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Umdenken

 

 

Angestoßen durch viele Reisen in die Länder der Bibel und der frühen Kirche in den letzten zwanzig Jahren bin ich auf die Frage gestoßen, ob die Verschriftlichung des Neuen Testaments (insbesondere der Evangelien) nicht viel früher eingesetzt hat, als bisher angenommen. Die konventionelle Datierung kommt in folgendem Zitat von SCHLOSSER zum Ausdruck: „Etwa vierzig bis fünfzig Jahre nach dem Tod Jesu verfügten die Gemeinden also über Schriften, die von den Worten und Taten des Herrn berichten. In dieser Form sollten sich auch die Evangelien ausbreiten.“
(Schlosser, Die Überlieferung, in: Welt und Umwelt der Bibel, Nr. 10, 1998, S.40)

Wie sich eine solche haarsträubende Anschauung, dass zwischen dem Tod Jesu und der Aufzeichnung seiner Worte und Taten 40-50 Jahre vergangen sein sollen, so lange halten konnte, ist für mich nicht mehr nachvollziehbar. Schon ihre Entstehung als Rückschluss aus dem rabbinischen Schreibverbot am Ende des ersten Jahrhunderts ist ein Witz. Seit den Funden von Qumran hätte man diese These eigentlich revidieren müssen. Darauf werde ich später noch zurückkommen. Aber immerhin schränkt Jacques SCHLOSSER in seinem Artikel dann doch ein: „Andererseits hat die Verschriftlichung wahrscheinlich nicht erst mit dem Zusammenstellen der Quelle Q und der Redaktion des Markusevangeliums begonnen. Doch für diese frühe Periode haben wir keine direkten Belege und sind auf das indirekte Licht angewiesen, das aus den Texten selbst scheint.“ (ebd.)
Dieses Licht scheint aber sehr hell und brachte mich zu einem Neuansatz in der Frage der Evangelienüberlieferung. So schälte sich aus der Beschäftigung mit den kanonischen und nichtkanonischen Schriften des Neuen Testaments langsam bei mir eine Ahnung heraus, dass ich für die Überlieferung der Evangelien umdenken müsse. Stärker wurde dieses Gefühl, als ich auf die Forschungen zu den Holztafeln von Vindolanda (einem römischen Kastell am Hadrianwall in Nordengland) stieß. Hier tauchte ein schriftlicher Alltagsgebrauch auf Holztafeln auf, der für das ganze Römische Reich galt. Mit diesen Funden und ihren Konsequenzen für die biblischen Überlieferungen haben sich bisher nur wenige auseinander gesetzt. Sie sind viel dramatischer, als sie auf den ersten Blick erscheinen!

Ich begriff langsam, dass es anders gewesen ist, als ich es als Theologiestudent  gelernt hatte. Jesus lebte in einer Welt der schriftlichen Traditionen, in einer frühen Form der Bücherwelt. Mir wurde immer klarer, dass ich die Hinweise auf die schriftlichen Traditionen und Traditionsbildungen während und kurz nach dem Leben Jesu einfach überlesen hatte! Zunächst dachte ich, es hätte sich noch niemand mit diesem Thema wirklich beschäftigt. Doch durch den Hinweis meines Studienfreundes Rainer RIESNER, der selbst durch seine Doktorarbeit viel für die Kenntnis der Überlieferungsgeschichte der Jesusworte getan hat, stieß ich auf das (inzwischen vergriffene) Buch von Allan R. MILLARD „Pergament und Papyrus, Tafeln und Ton, Lesen und Schreiben zur Zeit Jesu“. Durch das Buch von MILLARD fand ich viele meiner bisherigen Erkenntnisse bestätigt. Auch er stellte sich (wie ich) die Frage: „Könnten diejenigen, die Jesus predigen hörten, das Gehörte niedergeschrieben haben?“

MILLARD kann in seiner Untersuchung den „weitreichenden Gebrauch der Schrift im herodianischen Palästina“ nachweisen. Daraus zieht er wie ich den Schluss, „dass niemand aus fachlichen Gründen der These widersprechen kann, dass in einem Umfeld, in dem das Anfertigen von Notizen nichts Außergewöhnliches war, manche der Anhänger Jesu seine Worte mitgeschrieben haben können.“ (ebd., S. 217)

Es gab auch keine ideologischen Hindernisse für die Zusammenstellung von Berichten über das Leben Jesu, „wie es in orthodoxen jüdischen Kreisen gewesen wäre.“ (ebd., S. 219)

Lehre und Verkündigung Jesu waren offensichtlich anders, als die der Schriftgelehrten, er lehrte mit „exousia“, ein Prädikat, das sonst nur für Gottes Vollmacht reserviert war. Die Überlieferung, dass Jesus mit göttlicher „exousia“ redete und handelte, war viel wichtiger als alle Messiasprädikate. Denn diese Begriffe müssen sich bei Jesus gegenseitig erklären, weil sie alttestamentliche Vorstellungen in ein neues Licht rücken. Das hatte ich schon in der Studentenzeit bei meinem alten Lehrer Prof. Hartmut GÜNTHER begriffen, dessen Liebe zur Bibel und die Hingabe an ihre Erforschung für die Verkündigung der Kirche mich nachhaltig beeindruckten.

