel nicht zusammenpassen.

Ich glaube schon, dass wir historisch und auch kritisch arbeiten müssen, um Texte zu verstehen, wir müssen es sicher nicht im Sinn der ursprünglich historisch-kritischen Methode, weil sie sich mit ihrem atheistischen Ansatz selbst disqualifizierte. Wer einen christlichen Text gott-los erklären will, kann ihn nicht erfassen. Natürlich können wir mit einer Methodenvielfalt auch an Bibeltexte herangehen. Das wird auch interessante Ergebnisse erbringen, aber wir dürfen als Theologen nicht vergessen, dass diese Bibeltexte auch einen Anspruch an uns haben!
Wir können in der heutigen Zeit niemanden hindern, die Bibel irgendwie als Material zur Selbstprofilierung zu benutzen, weder Atheisten noch Esoteriker halten sich da zurück. Aber solange sich diese Protagonisten unserer Zeit noch mit der Bibel auseinander setzen, gibt es eine Möglichkeit zum Dialog in dieser Gesellschaft. Es gibt keine spezielle biblische Methode für die Erforschung der Texte, und nicht jede Methode wird für uns hilfreich sein. Manche Methoden werden wir vielleicht modifizieren müssen, andere ad acta legen. Die hermeneutische Grundregel der Bibelauslegung sollte sein, da bin ich mit Peter STUHLMACHER einig, „daß die Texte der Bibel nicht nur aus kritischer Distanz heraus als historische Dokumente und religionsgeschichtliche Quellen, sondern zugleich und vor allem als Offenbarungszeugnisse zu leben sind.“
(Peter Stuhlmacher, „Aus Glauben zum Glauben“ - Zur geistlichen Schriftauslegung, in: ders., Biblische Theologie und Evangelium, S. 224)

Außerhalb der Kirche macht in der Forschung heute ohnehin jeder, was er will, doch in der Kirche (und das gilt für alle Konfessionen) haben wir die Aufgabe, die Bibel in ihrer Gesamtheit von ihrer christlichen Mitte her zu verstehen. Das ist eine bleibende Aufgabe für jede neue Generation. Aber sie muss mit Umsicht und im Vertrauen darauf geleistet werden, dass dieses Wort Gottes von seinem Geist inspiriert ist. Die Bibel kann für keinen christlichen Theologen nur einfach Material zur Bearbeitung sein, in der Knechtsgestalt der Bibel offenbart sich Gott selbst als Schöpfer und Erlöser. Jeder, der sich mit dieser Offenbarung beschäftigt, muss mit Überraschungen rechnen! Auch wer geist-los ist, kann dabei vom Heiligen Geist überrascht werden!

Aus der Rechtfertigung des Sünders ist heute weitgehend eine andere Geschichte geworden, die Bibel muss sich vor uns rechtfertigen, vor unserem Verstand, unseren Gefühlen und all den Voreingenommenheiten, die uns das Leben so beigebracht hat. Nur wenn etwas ganz schief läuft in unserer Gesellschaft, dann schreien wir nach den Notfallseelsorgern. Die sollen dann wieder in Ordnung bringen, woran auch Psychologen gescheitert sind, warum der Sünder so ist, wie er ist und andere in den Tod reißt.
Wichtiger, scheint mir, ist es, die Auslegung der Bibel für unsere Zeit voranzutreiben. Mitten ins Leben und nicht nur an die Ränder, mitten in unseren Alltag muss das Evangelium neu und verstehbar gesagt werden, dann kann es wieder Kraft geben und Vollmacht offenbaren. Etwas von der „exousia“ Jesu wünschte ich unseren Kirchen: „Denn Jesus lehrte mit ‘exousia’ und nicht wie die Schriftgelehrten!“ Es geht um die Zukunft der Kirche, auch wenn wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen!

Das führt mich an einen letzten Punkt in diesem Buch, die Verstehbarkeit der Bibel. Ich will es noch einmal deutlich sagen, ich kann mit einer wissenschaftlichen Theologie, die dem Menschen die Bibel wieder aus der Hand nimmt, nichts mehr anfangen. Hier baut sich seit Jahrzehnten eine neue Lehrautorität auf, die den suchenden Menschen zur Verzeiflung bringt: Du kannst die Bibel gar nicht richtig verstehen, du brauchst mich, Prof. XYZ, der sie dir verbindlich auslegt!

