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Zurück zu Jesus


Wir haben zahlreiche Berichte über den Beginn der Tätigkeit Jesu. Sein öffentliches Auftreten wird von der Taufe durch Johannes eingeleitet. Dann heißt es bei Lukas: „Und erfüllt von der Kraft des Heiligen Geistes kehrte Jesus nach Galiläa zurück. Sein Ruf verbreitete sich in der ganzen Gegend. Jesus lehrte in den Synagogen, und alle lobten ihn.“ (Lukas 4,14f)

Über eines sind sich alle Quellen deutlich einig, Jesus beginnt seine öffentliche Tätigkeit in Galiläa, in seiner Heimat, in diesem wundervollen Landstrich im Norden des heutigen Israel. In dieser fruchtbaren Gegend lebten viele Menschen in Kleinstädten und Dörfern, am See lag die strategisch wichtige Hafenstadt Kapernaum an der Via Maris. Diese bedeutende Handelsstraße war die damalige „Autobahn“ zwischen Ägypten und Syrien. Hier war immer etwas los, seit 3000 Jahren zogen die Karawanen auf dieser Strecke von Nord nach Süd und umgekehrt. Die nächste bedeutende Stadt im Norden war in römischer Zeit Bosra, das Zentrum des Getreidehandels, danach Damaskus, der alte Dreh- und Angelpunkt, von dem es weiter ging nach Palmyra, Antiochien und Aleppo oder mit dem Schiff von den Küstenstädten ins ganze Römische Reich.

Zwei weitere Evangelienzitate, die diesen Beginn des Wirkens Jesu noch einmal beleuchten, möchte ich hier anführen und damit auf den Begriff der „exousia“ Jesu zurückkommen:

„Dann kam er nach Kapernaum in Galiläa hinunter und lehrte am Sabbat die Bewohner des Ortes. Und alle waren hoch erstaunt über seine Auslegung, denn er lehrte mit exousia.“ (Lukas 4,31.32)
„Als Jesus seine Rede beendet hatte, waren die Leute hoch erstaunt über seine Worte. Denn seine Lehre strahlte exousia aus, war nicht dürr wie die der jüdischen Schriftgelehrten.“ (Matthäus 7,28f)

Als ich zum ersten Mal Israel und damit eben auch Kapernaum besuchte, wurde mir klar, dass es an diesem Platz nicht um ein verschlafenes Provinznest ging, sondern einen Ort von strategischer Bedeutung für die Verkündigung Jesu. Straßen waren in der damaligen Zeit die Informationswege schlechthin. Denn hier wurden nicht nur Waren transportiert, sondern Moden, Meinungen, Gerüchte und Informationen, sie waren Zeitung, Radio, Internet und Fernsehen zugleich. Sie transportierten, was angesagt war. Die Nachrichten bewegten sich auf ihnen nicht in Echtzeit, wie auf unseren Informationskanälen, sondern im Tempo von 30 km pro Tag (römische Nachrichtenläufer waren noch schneller!), aber sie kamen gut voran. Das sollte später auch für die Ausbreitung des Evangeliums eine große Rolle spielen!

Das Städtchen an der Via Maris hatte eine Zollstation zwischen Galiläa und der Gaulantis, die zur Jesuszeit vom Tetrarchen Philippus regiert wurde. Hier hatten sich Handwerker und Kleinunternehmer angesiedelt, die vom regen Grenzverkehr profitierten. Hier dürfte auch der Zoll- und Steuerpächter Matthäus seine Geschäfte mit Fischfangabgaben und Handelszöllen gemacht haben. Kapernaum war nur ein Kleinstädtchen, aber es war bedeutend für den Reise- und Handelsverkehr und lag in unmittelbarer Nähe anderer Städte.Von Kapernaum ging der Fischhandel auch in die Kornkammer Syriens, in das römisch dominierte Gebiet von Bosra. Noch heute lohnt sich ein Besuch in den Ruinen dieser alten Handelsstadt mit einem der schönsten spätrömischen Theaterbauten, Kirchenruinen und Geschäftshäusern aus dem schwarzen Basalt der Gegend.
Fischsoße gehörte zu den Lieblingsgerichten der Römer, der Bedarf an Frischfisch für die Fast-Food-Läden in den Städten war riesengroß!
Nach Kapernaum hatte es auch die Familien von Simon/Andreas und Johannes/Jakobus aus Bethsaida verschlagen. Hier hatten sie kleine Fischereiunternehmen mit Angestellten.

