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Von der Verschriftlichung des Lebens



Durch die zahlreichen Schrifttafelfunde in Mari, Ebla, Ugarit, Ur, Hattuscha, Amarna etc. wissen wir inzwischen, dass es überall im mesopotamischen, ägyptischen, syro-palästinischen, kretischen und kleinasiatischen Raum viele Formen literarischer Tradition gab. Dass ein Händler in Ugarit etwa im Jahr 1220 v. Chr. viele Schrifttafeln mit allen Formen der damals bekannten Literatur besaß, war sicher kein Einzelfall. Wir haben es aber schon seit der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends mit einer breit angelegten Schriftkultur im Bereich von Tempel, Handel und Administration zu tun. Seit damals begann man historische Berichte und politische Propaganda innerhalb von Epen, Mythen, Hymnen und Weisheitsliteratur aufzuzeichnen. Die Geschichten wurden zuvor mündlich weitergegeben und dann zu im weitesten Sinne literarischen Texten verschriftlicht. „In Uruk existierte eine Schreiberschule, die mit großer Hingabe die Erzählungen der legendären Helden sammelte, diese Großtaten dann den heroischen Fürsten der I. Dynastie von Uruk, Enmerka, Lugalbanda und Gilgamesch zuschrieb und sie zu einem Gesamtwerk zusammenfasste (...). Neun dieser in sumerischer Sprache geschriebenen epischen Dichtungen aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. sind ingesamt überliefert, einige davon vollständig erhalten... Gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. begannen Schreiber, die zu diesem Zeitpunkt bekannte sumerische Literatur in Katalogen zu erfassen.“
(Saggs, Babylon, S.90f)

Die Keilschrift war ein schwieriges Schreibsystem, die Schreiber brauchten viel Übung und mussten deshalb lange geschult werden. Mit dem wachsenden Reichtum der Städte im Zwei-Strom-Land wurde der Bedarf an Schreibern immer größer. Sie wurden in Gruppen an Schreiberschulen, später unter Schulgi (III. Dynastie von Ur) in von ihm gestifteten Akademien ausgebildet. „In diesen Bildungsstätten wurden angehende Beamte und Angehörige der religiösen Hierarchie in der Schreibkunst, der Mathematik und anderen verwaltungstechnischen Fertigkeiten unterrichtet.“ (Ebd., S. 103) Funde aus diesen Schreiberschulen in altbabylonischen Abschriften gibt es bis Susa im Westiran.
Mit der sumerischen Kultur kam in die Städte der damals bekannten Welt des fruchtbaren Halbmondes immer auch die Keilschrift und kamen natürlich die Schreiber. Das Schriftsystem wurde nicht nur in Babylonien, sondern auch im syrischen Ebla verwendet, dessen umfangreiches Textarchiv über 16.000 Tafeln enthielt. Diese Schrifttradition ist dort seit der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. belegt. Viele der in Ebla gefundenen Tafeln waren in Sumerisch und Akkadisch abgefasst, wie es zur gleichen Zeit in Mesopotamien sprachlich verwendet wurde, es wurde aber auch eine ebenfalls semitische Sprache verwendet, die man heute als westsemitischen Dialekt, als „Eblaitisch“ (Ebd., S. 92) bezeichnet. Es ist ein tolles Erlebnis, heute einmal auf den weitgezogenen Stadtmauern dieser einstigen Kulturmetropole im heutigen Syrien zu stehen und über die riesigen Felder zu sehen, die damals den Reichtum der Stadt begründeten. Die Ausgrabungen dauern immer noch an und bringen jedes Jahr Überraschendes an den Tag.