Jesus war nicht einfach ein Lehrer nach rabbinischem Muster, der nur seine Schüler um sich versammelte. Er lehrte nicht einen kleinen, exklusiven Kreis, sondern er sprach „zum Volk“, so dass es nach Markus 1,22 sogar heißen kann: „Und alles Volk hörte ihn gern.“ Seine Anhänger strömten von überall zusammen und nahmen oft weite Wege in Kauf, um ihn zu hören und sich heilen zu lassen. Sein ganzes Verhalten transzendiert das die Tora auslegende Vorgehen der Schriftgelehrten. Die Schriftgelehrten versuchten die Tora auf die aktuelle Situation hin auszulegen, doch Jesus versteht sich als die „Erfüllung“ der Tora und der Propheten. Sein Auftreten impliziert sein Werk als göttliches Handeln, als Zeichen des kommenden Gottesreiches. Er will nicht einfach „auslegen“, was zu den Vätern gesagt ist, er nimmt für sich in Anspruch, selbst an Gottes Stelle zu handeln. Diese „messianische Provokation“ des jüdischen Establishments führt am Ende zu seinem Tod am Kreuz. Deshalb frage ich auch mit MILLARD: „Wenn die Lehre Jesu auf einer anderen Ebene stand als die übliche Praxis der Rabbinen, können dann nicht auch die Mittel, die seine Nachfolger benutzten, um sie zu bewahren und zu verbreiten, einem anderen Weg folgen?...Könnten einige, die ihn reden gehört haben und die gesehen hatten, wie er den Schwachen half, seine Worte aufgeschrieben und Notizen über das Gesehene angefertigt haben?“ (ebd., S.230)

Die weite Verbreitung der Schreibkunst im römischen, hellenistischen und syrischen Raum legt es nahe, dass davon auch Gebrauch gemacht wurde. Die starke Betonung der mündlichen Tradition (insbesondere in der deutschen Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts) halte ich für eine falsche Einschätzung der Situation. Es gab im jesuanischen Umfeld eine alte Schreibtradition und eine große Vielfalt schriftlicher Zeugnisse. So nimmt S. TALMON an, dass für die Damaskusschrift (über deren genaue Entstehungszeit wir nichts wissen) gelten kann, dass sie gleichzeitig oder kurz nach ihrer mündlichen Verkündigung niedergeschrieben wurde. „Ferner schrieb er im Hinblick auf die große Aufmerksamkeit, die man den Handschriften in Qumran schenkte: ‘und angesichts der einzigartigen Stellung des Lehrers in der Gemeinschaft und des enormen Gewichts, das die Mitglieder seiner Botschaft beimaßen, kann man wohl annehmen, dass seine Aussagen zu seinen Lebzeiten gesammelt und niedergeschrieben wurden.’“ (ebd., S. 231)

Jesu Wirksamkeit wurde von vielen Menschen begleitet, die lesen und schreiben konnten, bzw. für die Lesen und Schreiben zum Alltag gehörten. Auf diesem Hintergrund müssen wir feststellen, dass manche aus diesen Personengruppen „Notizbücher aufschlugen, die sie - vielleicht am Gürtel befestigt - für ihre tägliche Arbeit bei sich trugen, und dass sie einige der markanten Aussprüche, die sie gehört hatten, aufschrieben, während es ihnen noch im Gedächtnis war.“ (ebd. S. 232)

So möchte ich in diesem Buch aufzeigen, dass es schriftliche Notizen von Aussprüchen Jesu, von Gleichnis- und Wundergeschichten, Lehrworten etc. gab, die später den Evangelisten auch als Quellenmaterial dienten. Schon zur Lebenszeit Jesu muss es schriftliche Aufzeichnungen seiner Worte gegeben haben. Anders wären die sehr originären Worte, seine sehr spezielle Gleichnisverkündigung nicht so sorgfältig tradiert worden.