An diesem multikulturellen Knotenpunkt Kapernaum stand Jesus und seinen Jüngern offensichtlich ein Haus zur Verfügung, das wir bis heute als Haus der Schwiegermutter des Petrus kennen (Markus 1,29-30). Es wurde nachweislich von den ersten Christen als Hauskirche, die im Laufe der Zeit immer mehr vergrößert wurde, benutzt. Darin sind sich die Ausgräber inzwischen einig. In dieses Haus kehrte Jesus immer wieder zurück. In ihrem Reisebericht aus dem Jahr 384 n. Chr. schreibt Egeria (die berühmte Pilgerin aus Spanien), dass die ursprünglichen Wände damals noch standen und in eine Kirche umgebaut worden wären. Dass sich Jesus mit seinen Jüngern oft in diesem Haus aufhielt, ist so deutlich bezeugt, dass wir annehmen können, es war eine Art von Zentrum der Jesusbewegung in der „galiläischen Zeit“. Juden, Griechen und Römer gehörten in dieser quirligen Kleinstadt Kapernaum von Anfang an zum unmittelbaren Wirkungsfeld Jesu. Auch wenn Kapernaum also klein war im Vergleich zur Megapolis Antiochien mit ca. 500.000 Einwohnern, so war es keineswegs ein rückständiges Dörfchen, sondern Informationsknotenpunkt an der Via Maris.

In diesem Gebiet war Jesus unterwegs und erfüllte den göttlichen Auftrag, das Volk Israel unter die Weisung des Messias zu sammeln, damit Israel zum Boten für die Völker werden konnte und sich damit der universale Anspruch Gottes auf alle Menschengeschöpfe durchsetzen konnte. Wie diese Verkündigungsarbeit geschah, entnehmen wir den Zusammenfassungen des Lukas sehr deutlich: „In der Folgezeit zog Jesus von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium von Gottes Herrschaft. Die Zwölf begleiteten ihn. Es waren auch Frauen dabei, die Jesus von bösen Geistern und Krankheiten geheilt hatte: Maria, genannt Magdalena, bei der Jesus sieben böse Geister ausgetrieben hatte, Johanna, die Frau des Chuza, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Mit ihrem Vermögen sorgten sie für den Unterhalt Jesu und der Jünger.“ (Lukas 8,1-37)

Jesus lebte also nicht im Freien, sondern zog von Ort zu Ort, um die „Ankunft der BASILEIA THEOU“ und das „Gnadenjahr des Herrn“ zu verkündigen. Dabei wurde er besonders auch von vermögenden Frauen unterstützt, wie es uns Lukas überliefert. Jesus schickte auch Boten vor sich her, die im nächsten Ort ein Quartier für ihn suchten (vgl. Lukas 9,51-54) oder er bekam ein Quartier von Menschen angeboten, die von ihm gehört oder ihn bei früherer Gelegenheit kennengelernt hatten, wie Martha (Lukas 10,38): „Auf ihrem Reiseweg gelangte Jesus mit seinen Jüngern und Jüngerinnen in ein Dorf. Dort bot ihnen eine Frau namens Martha Quartier in ihrem Haus an.“ (Lukas 10,38)
Vermögende Frauen aus vornehmen Familien (Landadel) hatten natürlich Schreibsklaven, die ihrer Herrin die Jesusworte protokollieren konnten. Ich glaube, wenn man sich mehr mit dem realen Leben Jesu beschäftigt und die beiläufigen Notizen der Evangelisten besser nutzt, gibt es noch viele Anknüpfungspunkte für eine frühe Verschriftlichung, die den ausgezeichneten Textbestand der Jesusworte und der Gleichnisse erklären können.

