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So steht es im Evangelium

In den paränetischen Aufzeichnungen der DIDACHE, die wohl älter sind, als die uns bekannten Evangelien in der kanonischen Fassung, finden wir den interessanten Satz: „Wenn ihr einander zur Rede stellt, dann bitte im Frieden und nicht im Zorn. So steht es im Evangelium.“ (Didache 15,3a)

Worauf bezieht sich hier das Wort Evangelium, werden da nicht schriftliche Aufzeichnungen vorausgesetzt? Da hier nicht der Plural für Evangelium gebraucht ist, liegt eine Frühdatierung in eine Zeit nahe, in der es nur ein Evangelium gab. In der Tat halte ich die DIDACHE für eine sehr frühe Schrift, etwa um 65 n. Chr. verbreitet.

In der DIDACHE (11,3) gibt es eine Formulierung, die eine schriftliche Fixierung von Jesusworten in einer frühen Fassung nahelegt: „Mit Aposteln und Propheten verfahrt nach den Grundsätzen des Evangeliums, und zwar so....“ Es geht in diesem Zusammenhang um Menschen, die zum Lehren in eine Gemeinde kommen und die Frage, nach welchen Maßstäben kann die Gemeinde beurteilen, ob die Lehre korrekt ist, also „gerechtes Handeln und Erkenntnis des Herrn“ mehrt (Ebd., 11,2)
Was sind die Grundsätze des Evangeliums wert, wenn sie nicht schriftlich vorliegen und als Grundlage des Urteils dienen können?

Im 2. Johannesbrief (datiert auf 50 n. Chr.) beruft sich der Schreiber auf das Liebesgebot Jesu, das in der Überlieferung der Gemeinden einen zentralen Platz gehabt haben muss. Da es immer mit weiteren Ausführungen überliefert wird, ist eine schriftliche Fassung anzunehmen.
Der „Gemeindeälteste“ (Vers 1) formuliert: „Ich wiederhole nur das Gebot, das wir von Anfang an haben, nämlich unsere Verpflichtung zu gegenseitiger Liebe. Liebe heißt, daß wir nach Gottes Geboten leben. Dies ist das Gebot, das ihr von Anfang an gehört habt und nach dem ihr Leben sollt.“ (2. Johannes 5b-6)
Wo haben die Gemeindeglieder das Gebot gehört? Bei der Schriftlesung von Jesustexten im Gottesdienst? Bei der Taufparänese?
Einer der interessantesten nichtkanonischen Briefe ist der Barnabasbrief, der in der Tradition dem Mitarbeiter des Paulus zugeschrieben wurde. In der neueren Forschung wird dieser Barnabas ausgeschlossen, weil das Werk erst nach der Zerstörung Jerusalems geschrieben sei, die Barnabas nicht mehr erlebt habe. Dieses Argument steht aber auf tönernen Füßen. Wesentlicher für die Datierung erscheint mir aber, dass er sich mit judenchristlichen Positionen der Frühzeit auseinander setzt.

Die Schrift galt bis Eusebius als kanonisch, wurde aber dann als „antijüdisch“ aussortiert. Fehlende Zitate aus dem Neuen Testament (Aber Bezüge zu vielleicht älteren Formen des Matthäusevangeliums sind vorhanden!) legen meines Erachtens eine frühe Abfassungszeit nahe. Ich datiere ihn deshalb in die Zeit der Auseinandersetzungen militanter, zelotischer Juden gegen die Christen während der Vorbereitung auf den 1. Jüdischen Krieg. Diese Krise kündigt sich schon im harten Vorgehen gegen Paulus in Jerusalem an. Das führt auch zur Gefangennahme des Apostels. Flavius Josephus zufolge nutzten die Sadduzäer unter dem Hohenpriester Hannas II. das Machtvakuum nach dem Tod des Statthalters Festus bis zum Eintreffen seines Nachfolgers aus, um Jakobus und andere Judenchristen Jerusalems ca. 62 n.Chr. hinzurichten. Danach flohen die meisten Mitglieder der Urgemeinde ins heutige Jordanien und wurden von der judenchristlichen Gemeinde von Pella aufgenommen. Mit Beginn des Aufstandes 68 n.Chr. musste der Rest der Gemeinde fliehen, da er eine Mitwirkung am Aufstand verweigerte.