Vor allem die Missionare der frühen Gemeinden wären ohne schriftliche Aufzeichnungen niemals losgezogen. Sie waren meist keine ausgebildeten Redner und brauchten Notizen. Da hilft auch der Hinweis auf den Heiligen Geist nur bedingt weiter. Er soll helfen zu „Erinnern“ und zur „Einsicht“ führen, er ist auf jeden Fall kein Gegensatz zu einer guten Predigtvorbereitung (damals wie heute!).
Es gab einfach mehr zu erzählen, als das „Dass des Gekommenseins Jesu“ (!), erst die Geschichten um Jesus machten seine Geschichte bei den Zuhörern lebendig!

Es waren zahlreiche verstreute Notizen und Berichte im Umlauf, von Einzelnen und Gemeinden gesammelt und oft waren die gleichen Ereignisse von unterschiedlichen Personen notiert worden. Schon im Bericht konnte eine Wertung oder Akzentuierung enthalten sein. Dazu braucht es keinen „Sitz im Leben“ einer fiktiven Gemeinde, schon der Standpunkt des Betrachters enthält eine Wertung oder Gewichtung, die aber nicht einfach falsch sein muss, sondern verdeutlicht, wie die Evangeliumsverkündigung bei ihm „angekommen“ ist. Auch Geschichte kann immer nur subjektiv erfahren werden, alles andere ist Reflexion über Geschichte. Beides ist aber wichtig für unsere heutige Erkenntnis.

Als die Gemeinden sich ausbreiteten und vergrößerten, wurde der Bedarf an schriftlicher Überlieferung für Gottesdienst und Unterricht gewaltig. Das ist nur auf dem Hintergrund des Synagogengottesdienstes zu verstehen, aus dem die christlichen Feiern ja entstanden sind. Der Bedarf an Schriften für eine normale Synagoge war nämlich enorm, warum soll es in einer christlichen Gemeinde anders gewesen sein? Wir können davon ausgehen, dass der christliche Gottesdienst (besonders in den judenchristlichen Anfängen) sich ganz ähnlich vollzog wie in der Synagoge. In jeder christlichen Gemeinde gab es die wichtigsten Bücher der „Schrift“ auf Pergament (Kodices z.B. mit der Septuaginta) oder seltener Papyrus (Rollen), das war eine Kostenfrage. Sie mussten für die Lesungen, zur Auslegung und Begründung des Evangeliums, zur Unterweisung und in der Liturgie für den Gesang vorhanden sein. Dazu werden sich Aufzeichnungen aus dem Leben Jesu gesellt haben, die kopiert worden waren, um die Worte und Gebote des Messias zu bewahren. Das „Erinnern“ des Heiligen Geistes kann ja wohl nicht bedeuten: „Dann erinnert euch mal daran!“, sondern es meint: bewahrt, was ich euch gesagt habe.

Es gab noch eine weitere und sehr bedeutende Überlieferungstradition, die leider bei vielen in Vergessenheit geriet. PAPIAS, der etwa 70 n. Chr. geboren wurde, schrieb fünf Bücher mit dem Titel „Erklärung von Herrenworten“. Er kannte noch Augenzeugen Jesu und befragte sie, um die historisch richtigen Texte zu sammeln. Seine Bücher sind nur noch durch indirekte Zitate u.a. bei Eusebius vorhanden. Eusebius schreibt:
„Nachdem wir die wißbegierigen Leser darauf hingewiesen haben, müssen wir jetzt seinen zuvor zitierten Äußerungen die Überlieferung hinzufügen, die er über Markus, der das Evangelium geschrieben hat, folgendermaßen aufgezeichnet hat:
,Auch dies sagte der Presbyter: Markus, der ‘Hermeneutes’ des Petrus, hat alles, dessen er sich erinnerte, genau aufgeschrieben, freilich nicht der (richtigen) Reihe nach - das, was vom Herrn sei es gesagt, sei es getan worden war; er hatte nämlich weder den Herrn gehört noch war er ihm nachgefolgt. Später aber, wie gesagt, (folgte er) dem Petrus, der seine Lehrvorträge den Bedürfnissen entsprechend gestaltete, jedoch nicht, um eine zusammenhängende Darstellung der Herrenworte zu geben, so daß Markus nicht falsch handelte, als er einiges so aufschrieb, wie er sich erinnerte. Denn für eines trug er Sorge, nichts von dem, was er gehört hatte, auszulassen oder darunter etwas Unwahres zu berichten.’"
(Eusebius H.E. III, 14+15)

Diese Überlieferungslinie Petrus - Markus wurde früher meist nicht weiter verfolgt, weil PAPIAS als Vertreter des CHILIASMUS (Tausendjähriges Reich Jesu auf Erden) und durch ein negatives Zeugnis eben des EUSEBIUS als unseriöser Theologe gewertet wurde. Aber hier haben wir schriftliche Ursprünge des Evangeliums vor uns, auf die ich später noch eingehen werde.