Die Jünger Jesu müssen sich wohl oft als Quartiermeister betätigen. Dabei kann es auch Schwierigkeiten geben. Die Samaritaner behindern gern die jüdischen Jerusalempilger. Sie wollen nicht, dass sie durch ihr Gebiet wandern. Die meisten Juden tun das sowieso nicht, da sie sich in diesem „heidnischen Gebiet“ rituell verunreinigen würden. Sie gehen lieber jenseits des Jordans einen Weg im heutigen Jordanien. Lukas informiert uns über die Probleme mit den Samaritanern: „Als Jesu Lebenszeit auf Erden zu Ende ging, schlug er den Weg nach Jerusalem ein. Er sandte Boten vor sich her. Als sie in einem samaritanischen Dorf ein Quartier für ihn suchten, wollten die Dorfbewohner ihn nicht aufnehmen, weil er in Richtung Jerusalem wanderte.“ (Lukas 9,51-54)

Diese Beispiele zeigen, Jesus war kein Wanderprophet wie Johannes, der am Übergang des Jordans die Umkehr predigte, um das Volk wieder zu einem neuen, durch die Taufe gereinigten, Einzug ins gelobte Land zu führen. Er lebte nicht wie dieser als Außenseiter am Rande der Gesellschaft, um von den Autoritäten Israels unabhängig zu sein. Jesus lehrte mitten in der Gesellschaft seiner Zeit. Er lebte in Galliläa, besuchte Feste in Jerusalem und wich durch Ortswechsel auch kleinen Verfolgungen aus. Das Gebiet von Palästina war damals ein politischer Flickenteppich, den uns Lukas in der Apostelgeschichte in einer tollen Beschreibung vorlegt.
Jesu war Gast bei Reichen und Armen, scheute sich nicht zu feiern und Wein zu trinken, mit Zöllnern und Ausgegrenzten zu verkehren. Aber von ihm muss ein Anspruch ausgegangen sein, der die Menschen seiner Zeit stark beeindruckte und wohl auch faszinierte. In den Evangelien ist diese „exousia“ Jesu durchgehend belegt und kann nicht wegdiskutiert werden. Deshalb müssen wir den historischen Jesus meines Erachtens von Anfang an als den Messias des Glaubens verstehen. Dazu bedurfte es nicht der Passion und Auferstehung Jesu, schon sein Leben warf für seine Jünger und Nachfolger die Frage auf: „Bist du der, der kommen soll?“

Es war der größte Irrtum der neueren Theologie, den historischen Jesus und den Christus der Auferstehung von den Toten aus sachkritischen Erwägungen voneinander zu trennen. Der ganze Wirbel um die christologischen Prädikate und ihre vorösterliche Echtheit geht am sachlichen Befund völlig vorbei. Er zeigt nur, dass wir Theologen meinen, wenn wir eine Sache auf den Begriff gebracht hätten, wäre sie verstanden und klar. Wir klammern uns an die Begriffe und vernachlässigen die Geschichten!
Das Vertrauen in die Macht der Substantive ist sprachlich aber unbegründet, es sind die Satzzusammenhänge, die uns die Informationen bringen. Das halte ich für die wichtigste Erkenntnis der modernen Übersetzungstheorie. Es ist eine Erkenntnis, die sich in der Kommunikationsforschung schon lange durchgesetzt hat. Wenn man das messianische Wirken Jesu verstehen will, genügen nicht ein paar christologische Begriffe. Relevant ist die Erkenntnis der Zuhörer Jesu, dass er mit „exousia“ lehrte, in der Vollmacht Gottes und nicht wie die Schriftgelehrten. Relevant ist auch, dass er an Gottes Stelle „Sünden vergab“. Das sagte mehr als Messiasprädikationen, die noch bestimmte alttestamentliche Bilder in sich trugen und vom lebenden Jesus transzendiert wurden. Ich will damit nicht sagen, dass sie unwesentlich sind, im Gegenteil, sie bringen uns die verschiedenen Aspekte des Messias-seins Jesu nahe. Sie sind unverzichtbar für uns.

Die Auseinandersetzung mit den geistlichen Autoritäten seiner Zeit kulminierte in Wort und Zeichen eben immer in der Vollmachtsfrage. Welche göttliche Vollmacht hat dieser Jesus? Oder ist es eine teuflisch-dämonische Vollmacht?