Barnabas verstand die jüdische Lehre als durch die christliche Lehre abgelöst, aber nicht erfüllt, eine Position, die in dieser extrem schwierigen Zeit im Umfeld Jerusalems vorstellbar ist. Seine Zwei-Wege-Lehre ist ein frühchristlicher Versuch, die Halacha auf die christliche Ethik anzuwenden. Es bestehen theologische und sprachliche Parallelen zum Hebräerbrief, die einen gemeinsamen Autor für beide Briefe vermuten lassen. Wichtig für uns ist besonders, dass der Barnabasbrief den „Sonntag“, den 8. Tag als ersten Tag der „Neuen Schöpfung“, die an Ostern begonnen hat, definiert.

Sein Brief möchte eigentlich „nichtchristliche Juden“ oder „vorchristliche Juden“ mit Argumenten aus dem Alten Testament, der Schrift, von der Sendung Jesu überzeugen. Das Erscheinen Jesu soll die dem Irrtum ausgelieferten Herzen aus der Finsternis befreien und ihnen den Bund Gottes schenken. Die Erlösung aus der Finsternis soll ein „heiliges Volk“ (14,6) schaffen, das sieht er als Auftrag Jesu. Barnabas begründet diesen Auftrag Jesu mit zwei für die christologische Frage wichtigen Jesajazitaten: „‘Ich, Gott, der Herr, habe dich gerufen, um Gemeinschaft zu stiften. Ich will deine Hand ergreifen und dich stark machen. Und ich bestelle dich zum Bund für das Volk Israel und zum Licht für die Heidenvölker. Du sollst die Augen der Blinden öffnen, die Gefesselten aus ihrer Gefangenschaft befreien und die erlösen, die in der Finsternis des Kerkers schmachten.’ (Barnabas zitiert Jesaja 46,6f) Hier wird uns deutlich, woraus wir befreit wurden. Und weiter heißt es dort (Jesaja 49,6f): ‘Ich habe dich bestellt zum Licht für die Heidenvölker, damit du Erlösung wirkest bis zu den Grenzen der Erde. So spricht Gott, der Herr, der dich erlöst’.
Und an einer anderen Stelle (Jesaja 61,1f): ‘Gott, der Herr, hat seinen Heiligen Geist auf mich gelegt. Deswegen hat er mich gesalbt und mir Vollmacht gegeben, den Armen das Evangelium zu verkünden. Er hat mich dazu gesandt, die zu heilen, deren Herzen zerknirscht sind, den Gefangenen ihre Freilassung und den Blinden neues Augenlicht zu verkünden. Ich soll ein Jahr ausrufen, das Gott gefällt, und den Tag der Vergeltung, um die Trauernden zu trösten.’“
(Zitiert nach Berger, Das Neue Testament, S.255 - Barnabasbrief 14,7-9)
Der Barnabasbrief reflektiert auch die Fragen der ersten Judenchristen: Warum folgen die eigenen Volksgenossen nicht den Worten Jesu? Warum war für sie die Predigt des Evangeliums rätselhaft und unverständlich, wo doch alles so klar auf der Hand lag? Er kommt zu dem Schluss: „So ist für uns das ganz leicht zu verstehen, für die nichtchristlichen Juden jedoch, die nicht auf das Wort des Herrn gehört haben, ist es rätselhaft und unverständlich.“
(Barnabasbrief 8,7 - Zitiert nach Berger, ebd., S. 247)

Barnabas überliefert uns also eine theologische Reflexion der Sendung Jesu, die Jesus selbst auch den Jüngern Johannes des Täufers gegeben hat. Aber es findet sich noch ein wichtiger Satz in diesem Brief, der „empfangen“ und „weitergeben“ von Traditionsüberlieferung durch Verschriftlichung formuliert: „Ich möchte mich um euch kümmern, euch etwas von dem Guten weitergeben, das ich selbst empfangen habe, und euch diesen kurzen Brief schreiben.“ (ebd., 1,5b, zit. nach Berger, ebd., S.237.