Ein anderer Höhepunkt einer Syrienreise ist heute das alte Ugarit, die Handelsstadt am Meer, der wir unser Alphabet verdanken. Sie spielt für das Entstehen der morgen- und abendländischen Schriftkultur die Hauptrolle. Im Café Bagdad im heutigen Dorf Ras Schamra kann man bei einem Glas Tee über die Folgen dieser Erfindung für das eigene Leben nachsinnen. Was wäre mein Leben ohne die Buchstabenschrift?
„Der Einfluss der in Babylonien entwickelten Schreiberausbildung wirkte weit über die Grenzen des Reiches hinaus, bis in das an der syrischen Mittelmeerküste gelegene Ugarit. Hier fand man aus der Zeit um 1400 v. Chr. stammende Lehrtexte, wie lexikalische und grammatikalische Schriften, Götterverzeichnisse und Syllabare (ABC-Bücher, Fibeln) mesopotamischen Ursprungs, die man den Bedürfnissen der ugaritischen Schreiber angepasst hatte. Alle Texte waren nun drei- oder viersprachig, d.h. in Sumerisch, Akkadisch, Churritisch und Ugaritisch abgefasst. Die Kunstfertigkeit der babylonischen Schreiber hinterließ im Verlauf der kassitischen Epoche ihre Spuren auch in Anatolien und ... in Ägypten.“ (Ebd., S. 147)

Ähnlich wurden später am königlichen Hof in Jerusalem alte Überlieferungen über die Geschichte Israels gesammelt und schriftlich fixiert, genauso wie die Berichte über die Könige. Diese Aufzeichnungen setzten mit David ein, der als erster König  eines weiträumigen Staatsgebiets die Kontrolle über viele Handelsstraßen seiner Zeit ausübte. David schuf eine Zivilverwaltung. An deren Spitze stand neben dem Kanzler der „Sopher“, der Schreiber (2. Samuel 8,17). Ein Schreiber an der zweithöchsten Stelle der staatlichen Verwaltung! Die Schreiber spielten auf der Bühne des Alten Orient eine einmalige Rolle, oft waren sie auch die Ausbilder des königlichen Nachwuchses. Die Macht des geschriebenen Wortes war schon lange erkannt. Es gab babylonische Könige, die ließen bei ihren Eroberungen alle Häuser nach Tontafeln  durchsuchen und plündern. Die Entstehung der Septuaginta ist nach der Überlieferung mit dem Verlangen der ptolemäischen Herrscher von Alexandria verbunden alle Texte der damals bekannten Welt in griechischer Übersetzung für ihre Bibliothek zu besitzen.

Das Aramäische, später auch die Sprache Jesu, war schon vor der Jahrtausendwende zu einer „lingua franca“ geworden. Es wird auch heute noch von christlichen Minoritäten in Syrien gesprochen. So tragen die christlichen Jugendlichen des Bergdorfes Maalula in einer 1800 Jahre alten Kirche den staunenden Reisenden das Vaterunser in der Sprache Jesu vor, auf Aramäisch!

Das Aramäische hatte sich entlang der Handelswege ausgedehnt, denn ganze Sippen ließen sich dort nieder, von Transjordanien bis zum persischen Golf. Diese Sprache machte eine Kommunikation zwischen Handelsherren, Königen und Beamten der unterschiedlichsten Länder möglich. Wesentlich für den Siegeszug des Aramäischen war aber ein anderer Faktor, die Erfindung der Alphabethschrift in Ugarit. Grundlage für alle Alphabete war dieses kanaanäische System, das 1100 v. Chr. für das Phönizische und noch vor 800 v. Chr. für das Griechische umgearbeitet wurde. Aus dem Griechischen entstanden dann alle heutigen europäischen Alphabete.

„Das kanaanäisch-phönizische Alphabet wurde auch von den Aramäern spätestens in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts v. Chr. übernommen, wie mehrere in Syrien und im Tal des Jordan gefundene aramäische Inschriften aus dieser Zeit belegen.“ (ebd., S.165)

Schon vorher war eine hebräische Variante des Ugarit-Alphabets entstanden. Wir können die Entstehungszeit auch deshalb so genau feststellen, weil durch die Zerstörung von Ugarit die Tontafeln im „Haus der Schreiber“ fest gebrannt wurden. Hier fand man Übungstäfelchen mit dem kanaanäischen Alphabet! Ugarit wurde im Rahmen der Seevölkerwanderungen zerstört, darüber gibt es in vielen Kulturen Berichte. Diese wandernden indogermanischen Völker, auch Seevölker genannt, bildeten später unsere aus der Bibel bekannten Philister!

