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Schreiben in der Alltagskultur zur Zeit Jesu

Schreiben in der Alltagskultur
zur Zeit Jesu

„Da fragten sie seinen Vater (scil. Zacharias) durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle. Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb zum Erstaunen aller darauf: Sein Name ist Johannes.“
Lukas 1,62-63

Paulus schreibt an Timotheus:
„Wenn du kommst, bring meinen Mantel mit, den ich in Troas bei Karpos zurückgelassen habe, auch die Buchrollen, besonders die aus Pergament.“
2. Timotheus 4,13


Zwei Notizen aus dem Neuen Testament, die wir schon lange kennen, deren Brisanz für die schriftliche Überlieferung im Frühchristentum bisher wenig beachtet wurde. Die zweite Notiz wurde immer als Zeichen dafür gewertet, dass Paulus die Septuaginta (griech. Übersetzung des Alten Testaments) bei sich hatte, das ist aber keinesfalls bewiesen, es kann sich auch um andere Aufzeichnungen, z.B. von Jesusworten zur Taufermahnung, gehandelt haben. Die Pergamentrolle war sicher die Wertvollste, hier könnte es um Aufzeichnungen aus den Propheten gehen. Aber, was stand in den weniger wertvollen „Biblia“? Viele Forscher gehen heute davon aus, dass alle Evangelien immer in einem Bibelbuch, das handlicher und transportabler war, aufgezeichnet wurden. Hatte Paulus die Unterlagen in Troas bei Karpos gelassen, damit sie dort abgeschrieben werden konnten? Offensichtlich hatte er „Biblia“, Holztafelbücher oder Kodizes mit Pergamentblättern bei sich, wenn er unterwegs war.

Gehen wir noch einmal zurück zu den Schreibtäfelchen. Hier steckt die eigentliche Sensation. Funde aus Vindolanda am Hadrianwall in Nordengland zeigen, dass diese „Schreibtäfelchen“ z. Zt. Jesu im Römischen Reich weit verbreitet waren und auch zu ganz privaten Zwecken gebraucht wurden. Wir haben quasi die Notizzettel und die ersten „Biblia“ des Altertums vor uns. Es scheint alles darauf hinzudeuten, dass diese Schreibtafeln aus Holz eine weite Verbreitung hatten. Durch die Verlegung der Legionen wanderte die Kenntnis dieser Alltagskultur ohnehin durch das ganze Reich. Die 22. Legion z.B., die die Kreuzigung Jesu in Jerusalem durchführte, tauchte später am germanischen Limes in der Wetterau auf, wie Ziegelfunde in meinem Heimatort bestätigten.

Im alten Ägypten haben sich Schreibtafeln aus der Zeit der Pharaonen erhalten und im Nahen Osten wurden Tafeln gefunden, die mindestens aus dem 8. vorchristlichen Jahrhundert stammen. Im archaischen und klassischen Griechenland sind Schreibtafeln nur indirekt (bildlich, literarisch oder inschriftlich) bezeugt. Die ältesten erhaltenen Tafeln (griech.: pinakes) mit griechischer Beschriftung stammen aus hellenistischer Zeit. In Griechenland blieb nach unseren bisherigen unvollständigen Erkenntnissen die Verwendung im Wesentlichen auf Dokumentenarchivierung und Alltagsnotizen beschränkt. In der Römerzeit hat sich das aber offensichtlich gewandelt. Nun sind auch klassische Autoren in verschiedenen Kodexformen „lieferbar“. Ja, es gab damals schon ein Buchgeschäft mit wichtigen Autoren! Leider sind uns wegen der Vergänglichkeit des Materials nur wenige Zeugnisse bekannt.

Für die römische Welt bezeugen archäologische Funde seit der Kaiserzeit eine weite Verbreitung und vielseitige Verwendung einzelner wie zu Blöcken verbundener Holztäfelchen (lat. tabulae). Die Täfelchen waren zur Aufnahme der Beschriftung unterschiedlich präpariert. Die „dealbatae“ besaßen eine geweißte Schreibfläche. Sie bilden die Hauptfunde in Vindolanda. Diese „tabulae“ waren als besonders dünne Holztäfelchen zur Beschriftung mit Tinte geeignet, die mit dem „calamus“ (Schreibrohr) oder einer Metallfeder aufgetragen wurde.