Wie wichtig den Gemeinden der Austausch von Briefen und auch der Besitz von Briefen aus anderen Gemeinden war, machen zwei Verse deutlich, die heute als 1. Brief des Polykarp an die Philipper (ca. 130 n. Chr.) verstanden werden. Wir können davon ausgehen, dass es diese Sitte auch schon früher gegeben hat, weil die Nachfrage der Neubekehrten nach der Zuverlässigkeit der Überlieferung groß war: „Sowohl ihr als auch Ignatius habt mir geschrieben, wenn jemand nach Syrien gehe, solle er doch euren Brief mitnehmen. Das will ich gern tun, wenn es sich zeitlich ergibt. Wenn ich es nicht selbst tun kann, schicke ich einen Boten in eurem Auftrag nach Syrien. Die Briefe des Ignatius an uns sowie ein paar andere Briefe von ihm an andere Gemeinden schicken wir euch beiliegend, wie ihr verlangt habt. Ihr könnt großen Nutzen daraus ziehen, denn sie behandeln die Themen ‘Glaube’ und ‘Geduld’ sowie den ganzen Bereich der Gestaltung christlichen Gemeindelebens. Bitte, laßt uns wissen, was ihr über Ignatius und seine Begleiter zuverlässig in Erfahrung bringt.“
(1. Brief des Polykarp an die Philipper, 1+2, zit. nach Berger, S. 917)

Die Paulusbriefe und Evangelientexte müssen in der Zeit der domitianischen und neronischen Christenverfolgung in den Gemeinden verbreitet gewesen sein, denn Klemens lebte in dieser Zeit als Bischof von Rom. Er zitiert in Kapitel 46,8 ein Jesuswort, das auch in Matthäus 18,6 überliefert ist mit der Einleitung: „Erinnert euch an die Worte Jesu Christi, unseres Herrn. Denn er hat gesagt...“ Darauf folgt der Vers. Wenn Klemens zu dieser Zeit noch nicht das Matthäusevangelium vorlag, was wahrscheinlich ist, dann muss er eine andere Quelle mit Jesusworten gehabt haben oder eine ältere Fassung des Evangeliums, nach der er zitieren konnte. Das ihm schriftliche Quellen vorlagen, beweist Kapitel 47,1. Dort heißt es: „Nehmt den Brief des seligen Apostels Paulus zur Hand! Was schrieb er euch zuerst, am Anfang seiner Verkündigung?“ (Der Bezug ist hier 1. Korinther 1,10ff)

Im 1. Klemensbrief findet sich ein anderes interessantes Zitat, das den Umgang mit den frühchristlichen Überlieferungen beleuchet: „An dem, was Christus euch an Proviant mit auf den Weg gab, hattet ihr genug. An seinen Worten hieltet ihr fest, tief im Innersten hieltet ihr sie verwahrt, immer stand euch vor Augen, wie er gelitten hat.“
(1. Klemensbrief 2,1b - Zitiert nach Berger, Das Neue Testament, S. 687)

Die Worte Jesu festhalten und im Inneren verwahren spielt auf die wohl gängige Lehrsitte an, sie auswendig zu lernen. Dazu braucht man natürlich Lehrvorlagen, „Proviant“, der wohl reichlich vorhanden war, weil Korinth als reiche und große Gemeinde über genügend Abschriften von Jesusworten und der Jesusgeschichte verfügte, insbesondere auch der Passionsgeschichte. Sie wurde wohl regelmäßig verlesen und so „stand“ den Gemeindegliedern „immer“ „vor  Augen, wie er (Jesus) gelitten hat.“ (Ebd., 2,1)