Früher war das Lesen und Schreiben nur einem kleinen Kreis von Fachleuten vorbehalten, weil die Keilschrift zu kompliziert war und nur in einem längeren Zeitraum erlernt werden konnte. Zwar hat es mehrere Versuche seit der Mitte des 2. Jahrtausends gegeben, die Silbenschrift zu vereinfachen, aber erst die Erfindung der Alphabetschrift in Ugarit brachte den Durchbruch. Das Buchstabenschriftsystem war in wenigen Monaten zu erlernen und hatte somit einen klaren Vorteil vor der Keilschrift.

Aus der Zeit von Tiglath-Pileser III. gibt es dazu ein interessantes Wandrelief, das zwei Schreiber bei ihrer Arbeit veranschaulicht. „Während der eine Beamte Keilschrift mit einem Griffel auf eine  Tontafel eindrückt, schreibt der andere in einer Schrift, die in jedem Falle Aramäisch gewesen sein muss, mit einem Federkiel auf einer Pergament- oder Papyrusrolle.“ (ebd., S.166)

In einem Tontafelschreiben, das ein Beamter aus Tyrus um 720 v. Chr. an den assyrischen König schickte, war die Tontafel der Begleitbrief zu einem versiegelten aramäischen Papyrusdokument. Üblicherweise wurde Aramäisch auf Pergament und Papyrus geschrieben, seltener auf Gefäßscherben (Ostraka). Leider ist uns dadurch nur wenig Schriftliches erhalten geblieben, denn das Klima Palästinas ist im Winter zu feucht.

„Auch in der Bibel finden sich Hinweise darauf, wie sich das Aramäische überall ausbreitete. So wählten während der assyrischen Belagerung Jerusalems im Jahr 701 v. Chr. jüdische Würdenträger für die Verhandlungen die mittlerweile auf dem diplomatischen Parkett übliche aramäische Sprache, obwohl sie von der Mehrheit der Juden noch nicht verstanden wurde (2. Buch der Könige 18,26).“ (ebd., S. 166)

In der Zeit Darius I. (521-485 v. Chr.) wurde Aramäisch zur allgemeinen Amtssprache, die von der Nilinsel Elephantine bis nach Afghanistan belegt ist. Spätestens im 4. Jahrhundert war sie Verkehrssprache und konnte auch später durch das Griechische nicht verdrängt werden. Aramäisch wurde seit dem Achämenidenreich auch die Umgangssprache der Bevölkerung, so dass schon gegen Ende des 5. Jahrhunderts die Hälfte der Kinder nicht mehr Hebräisch, sondern Aramäisch als Muttersprache hatte (Nehemia 13,23-25). Auch Teile des Alten Testaments (z.B. Daniel 2,4 - 7,28; Esra 4,8 - 6,18; 7,12-26) wurden in Aramäisch aufgezeichnet. Das komplette Alte Testament wurde übrigens zur Zeit Jesu bereits in das in Palästina gesprochene Westaramäisch übersetzt.

In einem Zeitraum von über 3000 Jahren vor Jesus erkennen wir, dass alles Wesentliche der jeweiligen Zeit schriftlich und oft auch mehrsprachig festgehalten wurde. Von alten Überlieferungen bis hin zu Staatsverträgen, von gelieferten Warenmengen bis zum persönlichen Liebesbrief oder Gedicht. So ist es auch bis heute geblieben. Was uns wirklich wichtig ist, das schreiben wir auf. Wer schreiben kann, der schreibt SMS und E-Mails und Blogs in unserer Zeit. Der Mensch hat eine so starke Lust sich mitzuteilen, dass er es immer auf dem Weg tut, der ihm am meisten Erfolg, in welcher Hinsicht auch immer, verspricht. Wer schreibt, der bleibt, er „verewigt“ sich heute im Internet und kommt nicht mehr raus....

Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was ist richtig? Was sollte ich tun, um mit anderen konfliktfrei zusammen leben zu können? Wie ehre ich meine Eltern, die mir das Leben geschenkt haben? Noch bevor griechische Philosophen diese Themen auf einen Nenner brachten, waren sie den Menschen bewusst und bestimmten ihr religiös-geistiges Leben.

Die Tendenz unserer Zeit, den früheren Menschen das Denken und Urteilen abzusprechen und sie zu abergläubischen „Primitiven“ zu erklären, ist sicher ein Spätreflex der Kolonialzeit und des abendländischen „Herrendünkels“, der eine lange Geschichte von den alten Griechen bis in die Gegenwart hat.
Aber erstens bilden auch schriftunkundige Menschen eine ausgesprochene Lebensweisheit aus, und zweitens müssen wir aufgrund der Funde mit einer mehrtausendjährigen und weit verbreiteten  Schriftkultur im Vorderen Orient rechnen. Schriftkultur ermöglicht aber das präzise Weitergeben von Erfahrungen, religiösen Riten, Kenntnissen der Natur über Aussaat und Zucht und gesellschaftlich sanktionierten Verhaltensweisen, über Politik und Kunst, Liebe und Tod.

Die Bildungssituation im Israel des Alten Testaments und auch zur Zeit Jesu wurde in der exegetischen Forschung (formgeschichtliche Schule) zu sehr von der europäischen Situation des Mittelalters her gedacht. Insbesondere die Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts war nach dem Vorbild europäischer Traditionsüberlieferung in das starre Schema von der mündlichen zur schriftlichen Tradition verfallen. Auch wenn dieses Schema immer den Beginn einer Schriftkultur beschreibt, so kann man es nicht ohne Einschränkung auf Kulturen anwenden, die Jahrtausende in einer Schriftkultur gelebt haben. Das Schema führte sowohl im Alten wie im Neuen Testament immer zu Spätdatierungen alter Texte, die durch nichts gerechtfertigt sind. Im 19. Jahrhundert waren noch nicht die großen Archive von Hattuscha, Ebla, Mari oder Ugarit gefunden. Man hatte noch nicht wirklich begriffen, dass es eine mehr als 5000 Jahre alte Schrifttradition gibt. Dass der Besitz von schriftlichen Aufzeichnungen bei den Eliten der Völker, bei den Händlern, Priestern und Beamten der Könige schon über 3000 Jahre vor Christus üblich war. Die Menschen waren viel gebildeter, als wir es ihnen heute zutrauen. Denn Politik und Handel verlangten schon damals nach einer Bildungsschicht, die administrativen Aufgaben gewachsen war. Tempel und Kultstätten konnten aus wirtschaftlichen Gründen nur mit einer schreib- und rechenkundigen Priesterschaft geführt werden. Tempel ohne „heilige Schriften“, deren Kenntnis von Generation zu Generation weitergegeben wurde, waren undenkbar.
Was können auch heutige Durchschnittsmenschen anderes als die Grundrechenarten, Lesen und Schreiben?
Religiöse Überlieferungen, Festbeschreibungen, Reiseverläufe für den Handel, Gebete und Riten, alles wurde schon sehr früh schriftlich fixiert. Briefe wurden nicht nur geschrieben, sondern auch aufgehoben, selbst in Familiendynastien archiviert (so zeigen es viele Funde gerade in Ugarit).

In Israel war durch die Ausbildung der männlichen Kinder in der Schriftsprache eine weit verbreitete Kenntnis von Lesen und Schreiben selbstverständlich. In der griechisch-römischen Zeit musste jeder, der etwas mit Kultstätten/Tempel, Handel und Administration zu tun hatte, schreiben und rechnen können. Könige, Priester, Propheten und Handelsherren hatten zudem ihre eigenen Schreiber.

