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Und Jesus schrieb doch


Eines der größten Märchen der modernen Erforschung des Neuen Testaments ist die Behauptung, die Evangelien seien erst entstanden, als durch die Zerstörung von Jerusalem und den Tod von Paulus und Petrus es nötig war, wichtige Überlieferungen von Jesus zu bewahren. Dieses Vorurteil, das Theologengenerationen ohne Nachprüfung nachbeteten, kann als erledigt gelten. Angesichts der Fülle der Funde kann es ad acta gelegt werden. Damit fallen aber auch viele andere Thesen wie Kartenhäuser zusammen.

Es war meines Erachtens schon von Anfang an wichtig, die Worte Jesu festzuhalten. Ich meine sogar, es war Jesus selbst wichtig, seine Worte aufzuzeichnen, um sie seinen Schülern zu vermitteln. Jesus hatte offensichtlich ein breit angelegtes Wissen des Alten Testaments und verschiedener spätjüdischer Schriften. Er kannte die Tora und die Propheten wie ein Schriftgelehrter. Er konnte selbst in der hebräischen Variante die „Schrift“ vorlesen, das zeigen die Berichte seiner Synagogenauftritte. Jesus wurde als „Rabbi“ angesprochen und sogar von seinen Gegnern akzeptiert, auch wenn er sich selbst so nicht tituliert haben wollte. Man könnte ihn durchaus als „schriftgelehrten Propheten“ oder „messianischen Weisheitslehrer“ (HENGEL) bezeichnen. Wo er gelernt hat, wissen wir nicht, aber es ist kaum anzunehmen, dass er sein ganzes Leben in Nazareth als Zimmermann verbracht hat. Wir haben in den Paulusbriefen davon Kenntnis, dass jeder Rabbi zunächst einen Handwerksberuf lernte, um sich selbst auch versorgen zu können. Paulus war Zeltmacher und übte den Beruf auch auf seinen Reisen immer wieder aus, um unabhängig vom Geld der Gemeinden zu sein.

Nach all dem, was wir durch die verschiedenen Überlieferungen von Jesus wissen, muss er ein gebildeter Mensch gewesen sein, der von seiner Sendung als Berufener Gottes überzeugt war. Es ist völlig irrational, davon auszugehen, dass ein solch gebildeter und dazu noch „lehrender“ Mensch, niemals eine Zeile aufgeschrieben habe. Und dennoch ist diese Anschauung Grundlage der Theologie seit Jahrzehnten! Und wenn ich hier das Gegenteil darlege, werden viele meiner Kollegen aus Kirche und Universität darüber lachen und mich zum Außenseiter stempeln. Aber ich hoffe auf alle anderen, die sich unter den aufgezeigten Rahmenbedingungen mit den Texten des Neuen Testaments auseinander setzen und der Gemeinde wohlbegründete Forschungsergebnisse vorlegen. 

Wenn ich in die Forschungsgeschichte zurückschaue, muss ich feststellen, wir Theologen haben Jesus in einem romantischen Akt zu einem Wanderprediger abgestempelt, der quasi gegen das religiöse Establishment über Land zog. Wir haben ihn damit auf disqualifizierende Art erniedrigt. Dabei haben wir vergessen, dass er ein Theologe von beachtlicher Qualität war, wenn wir ihn einmal von seiner „menschlichen“ Seite betrachten. Wir haben ihn sogar als Wunderheiler und Geschichtenerzähler in einen Gegensatz zum „rabbinischen Theologen“ Paulus gesetzt. Doch Jesus war zutiefst Ausleger alttestamentlicher Traditionen und verstand sich als deren Erfüllung. Seine Verweise und Auslegungen des Alten Testaments im Bezug auf die eigene Person alle als Werk der Gemeinde zu beschreiben (welcher „Gemeinde“ eigentlich?), halte ich für sehr bedenklich und wissenschaftlich nicht nachvollziehbar.