Das bedeutet aber auch, dass dieser Brief der Gemeinde in Rom vorlag (von dort schreibt Klemens) und als wertvolles Lehrdokument aufgehoben bzw. für Streitfragen herangezogen wurde, denn nichts anderes will ja nun Klemens machen und zeigen, was ihr getan habt ist „nicht mit christlichem Leben vereinbar“.
(Zitiert nach Berger, Das Neue Testament, S.713)

Klemens ist genügend an den Briefen geschult, dass er Römer 12, 6-9, 1. Kor 12, 8-10, 1. Petr. 4, 4-11 und 1. Kor. 13, 1-10 mühelos in Kurzfassung in seinem Brief paraphrasieren kann. Der Umgang mit schriftlicher Überlieferung gehörte zum Alltag der Gemeinden. Man hatte einen eigenen gemeindlichen Bücherschrank in den Hauskirchen und Gottesdiensträumen. Die Briefe des Paulus wurden schon vor dem Überbringen von seinen Schülern kopiert!

In weiteren Kapiteln paraphrasiert Klemens die Charismenlehre bei Paulus (1. Korinther 12,8-10; Römer 12,6-9) und Petrus, dessen Schüler er war (1. Petrus 4,8-11), und bezieht sich auf eine Tradition, die er „Gebote des Messias“ nennt: „Wer in der Verbindung mit Jesus Christus die Kraft zu lieben hat, soll die Gebote des Messias halten.“ Darauf folgt eine Paraphrase von 1. Korinther 13, 1-10.

Die „Gebote des Messias“ ist eine Formulierung, die schon Paulus benutzt und die offensichtlich auf Zusammenstellungen von Jesusworten verweist. Texte, die Jesus selbst geschrieben hat oder die seine Jünger unmittelbar in der Jesuszeit aufgeschrieben haben. Auch im 2. Klemensbrief taucht wieder eine ähnliche Formulierung auf. In diesem Brief spiegelt sich die frühchristliche Predigt  ganz treffend. Dort werden die Christen belehrt, sich nicht nur im Gottesdienst ermahnen zu lassen, sondern sich auch (nach Hause zurückgekehrt) „an die Gebote des Herrn“ zu erinnern. Martin HENGEL meint dazu: „Im Gegensatz zur Evangelienschrift kann das ‘Wort des Herrn’ im Gedächtnis immer vergegenwärtigt werden. Das heißt, seit frühester Zeit wurde im Gottesdienst das ‘Wort des Herrn’ vorgetragen - zunächst in freier Rede, aber später, seit den letzten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts, auch durch die Lesung - und damit an dieses einzigartige Wort je und je wieder erinnert.“
(Martin HENGEL, Evangelium, S.113f)

Leider meint Hengel dann aber, dass das Evangelium in dieser frühchristlichen Predigt keine Rolle gespielt habe, sondern die Jesusüberlieferung nur zur Paränese genutzt worden sei. Diese Unterscheidung halte ich aus den schon vorher dargestellten Gründen für falsch, sie entspringt einer heutigen Differenzierung, die es so im frühen Christentum nicht gab. Einerseits wurde im frühchristlichen Gottesdienst das „Wort des Herrn“ nicht typisch in freier Rede vorgetragen, sondern immer auch verlesen und zweitens spielte das Evangelium von Anfang an die tragende Rolle, wie das die Zusammenfassungen der Missionspredigten in der Apostelgeschichte zeigen. Die „Worte Jesu“ können keineswegs auf die paränetische Unterweisung reduziert werden. Das Evangelium wird sowohl als Worte, Weisungen, Gesetze Jesu verstanden, aber auch als Bericht von seinem Leben und Sterben und als Beschreibung seines Sühnetodes. Das spiegelt sich in vielen Texten aus der Briefliteratur, z.B. im Epheserbrief: „Ihr habt Christus kennengelernt, und das ändert alles: Ihr habt von ihm gehört und seid unterwiesen worden in den Lebensgrundsätzen, die bei Jesus gelten.“ (20,21)
Aber auch Martin Hengel sieht in seinem zitierten Buch in einem anderen Zusammenhang durchaus die Verbindung von Jesusüberlieferung und Christusverkündigung in einem Wort, dem Evangelium: „Meines Erachtens geht die bei Markus erstmalig klar auffallende Verbindung zwischen dem Begriff ‘Evangelium’ und Jesu ‘Dienst’ (Mk 10,45), seiner Verkündigung und Passion, in Form einer Erzählung auf den petrinischen Ursprung seines Werkes zurück“, denn schon Petrus habe mit dem Begriff „Evangelium“ im Sinne von „Heilsbotschaft“ „das messianische Wirken Jesu in Wort und Tat einschließlich seines Sühnetodes und seiner Auferstehung zusammenfassen“ können. (Hengel, Evangelium, S. 260)