Von Jesus und Paulus wissen wir, dass sie in Synagogen, dem üblichen Brauch gemäss, aus der „Schrift“, also den Rollen der hebräischen Bibel, vorgelesen haben. Doch wer lesen kann, der kann auch schreiben! Und das gilt sicher nicht nur für Paulus!

Sollte von Jesus, der als Rabbi verstanden wurde und „Schüler“ um sich scharte, also kein einziges Wort geschrieben worden sein? Eher unwahrscheinlich, wo doch Aramäisch, die Muttersprache Jesu, seit Jahrhunderten im syro-palästinischen Raum als die ideale Schriftsprache für Papyri und Pergament galt! Warum sollte ein Schreibkundiger seine wichtigen Lehrtexte nur mündlich überliefern? Vielleicht gewinnen die geheimnisvollen Quellen „Q“, die schon vor den kanonischen Evangelien existierten, auf diesem Hintergrund eine interessante Note. Dass diese Sammlungen von Jesusworten mehr oder weniger zufällig aus „herumwandernden“ Jesuslogien entstanden sein sollen, ist sicher ein banales Konstrukt. Worte sind immer an Menschen gebunden, die sie überliefern, das war auch bei den Jesuslogien nicht anders. Sie wanderten wahrscheinlich deshalb nicht nur in einer oralen Kultur, sondern wurden früh schriftlich festgehalten und weitergegeben.
Das Johannesevangelium hat längere Redezusammenhänge Jesu überliefert. Sie gelten vielen als Gemeindebildung oder eben „johannäische Theologie“. Eigenartigerweise hat aber gerade Johannes die genauesten Zeitangaben über das Leben Jesu. Er überliefert die präzisesten Informationen zu den Zeitumständen des dreijährigen Jesuswegs durch die Landschaften Palästinas. Klaus BERGER hat gezeigt, dass unser Johannesevangelium viel älter ist, als bisher angenommen, er selbst hält es für das älteste der Evangelien. Es ist in jedem Fall keineswegs ein ungeordnetes Sammelsurium von Texten, das erst deutsche Theologen ordnen müssen!

Auch wenn man BERGER nicht in allen zeitlichen Wertungen folgen mag, liegen die Zusammenhänge des Johannesevangeliums zu den Synoptikern klar auf der Hand. Die Frage ist für mich vielmehr, wie konnte Johannes solche Reden und Gleichnisse Jesu getreu überliefern, ohne sie aufgeschrieben zu haben? Wie konnte es zur Überlieferung des hohenpriesterlichen Gebets Jesu kommen, ohne dass es vom Apostel erfunden wurde? Wie kann ein anderer Jünger an diese detaillierten Informationen des Johannesevangeliums gekommen sein, wenn nicht der Jünger Johannes dies Evangelium aufgeschrieben hat?

Die Verschriftlichung des Neuen Testaments ist ein komplizierter Prozess, der nur in Teilen nachvollzogen werden kann. Aber es lassen sich Spuren finden, die uns in die Vergangenheit führen und es lohnt sich, nach dem historischen Jesus als einem Menschen der Geschichte und der Offenbarung Gottes zu fragen. Es lohnt sich, hinter die Vor-Urteile der Formgeschichte zu schauen und auch den Müll der Dan Browns wieder beiseite zu räumen. Ohne die Auseinandersetzung mit den „Verächtern“ des Glaubens kann es keine Theologie geben.