Die Quintessenz seines Buches fasst MILLARD so zusammen: „Die weite Verbreitung der Schreibkunst im herodianischen Palästina und ihr Gebrauch in allen Angelegenheiten des täglichen Lebens deutet darauf hin, dass der Rolle, die sie bei der Bewahrung von Informationen über Jesus von Nazareth von seinen Lebzeiten an und bei der Bildung der Evangelientradition spielte, ein weit größeres Gewicht zugestanden werden sollte als bisher üblich.“ (ebd., S. 238)

Leider ist die Arbeit MILLARDS völlig in der Versenkung verschwunden, ohne recht beachtet zu werden. Sie ist insgesamt m. E. zu schwerfällig in der Diktion und ordnet viele Einzelergebnisse in großer Vielfalt auf, so dass der weniger theologisch Gebildete an dieser „Masse“ von Einzelheiten „erstickt“. Die neuere Theologie mag diese Ergebnisse sowieso nicht und überging sie einfach weitgehend. Im Hinblick auf Predigt und Seelsorge in den Gemeinden ist es schade, das MILLARDS Forschungen nicht aufgenommen wurden. Deshalb möchte ich mit diesem Buch auch mutiger vorangehen und eine stärkere Auseinandersetzung mit großen Teilen der gegenwärtigen Theologie provozieren.
Ich sehe dazu in den letzten Jahren bei vielen Forschern ein „Umdenken“, einen Versuch, die Ketten der formgeschichtlichen Schule hinter sich zu lassen und sich neu auf den Weg zur Entdeckung der Jesusüberlieferung zu machen. Einer von ihnen war der jüngst verstorbene Martin HENGEL, dessen Forschungen ich sehr schätze. Er schrieb selbstkritisch zu seinem Beruf als Exeget:
„An sich stehe ich dieser noch jungen theologischen Disziplin, die meine eigene ist, relativ (selbst-)kritisch gegenüber. Die (Hyper-) Spezialisierung auf eine Schriftensammlung von 680 Seiten ist uns nicht gut bekommen, vielmehr hat man Hypothesenlabyrinthe errichtet, aus denen wir oft nur noch schwer herausfinden.“
(Martin Hengel, Evangelium, S.11, Anm. 29)

Im Hinblick auf die synoptische Forschung wird er für einen etablierten Universitätstheologen noch deutlicher. Martin Hengel sieht ein „eklatantes Mißverhältnis“ (ebd., S.293) zwischen dem wissenschaftlichen Aufwand und dem Ertrag in der „kritischen synoptischen Quellensuche“. Die Vielzahl der Lösungsversuche sei unübersehbar. Das führt ihn zur Erkenntnis: „Wir Neutestamentler haben uns in 200 Jahren an der ‘synoptischen Frage’ fast ‘die Zähne ausgebissen’“. Der tragfähige Konsens sei immer noch sehr eingeschränkt: „Man weiß nicht, was man oft mehr bewundern soll: den selbstlosen Fleiß der Gelehrten oder das ungebrochene Selbstvertrauen, mit dem sie ihre Thesen vortragen. Müßten wir darum nicht gerade in der Synoptikerforschung wesentlich bescheidener werden?“ (ebd., S.293f) Und weiter schreibt er: „Die Literarkritik, das Lieblingsspielzeug der neutestamentlichen Disziplin, hat ihren Kredit schon längst überzogen. Hier täte mehr selbstkritische Enthaltsamkeit Not.“ (ebd., S. 294) Soviel vom jüngst verstorbenen Altmeister der neutestamentlichen Theologie, der sich nicht von Schulmeinungen verunsichern ließ, sondern, mit einem unglaublichen Fachwissen ausgestattet, bewusst einen eigenen Weg ging.
In der neueren Forschung sorgte der Heidelberger Neutestamentler Gerhard Theissen mit seinen soziologischen Betrachtungsweisen Jesu und der frühen Kirche für neue Interpretationsmuster. Seine Deutungen helfen aber nicht wirklich weiter, sie machen die gleichen Fehler wie die Formgeschichtliche Schule, nun allerdings in einem noch weiter säkularisierten Rahmen. Außerdem berücksichtigt er nicht die wirkliche Quellenlage, sondern hat sich in seine Theorie vom „Charisma“ der „Wanderradikalen“ festgebissen. In diesem Buch habe ich nicht den Platz mich im Einzelnen damit auseinander zu setzen. Für meine Fragestellung bringt sein Ansatz keine wesentlichen Erkenntnisse. (Vgl. Theißen/Merz, „Der historische Jesus“)

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