Im 2. Klemensbrief, der um 75 n. Chr. entstanden sein wird und dem weder die Paulusbriefe noch die Evangelien in der uns jetzt bekannten Form vorlagen, finden wir Jesusworte aus anderen schriftlichen Traditionen. Es lohnt sich, diese Zitate aus der Lehre Jesu einmal im Zusammenhang zu betrachten: „Wir wollen ihn nicht nur mit Worten den ‘Herrn’ nennen. Denn das kann uns nicht retten. Denn es heißt: Wer zu mir nur ‘Herr, Herr’ sagt, der wird nicht gerettet, sondern wer das Rechte tut.’ (Auch in Matthäus 7,21 überliefert) Deshalb also, liebe Brüder und Schwestern, wollen wir ihn mit unserem Handeln bekennen. Das heißt: Wir sollen einander lieben, wir sollen nicht ehebrechen, einander nicht verleumden. Wir sollen nicht eifersüchtig sein, sondern uns beherrschen, Barmherzigkeit üben und gütig sein. Wir sollen einer das Leid des anderen tragen und nicht geldgierig sein. Mit solchen Werken - und nicht mit dem Gegenteil - bekennen wir ihn. Wir sollen auch vor Menschen nicht mehr Angst haben als vor Gott (ähnlich: Apostelgeschichte 5,29) Ihn sollen wir fürchten. Jesus hat unser Handeln gemeint, als er sagte: ‘Wenn ihr meine Tischgenossen beim Mahl seid, aber meine Gebote nicht haltet, dann werde ich euch hinauswerfen mit den Worten...“ (2. Klemensbrief 4,1-5a - Zitiert nach Berger, Das Neue Testament, S.726) Weitere Jesusworte finden sich in den Kapiteln 5 und 6 des Briefes: 5,1: „den Willen dessen tun, der uns berufen hat“, 5,2ff: „Denn der Herr hat gesagt: ‘Ihr werdet wie Schafe mitten unter den Wölfen sein.’ Darauf hat Petrus ihn gefragt: ‘Und wenn nun die Wölfe die Schafe zerreißen?’ Und Jesus hat ihm geantwortet: ‘Tote Schafe haben von den Wölfen nichts zu befürchten. Deshalb sollt auch ihr euch nicht vor denen fürchten, die euch nur töten, aber euch sonst nichts weiter tun können. Habt vielmehr Angst vor Gott, der nach eurem Tod euch mit Leib und Leben in die Feuerhölle werfen kann.’.... Das aber, was uns Christus verheißen hat, ist groß und wunderbar, es ist die Heimat, das künftige Reich und das ewige Leben.“ (ebd., Berger, Das Neue Testament, S.726)
Teile des Textes sind auch in Matthäus 10,16 überliefert, der Rest ist im Kanon nicht belegt.
In Kapitel 6 findet sich ein Text, der auch in Lukas 16,13 steht: „‘Kein Sklave kann zwei Herren dienen.’ Wenn wir sowohl Gott als auch dem Mammon dienen wollen, ist das schädlich für uns. Denn was hat man davon, wenn einem die ganze Welt (vgl. Markus 8,36) zu Füßen liegt, man aber mit seinem Herzen dafür büßen muß?“ (ebd., S. 727)
In Vers sieben des gleichen Kapitels gibt es wieder einen Zusammenhang mit der Jesustradition, wenn vom „Willen Christi“ und seinen „Geboten“ die Rede ist.