„Selbstverständlich kann man als wohl situierter Exeget die Rückfrage nach Jesus auch einfach als (angeblich) absichtslose historische Forschung betreiben, um existentiellen Widersprüchen zu entgehen. Eine solche rein historische Fragehaltung stellt Jesus aber als ein Objekt der Vergangenheit dar, dessen Relevanz für heute sie nicht deutlich machen kann und will. Jesus wird dabei zum Museumsstück, das man mit demselben distanzierten Interesse betrachten mag wie ein seltsames versteinertes Insekt.“
(Joachim Kügler, Jesus als kritischer Maßstab der Kirchen, in: Bibel und Kirche, 3/2003, 58. Jahrgang, S.162)

Die erneute Rückfrage nach Jesus ist meines Erachtens in den Kontext der alten Schriftkulturen und ihrer Tradierungsmechanismen zu stellen und muss aus dem Missverständnis der Formgeschichte gelöst werden. Es geht dabei aber nicht darum, mit einem Differenz-Kriterium eine neue und minimalistische Theologie aufzubauen. Der Ansatz, alles, was dem Judentum widerspreche oder nicht als Anliegen der nachösterlichen Gemeinde erklärbar sei, bliebe für Jesus übrig, greift zu kurz. Man kann Jesus nicht vom Judentum lösen und den ersten Christen eine völlig andere Lebenswelt andichten, wie den Jesusjüngern. In Einzelfällen mag es bei dieser Methode zu plausiblen Erklärungen kommen, aber als Raster taugt sie nicht.

Die Überlieferung des Neuen Testaments orientiert sich an der Schriftkultur der jüdisch-hellenistisch-römischen Epoche und nicht an der Ausbildung der deutschen Schriftkultur im Mittelalter. Damit gelten für die Verschriftlichung der neutestamentlichen Texte andere Rahmenbedingungen. Der „garstige Graben“ von 30-70 n. Chr., die Zeit ohne schriftliches Jesusevangelium, hat nie existiert, er ist ein Phantom europäischer Theologie!

„Zum einen versteht sich das Christentum als historisch begründete Religion, die ihre Existenz nicht bloßer Mythologie verdankt. Im Rahmen dieses Selbstverständnisses hat die Frage nach dem historischen Jesus eine besondere theologische Bedeutung. Sie ist die Frage nach dem historischen Offenbarungsereignis, dem theologischen Kern und personalen Ursprung christlichen Glaubens...Zweitens sind die biblischen Texte nicht identisch mit der Offenbarung, sondern deren Zeugnisse. Die Botschaft der Texte verweist auf ein zurückliegendes Offenbarungsereignis... Auch wenn nur die redaktionellen Endtexte in der Kirche kanonischen Rang genießen, ist es legitim, auf der Basis dieser Texte zurückzufragen nach dem, was ihnen voraus und zugrunde lag. Gewiss ist die Literarkritik ein wenig aus der Mode gekommen, aber das Bemühen um die Vorstufe der synoptischen Evangelien (z.B. die Logienquelle) und älteste Traditionen bleibt nicht nur erlaubt, sondern aus offenbarungstheologischen Gründen sogar geboten.“
(Joachim Kügler, Jesus als kritischer Maßstab der Kirchen, in: Bibel und Kirche, 58. Jahrgang, 3/2003, S. 163)