In der leicht vertieften Oberfläche der „ceratae“ wurde eine Wachsschicht aufgetragen, in welche die Schrift mit einem spitzen Metallstift, dem „stilus“, eingedrückt oder -geritzt werden konnte. Die vom Vesuv im Jahre 79 n. Chr. verschütteten Städte (u.a. Pompeji und Herculaneum) haben zahlreiche Funde originaler Wachstafeln erbracht. Vor den Funden von Vindolanda glaubte man hier die übliche Form dieser „Notizzettel“ gefunden zu haben. Sie taugten aber nicht für Schreibaufzeichnungen wie die Jesusüberlieferung, sondern eher für die Schreib- oder Merkübungen von Schülern oder als Einkaufszettel von Hausfrauen etc.

Die geweißten Buchenholztäfelchen von Vindolanda bringen aber nun einen völlig neuen Aspekt in die Diskussion, sie waren nicht für bald wieder zu löschende Texte bestimmt, sondern sollten aufgehoben werden! Diese Holztäfelchen konnten (schon in der Ilias erwähnt und seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. bildlich belegt) mit einer Art Scharnier aus Schnur sogar paarweise zu einem Diptychon verbunden werden; drei verbundene Täfelchen bildeten ein Triptychon, eine größere Anzahl ein Polyptychon. Einer der  Bodenfunde aus Vindolanda bezeugt die Form eines aus gefalteten dünnen Holztäfelchen zusammengesetzten Leporello, ein richtiges Buch also!

Man hat versucht, die Handschriften, die in diesem Teil des Archivs von Vindolanda vorkommen, zu identifizieren und ist neben den einem gewissen Cerialis (dem Kommandanten der Kohorte der Bataver) zugeschriebenen, noch auf mindestens vier andere Hände von Schreibern gestoßen, denen er wahrscheinlich seine Briefe diktiert hat. Der zweite, große Teil der Korrespondenz des Flavius Cerialis besteht aus den Briefen, die er von anderen Personen erhalten hat. 48 Stück wurden gefunden und sie enthalten die Namen von achtzehn verschiedenen Schreibern.

„An Flavius Cerialis, den Praefectus, von Masclus, dem decurio.
Masclus sagt dem Cerialis, seinem König, einen Gruß. Ich bitte Dich, Herr, uns zu instruieren, was Du wünschst, daß wir morgen tun sollen: Sollen wir alle zum vexillum zurückkehren oder nur jeder zweite? ... Meine Mitsoldaten haben kein Bier! Ich bitte Dich, zu befehlen, daß es geschickt wird.“
(K. Brodersen, Das römische Britannien, Spuren seiner Geschichte, Darmstadt 1998, S. 164)

Aus dem privaten Bereich haben wir z. B. die Bitte um einen Gefallen, Grüße zu Neujahr und den Hinweis auf eine religiöse Zeremonie.  Eine der Listen aus dem Praetorium („Tabulae Vindolandensis II“, A.K. Bowman, J.D. Thomas, The Vindolanda Writing-Tablets, Bd.II, 1,90) nennt kleinere Geldbeträge „ad sacrum", die für religiöse Handlungen bestimmt gewesen sein müssen. Daneben enthalten noch zwei Briefe an Cerialis Hinweise auf die religiösen Gepflogenheiten der Bewohner. In beiden Fällen geht es um Neujahrsfeierlichkeiten. In einem wünscht ein Hostilius Flavianus dem Cerialis ein „annum novum faustum felicem" (ebd., S. 265) und in dem zweiten sagt möglicherweise derselbe: „Ego frater sacrifico diem calendarum sicut volueras dedicavi“. (ebd., S. 261)
(Dazu auch: Bowman, Thomas, New Writing - Tablets from Vindolanda, In: Britannia, A Journal of Romano - British and Kindred Studies 27, 1996, S. 324).