Im 8. Kapitel wird Bezug auf das „Evangelium“ genommen, ohne das ein spezielles Evangelium angeführt wird, ein deutlicher Beleg dafür, dass es Evangelienzusammenfassungen gab, die nicht nach Autoren benannt waren: Denn der Herr sagt im Evangelium: ‘Wenn ihr das Geringe nicht hüten konntet, wer wird euch da das Wichtigere anvertrauen wollen? Denn ich sage euch: Wer im Kleinen zuverlässig ist, der wird es auch im Großen sein.’ (vgl. dazu die Überlieferung in Lukas 16,10-12) Damit meint er: Haltet euren Leib heilig und bewahrt das Siegel der Taufe unverletzt, damit ihr für immer leben könnt.“ (2. Klemensbrief 8,5)
Wir sehen hier, wie der Schreiber des 2. Klemensbriefes deutlich das Jesuswort und seine Auslegung voneinander trennt, damit die Leser unterscheiden können, was Überlieferungstradition und was eigene Auslegung ist.
Eine weitere interessante Stelle findet sich im 9. Kapitel: „Deshalb wollen wir ihn nicht nur mit dem Mund loben, sondern mit dem Herzen, damit er uns als seine Kinder annimmt. Denn der Herr hat gesagt (auch in Markus 3,35 überliefert): ‘Wer den Willen meines Vaters tut, das sind meine Geschwister.“ (Zitiert nach Berger, Das Neue Testament, S. 729)
Einen Bezug zu den Seligpreisungen finden wir in 11,1: „Wenn wir aber mit reinem Herzen Gott dienen, werden wir gerecht gesprochen werden.“

Auch Jesusworte, die wir aus nichtkanonischen Schriften kennen, liegen dem Schreiber vor: „Denn unser Herr selbst hat auf die Frage, wann sein Reich geoffenbart werde, geantwortet: ‘Wenn zwei ein einziges sind, wenn außen dasselbe ist wie innen, wenn es bei...’“ (vgl. Thomasevangelium 22,4-7 und Acta Petri - Kapitel 12,2)
Zum Schluss des Abschnittes dann das Jesuszitat: „‘Wenn ihr euch so verhaltet’, sagt der Herr, ‘wird die Herrschaft meines Vaters offenbar werden.’“ (12,6)
Kapitel 17,3 ermahnt, nicht nur im Gottesdienst „aufmerksam“ zu sein, sondern sich auch zu Hause „an die Gebote des Herrn zu erinnern“.

Beispielhaft wollte ich mit diesem Querschnitt des 2. Klemensbriefes einmal zeigen, dass Jesusworte in Abschriften schon in früher Zeit den Gemeinden zur Verfügung standen. Es können Teile aus den Q-Quellen gewesen sein, ein frühes Markusevangelium oder ähnliche Sammlungen, die von den Missionaren in den Gemeinden für die Lesungen, Predigten und Paränesen verwendet wurden.

In diesen Zitaten sind nicht nur die verschiedenen Dimensionen des Evangeliums zusammengefasst, sondern sie zeigen uns auch wieder, dass die Lehrmethode der Unterweisung immer vom schriftlichen Text (hier wohl von den „Weisungen und Gesetzen Jesu“ und ähnlichen Texten) ausging. Zur mündlichen Evangeliumsverkündigung kam die Arbeit mit den messianischen Weisungen, z. B. dem „Ich aber sage euch“ Jesu.

