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Wie echt sind die Paulusbriefe?

Ich möchte in diesem Buch beispielhaft auf die Echtheitsfrage der paulinischen Briefe zu sprechen kommen. Auch wenn ich mit vielen Kollegen oder gar der gegenwärtigen Universitätstheologie in diesen Überlegungen keine Übereinstimmung erzielen kann, bitte ich Sie trotzdem um Gehör. Von diesen Fragen ist nicht das Ziel dieses Buches abhängig, aber ich bin es leid, diesen vordergründigen Echtheitszertifikaten der Formgeschichtlichen Schule länger zu folgen. Die auch von vielen anderen Forschern vorgelegten Studien über die frühe Verschriftlichung des Evangeliums sollten von Theologen aus diesem Umfeld erst einmal wahrgenommen und ernstgenommen werden. Vielleicht kommt dann auch die Einsicht, mehr Vorsicht in der Beurteilung der neutestamentlichen Schriften walten zu lassen.
 
Ich halte also nichts davon, den Kolosserbrief und den Epheserbrief Paulus abzusprechen und sie als Briefe von Schülern zu verstehen. Dies gilt zwar seit der liberalen Theologie als Allgemeinplatz, kann aber meines Erachtens nur durch massive Sachkritik erkauft werden. Aus welchem Grund sollten auch Paulusschüler sich in die Rolle des Apostels versetzen und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Briefe verschicken? Das wäre sehr schnell ruchbar geworden und hätte das Vertrauen in diese Briefe zerstört. Der Brief an die Kolosser und der sogenannte Epheserbrief sind sicher zur gleichen Zeit entstanden (vielleicht war letzterer ja auch an die Gemeinde in Laodicea gerichtet - vgl. Kolosser 4,16) und wurde später umbenannt.

Die Theologie der beiden Briefe ist so stark „paulinisch“ (Versöhnungslehre - vgl. Römer 5 und 6, Galater 3,28, 1. Korinther 12,13 etc), die Einzelheiten über die Leiden des Apostels sind so persönlich formuliert (Paulus als Treuhänder des Evangeliums, Kolosser 1,23b; Leiden 1,24), dass ich diese Argumente höher werte.

Auch Kolosser 4,3f spricht ganz aus der Situation der paulinischen Gefangenschaft bis in eine sehr spezifische Wortwahl hinein: „Betet auch für mich, daß Gott für meine Botschaft die Pforten öffnet, damit ich das verborgene Evangelium Christi offenbar machen kann. Dafür liege ich in Fesseln. Ich will dieses Geheimnis öffentlich sagen, so wie es mein Auftrag ist.“

Die gleiche, von seinem Gefängnisaufenthalt bestimmte Sprache, finden wir im Epheserbrief. „Deshalb habe ich, Paulus, mich um Jesu willen gefangennehmen lassen, damit es euch Heiden zugute kommt. Ihr habt ja gehört, daß Gott mich dafür vorgesehen hat, seine Gnade an euch weiterzugeben. Dieser geheime Plan Gottes wurde mir, wie ich euch schon kurz schrieb, durch eine Offenbarung enthüllt. Wenn ihr mein Schreiben noch einmal lest, wird euch klar, daß ich verstanden habe, was Gott insgeheim mit Christus vorhatte.“ (Epheser 3,1,4)

Paulus beschreibt also, dass er ein Teil des Plans Gottes ist, dass den Heiden nun das Evangelium verkündet wird und sie durch die Vermittlung Jesu Christi teilhaben am Erbe. „Kraft seiner Gnade“ habe Gott ihm die „Vollmacht erteilt, Treuhänder (gleiches Wort wie im Kolosserbrief!) dieses Evangeliums zu sein“.

Die folgende Selbstbezeichnung des Apostels ist m. E. bei der Autorenfrage unmöglich vom Tisch zu wischen: „Obwohl ich der Allergeringste aller Heiligen bin, wurde mir diese Gunst zuteil. Den Heiden soll ich den unermesslichen Reichtum des Messias als Evangelium verkünden“ (ebd. 3,8) Neben seiner visionären Berufung spielt hier Paulus wohl auch auf die Beauftragung der Mission an die Heiden durch das „Apostelkonzil“ an, die ja per Briefbotschaft verbreitet worden war. (Apostelgeschichte 15,22f.)