Noch einmal, dass ein solcher Lehrer seines Volkes seine wesentlichen Texte nicht auch aufgeschrieben hat, wäre einmalig. Ob sie  durch Abschriften in unsere Evangelien eingegangen sind, können wir zwar nicht eindeutig sagen, aber es ist stark zu vermuten. Woher kommt die so geschliffene Sprache in den Jesuslogien? Dass ein Fälscher sich wenige Jahre nach dem Tod Jesu hinsetzte und Jesusworte für die Gemeinden produzierte (wie es auch schon vertreten wurde) ist doch geradezu hanebüchen. Da spiegelt sich nur moderner Enthüllungsjournalismus. Außerdem sollten wir nicht länger davon ausgehen, dass die Schüler Jesu Analphabeten waren, die alleine durch wiederholendes Auswendiglernen „gebildet“ wurden. Sicher konnten mehr als die Hälfte der Jünger lesen und schreiben. Ich halte deshalb auch die Vermutung, dass diese Jünger Jesu oder auch die Frauen aus vermögenden Familien, die Jesus gefolgt sind, nicht zu Lebzeiten Jesu seine Worte und Gleichniserzählungen aufgeschrieben hätten, für unmöglich. Was Jesus geredet und getan hat, war ihnen wichtig und wichtige Informationen werden von jedem aufgeschrieben, der schreiben kann und das Handwerkszeug besitzt. Wenn Legionäre im entfernten Britannien in einem Heerlager am Hadrianwall, in Vindolanum, ihre Alltagsprobleme mit Tinte auf Buchenholztäfelchen schrieben, warum sollten die Schüler eines Lehrers in Palästina nicht Ähnliches getan haben?

Aufgrund dieser Entdeckungen über den Alltagsgebrauch von Schrifttäfelchen im Römischen Reich, müssen wir festhalten, dass die Verschriftlichung des Evangeliums mit großer Wahrscheinlichkeit schon zu Lebzeiten Jesu eingesetzt hat. Alles andere wäre mehr als ungewöhnlich. Wenn es aber schon zu Lebzeiten Jesu Aufzeichnungen seiner Worte und Taten gab, dann muss der Traditionsprozess der Entstehung der Evangelien neu gedacht werden.

Von Jesus haben wir nur zweimal den direkten Hinweis, dass er etwas schrieb (Johannes 8, 6b und 8,8), daraus aber zu schließen, dass er sich (wie die späteren Rabbinen) an eine Art „Schreibverbot“ hielt, halte ich für abwegig. Dem widersprechen auch die Gepflogenheiten der damaligen Zeit und insbesondere die Schreibkultur der Essener, deren soziologische Struktur sicher näher an der Jesusgruppe war, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Vergessen wir nicht, auch die Sadduzäer ließen nur schriftliche Zeugnisse gelten.
Die heute noch wirksamen theologischen Positionen zur Jesusüberlieferung wurden alle vor der Entdeckung der Qumranrollen und der Holztäfelchen von Vindolanda formuliert. Sie werden weitertradiert, als wenn es diese Funde und damit die Widerlegung der Grundthese der formgeschichtlichen Schule nie gegeben hätte: Zur Zeit Jesu war es möglich, Auslegungen der Tora schriftlich festzuhalten, das rabbinische Verbot der siebziger Jahre war nicht wirksam. Somit gibt es keinen Grund mehr anzunehmen, dass der Abfassung der Evangelien vierzig Jahre mündlicher Tradition vorausgegangen seien.

Die Forschungsgeschichte der letzten 150 Jahre hat gezeigt, dass die Frage nach der Echtheit der Jesusworte keine Entscheidung hervorbringen kann. Alle vorgelegten Entwürfe kranken an Zirkelschlüssen, mangelnder Vorurteilsfreiheit gegenüber den Texten usw. Eine solche Frage gegenüber vielen klassischen Autoren zu stellen, die uns erst durch mittelalterliche Handschriften zugänglich sind, erübrigt sich ebenfalls. Schon von daher zeigt sich, dass es müßig ist, diesen Weg zu beschreiten. Die Frage nach der Echtheit muss unter den neuen Forschungsgesichtspunkten sehr vorsichtig angegangen werden.