Nach dem Sensationsfund an der römisch-schottischen Grenze öffnet sich eine neue Perspektive für den Schriftgebrauch im Alltag. Ich habe die Zusammenhänge auch deshalb ausführlicher dargestellt, weil die Überlieferung der Jesusworte nun neu gedacht werden muss. Waren zuletzt schon viele Forscher bereit zuzugestehen, dass es eine vormarkinische Überlieferung in schriftlicher Form gegeben haben muss, so wird nun deutlich, dass es für diese Überlieferung vielfältige Möglichkeiten durch den belegten Alltagsgebrauch der Holztäfelchen gab. Ja, man muss sogar zurückschließen, dass die oft auf Vasen belegten Pinakes in der griechischen Blütezeit eine schon lange verbreitete Schreibkultur hervorgebracht haben. Sie ist uns leider durch die Vergänglichkeit des Materials verloren gegangen.

Holztäfelchen ließen sich leicht und billig herstellen, man hatte sie im Haus immer zur Hand. Von Zacharias heißt es auch, er nahm ein Holztäfelchen und nicht „das“ Holztäfelchen, das heißt, im Haushalt gab es bei Schreibkundigen immer einen Vorrat von solchen Täfelchen und Tinte und ein Schreibgerät, einen Calamus. Die Funde aus Vindolanda belegen, dass man so ziemlich alle Nachrichten des Alltags, aber auch Liebesbriefe auf die leichten und praktischen Täfelchen schrieb. Es waren nicht nur kleine Notizzettel, sondern dadurch, dass man sie zu Leporellos verband, die ersten Bücher! Handlich, leicht transportabel und unempfindlich, nur bei der nächsten Eroberung einer Stadt wurden sie leider ein Raub der Flammen!
Die lukanische Notiz zeigt uns, dass diese Täfelchen auch in Israel benutzt wurden. Wir können davon ausgehen, dass Schreibkundige (und das waren neben Jesus auch die meisten der Jünger) diese Tafeln für ihre Kommunikation benutzt haben. Im Fischergewerbe waren sie sicher üblich, um Bestellungen und Lieferungen zu begleiten wie früher die Tontafeln, um Nachrichten an Handelspartner zu übergeben oder für private Briefe. Leider sind uns diese Aufzeichnungen nicht mehr erhalten. Aber wir haben für die klassischen Philosophen auch keine Textgrundlagen aus ihrer Lebenszeit!
Bevor die Römer von den Griechen die Papyrusrolle übernahmen, war der Holztafelkodex die Buchform der frühen lateinischen Prosaliteratur (z.B. der Werke des älteren Cato). Er blieb in Griechenland wie in der römischen Welt neben der Schriftrolle immer in Gebrauch. Dieser Holztafelkodex war eben nicht nur ein kleines Brettchen, sondern konnte, wie schon dargestellt, ein Leporello aus vielen Teilen sein! (Zum Weiterforschen: WIKIPEDIA, Artikel Vindolanda. Hier fand ich zahlreiche Einzelheiten, die ich für dieses Buch verwendet habe.)

Was bedeutet das für die Verschriftlichung von Jesuslogien oder „Schulungsmaterial“? Haben die Jünger/Schüler, haben Zuhörer Jesusworte aufgeschrieben, um sie zu lernen, um sie besser zu erinnern, um sie zu sammeln, um sie „geheimdienstlich“ an den Hohen Rat zu liefern? Haben Jünger oder andere Freunde Jesu Briefe mit Jesusworten oder Wundergeschichten geschrieben und sie versandt? Hat Jesus selbst seine Worte und Gleichnisse für die Lehre aufgeschrieben?