Nach Clemens von Alexandrien stammen einige Zitate aus dem 12. Kapitel des 2. Klemensbriefes (der ja nicht von diesem berühmten Clemens geschrieben wurde) aus dem apogryphen und verschollenen sogenannten „Ägypterevangelium“. Der Brief muss in jedem Fall entstanden sein, bevor die kanonischen Evangelien allgemein als einzige Evangelien anerkannt waren.
Kurze Zusammenfassungen des „Evangeliums“ finden wir auch bei Ignatius, der sich mit dem Doketismus auseinander setzen musste, also jener Anschauung, die behauptete, Jesus sei nicht wirklich Mensch gewesen. Wenn Jesus nur zum Schein gelitten habe, schreibt Ignatius an die Trallianer, dann „würde ich ja umsonst sterben und hätte nur Lügen über den Herrn erzählt“.
(Ignatius an die Trallianer, zitiert nach Berger, Das Neue Testament, S. 795)

„Denn Jesus Christus ist Davids Sproß, Marias Sohn, wirklich geboren; er hat gegessen und getrunken und wurde wirklich verfolgt unter Pontius Pilatus, wurde wirklich gekreuzigt und starb. Die Mächte im Himmel, auf Erden und unter der Erde haben all dies gesehen. (Vgl. Phil 2,10; Eph 1,21; 1 Petr 3,22) Er wurde wirklich auferweckt aus der Zahl der Toten. Sein Vater hat ihn auferweckt, der in derselben Weise auch uns auferwecken wird, die wir an ihn glauben, eins mit Jesus Christus. Denn das ewige Leben haben wir nur gemeinsam mit ihm.“ (ebd., S. 794f)

Auf ähnliche Weise findet sich ein solches Summarium im Brief des Ignatius an die Gemeinde in Smyrna: „Da sich Jesus Christus töten ließ an eurer Statt, ist seine Liebe euer fester Grund. Vertraut ganz auf ihn, unseren Herrn, wahrhaft Mensch aus Davids Stamm, Gottes Sohn nach Gottes Willen und Kraft, wirklich von einer Jungfrau geboren, von Johannes getauft, damit er das Maß der Gerechtigkeit ganz erfülle, wirklich und leibhaftig ans Kreuz genagelt an unserer Statt unter Pontius Pilatus und Fürst Herodes. Die Frucht dieses Leidens, für das man Gott preisen kann, ist Erlösung, durch die wir Christen sind. Er hat gelitten, um mit seiner Auferstehung für alle Zeit ein weithin sichtbares Zeichen zu setzen, damit alle an ihn glauben und seine Heiligen werden konnten, Juden und Heiden, vereint in dem einen Leib, der Kirche.“
(Brief des Ignatius an die Gemeinde in Smyrna, 1,1b-2. Zitiert nach: Berger, Das Neue Testament..., S. 806)

Dies sind nur Ausschnitte vieler Belege die ich in neutestamentlichen und außerkanonischen Schriften gefunden habe. Ich wollte mit ihnen zeigen, dass schriftliche Formen der Evangelien und ihrer Vorläufer für die Gemeinden von großer Wichtigkeit waren. Eine Verschiebung der Verschriftlichung auf Jahre nach der Tempelzerstörung wird dem breiten Befund nicht gerecht. Dieser Diskussionsansatz zwingt die betreffenden Historiker dann auch, viele der frühchristlichen Schriften sehr spät anzusetzen, ohne eigentliche Beweise zu haben. Ich kann nur hoffen, dass sich junge Wissenschaftler einmal diese Belege unter dem neuen Blickwinkel ansehen und im Einzelnen untersuchen. Das dürfte erstaunliche Ergebnisse zu Tage bringen!

Auch wenn für „Laien“ vielleicht dieser Abschnitt von der Sache her etwas trockener war, freue ich mich, dass Sie noch dabei sind. Auch im folgenden Abschnitt geht es um einen Punkt, der mir im Hinblick auf die Zuverlässigkeit des Neuen Testaments wichtig ist. Überlesen Sie den Punkt notfalls, denn hier geht es um eine notwendige Fachauseinandersetzung. Lesen Sie aber unbedingt das Schlusskapitel, in ihm geht es mir um die Zukunft der Kirche. Das ist mir im Hinblick auf unsere heutige Situation in den Volkskirchen und auch den meisten Freikirchen Deutschlands sehr wichtig.

copyright Christian Trebing

Abdruck nur mit schriftlicher Genehmigung

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