Diesen Abschnitt schließt Paulus mit einem Satz, der sein heilsgeschichtliches Denken bestätigt: „So hat Gott für den Ablauf der Zeiten alles auf Jesus Christus, unseren Herrn, hin geplant.“ (Epheser 3,11)
Es finden sich weitere Belege, die die Situation des Briefschreibers Paulus im Gefängnis bestätigen: „Werdet nicht schwach, weil ich bedrängt bin.“ (Epheser 3,13b) „Aus meiner Gefangenschaft um des Herrn willen ermahne ich euch...“ (Epheser 4,1)
„...denn selbst in Ketten bin ich Botschafter des Evangeliums.“ (Epheser 6,20a)
„Darüber, wie es mir ergeht, wird euch Tychikus alles berichten, der liebe Bruder und bewährte Treuhänder im Auftrag des Herrn. Ich schicke ihn besonders deshalb zu euch, damit ihr wißt, wie es um mich steht, und damit er euch aufmuntert.“ (Epheser 6,21+22)

Wir dürfen auch eins nicht vergessen, Paulus war kein deutscher Theologe des 20. Jahrhunderts, er war ein „schriftgelehrter“ Missionar! Seine große theologische Leistung, neben seiner ganz erstaunlichen missionarischen Praxis, war es, der frühen Kirche Antworten auf konkrete Herausforderungen zu geben. Er war kein Dogmatiker, er hat auch nie eine systematische Theologie schreiben wollen, er ging auf die Fragen der jungen Gemeinden in seelsorgerlicher Weise ein. Vielleicht war er auch der erste Theologe der jungen Christenheit, dem wirklich klar wurde, dass das Evangelium mehr war, als eine Variation alttestamentlicher Theologie, es war seine Erfüllung und hatte damit für Nichtjuden eine völlig neue Qualität. Paulus dachte heilsgeschichtlich und interpretierte deshalb das Zeitalter des Messias als eine neue Schöpfung Gottes, eine Auferweckung
mit Christus. Nicht mehr die Abstammung mit ihren kultischen Riten des Gesetzes ist entscheidend, sondern der Empfang des Heiligen Geistes als Sein „in Christus“. Dieser Weg steht aber Juden und Heiden gleichermaßen offen, es gibt für diesen Glauben an den „Sohn Gottes“ keine Unterschiede mehr. Den Heiligen Geist kann jeder im Glauben empfangen, er muss dazu vorher nicht Jude werden. Im Gegenteil, wer an der alten jüdischen Praxis festhält, der macht das neue, eschatologische Handeln in Tod und Auferweckung Jesu ungültig! So ist Kolosser 2,12 beim Kernpunkt paulinischer Theologie: „Denn durch die Taufe seid ihr mit Christus mitbegraben, und dadurch seid ihr auch mit ihm mitauferweckt worden. Durch euren Glauben hat die Kraft Gottes, der Jesus von den Toten auferweckt hat, auch für euch gewirkt.“

Wir können von den paulinischen (oder auch anderen neutestamentlichen) Gelegenheitsschriften wie Briefen und briefähnlichen Empfehlungsschreiben ja nicht erwarten, dass sie jeweils eine komplette Theologie vorlegen. Meist sind theologische Aspekte nur Teil von verhandelten Gemeindeproblemen und ethisch-paränetischen Anweisungen. Deshalb bin ich im Urteil über die Echtheit der Paulusbriefe eher vorsichtig und halte mich an den Wortlaut. Mit den Zuschreibungen an „Schüler“ und andere anonyme Schreiber sind meist dogmatische Vorurteile bei heutigen Theologen verbunden, die völlig ungeschichtlich denken.

Auch ein „Apostel“ wie Paulus kann sich in seiner  theologischen Argumentation neuen Herausforderungen anpassen. Wir kennen das von ihm ja auch in Bezug auf Petrus, mit dem er am Ende seines Lebens in der römischen Gefangenschaft wieder versöhnlicher umging, als noch im Galaterbrief.

Im letzten Abschnitt dieses Buches, also auf der letzten Strecke unserer gemeinsamen Reise, möchte ich noch einmal auf die Methodenfragen der neutestamentlichen Forschung zurückkommen. Ich sehe mich da auch nicht alleine stehen, sondern habe registriert, dass auch bedeutende Universitätstheologen wie Peter Stuhlmacher  (der meine damalige Examensarbeit über den Ansatz der Ethik bei Paulus eigentlich sehr gut fand) skeptisch zum Kritizismus und zur Kirchenferne weiter Kreise gegenwärtiger Universitätstheologie stehen.

Ziel dieses Buches ist es nicht, ein paar unmögliche Theorien in die Welt zu setzen und für Aufregung zu sorgen, sondern ich möchte mit meinen Leserinnen und Lesern zurück zu Jesus gehen. Sein Leben und Wirken besser verstehen lernen und die Glaubwürdigkeit für das eigene Leben entdecken. Bibel und Kirche sind keine Museumsstücke, die wir heute mit ein bisschen Verlegenheit ausstellen und mit leichtem Achselzucken kommentieren: „Naja, das gibt es auch noch!“ Bibel und Kirche haben auch heute eine ganz wichtige Aufgabe, sie verkündigen die Lebensworte für jeden Menschen. Das Evangelium Jesu steht auch jedem Atheisten gut zu Gesicht, es zeigt den Menschen wie er ist und was aus ihm werden kann. Nirgendwo ist die Liebes- und Friedensbotschaft Gottes besser erzählt, als in den paar Gelegenheitsschriften, die uns überliefert wurden. Aber diese Schriften müssen wieder Teil unserer Kultur werden, damit sie auch heutige Menschen verstehen und danach leben können.

copyright Christian Trebing

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