Der Gebrauch der Tafeln könnte erklären, warum wir so viele Einzellogien, Gleichnisse und Wundergeschichten haben, die abseits der späteren Evangelien überliefert sind. Diese Vielfalt der verschiedenen Überlieferungen führt Papias später dazu, nach apostolischen Augenzeugen des Lebens Jesu zu suchen. Seine skeptische Haltung gegenüber den vielen verschiedenen schriftlichen Zeugnissen hängt alleine mit diesem Anwachsen „schriftlicher Literaturproduktion“ zusammen. Papias sieht die Kirche zu einer kritischen Sichtung herausgefordert, damit geklärt wird, welche Texte „für die Lesung im Gottesdienst in den einzelnen Gemeinden in Frage“ kommen (Hengel, Evangelien, S. 98).

Ich nehme an, dass durch diese Möglichkeit der Verschriftlichung von Jesusworten insbesondere „Q-Quellen“ entstanden sind, also Sammlungen von Jesus-Logien für die Paränese, der Überlieferung von Gleichnissen, Wundergeschichten und das Lernen der ethischen Anweisungen des Herrn. Bei diesen Sammlungen wird eine Technik angewendet, die wir auch aus dem Thomasevangelium kennen. Aufgrund der bekannten Regeln der Textlinguistik sprechen wir von Sammlungen nach Stichwort, Synonymität und Opposition. Ich sehe deshalb viele Q-Quellen und nicht eine einzige, die gar rekonstruierbar zu einer Art Evangelium einer bestimmten „Gemeinde“ wäre. Aber ich sehe, dass diese Quellen in die Lebenszeit Jesu zurückgehen, einige sogar auf seine eigenen Notizen. Die Exaktheit der Texte lässt eindeutig eine frühe schriftliche Fixierung erkennen. Wenn wir auf die Rahmenbedingungen zur Zeit Jesu eingehen, erkennen wir, dass der „Rabbi“ sich selbst Notizen für seinen Lehrvortrag gemacht hat.

Eins ist aber ziemlich unumstritten, dass es diese Sammlungen schon vor der Abfassung der Evangelien gegeben haben muss. Die technischen und auch menschlichen Möglichkeiten für eine frühe Verschriftlichung lagen vor, warum sollten sie also nicht genutzt worden sein? Mit den Q-Quellen kommen wir bis an die Jesuszeit heran. Warum traut sich das niemand zu sagen?

Es kommt aber nicht nur auf die Ausbildung des Schreibens an, wichtig ist vor allem, dass das Neue Testament in einer Tradition der genauen und verlässlichen Überlieferung steht. „Für die Geschichte der Bibel sind vor allem die Rollen mit Texten des Ersten Testaments aus der Zeit Jesu bedeutsam - sie erwiesen sich als etwa 1000 Jahre älter als die bis dahin bekannten Schriften, und stimmten mit diesen doch praktisch wörtlich überein!“
(Georg Röwegang, Von Byblos bis Mainz, Welt und Umwelt der Bibel, Nr. 28, S.55)

In dieser Form einer gewissenhaften Überlieferung steht das Neue Testament, wir können deshalb mit einem hohen Maß an Zuverlässigkeit rechnen. Dies betont sehr stark auch Peter Stuhlmacher, wenn er annimmt, dass in der Urgemeinde eine „gepflegte Tradition“ vorausgesetzt werden muss: „Da sich der Leitungskreis der Jerusalemer Urgemeinde aus dem Jüngerkreis Jesu (und der Jesusfamilie) rekrutiert, ist im Blick auf die Evangelientradition mit einem nicht nur zufälligen, sondern gepflegten Traditionskontinuum zu rechnen, das aus der Jesuszeit hin zur nachösterlichen Gemeinde führt....Insgesamt dürfte ein weit größerer Teil der Evangelientradition historisch zuverlässige Überlieferung darstellen, als von der klassischen Formgeschichte angenommen worden ist.“
(Peter Stuhlmacher, Zum Thema: Das Evangelium und die Evangelien, in: Das Evangelium und die Evangelien, S. 7)
Das schrieb Peter Stuhlmacher immerhin schon 1983 im Sammelband eines Tübinger Symposions zum Thema „Das Evangelium und die Evangelien“. Leider ohne große Folgen in der neutestamentlichen Wissenschaft!