Für das Neue Testament ist die Frage so auch falsch gestellt. Wir sind als heutige Forscher nicht das Gremium, das darüber zu befinden hat, was „jesuanisch“ ist und was nicht. Die Theologen der frühen Kirche haben nach bestem Wissen der damaligen Zeit festgelegt, was vertrauenswürdige Überlieferung ist und was nicht. Dabei sind sie eher radikal vorgegangen, um die bereits existierenden theologischen Abwege zu vermeiden. Sie hatten auch keine Scheu zu akzeptieren, dass es vier Berichte über das Leben Jesu gab und sich nicht alles „harmonisieren“ ließ. Denn hinter augenscheinlicher Verschiedenheit in der Begrifflichkeit und der Akzentuierung fanden sie die zentralen gemeinsamen Punkte. Die Stellung zu Jesus entscheidet sich nicht an der Frage der Echtheit eines einzelnen Wortes, sondern daran, ob ich an ihn als Messias (Christus) und Gottessohn glaube und begreife, der mich erlöst und mir neues Leben schenkt.  Jetzt und in der Stunde meines Todes. Wer das Neue Testament vorurteilsfrei liest und erforscht, wird diesen „Weg“ finden, weil ihn der Heilige Geist in diese Wahrheit leitet. Das bedeutet nicht, dass wir die theologischen Kräfte, die in den neutestamentlichen Zeugnissen zu Wort kommen, nicht sichten und erforschen sollten. Im Gegenteil - aber wir sollten bescheidener werden mit unseren Versuchen, hier im Einzelnen eine historische Wahrheit herauszufiltern, die ja dann doch nur das ergibt, was unser Forscherstand zulässt. Naturgemäß fällt das allen Forschern schwer, die, um mit Klaus Berger zu sprechen, „jahrzehntelang“ sich die „Mühe des Sortierens und Unterscheidens“ (Berger, Johannes, S. 37) gemacht haben. Keines der Kriterien für die Echtheitsfrage hat sich mit all der Methodenvielfalt als tragfähig erwiesen. Die Grundfragen der Überlieferung und Verschriftlichung des Lebens Jesu wurden immer wieder unter den Prämissen Gemeindebildung, Parusieverzögerung und Differenz zum Judentum diskutiert. Die historische Frage darf aber nicht auf die Echtheitsfrage reduziert werden, das verengt völlig den Blick für die Erforschung der Evangelien. Auch wenn wir die Frage nach der Echtheit eines Jesuswortes nicht für die entscheidende Frage halten, bedeutet das nicht, sich keine Gedanken zu machen, ob Jesus dieses oder jenes Wort gesagt hat. Das gilt besonders auch für die uns inzwischen zahlreich vorliegenden apogryphen und andere frühchristliche Quellen.

Wenn Jesus, wie jeder gebildete Mensch seiner Zeit, seine Gedanken und Lehrtexte aufgeschrieben hat, dann werden wir die Überlieferung seiner vorösterlichen Verkündigung neu werten müssen. Vor allen Dingen werden wir neu erforschen müssen, wie sich diese Überlieferung vollzogen hat. Vielleicht werden wir sie einmal in Abschriften in den christlichen Rückzugsquartieren der Urgemeinde im heutigen Jordanien finden, wie damals die Rollen von Qumran.
Der „unverwechselbare Charakter“ seiner „meisterhaften Sprache“ (HENGEL, Evangelium, S. 353) tritt uns bei den Synoptikern vielleicht auch deshalb noch überdeutlich hervor, weil dahinter schriftliche Überlieferungen aus der Lebenszeit Jesu stehen.

Sicher, wir können heute nur Rückschlüsse treffen, da uns weder Rollen noch Notiztäfelchen erhalten geblieben sind, aber wir müssen für ein sachgerechtes Urteil der neutestamentlichen Überlieferung stark mit dieser Möglichkeit rechnen. Das verändert unseren Blick für die Jesusgeschichte, er kommt heraus aus der Ecke von spätfixierten „Gemeindebildungen“, die in freier Auswahl über die Jesusworte hergefallen sind und sie nach eigenem Belieben ausgelegt haben. Denken Sie einfach darüber nach, wenn das Naheliegende, dass Jesus schrieb, auch wahr sein könnte. Versetzen Sie sich in einen gebildeten Menschen aus dem Jahre 30 n. Chr., der eine lebenswichtige Botschaft weitergeben will. Was würden Sie tun?

Habe ich richtig gehört? Sie würden diese Botschaft mit all Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln an die Frau bzw. an den Mann bringen! Welche Möglichkeiten hätten Sie damals gehabt?

Sehen wir uns einmal einige Beispiele aus dem Leben Jesu an.

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