Akzeptiert war er offensichtlich als „Rabbi“, denn für jeden erkennbar, hatte er Schüler. Seine Autorität wurde wahrgenommen. Es kamen Schriftgelehrte sogar von Jerusalem nach Galiläa, um ihn zu hören, auszuforschen und sicher seine Worte aufzuschreiben. Das wiederholte sich auch auf den Festzeiten in Jerusalem. Die Synagoge war ja nicht nur ein Gottesdienst-, sondern auch ein Diskussionsort. Das hatte eine alte Tradition, es ist der Grund, warum uns so viele „Gespräche“ und auch „Streitgespräche“ überliefert sind. Sie haben wenig mit der späteren Auseinandersetzung in der Gemeinde zu tun, die es sicher auch gab. Aber die ging um andere Fragen, in den Streitgesprächen Jesu geht es immer um Jesu Person, um seine Sendung, um seine „exousia“. Später ging es um Fragen der Lehre, das zeigen die frühchristlichen Briefe, die sich mit der alttestamentlichen Interpretation von Juden und Christen auseinander setzen.

Jesus muss einen erheblichen Wirbel bei den religiösen Führern des damaligen Judentums und auch beim normalen Volk hinterlassen haben. Anscheinend entzog sich Jesus aber wieder dieser Massenbegeisterung. Einerseits wollte er die Menschen zu einem „entzeitlichen Gottesdienst“ der Liebe zu den Verlorenen führen und so die Umkehr zu Gott erreichen, andererseits spürte er die politischen Erwartungen an ihn, die er nicht erfüllen konnte.  Er wollte seinen Opferweg zu Ende gehen. Die Freude an den Zeichen der Endzeit und die Wehmut über den Leidensweg verbinden sich durch sein ganzes Leben.

Über Gefühle und Bewusstsein Jesu können wir nicht spekulieren, wir haben aber die Reaktionen aus dem Kreis seiner Jünger, eine Mischung aus Unverständnis und Trauer, die sich immer wieder in den Berichten zeigt. Diese sehr auf die Person Jesu allein sich beziehenden Passagen der Evangelien haben sicher ein hohes Alter.

Jesu Lehrworte haben argumentativen Charakter, sie sind keine irrationalen Sprüche, sie wollen Jünger oder auch Gegner immer überzeugen. Diese Worte Jesu stehen für die Wahrheit der Verkündigung Jesu ein und finden in der Schrift, im Alltag etc. „Gründe für die Authentizität und Plausibilität der Botschaft Jesu“ (Söding, Die Gleichnisse Jesu, S. 95) „Daß für die Herrschaft Gottes argumentiert werden kann, entspricht ihr zutiefst; denn so sehr sie gerade ‘den Weisen und Klugen verborgen’ bleibt (Mat 11,25 par; Lk 10,21), so wenig ist sie irrational, und so wenig sie argumentativ hergeleitet werden kann, so sehr begründet sie ein neues Denken und Verstehen (Mk 7,18 u.ä.) ... Die Gründe, die der Lehrer Jesus anführt, leuchten freilich nur ein, wenn man der prophetischen Verkündigung Jesu Glauben schenkt - wie umgekehrt die Glaubwürdigkeit der jesuanischen Prophetie durch die jesuanische Didache steigt.“ (ebd., S. 95f)

Alle Versuche, Jesus auf ein bestimmtes, klar abgrenzbares Bild, zu reduzieren, müssen scheitern. Jesus ist nur von seiner Sendung her zu verstehen, in welchen Begriffen das auch immer ausgedrückt wird, er ist für das gesamte Neue Testament das entscheidende Wort Gottes. Er als Person repräsentiert die letztgültige Offenbarung Gottes an diese Welt, die sich in seiner grenzenlosen Liebe zu den Verlorenen manifestiert. Damit macht er die Verheißungen wahr, dass der „Gesalbte“ (Messias) zum Licht der Heiden bestimmt ist und die Erstlinge aus dem Volk Israel die Boten dieses Evangeliums sind.