Ich gehe in diesem Buch noch einen deutlichen Schritt weiter, auch Jesus, dem mehrsprachigen und schreibkundigen „Rabbi“ und „Weisheitslehrer“ waren diese Möglichkeiten geläufig. Wer kann behaupten, dass einer, der Lesen und Schreiben kann, seine Möglichkeiten immer ungenutzt brach liegen lässt? Dass er einfach nie aufschreibt, was er sagen will, dass er seine Gedanken für die Lehre nicht schriftlich ordnet, um sie wiederholen zu können. Gerade das Wiederholen der Texte spielt in der rabbinischen Lehrform doch die Hauptrolle beim Auswendiglernen. Außerdem gilt ohne Einschränkung, dass bei der Belehrung der Schüler immer vorgelesen wurde!

Jesus benutzte offensichtlich das Haus der Schwiegermutter des Petrus als eine Art „Zentrale“ für seine „Missionsreisen zur Ankündigung der Gottesherrschaft“. Auch andere Häuser von reichen Frauen und Männern standen ihm als Quartiere zur Verfügung. Er war gerade kein unbehauster Wanderprediger! Jesus hatte Gastrecht in vielen Häusern, dort gab es Möglichkeiten zu schreiben und Geschriebenes aufzubewahren. Es gab die Gelegenheit, Worte anderen Menschen zu widmen, die sie aufbewahrten. Wenn man sich erst einmal von dem Vor-Urteil der rein mündlichen Überlieferung zur Lebenszeit Jesu gelöst hat, wird man viele Möglichkeiten der Verschriftlichung von Logien, Geschichten, Gleichnissen und Diskussionen mit Jüngern und Gegnern entdecken. Zwar können wir das nicht für den Einzelfall nachweisen, aber wenn wir den Alltagsgebrauch der Holztäfelchen annehmen müssen, ergibt sich eine Vielzahl von Gelegenheiten, dass Schriftliches entstanden sein kann und wird. Warum sollte es in Palästina anders sein, als in Vindolanda? Unsere Fragestellung muss anders lauten, wie konnte eine so gut bezeugte Tradition der Jesusüberlieferung zu Stande kommen? Die Fragerichtung muss sich ändern, dann gewichten wir die Prozesse der Überlieferungsmöglichkeiten auch richtig.
Paulus schildert uns einen ähnlichen Schüler-Lehrer-Zusammenhang. Der Apostel weist (1. Timotheus 4,11) seinen Schüler Timotheus an: „Dies sollst du verkündigen und lehren.“ Und dann noch deutlicher: „Bis ich komme, sei eifrig im Vorlesen.... unbeirrbar im Mahnen und beharrlich im Lehren.“ (ebd., 4,13) Zum Dritten: „...bemühe dich um eine gute Darbietung der Lehre.“ (ebd., 4,16).

Dieser Zusammenhang kann nur bedeuten, dass Timotheus Lehrmaterial mit sich führt, das er trotz seiner Jugend (ebd., 4,12) der Gemeinde gut vermitteln soll. Dann gibt es nach dem Urteil des Paulus in der Gemeinde noch andere Menschen, die sich nicht an die Jesusüberlieferung halten: „Es gibt Leute, die etwas ganz anderes lehren und sich nicht an die klaren und nützlichen Worte unseres Herrn Jesus Christus halten oder an die christliche Lehre.“ (ebd., 6,3) Paulus setzt also voraus, dass es in den Gemeinden (er spricht verallgemeinernd) eine Sammlung von „nützlichen Worten“ Jesu gibt und eine Zusammenfassung der christlichen Lehre. Denn, wenn ich mich an etwas halten soll, muss ich wissen woran, und bei Leuten, die Lesen und Schreiben können, kann das nur ein Schriftstück sein! Hier lohnte sich eine Nachfrage unter den heute bekannten Tatsachen der Verschriftlichung.