Wissenschaftler, die sich mit der Technik des Erinnerns, Merkens und Behaltens komplexer Daten beschäftigen, knüpfen den Erfolg immer an „Geschichten“. Mit Geschichten lässt sich offensichtlich das menschliche Gedächtnis besser aktivieren. Es ist genau das Gegenteil der Speicherung von Computern, die alles digitalisieren und ihre „Wahrheit“ in 0 und 1 aufbewahren. Der Mensch braucht Bilder und Geschichten. An Geschichten knüpft sich die Erinnerung der Erzähler und Lehrer, Geschichten sind auch das kollektive Gedächtnis der Kultur eines Volkes. Was zu bewahren ist, hat seine Geschichte. Wenn auch dieses Verfahren der Überlieferung uns heute angreifbar erscheint und wir vorschnell zwischen Geschichten und Geschichte unterscheiden wollen, war die Form dieser Überlieferung in mündlicher und schriftlicher Form sehr erfolgreich. Geschichten lassen die Vergangenheit wieder lebendig werden, sie erzählen, was war, in der Sprache ihres eigenen Verstehens. Natürlich müssen wir in Kauf nehmen, dass Augenzeugen berichtet haben und manchmal Leute, die etwas nur vom Hören-Sagen kannten.
Geschichte wurde insbesondere von Staatsschreibern und Künstlern (Bilder und Plastik) oft im Sinne des Herrschers falsch weitererzählt. Die ägyptischen Pharaonen schufen sich immer ihre eigene Wahrheit. Aber das ist heute nicht anders, selbst im Zeitalter medialer Supermöglichkeiten müssen wir nach der Wahrheit von Geschichten genauer suchen, weil auch im 21. Jahrhundert totalitäre Herrscher Politik durch Desinformation machen. Auch demokratisch gewählte Politiker tendieren dazu, wenn sie zu viel Macht haben.

In diesem Buch geht es um die Geschichte hinter den Geschichten, wenn ich es einmal so formulieren darf. Die Geschichten der Bibel sind keine theologischen Märchen, sondern sie bewahren die Erinnerungen eines Volkes auf. Erinnerungen an die Offenbarung Gottes, die immer an Menschen zu konkreten Zeiten und Orten gebunden ist. Es geht nicht um beliebige Erzählungen, die man sich gerade so zurechtlegt, wie man es braucht. Im Gegenteil, selbst wenn sie sich in einigen Teilen widersprechen, werden diese Erinnerungsstücke nebeneinander gestellt. Die Bewahrung der Erinnerung ist den Schreibern wichtiger, als die Harmonie.

Je weiter wir uns in die Vergangenheit unserer Geschichte bewegen, je schwieriger wird es, uns ein zuverlässiges Urteil darüber zu bilden, „was hier eigentlich los war“. Wir haben Glück, wenn es schriftliche Quellen gibt, aber auch sie können ideologisch gestört sein, wenn es die Staatsraison eines Herrschers erforderte. Schon in der Gegenwart fällt es uns schwer, zu entscheiden, was passierte. Oft wird die Wahrheit von verschiedenen Seiten gesehen, auch gab und gibt es für historische Wahrheit unterschiedliche Gradmesser.
Dennoch suchen wir nach historischer Wahrheit im Sinne von Richtigkeit auch in der Bibel, wohl wissend, dass wir damit nur eine vorläufige Wahrheit in Händen halten. Diese vorläufige Wahrheit ist aber nur ein Teil von dem, was uns der Text uns zu sagen hat. Die Mehrdimensionalität der Wahrheit eines Textes muss von Anfang an bedacht werden. Wir suchen auch nicht nach einer Wahrheit hinter dem Begriff, solches Denken kommt aus der Zeit, in der man den Begriffen mehr Gewicht als der Satzaussage gab und Metaphern für überflüssige Zutat hielt. Die Satzaussage des Begriffes ist entscheidend für die Kommunikation mit dem Zuhörer oder Leser. Wichtig ist nicht, was hat man unter diesem Begriff schon alles früher verstanden, sondern, was hat man in der Zeit der damaligen Verwendung darunter verstanden. Am wichtigsten ist aber, wie sich der Satz selbst auslegt. Was konnte man unmittelbar als Hörer verstehen, wenn einem, anders als heute, kein theologisches Lexikon zur Verfügung stand? Die Wahrheit Jesu ist einfach, nicht kompliziert!

Metaphern und Gleichnisse haben für das Verständnis der Jesusverkündigung einen viel höheren Stellenwert als christologische Begriffe, die nur in ihrer Gesamtheit im Horizont der „Schrift“ verständlich werden. Sie sind eben Zeugen für die Mehrdimensionalität der biblischen Aussagen, wie sie im Alten Testament mit der literarischen Figur des „Parallelismus membrorum“ verwendet wird.

 

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