Ich bin dagegen der Überzeugung, jeder Mensch kann auf seine Weise das Evangelium verstehen, denn es ist in einer allgemeinverständlichen Sprache überliefert und übersetzt. Ich muss an meine ersten Konfirmanden denken, denen ich statt der Lutherübersetzung die „Gute Nachricht“ für den Unterricht gab. Es meldete sich einer und sagte: „Herr Trebing, das kann nicht die Bibel sein, man kann das ja richtig verstehen!“
Auf seine Weise hatte er etwas Überraschendes entdeckt, vor diesem Buch braucht man keine Scheu zu haben, es braucht eigentlich keinen „Erklärer“, es ist selbstauslegend. Es geht in ihm um so einfache Themen wie, die Schuld eingestehen und den Zuspruch der Vergebung erfahren, um die Liebe Gottes zu den Menschen und die Freiheit durch den Glauben an Jesus Christus, um die Erfahrung von Gerechtigkeit für die Unterdrückten und um die Friedensstifter im Namen Gottes. Es geht aber auch um Kreuz und Auferstehung Jesu und meinen Tod und mein ewiges Leben. Die wesentlichen Erkenntnisse des Evangeliums sind nicht in einer Geheimsprache, nicht in frömmelndem Kanaanäisch oder biederem Theologendeutsch aufgeschrieben, sie werden erzählt. Es sind nicht die Begriffe, die diese Erkenntnisse und Einsichten vermitteln, sondern simple Geschichten. Denn die Wahrheit des Evangeliums lässt sich nur zusprechen oder nacherzählen. Es sind Geschichten von Erfahrungen mit dem Gottessohn, aus seinem Leben, über sein Sterben und Auferstehen, über seine Taten und Zeichen und seine außergewöhnlichen Gleichnisse. Die Evangelien zu lesen und ihre Botschaft zu entdecken ist wichtiger, als sie zu zerlegen und aufzulösen. Und vor allem, zerlegt nur, was Ihr auch wieder zusammensetzen könnt! Ich habe viel Respekt vor Menschen, die eine Maschine auseinandernehmen und wieder zusammenbauen können.
Deshalb, Ihr „Theologen und Universitätsprofessoren“, wenn ich Euch mal hier so direkt und burschikos ansprechen darf, gebt der Gemeinde wieder die Bibel zurück und glaubt nicht länger, man könne sie erst nach 10-12 Semestern Theologie verstehen. Vielleicht versteht Ihr ja ein bisschen mehr als andere und wenn Ihr damit liebevoll umgeht, wird man Euch auch gern zuhören. Man wird sogar staunen, über so viel menschliche Weisheit. Und das wäre immerhin eine Haltung, die auch Jesus entgegengebracht wurde! Das wird Euch gut-tun und auch der Gemeinde.

Exegese sollte der Gemeinde zu einem besseren Verständnis des Bibeltextes helfen und nicht die Beerdigung seiner Inhalte vorantreiben. Wir können, wie schon gesagt, nicht verhindern, dass irgendwelche Leute mit ihren Vor-Urteilen sich an der Bibel zu schaffen machen und versuchen, das Evangelium ad absurdum zu führen. Aber als christliche Theologen sollten wir die Urkunde unseres Glaubens mit Ehrfurcht behandeln und in ihrer „Knechtsgestalt“ das Licht des Lebens sehen lernen. „Schmecket und sehet wie freundlich der Herr ist“, sagt der Psalmist und lädt ein zur sinnlichen Erfahrung der Barmherzigkeit Gottes. Gebt Gottes Wort die Chance, Euch beim Forschen und Studieren von seiner Zuwendung zu überzeugen. Lasst IHN an Euch herankommen, lasst IHN an Euch arbeiten, bevor Ihr sein Wort „verarbeitet“.

So kann es jedem gehen, der die Bibel mit wachem Menschenverstand liest: Die lebendigen Geschichten berühren Herz und Geist und verändern die eigene Welt. Das kann jedem passieren, selbst beim Versuch, den historischen Jesus auf ein handliches Glaubenskonstrukt zu reduzieren. Selbst Magazinredakteuren beim Versuch dem Glauben an Jesus Christus den Rest zu geben. Vorsicht, meine Herrn, die Worte des Messias sind brisant und könnten das überhebliche Ego treffen...

Meine Empfehlung ist, geht sorgfältig um mit dem, was Euch von vielen Augenzeugen sorgfältig überliefert wurde. Der garstige Graben, den so viele sahen, existiert nur in ihrer Phantasie, auch der denkende Mensch steckt voller Sehnsucht nach Gott. Doch wer den Tod Gottes ausruft, provoziert nur neue esoterische Prozesse. Wird das Original zerstört, klammert sich der Mensch an die Fälschungen. Doch im Licht der Bibel hat kein Mensch verdient, sich mit Plagiaten zufrieden zu geben. Gott setzt mit Jesus Christus auf echte Liebe und die Authentizität seiner Zuwendung: Pro me und wg. Kreuz und Auferstehung.

copyright Christian Trebing

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