Darüberhinaus gibt es in den Gemeinden Bekenntnisse, denn Timotheus hat offensichtlich ein solches Bekenntnis abgelegt: „Mit unserem Bekenntnis hast du dich ja auch vor vielen Zeugen zu diesem Leben bekannt.“ (ebd., 6,12b) Die Formulierung dieses Satzes legt ein schriftlich fixiertes Bekenntnis der Gemeinde nahe, vielleicht verbirgt sich dahinter ein Aussendungsbekenntnis für Missionare.

Auch die Aufforderung: „Bewahre das, was uns geboten ist...“ (ebd., 6,14b), zeigt noch einmal, dass es in den Gemeinden eine Art „Christlicher Ethik“ aus Jesusworten gegeben hat.

Welche Bedeutung die Schreiber hatten, wird uns aus dem Schluss des Römerbriefs deutlich. Der Mann, der nach dem Diktat des Paulus diesen Brief schrieb, verewigte sich dort selbst: „Ich, Tertius, der Schreiber dieses Briefes, grüße euch im Namen des Herrn.“ (Römer 16,22) Das ist übrigens das einzige Mal, dass sich einer der Schreiber oder Sekretäre des Apostels persönlich mit Namen nennt. Jerome Murphy O’Connor (der anerkannte Fachmann für Paulus, lehrt an der École Biblique in Jerusalem) legte in einer Studie (die mir leider nicht vorliegt) ausführlich dar, dass er dazu bestimmt ausdrücklich ermächtigt worden sei, denn kein professioneller Schreiber hätte sich damals eine solche Freiheit von sich aus herausgenommen. Deshalb habe es sich bei Tertius wohl nicht nur um einen Schreibsklaven, sondern eher um einen Mitarbeiter von Paulus gehandelt.

Halten wir zunächst fest, dass Paulus bei anderen Gelegenheiten eigenhändig dem Schreiben etwas hinzufügte und dabei auf die ganz andere Handschrift hinwies: „Seht, ich schreibe euch jetzt mit eigener Hand; das ist meine Schrift.“ (Galater 6,11) „Den Gruß schreibe ich, Paulus, eigenhändig.“ (1. Korinther 16,21)

In der Antike bestätigt ein eigenhändiger Briefschluss, dass der Verfasser die Endfassung eines Briefes gelesen hat. Es gab viele Gefängnissituationen, in denen Paulus Briefe diktierte oder auch seine Verteidigungsstrategie besprach. Von daher haben wir oft so zuverlässige Prozessberichte. Es gibt übrigens aus der Zeit Jesu Prozessakten, die die Standpunkte beider Prozessgegner ausführlich protokollierten, das Babatha-Archiv! Im Jahre 1961 bescherte uns ein Papyrusfund in einer Höhle in der Wüste Judäa westlich des Toten Meeres eine Steuererklärung der Jüdin Babatha aus dem Jahre 127 n.Chr. in der kaiserlichen Provincia Arabia, außerdem Gerichtsprotokolle von einer Auseinandersetzung über die Vormundschaft ihres Sohnes.
(Ellen Riemer, Das Babatha-Archiv, in: Führer und Bestandskataloge III WLM Stuttgart 1994,94 ff. - Klaus Rosen, Jahrb.f.Antike und Christentum 38,1995,5 ff.).

Ich kann in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Schreibens nur andeuten, um zunächst einmal deutlich zu machen, dass der Prozess der Verschriftlichung der Jesusüberlieferung in die Lebenszeit Jesu zurückgeht. Wer diesen Weg mit mir geht, wird sich an vielen weiteren Entdeckungen dieses Buches freuen und etwas von der Zuverlässigkeit der Überlieferungstradition spüren. Ich möchte aber auch die in den nächsten Kapiteln überzeugen, die noch skeptisch sind. Auch ich habe lange gebraucht, um mich von alten Vorurteilen zu befreien, die mir lieb geworden waren. 150 Jahre Forschungsgeschichte sind ein schwerer Brocken! Ich hoffe aber, dass sich durch dieses Buch Fachleute finden, die sich in Einzeluntersuchungen auf diesen neuen Weg einlassen und noch bessere Argumente finden werden als ich.

 

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