Wir können Jesus nicht in irgendeine Schublade stecken, jüdischer Charismatiker, Pharisäer, Essener, Zelot in alten Begriffen oder fromm, liberal, revolutionär in neuen Schlagworten, diese Floskeln werden uns nicht weiterhelfen. Die Wahrheit über Jesus von Nazareth hängt, wie schon gesagt, nicht in Begriffen und christologischen Termini, sondern in ganzen Sätzen, die über ihn erzählt werden. Jesus ist nicht durch Begriffe zu definieren, das war der Irrweg einer lexikalischen Wissenschaft, die dachte, mit der Definition eines Begriffes sei schon alles gesagt. Der Austausch von Substantiven reicht überhaupt nicht zum Verstehen, er stiftet nur Verwirrung. Kommunikation gelingt nur, wenn in Sätzen gesprochen wird! Jesus hat uns wunderbare Sätze seines Evangeliums selbst aufgeschrieben oder seine Jünger haben sie uns zuverlässig mitgeschrieben, dass wir nicht länger darüber sinnieren müssen, ob die christologischen Begriffe schon zu Lebzeiten Jesu in Verwendung waren oder nachträgliche Leistungen der Gemeinden sind. In dieser Diskussion kommen wir auch deshalb nicht weiter, weil sie falsch ansetzt. Entweder wir begreifen auch als Forscher, dass Jesus den Anspruch vertrat, mit dem „Vater eins zu sein“ oder wir können ihn nicht verstehen. Um diese Schöpfereinheit mit dem Vater ist es Jesus nach dem Zeugnis der Evangelien gegangen, das machte auch seine besondere „exousia“ aus, die die Menschen feststellten. Dass Jesus mit „exousia“ redet und handelt ist so ausführlich bezeugt, dass es wenig Sinn macht, es zu bestreiten. Die „exousia“ ist das Geheimnis seiner Sendung.
Jesus ist nach dem Zeugnis der Evangelien oft enttäuscht, weil er so viel Energie darauf verwenden muss, seinen Jüngern näher zu bringen, dass er in der „exousia“ Gottes handelt. Die Werke und Zeichen, die er tut, können nach der „Schrift“ nur vom Messias getan werden. Das ist ja auch die Antwort für die Täuferjünger: Seht doch selbst, was vor euren Augen geschieht, dann werdet ihr die „Schrift“ verstehen und wissen, wer ich bin!

Wenn wir den Weg zurück zu Jesus gehen, entdecken wir schnell, dass sein Leben geprägt war von der „exousia“ Gottes. In seinem Reden und Handeln spiegelt sich diese Vollmacht des entzeitlichen Messias. Wer die synoptischen Evangelien einmal im Zusammenhang aufmerksam liest, der merkt auch, dass diese ganze Geschichte mehr als ein Jahr brauchte und wir da eher dem Zeugnis des Johannesevangeliums vertrauen müssen. In dieser Zeit war sehr viel Gelegenheit, die Jünger schriftlich zu unterweisen und ihnen die Weisungen der Gottesherrschaft nahe zu bringen. Immer wieder bestand großer Klärungsbedarf für die Jünger (und sicher auch Jüngerinnen). Dass dabei das schriftliche Moment nicht im Spiel war, ist gänzlich undenkbar, obwohl es bisher festes Konzept der Theologie war. Ich beuge mich nicht mehr diesem Verdikt, weil ich diesen Denkansatz im Rahmen der Schriftkultur der Zeit für falsch halte. Nehmen wir nur solche Kleinigkeiten wie den „Beutel des Judas“. In der Kunstgeschichte wird Judas immer mit diesem Lederbeutel dargestellt, weil er die Kasse der Jesusnachfolger führte. Wie wir an den Zitaten gesehen haben, wurden Essen und Unterkunft nicht immer gratis gewährt. Judas hat über die Einnahmen und Ausgaben Buch geführt, das ist doch wohl klar, er hat nicht einfach einen Geldbeutel verwaltet, das Geld war die Finanzgrundlage einer ganzen Gruppe von Menschen. Judas war der Verwalter dieses Geldes und musste sicher schriftlich darüber Rechenschaft ablegen. Wir sehen, selbst wenn wir Kleinigkeiten aus dem Leben Jesu weiterdenken, kommen wir nicht am Schriftgebrauch vorbei.
Schauen wir uns als nächstes einmal bei der Gleichnisverkündigung Jesu um. Was spricht hier dafür, dass diese originäre Form der Literatur und Predigt schriftliche Aufzeichnungen brauchte?

Im ganzen griechisch-römischen Kulturraum vor und nach dem Leben Jesu finden sich keine so prägnanten Geschichten, die dazu noch mit einem theologischen Tiefgang formuliert wurden. Niemand hat so vom Reich Gottes gesprochen und sicher auch geschrieben wie Jesus!


copyright Christian Trebing.

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